Man soll ja nicht nur Kritik verteilen! 
Es geht nicht darum, bestimmten Bevölkerungskreisen, den Zugang zum Mittelalter zu verwehren, ganz im Gegenteil! Bedenke nur, wieviele Leute im Mittelalter Latein konnten (wobei es „das“ Mittelalter ja gar nicht gibt, im 6.Jhd. waren die Verhältnisse sicher anders als im 15. Jhd, da liegen locker 900 Jahre dazwischen!). Insofern verstehen heute sicher mehr Menschen lateinische Sentenzen als im 6.Jhd.
Für einen Verlag rentiert es sich aber offensichtlich nicht, Ekkehards Ergüsse in einer Übersetzung anzubieten (die dann auch noch in zwanzig Jahren wieder überholt wäre). Bedenke den finanziellen Aufwand für den Übersetzer, den Lektor, das Papier, die Bindung, die Bevorratung und die Werbung. Und dann kaufen ungefähr 200 Leute so ein Buch… das ist einfach nicht lohnenend, da sieht ein Verlag eben keinen Bedarf.
Abgesehen davon muß man erst einmal einen Übersetzer finden, der den guten Mann adäqaut ins Deutsche bringt. Sieh Dir das unbeholfene Latein eines Patrick in Irland an, Widukind von Corvey schreibt ein anders Latein als Burchard von Ursberg (bei Burchard sollte der Übersetzer unbedingt des Schwäbischen Dialekts mächtig sein, sonst tut er sich noch schwerer).
Und dann muß man das ganze ja nicht nur irgendwie übersetzen, sondern auch verstehen im Zusammenhang. Da durfte ich z.B. im Jahre 1992 einen Aufsatz genießen, in dem die Verfasserin den Bierbrauvorgang im Kloster St.Gallen zu rekonstruieren versucht. Sie nimmt dazu Ekkehards casus sanct galli und seine benedictiones und sucht die Entsprechungen im sog. Klosterplan von St.Gallen.
Fazit: alles ganz manierlich übersetzt und nett gemacht, aber die Verfasserin hat überhaupt nicht das Grundlegende bemerkt: Daß nämlich der Plan zwar „St.Galler“ Klosterplan heißt, aber nur, weil er dort aufbewahrt wird, nicht, weil er den Zustand in St.Gallen im 9.Jhd. zeigte. Entstanden ist er nämlich auf der Reichenau, und was in St.Gallen aufbewahrt wird, ist eben nur die Kopie dieses Plans… und damit bricht das ganze schöne Gedankengebäude wie ein Kartenhaus zusammen (ich weiß, in den Schulbüchern wird auch immer behauptet, der Plan zeige den Zustand des Klosters St.Gallen…).
Viele Menschen springen gerne aus der heutigen Zeit ins Mittelalter, es war wohl noch nie in der Geschichte so viel Interesse an dieser Zeit wie jetzt, aber es reicht halt einfach nicht, mit unseren heutigen Vorstellungen da heran zu gehen… und dazu gehört auch, daß man sich durch das Latein durchbeißt (ich selber habe im Colloquium einen ehemaligen Lateinlehrer erlebt, wie er sich an den Urkundentexten von Papstbullen versucht hat… irgendwann hat er seine Dissertationsversuche aufgegeben).
Die wesentlichen Dinge sind ja in Übersetzungen grefbar. Die Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisaugabe hat ja so ziemlich alles, was grundlegend ist. Aber alles kann man eben nicht übersetzen. Ein Ungeübter merkt z.B. gar nicht, wenn ein Autor bestimmte Topoi verwendet und nimmt alles für bare Münze.
Das Mittelalter ist doch ziemlich weit weg von uns, und das macht die gänzlich andere Sprache ja auch deutlich sichtbar. Aber: Latein ist schön!
Heinrich