Du brauchst das nicht (zu) lesen

hallo, ihr Akrobaten deutscher Grammatik—
ich stell euch mal ne gaaanz schrecklich schwierige frage, an der sich mein gesamter freundeskreis seit wochen die zähne ausbeißt und sich in zwei feindliche lager spaltet, auch meine neue liebe wird dadurch auf eine harte bewährungsprobe gestellt:
ich halte für ganz falsch solche sätze wie z.b.:
du brauchst dich heut nicht rasieren.
du brauchst nicht herkommen.
da fehlt doch das ZU, oder???
selbst in namhaften zeitungen ist s immer falsch zu lesen.
Bitte sagt mir, daß ICH recht habe, und bitte auch, wie ich das endlich glaubhaft begründe.
bin gespannt auf reaktionen.
DANKE
sonni

Liebe sonni,

du hast ja sooooo Recht.
Vermutlich hast du auch noch den Merksatz gelernt:

„Wer BRAUCHEN nicht mit ZU gebraucht, braucht BRAUCHEN erst gar nicht zu gebrauchen!“

Aber, leiderleider, stehst du da, zusammen mit vielen Deutschlehrern auf verlorenem Posten. So viele „Trendsetter“ und gesellschaftliche Vorreiter - und ich denke da nicht an Feldbüsche - machen die Fehler vor, und die Menge macht sie nach.
Ich ertappe mich selbst schon bei diesem Fehler! Mea Culpa!

Gruß Fritz

Hallo Sonni.
Wieso soll es falsch sein, wenn man etwas wegläßt,
was überflüssig ist?
Ich hätte auch schreiben können : etwas wegzulassen,
aber das ist vielleicht eine der Ausnahmen?
Gruß, Walter

Hallo Walter!

Wieso soll es falsch sein, wenn man etwas wegläßt,
was überflüssig ist?

Das ZU ist nach BRAUCHEN nach der Regel NICHT überflüssig; das ist es nur für Regelfaule.

Ich hätte auch schreiben können :
Wieso soll es falsch sein, etwas wegzulassen.

Hier handelt es sich um eine Infinitivkonstruktion, bei der gleichfalls das ZU nicht weggelassen darf, es sei denn, man legt keinen Wert auf korrektes Deutsch!

Verzeih! Pedant bin ich nur in meiner Fachwissenschaft!

Gruß Fritz

ach walter,
was ist denn das nun wieder für ne lebenseinstellung?? :smile:
läßt du doch nicht etwa aus prinzip alles weg, was überflüssig ist? dann müßten wir aber ganz schnell mal n großes paket lebensfreude uns sinnlichkeit(im weitesten sinne!) für walter packen und abschicken…!
na, jedenfalls danke für die liebe mail, ich weiß ja, was du meinst und bemühe mich seit inzwischen 44 jahren um einen zuwachs an toleranz
herzlich
sonni

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lieber fritz,
das hast du so lieb und tröstlich gesagt, daß ich glatt bereit bin, dich auch mit deinen fehlern nett zu finden…
aber wo’s steht, daß wir zwei recht haben, weiß ich trotzdem noch nicht…
seufz
sonni

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ich red ja auch nicht vom erw. Infinitiv mit zu, sondern ganz speziell von wortkombinationen mit „brauchen“ im sinne von „mach dir keine umstände“
aber sag doch mal, was ist denn deine ganz spezielle fachwissenschaft, in der du pedantisch bist?
in neugier
s.

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Tja, Sonni,

da beginnt der Leidensweg der Deutschlehrer.

Auch die Dudenredaktion, die sich ja nicht mehr als normatives Regelwerkkomitee, sondern nur noch als einen deskriptive Sprachbeschreiber versteht, erklärt z. B. in:

Richtiges und gutes Deutsch, S.145:
Du brauchst nicht zu kommen / Du brauchst nicht kommen:
Verneintes oder durch nur, erst u.a. eingeschränktes „brauchen + Infinitiv mit ZU“ drückt aus, dass ein Tun oder Geschehen nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen nötig ist: Du brauchst nicht zu kommen (= hast es nicht nötig zu kommen, es besteht keine Notwendigkeit zu kommen).
Besonders in der gesprochenen Sprache wird das ZU vor dem Infinitiv oft weggelassen, d. h., verneintes oder eingeschränktes „brauchen“ wird wie verneintes oder eingeschränktes müssen verwendet: Du brauchst nicht kommen. = Du musst nicht kommen.
Damit schließt sich „brauchen“ an die Reihe der Modalverben an (müssen, dürfen, sollen, können, wollen, mögen) an, die ebenfalls mit den reinen Infinitiv verbunden werden.
In der geschriebenen Sprache wird das ZU vor dem Infinitiv meistens noch gesetzt: Du brauchst nicht zu kommen. Du brauchst erst morgen anzufangen.

Also sind inzwischen beide Verwendungen akzeptabel. Konservativere und stilsichere Leute aber werden die Form mit ZU als die „richtigere“ betrachten und verwenden, vor allem in geschriebenen Texten.
Und den anderen werden sie, vor allem in der gesprochenen Rede, mit einem Schulterzucken begegnen müssen.
Seschtlawie! wie wir Lateiner sagen.

Also kein Grund mehr zum Streit in deinem Bekanntenkreis und mit deiner neuen Liebe. Jeder darf nach seiner Fassong selig werden.

Gruß Fritz

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lieber fritz
nun muß ich dir sagen

  1. daß du der erste mensch in meinem leben bist, der mich diesbezüglich mit einer gültigen aussage beglückt hat und
  2. daß natürlich nun eine welt zusammenbricht für mich, die bisher auf der wurschtsuppe ihrer überzeugung gesegelt ist und sich voll im recht glaubte
    Was LERNT uns das?—:
    und nun könnte ich seiten füllen mit betrachtungen über das leben an sich, unser irren im kleinen wie im großen und ich sollte vorsätze fassen, toleranter zu werden und stets auch das scheinbar unmögliche für möglich zu halten.
    danke, lieber fritz und herzliche grüße
    sonni
    p.s.
    wie kommt es, daß du dir so viel zeit nimmst für die unerheblichen fragen eines wildfremden menschen? dies ist ein phänomen, das mich wirklich sehr interessiert, ich meine, du hast doch gar nichts davon, das alles für mich aufzutippen-------

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nicht brauchen/müssen - need not/must
Also so ganz befriedigt mich die Diskussion nicht. Offenbar sind diese Konstruktionen doch etwas tiefer verwurzelt als es sich die Dudenredaktion vorstellen kann.

(Ich schlage vor, dieses Machwerk nicht mehr als Referenz zu zitieren.)

Offenbar wird doch die Verneinung von müssen mit brauchen ausgedrückt (in allen germanischen Sprachen?):

ich muss gehen - du brauchst nicht zu gehen.

Irgendetwas an diesem brauchen ist ungewöhnlich, weil mir spontan kein anderes Hilfsverb einfällt, das ein zu nach sich zieht.
Bringt dieser Gedankengang jemanden auf eine Idee?

Andreas

Die Sache ist komplizierter!
Freilich! Wie könnte es bei der deutschen Grammatik anders sein.

(Ich schlage vor, dieses Machwerk [gemeint war: die Dudengrammatik] nicht mehr als Referenz zu
zitieren.)

Schlag ein anderes, besseres Machwerk vor!

Offenbar wird doch die Verneinung von müssen mit brauchen
ausgedrückt (in allen germanischen Sprachen?):
ich muss gehen - du brauchst nicht zu gehen.

Stimmt nicht so ganz!

Du musst gehen!

Das ist ein Gebot, eine positiv formulierte Aufforderung oder ein Befehl.

Die Negation dazu ist ein Verbot. Diese wird formuliert mit dem Hilfverb „dürfen“.

Du darfst nicht gehen!

Davon ist zu unterscheiden:

Du musst nicht gehen. Du brauchst nicht zu gehen.

Diese werden weithin als gleichbedeutend betrachtet und drücken eine Erlaubnis aus; etwas, was man tun, oder aber auch lassen kann, wenn man will. Also:

„Ich sage nicht, dass du jetzt gehen musst, vielmehr steht es bei dir, zu entscheiden, ob du gehen oder bleiben willst. Also geh, wenn du willst, und bleib hier, wenn dir das lieber ist.“

Irgendetwas an diesem brauchen ist ungewöhnlich, weil mir
spontan kein anderes Hilfsverb einfällt, das ein zu nach sich
zieht.

Genauer gesagt ist es ein Modalverb, bzw. wird bisweilen wie ein solches gebraucht, aber mit der Eigenart, dass es im Unterschied zu den andren Modalverben, die den reinen Infinitiv bei sich haben, eigentlich und der stengen Regel nach ein ZU zuzüglich zum Infinitiv erfordert.
Eben diese Sonderbarkeit ist aber auch vermutlich der Grund, warum der Sprachgebrauch mehr und mehr auf das ZU verzichtet, um es deutlicher als Modalverb zu kennzeichnen.

Es gibt noch so ein paar Nicht-Modal-Verben, die wider Erwarten auch ohne ein ZU beim Infinitiv auskommen.

Dazu gehören die Verben der sinnlichen Wahrnehmung:

Ich sehe sie kommen. Ich höre sie spielen.

und:

Ich helfe ihr packen.

und:

Ich lasse ihn kommen. Er lässt sein Auto reparieren.

ebenso: bleiben, gehen, lehren, lernen

Zu letzterem ein netter Satz:
Meine Eltern haben mich nicht Rad fahren lernen lassen wollen.

Soviel fürs Erste! Brauchen wir mehr?
Gruß Fritz

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