'durch die Finger sehen'

Wenn ich die Redewendung ‚durch die Finger sehen‘ verwende, ernte ich immer nur fragende Blicke.

Bilde ich mir ein, dass es diese Redewendung (i.S. von '(die eigene) Inkonseqeunz akzeptieren/ Inkonsistenzen im Überbezeugungssystem akzeptieren/ darüberhinweg sehen) gibt? Wenn doch, weiss jemand was zum Ursprung?

Danke, Paul

Ich denke, Paul,

das Folgende wird dich bestätigen und es erklärt auch einiges:

_ Finger

Durch die Finger sehen: Nachsicht üben, milde urteilen, eigentlich: nicht mit vollem Blick hinsehen. Diese Wendung, die früher wohl von der entsprechenden Handgebärde begleitet wurde, hat im heutigen Sprachgebrauch viel von ihrer einstigen Bildhaftigkeit verloren. In der heutigen Verwendung einem durch die Finger sehen kann der Dativ sogar zu der Auffassung führen, hier sei von den Fingern des andern die Rede; ‚einem‘ ist jedoch zu verstehen als ‚einem gegenüber‘.
In älterer Sprache verband man mit der Redensart noch die klare Vorstellung vom Vorhalten der gespreizten Finger vor das eigene Gesicht; dadurch wird das Blickfeld durchschnitten und das Sehen folglich erschwert. Der Holzschnitt Nr. 33 in Sebastian Brants ‚Narrenschiff‘ (1494) zeigt einen Mann mit der Narrenkappe, der durch seine Finger sieht, während seine Frau ihm mit einem Hälmchen auf der Nase spielt. Daruber steht der Vers:

Wer durch die fynger sehen kan
Vnd loßt syn frow eym andern man
Do lacht die katz die müß süß an.

In der gleichen charakteristischen Pose ist z.B. auch der Kölner Stadtnarr Pankraz Weinstock genannt Worbel von dem holländischen Maler Jan Mostaert von Haarlem (1475 bis 1555) dargestellt worden.
In einer seiner Predigten bemerkt Geiler von Kaysersberg, daß »Gott durch die Finger sieht und sein Straf verlängert«, d.h. hinauszögert. In lateinischer Form findet sich die Wendung 1508 bei August Bebel (Nr. 583): »Per digitos videre; est surda aure et sciens aliquid praeterire«; Luther gebraucht sie in seiner Bibelübersetzung (Lev 20, 4) und auch sonst, z.B. in dem Spruch (Heuseler Nr. 81): »Wer nicht kann durch die Finger sehn, der kann nicht regieren«; sie erscheint ferner bei Hans Sachs (»So er heuchlich durcht finger sech«), bei Oldecop S. 612 (»De prinz mit den sinen sah dar to durch de fingers«), bei Grimmelshausen und bei Abraham a Sancta Clara. Im gleichen Sinne gebraucht sie noch Goethe 1789 im ‚Tasso‘ (I,2, Leonore zum Fürsten): »Wir wollen freundlich durch die Finger sehen«. Die Redensart ist mundartlich noch sehr verbreitet und wird in der Volkssprache auch durchaus noch wörtlich verstanden, z.B. elsässisch ‚durch die Finger lueje‘, rheinisch ‚e guck durch de Finger‘, er ist nicht so streng.
Thomas Murner gebraucht auch durch die Finger lachen: heimlich lachen; vgl. ‚Sich ins Fäustchen lachen‘.
[Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten: Finger, S. 2. Digitale Bibliothek Band 42: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, S. 1761 (vgl. Röhrich-LdspR Bd. 2, S. 444) © Verlag Herder]_

Gruß Fritz

Hallo.

Bilde ich mir ein, dass es diese Redewendung (i.S. von '(die
eigene) Inkonseqeunz akzeptieren/ Inkonsistenzen im
Überbezeugungssystem akzeptieren/ darüberhinweg sehen) gibt?
Wenn doch, weiss jemand was zum Ursprung?

Ich kenne diese Redewendung auch, aber mit der Bedeutung „Nachsicht üben“. Mein Opa sagte zumindest immer „na dann will ich nochmal durch die Finger sehen…“
Zum Ursprung kann ich dir aber nichts sagen.

mfG Dirk

Servus, Fritz:smile:

Mir ist eine andere (und komischerweise nur diese) Bedeutung geläufig:

Wenn ich „durch die Finger schau’ (sehe)“, habe ich quasi das Nachsehen, ich habe was verpasst, andere haben früher was bekommen…also z.B., wenn ich mich zu spät um Karten anstelle, kann es sein, dass ich „durch die Finger schau“ und keine mehr bekomme.

Würde mich interessieren, ob noch jemand diese Bedeutung kennt. Ich dachte eigentlich immer (ohne es wirklich jemals überprüft zu haben), das hätte was mit "nicht gut genug festhalten, sich zu wenig „bemühen“ zu tun - sinngemäss - wenn ich was in Händen halte und die Finger nicht fest genug drum schliesse, kann ich dem „Verlorenen“ durch die Finger (nach)sehen.

Lieben Gruss aus Wien, jenny

Das, liebste Jenny,

kenne ich als: „da ist mir was durch die Finger gegangen“.

Besten Grüße Fritz

Das, liebster Fritz:smile:

„hinwiederum“
kenne ich als: „durch die Lappen gegangen“

so hat jeder sein Sprücherl:smile:

Aber kennt denn wirklich niemand „meine“ Version? Auch die Österreicher/innen nicht?

as usual:smile:
j.

Und weißtu, liebeste Jenny,

„hinwiederum“
kenne ich als: „durch die Lappen gegangen“

dass diese Lappen, bei Treibjagden an Schüren aufgehängt, verhindern sollten, dass das Wild zur Seite ausbrach. Aber manchmal entwischte doch eins und schlug sich seitwärts in die Büsche. :wink:

Ich bin gespannt, ob dich jemand bestätigt. Denn vorstellen kann ich mir diese Bedeutung sehr gut.

Gruß Fritz

Und weißtu,

dass diese Lappen, bei Treibjagden an Schüren aufgehängt,
verhindern sollten, dass das Wild zur Seite ausbrach. Aber
manchmal entwischte doch eins und schlug sich seitwärts in die
Büsche. :wink:

Mich deucht’, oh Fritz, das wusst’ ich einst, aber es wäre ja auch zu schön, wüsst’ man für ewig, was man einst mal wusste…*lach*
Und so war es wieder neu für mich:smile:

j.

Hallo Jenny,

Wenn ich „durch die Finger schau’ (sehe)“, habe ich quasi das
Nachsehen, ich habe was verpasst, andere haben früher was
bekommen…

  • genau in diesem Sinn und keinem anderen kenne/deute auch ich diese Redewendung.
    Vielleicht liegt aber der feine Unterschied im (österr.)„Schauen“ und (dt.) „Sehen“ …?
    :wink: Helene

Servus, Helene:smile:

Vielen Dank - ich dachte schon, ich wär allein mit meiner Anwendung.

Vielleicht liegt aber der feine Unterschied im
(österr.)„Schauen“ und (dt.) „Sehen“ …?

Kann ich mir in diesem Fall nicht wirklich vorstellen, weil ich es in beiden Versionen kenne, eigentlich eher noch mit „sehen“ - ich bin noch auf der Suche, ob ich irgendwo einen „Beleg“ für „unsere“ Version finde:smile:

Einen lieben Gruss aus dem ebenfalls wettergebeutelten Wien, jenny

Aber kennt denn wirklich niemand „meine“ Version? Auch die
Österreicher/innen nicht?

as usual:smile:
j.

Klar, jenny, hier in Tirol hab ich schon so oft durch die Finger geschaut… Dieser Ausdruck ist hier ganz normal.
Grüße, Peter

Wenn ich „durch die Finger schau’ (sehe)“, habe ich quasi das
Nachsehen, ich habe was verpasst, andere haben früher was
bekommen…

durch die finger schaut man einfach, wenn die hand leer ist. auch ich kenne den ausdruck im sinne von verluste erlitten haben, den kürzeren gezogen haben, mit leeren händen ausgegangen sein, versagt haben.

gruß
dataf0x