Hallo Tessa!
Hier Beamter aus Ösiland
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‚Es wird gebeten‘
Ja, das ist bei uns auch üblich. Das hängt wohl damit zusammen, daß Schreiben an Bürger normalerweise aufgrund von Gesetzen oder Verordnungen formuliert werden, und nicht aufgrund freien Ermessens der Behörde oder gar des Beamten.
Dennoch: Ja, sie dürfen, die Beamten - zumindest in Ösiland, wenn sie einen Vorgesetzten haben, der jung/modern genug ist.
Allen Beamten zur Aufmunterung:
Ich habe vor ein paar Jahren ein Seminar besucht und darüber folgendes in der Mitarbeiterzeitung meiner damaligen Dienststelle veröffentlicht:
DER STIL BLÜHT NICHT NUR IM FRÜHLING
Stellen Sie sich vor, wie schön der Athener, der die Botschaft, die den Sieg, den die Athener über die Perser, obwohl diese die bessere Flotte hatten, errangen, zum Inhalt hatte, nach Athen, wo man sich schon Sorgen, ob die Perser besiegt waren, machte, brachte, starb!
Lieben Sie solche Sätze? Sind Sie auch so ein Formulierungskünstler? Zur Vermeidung von Zweifeln sei hier gleich festgehalten: grammatikalisch ist dieser Satz richtig.
Ich habe vom 19.-21.2.1997 das Seminar „Bürgernahe Sprache - verständlich und zeitgemäß“ an der Verwaltungsakademie des Bundes besucht. Die Inhalte dieser Veranstaltung gehen uns alle an, die wir täglich Informationen, Bescheide, Berichte, Protokolle und dergleichen verfassen. Deshalb möchte ich hier einige Hinweise zur verständlichen Textgestaltung präsentieren.
Begegnen wir der derzeit besonders intensiven „Beamtenhatz“ unter anderem auch damit, daß wir uns vom allseits kritisierten Amtsdeutsch möglichst befreien. Was soll es denn auch bringen? Soll es Hierarchie oder Überlegenheit dokumentieren? Wenn ja -wozu? Am Briefkopf ist der Absender zu erkennen. Wenn er allein schon Ablehnung hervorrufen kann, ist es vorteilhaft, durch den folgenden Text keine weiteren Ressentiments zu wecken. Abgesehen davon ist auch im internen Schriftverkehr keine eigene Amtssprache nötig.
Texte unterliegen verschiedenen Einflüssen und Notwendigkeiten.
Nämlich:
VERFASSER - WIRTSCHAFTLICHKEIT - EXAKTHEIT - HÖFLICHKEIT - VERSTÄNDLICHKEIT - ADRESSAT
Schreiben wir so exakt wie nötig, aber so verständlich wie möglich. Das gilt auch für Bescheide! Ich weiß schon - das AVG schreibt uns einige Formalerfordernisse vor. Es schreibt uns aber nicht vor, unhöflich zu sein, weitschweifig und umständlich. Stellen wir uns also die Frage, ob die Empfänger eines Schreibens seinen Inhalt beim erstmaligen Lesen verstehen können. Unverständliche Texte rufen unnötigen Aufwand hervor! Wir können uns die verärgerten Rückfragen ersparen.
Vermeiden wir Schachtelsätze. Der Punkt ist ein Satzzeichen, für dessen Anwendung sich auch nach der Rechtschreibreform nichts ändert. Benützen wir ihn! Aus dem einleitenden Unikum lassen sich sicher drei Sätze machen. Ähnliches gilt für die „Verhauptwörterung“, die sehr viel zum Amtsdeutsch beiträgt. Auch zusammengesetzte Hauptwörter - dreiteilige und längere - vermindern die Verständlichkeit.
Die Dynamik eines Satzes liegt im Zeitwort. Wichtig ist die Satzaussage, nicht eine Reihe von Nebensätzen. Lassen wir das Zeitwort möglichst nicht am Ende des Satzes verkümmern (siehe Unikum), holen wir es weiter nach vorn. Dabei werden - fast automatisch - unsere Sätze kürzer oder zumindest logischer im Aufbau. Einen ähnlichen Effekt erreichen wir, wenn wir zu den (nötigen) Hauptwörtern die entsprechenden Artikel verwenden. Vor Weglassung von Artikeln wäre Überlegungen, ob durch Hinzufügung derselben Vorteile hinsichtlich Verständlichmachung und Satzkonstruktionsverbesserung erkennbar würden, Raum zu geben.
Die optische Gestaltung beeinflußt die Lesbarkeit eines Textes ebenfalls wesentlich.
Dazu gehören die richtige Auswahl der Schrift, der Zeilenabstand, die Strukturierung des Textes durch Absätze, Hervorhebungen, Initialen, Marginalien, Grafiken etc.
Groß angelegte Tests haben ergeben, daß Schriften mit Serifen leichter lesbar sind. Solche Schrifttypen sind z.B. „Times New Roman“ oder „Book Antiqua“. Sie sollten insbesondere bei längeren Texten verwendet werden. Eine Schrift ohne Serifen eignet sich vor allem für Überschriften.
Wichtig ist auch die richtige Schriftgröße. Schreiben wir möglichst wenig „Kleingedrucktes“. Verschiedene Schriften sind aber bei gleicher Punktzahl unterschiedlich groß. Die auf PC’s standardmäßig eingestellte Schrift „Times New Roman“ 10 Pkt. ist jedenfalls zu klein und höchstens für Fußnoten zu gebrauchen.
Als idealer Zeilenabstand für normale Texte gilt 1,5, zwischen Absätzen etwas mehr.
Der einfache Zeilenabstand ist nur für Einschübe oder Fußnoten geeignet.
Die weitere Strukturierung müssen wir dem jeweiligen Anlaß anpassen. Lassen wir unsere Phantasie blühen. Verzichten wir aber auf Stilblüten.
Weiterführende Empfehlungen:
„Die Leiden der jungen Wörter“ von Hans WEIGEL (dtv-Taschenbuch)
Stilblütensammlungen. Sie sind immer wieder erheiternd, bei näherem Hinsehen finden wir aber ähnliche „Produkte“ leider auch bei uns.
Grüße
Barney