Egoismus

Hallo!

Da ich in letzter Zeit immer wieder höre, die Gesellschaft würde immer egoistischer, jeder denke nur noch an sich selbst etc., stellt sich mir ganz von selbst die Frage:

Wie definiert man denn den Unterschied zwischen legaler Selbstbehauptung und Egoismus?

Wenn ich versuche, mir die deutsche Gesellschaft z.B. zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorzustellen, komme ich eher zu dem Schluß, daß es damals in Punkto Egoismus schlimmer war: Es gab Egoismus und Ausbeutung Untergebener und Abhängiger in höchstem Maße. Hier denke ich an das Bild des Patriarchen, so wie z.B. in Heinrich Manns „Untertan“ beschrieben (zugegeben, eine Satire und kein Tatsachenroman), oder an die Ausbeutung in Fabriken mit 18-Stundentagen, Kinderarbeit, etc.
Der langen Rede kurzer Sinn: Ich stelle mir vor, damals konnten etliche ihren Egoismus extrem ausleben und viele andere waren einfach in ihr Schicksal ergeben.

Heute ist der sogenannte Egoismus eher gleichmäßig verteilt. Jeder sieht zu, daß seine eigenen Interessen gewahrt bleiben. Das nenne ich aber eine gesunde Selbstbehauptung und nicht Egoismus im negativen Sinn.

Besonders, wenn ganze Gruppen aus einer vorgegebenen Rolle ausbrechen (hier denke ich natürlich u.a. an die Frauenbewegung, aber nicht nur) sind andere (z.B. aus der älteren Generation) mit dem Egoismusvorwurf sehr schnell bei der Hand. Dabei wird aber meine Eingangsfrage (wo die Grenze liegt zwischen Egoismus und gesunder Selbstbehauptung) meistens nicht gestellt.

Wie seht Ihr das? Ich hoffe, dies hier ist das richtige Brett. Findet Ihr denn, daß unsere Gesellschaft egoistischer ist, als sie es vor ca. 100 Jahren war? Und woran macht Ihr das fest?

Viele Grüße, Stefanie

Hallo Stephanie

Eine schwierige Frage, weil die meisten von uns vor 100 Jahren nicht dabei waren, aber hier meine Sicht:

  • Die Gesellschaft als Ganzes war vor 100 Jahren nicht besser als heute. Wie Du sagtest gab es dedizierte Gruppen, die ausbeuteten und solche, die ausgebeutet wurden. Insbesondere für die Ausbeuter gehörte eine gehörige Portion persönliche Moral dazu, sich nicht so zu verhalten, wie die Mehrheit der Mitbürger (ähnlich wie heute)

  • Aber vor 100 Jahren war - so viel ich weiss - innerhalb von Gruppen der Gedanke der Solidarität und der Hilfsbereitschaft viel intensiver vorhanden. So galt es durchaus als selbstverständlich, z.B. zum Wohle des Staates eigene Interessen zurückzustellen (bis hin zur eigenen Existenz), auch wenn es immer welche gab, die das gnadenlos ausgenutzt haben. Heute stehen wir eher in der Gefahr, in eine Erstarrung zu verfallen, weil jede Änderung des Status Quo mit massiven - egoistischen - Widerständen begleitet wird (z.B. jeder will in den Urlaub fliegen, aber keiner will in der Nähe eines neuen Flughafens leben)

  • Und man darf nicht vergessen, daß viele Leute früher wenig bis gar nichts hatten. Interessanterweise ist die Bereitschaft, in der Not zu teilen, viel grösser als im Überfluss abzugeben. Und heute leben die Meisten im Überfluss.

  • Und schliesslich - das halte ich für das grösste Problem - entsteht heute eine regelrechte Kultur des Egoismus, das heisst, in den prinzipiellen Denkstrukturen wird die eigene Person an die erste Stelle gestellt und danach kommt erst einmal lange nichts. Und wenn die Menschen sogar so egoistisch waren als die Denkstrukturen noch anders waren, will ich mir lieber erst gar nicht vorstellen, wie unsere Gesellschaft aussehen wird, wenn sich die neue Unkultur zur Selbstverständlichkeit verdichtet hat.

Gruß
Thomas

Wie definiert man denn den Unterschied zwischen legaler
Selbstbehauptung und Egoismus?

Ich würde es so definieren:
Egoismus ist Vorteile ausnutzen oder sich verschaffen, die wissentlich auf Kosten anderer gehen (können).
Selbstbehauptung ist nicht untergehen.
Egoismus ist einfacher, die Gesellschaft ist grösser geworden, anonymer, man kennt sich nicht, die Gefahr das man denjenigen dem man schadet kennt und sich ein Gewissen einschaltet, ist kleiner.
Tschüss
Merit

Hallo Thomas,

  • Und schliesslich - das halte ich für das grösste Problem -
    entsteht heute eine regelrechte Kultur des Egoismus, das
    heisst, in den prinzipiellen Denkstrukturen wird die eigene
    Person an die erste Stelle gestellt und danach kommt erst
    einmal lange nichts.

Das stimmt in der Realität so nicht. Gerade im Gespräch mit Frauen und älteren Menschen stelle ich fest, dass sie gnadenlos ausgebeutet werden. Die Mama wirds schon machen, die Oma wirds schon machen. Die Frauen wagen nicht zu sagen, dass sie das und jenes jetzt einfach nicht machen möchten, dass sie auch einmal ihre Ruhe haben möchten, nein, sie lassen sich immer wieder einspannen.
Das Gejammer von der guten alten Zeit, in der die Menschen noch uneigennützig den Herrschenden alles aufopferten bis hin zur eigenen Existenz (Kanonenfutter) hört man nur von jenen, denen es nicht passt, wenn Schwache sich wehren - wenn man keine Sklaven mehr zu Tode schinden kann, keine Arbeiter für Hungerlöhne schuften, keine Frauen unbezahlt arbeiten (und dann eine Notstandsrente beziehen, wenn sie zeitgerecht gegen eine Jüngere ausgetauscht werden), keine Kinder mehr nach Belieben missbraucht und verprügelt werden können, keine Kolonialvölker mehr ausgeblutet werden können.
Aufgeheult wird immer nur über den „Egoismus“ derer, von denen man so bequem gewohnt war, dass sie für alles den Buckel hinhielten. Der Egoismus der Reichen und Mächtigen stört niemand.Schön zu sehen an unserer derzeitigen Regierung, die eben den Notstandshilfebeziehern 10 Prozent von ihrem Almosten gestrichen hat. Ist ja auch wirklich nicht nötig, dass so ein Penner jeden Tag ein warmes Supperl schlempert!
Gerade hier in Österreich nimmt man zurzeit den Armen und Benachteiligten weg und gibt den Reichen und Großen.

Und wenn die Menschen sogar so egoistisch

waren als die Denkstrukturen noch anders waren, will ich mir
lieber erst gar nicht vorstellen, wie unsere Gesellschaft
aussehen wird, wenn sich die neue Unkultur zur
Selbstverständlichkeit verdichtet hat.

Dui ignorierst, wieviel Solidarität (ein Wort, das man in der guten alten zeit nicht kannte) man heute findet, wieviele Menschen aus allen ideologischen Lagern sich einsetzen für die Ärmsten und Schwächsten. Das geht von der Obdachlosenhilfe über die anonymen Alkoholiker bis zu dem deutschen Ärzteteam, das seinen Urlaub regelmäßig damit verbringt in Indien missgestaltete Kinder zu operieren, und dem österreichischen Chirugen, der mit Spenden ein Unfallspital in Rumänien baut. Hast du noch nie von amnesty international gehört, von „Ärzte ohne Grenzen“, von alle den Werken mitmenschlicher Solidarität, die von unbezahlten Freiwilligen leben? Siehst du die Leute nicht, die in Deutschland solidarisch mit den verprügelten, gehetzten farbigen Mitbürgern sind? Nicht die Freiwilligen der Caritas? Von SOS Mitmensch?
Aber ich glaube, gerade das ist es, was stört. Gewünscht wird nämlich nicht uneigennützige Aufopferung für Schwache und Elende, sondern bereitwillige Selbstaufgabe vor den Ansprüchen der Mächtigen.
gruß,
bb

So, und jetzt geh ich demonstrieren. Heute ist nämlich der selige Jahrestag der Amtseinführung unserer Regierung, deren milliardenschwerer Yuppie-Finanzminister erklärt hat: „Zu reden haben sowieso nur die, die Geld haben!“

Gruß
Thomas

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Hallo,

zur Definition,ich denke,der Unetrschied wird durch das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Liebe deutlich.
Selbstbehauptung ergibt sich aus einer liebevollen Haltung.Wenn ich liebevoll bin,muss ich das zunächst einmal auch zu mir selber sein.Da nehme ich dann mal in Kauf,das Andere drunter leiden.Manchmal verzichte ich aber auch bewußt drauf,mich zu behaupten,wenn ich den Anderen liebe oder ich spüre,daß das für das Ganze besser ist.Denn Liebe macht keine Grenzen,da schade ich mir,wenn ich anderen schade.Aber das ist ein eigenes Thema.
Egoismus entsteht aus einer btrennenden Haltung,ich und die Anderen,und aus der Entscheidung,daß ich mir grundsätzlich wichtiger bin.Hier ist keine Liebe mit im Spiel.
Das ist meine Meinung zu Deiner Eingangsfrage.
Gruß,Mina

Hallo Barbara

Gerade im Gespräch mit
Frauen und älteren Menschen stelle ich fest, dass sie
gnadenlos ausgebeutet werden. Die Mama wirds schon machen, die
Oma wirds schon machen. Die Frauen wagen nicht zu sagen, dass
sie das und jenes jetzt einfach nicht machen möchten, dass sie
auch einmal ihre Ruhe haben möchten, nein, sie lassen sich
immer wieder einspannen.

Ich rede im Prinzip gegen dasselbe Phänomen. Zu dem Klima der Solidarität gehört nämlich auch, daß man jedes unnötige Ausnutzen derselben als zutiefst unehrenhaft empfindet. Wenn das nicht gegeben ist, dann geht jede Bereitschaft zur Solidarität schnell flöten.

Dui ignorierst, wieviel Solidarität (ein Wort, das man in der
guten alten zeit nicht kannte) man heute findet, …
Solidarität, die von unbezahlten Freiwilligen leben? Siehst du
die Leute nicht, die in Deutschland solidarisch mit den
verprügelten, gehetzten farbigen Mitbürgern sind? Nicht die
Freiwilligen der Caritas? Von SOS Mitmensch?

Doch die sehe ich und trotzdem scheint es immer wieder bei weitem nicht zu reichen. Steigt denn das Elend, daß trotz Einsatz an jeder Ecke Freiwillige fehlen? Warum diese ganzen Aktionen für das Ehrenamt? Meiner Meinung nach fehlt es heutzutage an der früher üblichen „stillen“ Solidarität, so daß den offiziellen Hilfsorganisationen immer mehr aufgebürdet wird.

Aber ich glaube, gerade das ist es, was stört. Gewünscht wird
nämlich nicht uneigennützige Aufopferung für Schwache und
Elende, sondern bereitwillige Selbstaufgabe vor den Ansprüchen
der Mächtigen.

Aber nur von den Mächtigen, aber nicht von mir.

So, und jetzt geh ich demonstrieren. Heute ist nämlich der
selige Jahrestag der Amtseinführung unserer Regierung, deren
milliardenschwerer Yuppie-Finanzminister erklärt hat: „Zu
reden haben sowieso nur die, die Geld haben!“

Viel Spaß. Er hat zwar in der Praxis Recht, aber man sagt so etwas nur im Zusammenhang mit Ablehnung.

Viele Grüße
Thomas