[E] Noch einmal Patientenverfügung/Sterbehilfe

Hallo zusammen,

manchmal fallen einem beim Bügeln am frühen Morgen seltsame Sachen ein. Mich suchte vorhin der olle Seneca heim…

_Ich möchte das hohe Alter nicht preisgeben, wenn es mein besseres Selbst unbeschadet läßt. Doch wenn es meinen Geist zerrüttet, wenn es alle meine Fähigkeiten und Kräfte allmählich zerstört und mir vom Leben nur noch der Atem bleibt, dann werde ich das baufällige Gebäude meines Leibes verlassen.

Ich will der Krankheit nicht durch den Tod entfliehen, solange noch Aussicht auf Heilung besteht und mein Geist keinen Schaden leidet. Ich lege nicht wegen Schmerzen Hand an mich, denn wer so stirbt, stirbt als Besiegter. Wenn ich aber weiß, daß ich leiden muß ohne Hoffnung auf Besserung, dann will ich aus dem Leben scheiden, nicht aus Furcht vor den Schmerzen, sondern weil sie mir alles nehmen, was mir das Leben lebenswert macht._

War Seneca womöglich der Urvater der Patientenverfügungen? Klar, für Römer war Selbstmord selbstverständlich. Ich teile die Meinung Senecas… Ist es so furchtbar verkehrt? Warum sträuben sich die Angehörigen überhaupt gegen das, was der Verstorbene wollte. Fragen, Fragen und noch mehr Fragen…

Grüße

Renee

PS. Neeeeee, ich tue nir nix an - dazu lebe ich zu gerne.

War Seneca womöglich der Urvater der Patientenverfügungen?

Hallo, Renee,
naja, Seneca persönlich wohl eher nicht, aber er gehörte der stoischen Philosophierichtung an und aus deren Sicht ist Leben nur dann sinnvoll, wenn es im Einklang mit der Natur gelebt wird.

Insofern ist für ihn auch der Tod nur eines der Dinge, die zum Leben gehören. Kein Übel, kein Unglück, sondern eine Erfüllung. Oft kann der Tod sogar, positiv gesehen, die Erlösung von den Leiden des Daseins sein. Hieraus leitet sich auch die Legitimation des selbstbestimmten Lebensendes ab, das erlaubt ist, wenn dem Menschen äußere Umstände ein Leben nach der von der Natur vorgeschriebenen Bestim­mung als Vernunftwesen unmöglich machen.

Die Stoa betrachtet übrigens die Welt nicht als aus Zufall entstanden, sondern als „Werk der göttlichen Weltvernunft, des alles durchdringenden göttlichen Geistes.“

Gruß
Eckard

War Seneca womöglich der Urvater der Patientenverfügungen?
Klar, für Römer war Selbstmord selbstverständlich. Ich teile
die Meinung Senecas… Ist es so furchtbar verkehrt? Warum
sträuben sich die Angehörigen überhaupt gegen das, was der
Verstorbene wollte. Fragen, Fragen und noch mehr Fragen…

Hallo Renee,

Ein faules Würstchen kann der beste Senf nicht retten.

Erklärungsversuch:
Selbstmord ist kein Problem,solange der Patient auch der Vollstrecker ist.Aber im Koma läßt er,kraft seiner Verfügung, einen Arzt oder Pfleger zur (passiven) Tötung antreten.
Wenn es dieser ohne Gewissensbiße übernimmt auch ok.War ja auf ausdrücklichen Wunsch hin.

Nur was soll geschehen wenn keiner diesen Job übernehmen will?
Das z. B. würde mich brennend interessieren.

Um noch schnell auf deine andere Frage einzugehen,daß Angehörige festhalten wollen und aus welchem Grunde ist doch wohl nicht wirklich klärungsbedürftig,oder?
Also ich kann jeden Arzt oder Pfleger verstehen, der sich weigern würde.Hab selber mal eine Zeitlang als Altenpfleger gearbeitet und daher würde ich es auch ablehnen,Patientenverfügung hin oder her. Das stellen sich viele zu einfach vor, jedoch wenn du selber am Bett stehst…und dann…? Vollstrecken? Fragen über Fragen, ja,ja…
mfg,oK

Hallo Renee
… Wenn ich aber weiß,
daß ich leiden muß ohne Hoffnung auf Besserung, dann will ich
aus dem Leben scheiden, nicht aus Furcht vor den Schmerzen,
sondern weil sie mir alles nehmen, was mir das Leben
lebenswert macht.

War Seneca womöglich der Urvater der Patientenverfügungen?
Klar, für Römer war Selbstmord selbstverständlich. Ich teile
die Meinung Senecas… Ist es so furchtbar verkehrt? Warum
sträuben sich die Angehörigen überhaupt gegen das, was der
Verstorbene wollte. Fragen, Fragen und noch mehr Fragen…

Ein sehr schöner Seneca-Text. Ich hatte durch Angehörige und Freunde mit dem Thema schon zu tun. Ich denke, das dürfte doch gar nicht so schwierig sein: Wenn jemand so krank ist, dass er nicht mehr selbst essen kann, und es sehr oft nicht mehr will, weil er spürt, es geht zu Ende, dann ist das nur natürlich, dass er das Essen, und später das Trinken, aufgibt.
Wenn er das deutlich machen kann, dass er keinen Eingriff wünscht, sondern jede künstliche Ernährung als Körperverletzung wertet, muß das respektiert werden.

Ist das aber nicht vorher absolut klargestellt und notariell beglaubigt, und es wird ihm die Kanüle reingeschoben, dann kannst du idR nichts mehr machen. Sie dann wieder rausziehen zu lassen, ist aktive Sterbehilfe.

Bleibt die Frage offen, wann eine/r sterbenskrank ist oder sich dafür entscheidet, es zu sein. Die Medizin bietet Lebensverlängerndes, das oft gut funktioniert. Die Schläuche kommen raus, Patient ißt wieder, alles ist gut. Kann man einem akut Erkrankten die Entscheidung überlassen, ob er weitermachen will?

Ich würde eine hieb- und stichfeste Verfügung an drei Stellen mindestens hinterlassen, dass nur ich entscheide über lebensverlängernde Maßnahmen, andernfalls Körperverletzung vorliegt. Notfall-Medizin (im Falle Bewußtlosigkeit) wird davon ja nicht berührt. Auch ist es sicherer, zu Hause zu bleiben, um in Ruhe sterben zu können, wie früher auch. Den meisten fehlt der Mut dazu, oder?
Grüße, Geris