'Dulden heißt beleidigen'-Was meinte Goethe damit?

Hallo und Guten Tag,

von Befürwortern der „multikulturellen Gesellschaft“ wird gerne dieser Satz aus Johann Wolfgang von Goethes „Maximen und Reflexionen“ zitiert:

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ (Goethe, „Maximen und Reflexionen“, 151)

Das scheint wie die sprichwörtliche „Faust aufs Auge“ zu passen, wenn es um Moscheebauten etc. in Deutschland geht (zumal ja auch Goethe von Muslimen gerne als „einer der ihren“ vereinnahmt wird) - d.h. auch hier scheint eine Art „Prophetie“ (siehe weiter unten) vorzuliegen.

Aber was mag Goethe eigentlich im Sinn gehabt haben, als er diese „Maxime und Reflexion“ formulierte?
Lässt sich das rekonstruieren?

Vielen Dank im Voraus für Antworten,

Jasper.

Hallo Jasper,

Aber was mag Goethe eigentlich im Sinn gehabt haben, als er
diese „Maxime und Reflexion“ formulierte?
Lässt sich das rekonstruieren?

Nun ja, wenn er nicht gerade an anderer Stelle niedergeschrieben hat, wie er diesen Satz meinte, wird man von ihm selber wohl keine Information dazu mehr bekommen können.

Allerdings kann ich mir schon vorstellen, wie er das gemeint hat. Ich möchte es dir anhand einiger Beispielsätze zeigen.

„Bei uns in der Bäckerei macht es keinen Unterschied, wenn jemand schwarz ist. Wir stellen auch Afrikaner ein. Es kommt nur auf ein gepflegtes Äußeres an, schließlich wollen wir unseren Kunden nicht den Appetit verderben.“

„Ach, sie wollen am Freitag früher gehen, um zur Moschee zu kommen? Na das wird sich dann ja mit den Kollegen abstimmen lassen. Natürlich müssten Sie die Arbeitszeit an den anderen Tagen wieder hereinholen. Gehen Sie eigentlich jeden Freitag in die Moschee?“

„Ach so, Sie essen keine Schalentiere. Sind Sie Vegetarier? Nein? Schalentiere sind nicht koscher? Na das haben wir gleich, wir haben sicher auch noch irgendwo einen Salat und ein Stück Brot. Können Sie das essen, oder ist das auch nicht koscher? Was können Sie denn essen?“

Würdest du dich als Angesprochener beleidigt fühlen? Oder hättest du doch zumindest ein etwas ungutes Gefühl? Obwohl du ja durchaus geduldet bist? Also ich würde diese Sätze alle nicht gerne zu hören bekommen, zumindest nicht in dieser Form. Und ich denke, so etwas in der Art hatte Goethe wohl im Sinn.

Schöne Grüße

Petra

Hallo Petra,

Würdest du dich als Angesprochener beleidigt fühlen? Oder
hättest du doch zumindest ein etwas ungutes Gefühl? Obwohl du
ja durchaus geduldet bist? Also ich würde diese Sätze alle
nicht gerne zu hören bekommen, zumindest nicht in dieser Form.
Und ich denke, so etwas in der Art hatte Goethe wohl im Sinn.

Wenn es das war, was Goethe im Sinn hatte: Was würdest du denn stattdessen gerne hören?

Gruß Jasper.

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Hallo Jasper,

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende
Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt
beleidigen.“
(Goethe, „Maximen und Reflexionen“,
151)

Aber was mag Goethe eigentlich im Sinn gehabt haben, als er
diese „Maxime und Reflexion“ formulierte?
Lässt sich das rekonstruieren?

Ohne da nun stundenlang darüber zu reflektieren fiel mir spontan „geduldet sein“ ein. Wenn ich irgendwo nur „geduldet“ bin, ist es ja kein sehr positives Gefühl, oder? Man „erduldet“ mich eben gerade so.

Viele Grüße
Marvin

Hallo Jasper,

Wenn es das war, was Goethe im Sinn hatte:
Was würdest du denn stattdessen gerne hören?

Das artet ja in Arbeit aus hier :wink:

Ich habe diese Passagen nun noch einmal umgeschrieben. Und, merkst du den Unterschied? Obwohl es „nur Worte“ sind? Der Tonfall, das ganze Wesen des Gesprächspartners kommt ja noch hinzu.

Der Unterschied ist, dass man den anderen nicht als jemanden empfindet, den man „ertragen“ muss, sondern als jemanden, der einfach anders ist und auch anders sein darf. Er ist deswegen nicht schlechter oder besser. (Nur etwas interessanter, wie ich finde.) Klar ist es erst einmal ungewohnt, wenn jemand eine andere Hautfarbe hat. Für dein Gegenüber aber nicht. Der ist mit dieser Hautfarbe aufgewachsen, und für ihn ist es genauso normal wie für dich deine Hautfarbe ist. Nur wenn die Umwelt nun beginnt, irgendwie seltsam zu reagieren, kann ich mir vorstellen, dass das ganz schön nervt auf die Dauer.

Aber jetzt lasse ich dich die Fragen noch einmal lesen. Wenn du keinen Unterschied bemerkst, lasse ich mich umschulen zur Catering-Fachangestellten und serviere von nun an krabbelnde Schalentiere. :wink:

Schöne Grüße

Petra

„Bei uns in der Bäckerei macht es keinen Unterschied, wenn jemand schwarz ist. Wir stellen auch Afrikaner ein. Es kommt nur kommt es auf ein gepflegtes Äußeres an, schließlich wollen wir unseren Kunden nicht den Appetit verderben.“

„Ach, sie wollen am Freitag früher gehen, um zur Moschee zu kommen? Na das wird sich dann ja mit den Kollegen abstimmen lassen. Natürlich müssten Sie die Arbeitszeit an den anderen Tagen wieder hereinholen. Gehen Sie eigentlich jeden Freitag in die Moschee?“

Sie wollen am Freitag früher gehen? Wann denn genau? Könnten Sie denn auch einmal länger bleiben, wenn Not am Mann ist, oder geht das nicht?

Im Prinzip ist es kein Problem. Sie müssten dann nur die Stunden an den anderen Tagen wieder hereinholen.

„Ach so, Sie essen keine Schalentiere. Sind Sie Vegetarier? Nein? Schalentiere sind nicht koscher? Na das haben wir gleich, wir haben sicher auch noch irgendwo einen Salat und ein Stück Brot. Können Sie das essen, oder ist das auch nicht koscher? Was können Sie denn essen?“

Sie essen keine Schalentiere? Sind Sie Vegetarier? Nein? Schalentiere sind nicht koscher? Das wusste ich nicht, ich dachte, Sie dürften nur kein Schweinefleisch essen. Was essen Sie denn? Vielleicht etwas von dem Salat und Brot dazu?

Hallo Jasper,

Was er damit gemeint hat, weiß ich natürlich nicht.

Aber bei einem so gebildeten Menschen umgeben von Kultur und Kunst, könnte ich mir vorstellen, daß was er damit meint ist, dass immer eine fachliche Diskussion mit mehreren Sichtpünkten und Meinungen, auf fundiertes Wissen basierend die Grundlage der Toleranz bilden sollte. Und nicht nur Toleranz nach dem Motto: „Ich lasse XY zu, weil ich ja so tolerant bin, aber von den Vorteilen und Vorzügen dieser XY bin ich absolut nicht überzeugt.“

Ich glaube diesen Satz ist noch heute sehr, sehr aktuell und sollte man sich öfters damit befassen. Zumindest die, die sich Tolerant (selbst) nennen (und es womöglich gar nicht sind)

Gruss, BettyB.

Hallo,

vielleicht ist bei deiner Frage das Literatur-Forum hilfreicher.

Gruß

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Hallo und Guten Tag,

von Befürwortern der „multikulturellen Gesellschaft“ wird
gerne dieser Satz aus Johann Wolfgang von Goethes „Maximen und
Reflexionen“ zitiert:

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende
Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt
beleidigen.“
(Goethe, „Maximen und Reflexionen“,
151)

Er meint damit, wenn jemand etwas toleriert, begibt er sich automatisch in die Sackgasse - danach muss sie zur Anerkennung führen aus Egoismus. Er will ausdrücken, dass sein Ego wichtiger ist als das des anderen. Und Dulden heisst beleidigen - so wie die meisten schon schrieben: wenn Du nur geduldet bist ist dies ganz einfach Unfreundlichkeit oder eine Art von Verarschung.

Das scheint wie die sprichwörtliche „Faust aufs Auge“ zu
passen, wenn es um Moscheebauten etc. in Deutschland geht
(zumal ja auch Goethe von Muslimen gerne als „einer der ihren“
vereinnahmt wird) - d.h. auch hier scheint eine Art
„Prophetie“ (siehe weiter unten) vorzuliegen.

Aber was mag Goethe eigentlich im Sinn gehabt haben, als er
diese „Maxime und Reflexion“ formulierte?
Lässt sich das rekonstruieren?

Vielen Dank im Voraus für Antworten,

Jasper.