Dürfen Beamte nicht 'Bitte' sagen?

Hallo Ihr werten Sprachexperten,

da flattert mir vorhin aus dem Postmäppchen wieder ein amtliches Schreiben entgegen, in dem es unter anderem heißt:

‚Es wird gebeten‘

Klar, es ist nichts Neues, aber: ist es wirklich so schwer

‚Bitte tun Sie dieses und jenes bis zum …‘

Bin ich in dieser Hinsicht womöglich überempfindlch?

Auf Euere Meinungen wartend verbleibe ich
mit vorzüglicher Hochachtung

Tessa
*mitdnaugenrollendundkopfschüttelnd*

Hallo Tessa,
sie tun es doch:
Es wird gebeten .
Wer wird denn von unseren mit Ärmelschonern und Blickschutzkappe versehenen Beamten verlangen können direkt angesprochen zu werden.
Das würde sich ein Reiter des Amtsschimmels niemals erlauben. Denn er weiss, das er nur in gebückter Haltung (ca. 90 Grad zwischen Ober- und Unterkörper sind erstrebenswert)seinem Gegenüber begegnen darf.
Er hat sein Gegenüber aus devoter Haltung zu erblicken und sich auch so zu verhalten.
Sollten weitere Fragen in Richtung dieser besonderen Spezies bestehen, besuch mich doch mal in meinem Brett:
Aber lass Dir Zeit, wir müssen noch die Behördengänge fegen und den Amtsschimmel versorgen. :smile:))
Gruß
Dirk m.

Hallo !

Was soll er sonst schreiben?

Vielleicht : „Es wird bitte gebeten“ ?

Gebeten kommt doch wohl von „Bitten“!

Gruß Max

Also, das eine ist natürlich der Amtsschimmel mit dieser wiklich ziemlich geschraubten Wendung. Dabei stößt mich aber hauptsächlich das Passiv an - die Vermeidung des Wortes „bitte“ an sich, das ist doch mehr und mehr im Kommen!

Welcher Fernsehmoderator sagt noch „Guten Abend“ und „Auf Wiedersehen“? Heutzutage heißt es doch weit und breit: „Ich begrüße Sie“ oder „Wir verabschieden uns von Ihnen“ oder eben „Wir bitten Sie“ oder „Wir bedanken uns“ etc…

Kennt übrigens jemand den Fachausdruck für diese Ausdrucksweise? „Indirekt“ ist ja etwas zu allgemein.

Ehrlich gesagt, so recht weiss ich auch nicht, was ich davon halten soll. Geht mir das nun auf den Wecker, weil ich eigentlich ein rechter Bauer bin und immer alles gern direkt mag - oder handelt es sich tatsächlich um einen unangenehmen Manierismus, der da um sich greift?

Danke für die Kommentare,
Juliane

Hi Max,

Was soll er sonst schreiben?

Vielleicht : „Es wird bitte gebeten“ ?

Jedes Dienstleistungsunternehmen (und meiner Meinung nach sollten Behörden auch dazu gehören, da sie für die Bürger und nicht zum Seklbstzweck Dienste anbieten) schreibt „Wir bitten Sie…“ um auszudrücken, daß es sein Wunsch ist. „Es wird gebeten…“ drückt aus, daß eine übergeordnete, nicht näher zu spezifizierende Instanz, eine gottgewollte, deswegen nicht zu begründende Bitte (vielleicht auch Befehl), formuliert hat.

Ciao

Uwe

P.S.: Meinen Telefonanschluß habe ich u. a. auch nicht mehr bei der Telekom, weil ich da einen Antrag anstatt einer Bestellung ausfüllen gemußt hätte.

Welcher Fernsehmoderator sagt noch „Guten Abend“ und „Auf
Wiedersehen“? Heutzutage heißt es doch weit und breit: „Ich
begrüße Sie“ oder „Wir verabschieden uns von Ihnen“ oder eben
„Wir bitten Sie“ oder „Wir bedanken uns“ etc…

Hallo Juliane,
ich denke, die sender wollen damit das genaue Gegenteil von dem
erreichen, was dich daran stoert: „Ich begruesse“ und „wir
verabschieden“ sind naemlich durchaus nicht passive, sondern
aktive Saetze, und durch das Subjekt (ich, wir) wirken diese
Saetze persoenlicher als das allgemeine „Guten Tag“. So ist ohl
auf jeden Fall die Absicht.

Kennt übrigens jemand den Fachausdruck für diese
Ausdrucksweise? „Indirekt“ ist ja etwas zu allgemein.

Ich wuerde es „Amerikanismus“ nennen…„Hi I’m Casey and I’m
your host for tonight, can I get you something to drink Sir? I
hope you have a good time in our establishment blah blah“. das
persoenliche Ansprechen und persoenliche Vorstellen ist schon
seit einiger Zeit sehr in Mode. Ich persoenlich finde es
meistens einfach kuenstlich (bei Amis, weil man weiss, dass nix
dahintersteckt, hierzulande, weil man weiss, dass die Leute
eigentlich lieber anders mit ihren Gaesten umgehen wuerden…) -
also im Grunde bin ich auf deiner Seite! :open_mouth:)

Viele Gruesse,
baw

Hallo Tessa!

Hier Beamter aus Ösiland :wink:)

‚Es wird gebeten‘

Ja, das ist bei uns auch üblich. Das hängt wohl damit zusammen, daß Schreiben an Bürger normalerweise aufgrund von Gesetzen oder Verordnungen formuliert werden, und nicht aufgrund freien Ermessens der Behörde oder gar des Beamten.

Dennoch: Ja, sie dürfen, die Beamten - zumindest in Ösiland, wenn sie einen Vorgesetzten haben, der jung/modern genug ist.

Allen Beamten zur Aufmunterung:
Ich habe vor ein paar Jahren ein Seminar besucht und darüber folgendes in der Mitarbeiterzeitung meiner damaligen Dienststelle veröffentlicht:

DER STIL BLÜHT NICHT NUR IM FRÜHLING

Stellen Sie sich vor, wie schön der Athener, der die Botschaft, die den Sieg, den die Athener über die Perser, obwohl diese die bessere Flotte hatten, errangen, zum Inhalt hatte, nach Athen, wo man sich schon Sorgen, ob die Perser besiegt waren, machte, brachte, starb!
Lieben Sie solche Sätze? Sind Sie auch so ein Formulierungskünstler? Zur Vermeidung von Zweifeln sei hier gleich festgehalten: grammatikalisch ist dieser Satz richtig.
Ich habe vom 19.-21.2.1997 das Seminar „Bürgernahe Sprache - verständlich und zeitgemäß“ an der Verwaltungsakademie des Bundes besucht. Die Inhalte dieser Veranstaltung gehen uns alle an, die wir täglich Informationen, Bescheide, Berichte, Protokolle und dergleichen verfassen. Deshalb möchte ich hier einige Hinweise zur verständlichen Textgestaltung präsentieren.
Begegnen wir der derzeit besonders intensiven „Beamtenhatz“ unter anderem auch damit, daß wir uns vom allseits kritisierten Amtsdeutsch möglichst befreien. Was soll es denn auch bringen? Soll es Hierarchie oder Überlegenheit dokumentieren? Wenn ja -wozu? Am Briefkopf ist der Absender zu erkennen. Wenn er allein schon Ablehnung hervorrufen kann, ist es vorteilhaft, durch den folgenden Text keine weiteren Ressentiments zu wecken. Abgesehen davon ist auch im internen Schriftverkehr keine eigene Amtssprache nötig.
Texte unterliegen verschiedenen Einflüssen und Notwendigkeiten.
Nämlich:
VERFASSER - WIRTSCHAFTLICHKEIT - EXAKTHEIT - HÖFLICHKEIT - VERSTÄNDLICHKEIT - ADRESSAT

Schreiben wir so exakt wie nötig, aber so verständlich wie möglich. Das gilt auch für Bescheide! Ich weiß schon - das AVG schreibt uns einige Formalerfordernisse vor. Es schreibt uns aber nicht vor, unhöflich zu sein, weitschweifig und umständlich. Stellen wir uns also die Frage, ob die Empfänger eines Schreibens seinen Inhalt beim erstmaligen Lesen verstehen können. Unverständliche Texte rufen unnötigen Aufwand hervor! Wir können uns die verärgerten Rückfragen ersparen.
Vermeiden wir Schachtelsätze. Der Punkt ist ein Satzzeichen, für dessen Anwendung sich auch nach der Rechtschreibreform nichts ändert. Benützen wir ihn! Aus dem einleitenden Unikum lassen sich sicher drei Sätze machen. Ähnliches gilt für die „Verhauptwörterung“, die sehr viel zum Amtsdeutsch beiträgt. Auch zusammengesetzte Hauptwörter - dreiteilige und längere - vermindern die Verständlichkeit.
Die Dynamik eines Satzes liegt im Zeitwort. Wichtig ist die Satzaussage, nicht eine Reihe von Nebensätzen. Lassen wir das Zeitwort möglichst nicht am Ende des Satzes verkümmern (siehe Unikum), holen wir es weiter nach vorn. Dabei werden - fast automatisch - unsere Sätze kürzer oder zumindest logischer im Aufbau. Einen ähnlichen Effekt erreichen wir, wenn wir zu den (nötigen) Hauptwörtern die entsprechenden Artikel verwenden. Vor Weglassung von Artikeln wäre Überlegungen, ob durch Hinzufügung derselben Vorteile hinsichtlich Verständlichmachung und Satzkonstruktionsverbesserung erkennbar würden, Raum zu geben.
Die optische Gestaltung beeinflußt die Lesbarkeit eines Textes ebenfalls wesentlich.
Dazu gehören die richtige Auswahl der Schrift, der Zeilenabstand, die Strukturierung des Textes durch Absätze, Hervorhebungen, Initialen, Marginalien, Grafiken etc.
Groß angelegte Tests haben ergeben, daß Schriften mit Serifen leichter lesbar sind. Solche Schrifttypen sind z.B. „Times New Roman“ oder „Book Antiqua“. Sie sollten insbesondere bei längeren Texten verwendet werden. Eine Schrift ohne Serifen eignet sich vor allem für Überschriften.
Wichtig ist auch die richtige Schriftgröße. Schreiben wir möglichst wenig „Kleingedrucktes“. Verschiedene Schriften sind aber bei gleicher Punktzahl unterschiedlich groß. Die auf PC’s standardmäßig eingestellte Schrift „Times New Roman“ 10 Pkt. ist jedenfalls zu klein und höchstens für Fußnoten zu gebrauchen.
Als idealer Zeilenabstand für normale Texte gilt 1,5, zwischen Absätzen etwas mehr.
Der einfache Zeilenabstand ist nur für Einschübe oder Fußnoten geeignet.
Die weitere Strukturierung müssen wir dem jeweiligen Anlaß anpassen. Lassen wir unsere Phantasie blühen. Verzichten wir aber auf Stilblüten.
Weiterführende Empfehlungen:
„Die Leiden der jungen Wörter“ von Hans WEIGEL (dtv-Taschenbuch)
Stilblütensammlungen. Sie sind immer wieder erheiternd, bei näherem Hinsehen finden wir aber ähnliche „Produkte“ leider auch bei uns.

Grüße
Barney

räusper

Das würde sich ein Reiter des Amtsschimmels niemals erlauben.

hi dirk,

hier dürfte es sich um eine erfindung deinerseits handeln.
aber nicht so schlimm, handelt es sich doch um einen der beliebtesten journalistenirrtümer:
der amtsschimmel ist kein pferd, sondern wucherte füher auf den aktendeckeln wegen der feuchtigkeit in den archiven.
der sogenannte amtsschimmel wuchert demzufolge auch umgangssprachlich, und kann auch nicht, wie journalisten oft bemühen, wiehern.

cu

strubbel

beamtenkauderwelsch
huhu tessa,

auch ich rolle die augen, wenn beamte anfangen zu sprechen oder sie etwas schreiben.
das muß ansteckend sein. selbst polizisten, offiziere und rettungssanitäter reden oft ein kauderwelsch, daß einem graut.
lieblingssatz:" der beim abverkauf verunfallte wurde in das krankenhaus verbracht."

*kicherundkopfschüttel*

strubbel

Noch so’n Satz …

Stellen Sie sich vor, wie schön der Athener, der die
Botschaft, die den Sieg, den die Athener über die Perser,
obwohl diese die bessere Flotte hatten, errangen, zum Inhalt
hatte, nach Athen, wo man sich schon Sorgen, ob die Perser
besiegt waren, machte, brachte, starb!

Hier noch so einer:

Derjenige, der denjenigen, der das Schild, das an der Brücke, die an dem Weg, der nach Worms führt, liegt, steht, umgeworfen hat, anzeigt, erhält eine Belohnung von 300 Mark.

Grüße
Sebastian

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Hallo Strubbel,
ist bekannt.
Aber der Vergleich mit dem Zossen der durch die „Behördengänge“ trabt, ist doch viel einprägsamer.
Was sollten Werner und ich im Brett Ämter und Behörden machen, wenn wir besagten Amtsschimmel nicht hätten? :wink:
Laß uns ihn Pflegen, damit er auch machmal laut wiehert. :smile:)
Gruß
Dirk m.

Ich schreibe durchaus auch ‚Bitte‘!
HI Tessa,

ich als Beamtin schreibe wirklich auch oft „Ich bitte Sie“, das ist mit Sicherheit nicht verboten. Wenn es sich um standardisierte Schreiben in immer wiederkehrenden Vorgängen handelt, neigt der Beamte nunmal dazu, die Formulierungen seiner Vorgänger zu übernehmen. Dann bleibt das „Es wird gebeten“ schonmal über Jahrzehnte präsent. Ich würde es ändern, wenn ich zuständig wäre.

Aber kein Grund zur Aufregung, wie ich finde…

Gruß
Jeanny