Hallo auch,
alle Siegerländer der Pisa-Studie haben ein Gesamtschulsystem.
Bei uns gilt das als sozialistisch und wird deshalb
insbesondere von CDU und FDP massiv bekämpft. Aber auch die
SPD hat sich in den Bundesländern, in denen sie regiert(e),
und das waren in der Vergangenheit ja nicht wenige, nicht
getraut, Gesamtschulen flächendeckend und verbindlich
einzuführen.
Hm? Ich war auf ner Gesamtschule. Ich war allerdings auch auf ner Schule mit getrennten Klassen für Real- und Hauptschule und einem Gymnasium. Eigentlich verstehe ich diese ganze Diskussion nicht wirklich. Warum muss man denn immer alle gleich behandeln wollen? Ist ja furchtbar. Einheitsbildung passt nunmal nicht für jeden. Kinder sind unterschiedlich und haben oft auch was die Schule angeht unterschiedliche Bedürfnisse.
Der Vorwurf des Sozialismus ist grotesk. Zwar hatten alle
sozialistischen Staaten ein solches System - aber viele andere
haben es auch, sogar die USA. Und die will doch wohl niemand
als latent sozialistisch hinstellen?
Nur nennt man es dort
nicht „Gesamtschule“, weil es selbstverständlich ist, und weil
es immer so war.
Und? In den USA gehen auch massenweise Kids auf Privatschulen, weil ihre Eltern sie nicht auf die örtliche High School schicken wollen. Hier in England ziehen Eltern extra um, um ihre Schätzchen in die richtige Schule zu bekommen.
Was ich aber, nach langer Einleitung eigentlich fragen möchte:
In welchem Land, in welchen Ländern, gibt es eigentlich ein
Deutschland vergleichbares Schulsystem? Um richtig verstanden
zu werden, definiere ich das so:
In welchem Land gibt es auch ein Schulsystem,
in dem die Kinder in jungen Jahren (bei uns mit 10 nach nur 4
gemeinsamen Schuljahren) nach ihrer vermuteten
Leistungsfähigkeit getrennt und ab dann in separaten
Schulsystemen unterrichtet werden?
Das kann ich dir leider nicht beantworten.
Hier kommen Kinder nach 6 Jahren Grundschule, also wenn sie 11-12 Jahre alt sind, auf die Secondary School. Dort wird dann oft in bestimmten Fächern nach Leistungsgruppen unterschieden. Soweit habe ich auch kein Problem damit.
Was mich hier stört ist, dass man das Gefühl hat, alles würde einfach in die normale Secondary School abgeschoben um Geld zu sparen. Schulen für Kinder mit Behinderungen werden abgeschafft, weil sie zu teuer sind. Ich hab ja nix gegen integrative Erziehung, aber dann müssen auch die Mittel bereitgestellt werden. Man kann doch Kinder mit Austismus nicht einfach in ne Klasse mit 30+ Schülern setzen und von dem einen Lehrer, der davon gar keine Ahnung hat, effektiven und passend differenzierten Unterricht erwarten. *Kopf schüttel*
Wo zwischen diesen Schulzweigen so wenig Kooperation herrscht,
dass jemand, der sich qualifizierter als erwartet zeigt, oder
„Spätententwickler“ ist, kaum Aufstiegschancen hat? Während
man schnell nach unten abgeschoben werden kann, wenn man die
Erwartungen nicht erfüllt? (Was ist eigentlich „spät“, wenn
eine Entscheidung im Alter von 10 Jahren fällt?)
Bei uns herrschte normalerweise ein sehr reger Austausch von Schülern in den verschiedenen Haupt- und Realschulklassen. Das war eigentlich kein Problem. Ich kam auch problemlos aufs Gymnasium und an die Uni. Ich war auch ein „Spätentwickler“ und hab vor allem in der Grundschule sehr häufig die Schulen gewechselt. Wie kommst du denn darauf, dass man dann keine Aufstiegschancen hat?
Auch so kenne ich noch genug andere Studenten, die den gleichen Weg gegangen sind oder Bekannte, die erst später ihr Abi nachgemacht haben.
Ich denke einfach, dass es gar nicht so wichtig ist, ob man nun ein Gesamtschulsystem hat oder getrennte Schulformen. Wichtig sind kleine Klassen und gut ausgebildete Lehrer. Bei über 30 Schülern pro Klasse, wie kann man denn da individuelle und gezielte Förderung der einzelnen Schüler erwarten? Ein vollgestopfter Lehrplan bietet oft auch nicht die Zeit sich mit individuellen Problemen zu beschäftigen. Immer mehr muss in immer weniger Zeit gelernt und gelehrt werden.
Eltern sind ebenfalls ein wichtiger Faktor. Oft fehlt die Unterstützung im Elternhaus um Kinder so zu motivieren, dass sie in der Schule auch was leisten wollen. Wenn die Schule eh nur von allen als Überbrückungszeit zum Arbeitsleben gesehen wird, wieso soll man sich dann dort das ganze Gefasel anhören?
Ich hab genug Schüler kennengelernt, die mir erzählt haben, sie würden sich nicht an der Uni bewerben, weil es in ihrer Familie nicht üblich wäre oder die Eltern es nicht wollten.
Gegen Gesamtschulen hab ich nix, wenn sie denn richtig aufgebaut sind. Wie gesagt, ne Einheitsbildung passt nicht für jeden. Man kann aber auch nicht einfach Kinder mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen in eine Schule stecken und dann ein Wunder erwarten. Gute Ergebnisse können erzielt werden, wenn alle mitziehen. Das bedeutet, dass man die Verantwortung nicht einfach auf Politiker, Lehrer oder Eltern abschiebt, sondern dass alle etwas dafür tun müssen ohne sich immer gleich gegenseitig zu beschuldigen und sich nie an die eigene Nase zu fassen.