Dritte Katastrophe : Gitarren-FAQs

Es gilt das Vorgenannte : Bitte wohlwollend prüfen …

Gruß Eillicht zu Vensre

Augen auf beim Gitarrenkauf

Ich bin Gitarren- Anfänger und möchte mir ein Instrument über eBay zulegen. Worauf muss ich achten?

Zunächst einmal darauf, genau dies nicht zu tun. Musikinstrumente sind zwar von Haus aus in Qualitätsklassen einzuteilen, aber eine Gitarre, die man nicht selbst in der Hand gehabt hat, kann man auch nicht beurteilen; wenn einem das tollste und schönste Teil der Welt spieltechnisch nicht liegt, wird man keine Freude daran haben. Ganz abgesehen davon ist der Kauf eines gebrauchten oder eines Instruments mit unbekanntem Status immer problematisch: man weiß nie, wie die Gitarre behandelt wurde! Also, nix kaufen, was man nicht schon mal gespielt hat. Und als Anfänger – wenn man z.B. eine gebrauchte Gitarre per Zeitungsannonce gefunden hat – immer einen kundigen Bekannten mitnehmen, der die üblichen Verdächtigungen durchführen kann, als da wären …

Wie teste ich eine Gitarre?

Der optische Zustand von Korpus und Griffbrett ist zwar nicht unwichtig, weil das Auge ja mitkauft, aber auch nicht das allein Entscheidende. Nescafé- Logos und Zigarettenlöcher sind allerdings das Äquivalent zu gelbem Schnee, sprich Bäh.

Zunächst begucke man sich die Saitenlage. Wenn man von der Saite, pardon, Seite, unter diesen hinduchguckt, sollte an keiner Stelle eine Saite nach oben oder unten weggucken. Das wäre nämlich ein ziemlich deutliches Zeichen für Verzug oder gar einen Riss im Hals. Der Abstand der Saiten zum Hals sollte unter 1 mm betragen (optimal wäre 0,7) und am oberen Ende nicht mehr als 0,2 mm vom Abstand am unteren abweichen. Bei Konzertgitarren kommt es allerdings manchmal bauartbedingt zu größeren Abständen – da ist dann nochmals ganz besonderes Augenmerk auf die Spielbarkeit zu legen.

Der Zustand der Mechanik, also Wirbel und „Antrieb“, sagt manchmal mehr aus als alle anderen Kriterien zusammen. Die Mechanik muss in der Lage sein, eine einmal eingestellte Stimmung permanent zu halten. Rutscht also eine Saite, obwohl richtig eingespannt, durch bzw. dreht sich der Wirbel unter der Zugbelastung von selbst zurück, ist das Instrument zumindest reparaturbedürftig, wenn nicht hinüber. Beim Drehen der Wirbel darf kein Spiel vorhanden sein; i.e. die Saitenhöhe muss sich beim kleinsten Drehen verändern. Tut sie das nicht, kann allerdings auch der Zustand der Saiten selbst dafür verantwortlich sein; Dreck und Rost und Schmodder setzen sich gern in den kleinen Rillen der Saitenführung ab. Die Saite lässt sich dann nur noch in „Sprüngen“ stimmen. Das klingt ungefähr wie uuu – leier – uuu – leier – knacks – iiii. Im Musikgeschäft sollte man dann darauf bestehen, dass neue Saiten draufkommen und außerdem die Rillen gesäubert werden. Ein vernünftiger Händler wird diesem Verlangen nachkommen, wenn man ihm den vorgenannten Geräuscheffekt vorgeführt hat.

Die Spielbarkeit einer Gitarre ist von den anatomischen Voraussetzungen, aber natürlich auch sehr von der vorliegenden Geometrie des Instruments abhängig. Eine Gitarre, bei der man die Greifhand nicht vernünftig platziert bekommt (Griffbrett zu breit o. ä.), kann ein ganz extrem tolles Teil sein, ist aber eben für diesen Spieler nicht geeignet. Das Gleiche gilt, wenn trotz vernünftiger Saitenlage (siehe vor) zu viel Kraft aufgewendet werden muss, z.B. wegen einer – für diesen Spieler! – ungeeigneten Krümmung der Halsunterseite oder Griffbrettwölbung.

Wer zu den eher klein gewachsenen Leuten zählt, sollte auch darauf achten, dass der Korpus nicht zu groß für den Anschlagarm wird. Eine Jumbo oder Dreadnought kann im Stehen gespielt sehr schwer und im Sitzen sehr unhandlich werden, was wahrlich keine Freude ist. Befindet sich der Ellbogen des Anschlagarms, wenn dieser auf dem Korpus abgelegt wird, eher in Schulterhöhe, dann ist vom Kauf dieses Instrumentes abzuraten. Man muss sich ja nicht mit Gewalt ein Krawallpimmelsymposion holen oder wie die Dinger heißen.

Gut, wenn aber anatomisch alles passt, kann man endlich anfangen, zu – neee, nicht spielen *ätsch*. Jetzt wird das Teil erstmal gnadenlos nach unten verstimmt. Dann geht man daran, die Klampfe 100%ig exakt , am besten mit Stimmgerät, zu stimmen. Es folgt die Prüfung auf Bundreinheit, wobei das Stimmgerät wieder sehr gute Dienste leistet. Was sagt letzteres, wenn die Saiten im XII. Bund gegriffen werden? Eine Abweichung gegenüber der vorher eingestellten Stimmung ist ein ganz schlechtes Zeichen. Wenn nämlich die Oktave nicht stimmt, kann man alle anderen Intervalle getrost den Hasen geben. Stimmt die Oktave, ist als nächstes die Quinte dran, und zwar per Powerchord über jeweils zwei Saiten, beginnend mit tiefer E- Saite leer und A-Saite im II. Bund. Dann bundweise hochrutschen, mindestens bis zum X. Bund, bei E-Gitarren bis zum bitteren Ende. Wenn sich hier Diskrepanzen einschleichen, ist das ein schlechtes Zeichen. Man wiederhole dies mit den anderen Saiten.

Als nächstes prüfen wir die natürlichen Flageoletts für alle Saiten, jeweils im XII. und V. Bund. Es sollten keine Schnarr- oder Brummtöne zu hören sein, sondern ein Glockenton. Die Flageolett- Polyphones im VII. und IX. Bund sind nicht ganz so wichtig, sollten aber auch nicht wie Oma Ernas Türklingel scheppern.

Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ein wenig Geld in die Hand zu nehmen und dem edlen Gerät einen neuen Saitensatz zu spendieren. Musikgeschäfte stellen die Instrumente meist mit den ab Werk aufgespannten Drähten ins Fenster bzw. in den Verkaufsraum. Diese „Saiten“ wurden meist am Telegraph Road zwischen Kickmequick und Freezed Foot abgeschnitten und klingen auch so, zumal sie, gerade bei etwas kostspieligeren Gitarren, auch ein ansehnliches Alter erreichen. Dann sind sie korrodiert und eingestaubt. Das heißt, dass man sich vom eigentlichen Klang der Gitarre mit der Bestückung ab Werk im Regelfall kein Bild machen kann.

Außerdem wird nach der Neubespannung gleich der ultimative Test für die Mechanik fällig: Neue Saiten halten die Stimmung nicht sofort – aber nach dem dritten oder vierten Nachleiern sollte doch eine Tendenz erkennbar werden, den eingestellten Ton auch zu halten. Wo das nicht passiert, ist wahrscheinlich Spiel in der Mechanik. Vorausgesetzt natürlich, die Saiten wurden richtig aufgezogen. Muss man nach 10 Minuten immer noch nachstimmen : Finger weg.

Und jetzt spiele man nach Lust und Laune (aber nicht das Riff von „Smoke on the Water“ – bitte!). Ist man mit dem Klang auch zufrieden, dann hat man sein Instrument gefunden und rücke es nur noch ein einziges Mal heraus – damit der Verkäufer einen Koffer darum machen kann. Koffer sind zwar nicht ganz billig, fangen aber all das ab, was man an die so hart erworbene Gitarre nicht heranlassen möchte. Die handelsüblichen Taschen schützen das Instrument bestenfalls vor Feuchtigkeit (was natürlich auch nicht unwichtig ist), aber nicht vor mechanischen Beschädigungen, die speziell bei den Anlässen, bei denen man voller Stolz mit seinem Paddel zu wedeln pflegt, nie ganz auszuschließen sind. Und der Verfasser dieses elend langen Sumses hat wirklich viel lieber einen Kratzer am Koffer denn eine Fußspur im Korpus.

Wer all dieses befolgt, wird schon erkannt haben, dass man eine Gitarre, die ja doch einen mindestens dreistelligen Betrag zu kosten pflegt, nicht so einfach im Vorbeigehen erwerben sollte. So ein Instrument hat man länger als ein Auto, manches ein Leben lang – und da ist ein halber Tag im Musikgeschäft allemal gut investierte Zeit.

Wer absolut versiert ist und auch in der Lage, kleine versteckte Gehässigkeiten in einer Gitarre zu entdecken, mag auch mit einem Kaufhausschnäppchen sein Glück finden. Ansonsten, und auch, wenn man nicht selbst reparieren / pflegen kann, sollte man sich ein gutes Musikgeschäft warm halten und dieses gelegentlich mit seiner Kundschaft erfreuen. Abgesehen von der fachkundigen Beratung: dort kann man auch Musikerkollegen treffen; die Auswahl an Zubehör bietet kein geizgeiles Geschäft, und wie schon gesagt: eine Gitarre ist eine im Normalfall sehr langlebige Investition.

Es gilt das Vorgenannte : Bitte wohlwollend prüfen …

man merkt die Absicht und man ist erfreut …

Wie teste ich eine Gitarre?
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Zunächst begucke man sich die Saitenlage. Wenn man von der
Saite, pardon, Seite, unter diesen hinduchguckt, sollte an
keiner Stelle eine Saite nach oben oder unten weggucken
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Wobei man aber bitteschön bedenken sollte, dass es auch Gitarren mit gewölbtem Griffbrett gibt, allwo die Saiten keinespfads in einer Ebene liegen, sondern einen sanften Bogen beschreiben. Aus der Reihe tanzen sollte latürnich trotzdem keine.

Und jetzt spiele man nach Lust und Laune (aber nicht das Riff
von „Smoke on the Water“ – bitte!).

Was bitte spricht gegen das Kriterium, nach dem ich mir meine erste elektrische ausgesucht habe?

Ansonsten sehr einverstanden mit dem gesagten,
(und Gruß)
Ralf