Berlin, 09. April 2003
Sehr geehrte Damen und Herren,
bitte nehmen sich für diese Mitteilung einen kurzen Augenblick Zeit. Ich bin Schüler der 13. Klasse an der Rosa-Luxemburg-Oberschule Berlin und komme ursprünglich aus Reutlingen. Vor ein paar Tagen bin ich auf Bitte der Schulsekretärin hin mit einem ehemaligen Heimsheimer (Stuttgart) Zwangsarbeiter namens Alexej Kononow, 77 Jahre alt, und wohnhaft in der Nähe von Kursk (Russland), ins Gespräch gekommen. Auf die über ihn vom Schuldirektor zuvor an die Fachlehrer weitergeleiteten Informationen, hatte sich nur ein Geschichtslehrer zu einem Gespräch bereiterklärt. Herr Kononow hatte Vorträge zu seiner Lebensgeschichte angeboten.
Während seines Aufenthalts in Deutschland besuchte er mehrere Stationen seines Lebens in Deutschland.
In dem weiteren Gepräch, an dem auch der erwähnte Lehrer teilnahm, stellte sich heraus, dass Herr Kononow neben dem Halten von Vorträgen für Schüler gerne auch ein Buch über seine Erinnerungen schreiben würde. Nur sei er durch seine geschädigten Augen dazu nicht selbst in der Lage und sucht daher jemanden, der seine Geschichte festhält (der unten eingefügte Zeitungsartikel liefert ein wenig Informationen hierzu). Der Vorschlag, die Erinnerungen auf Tonband aufzuzeichnen und zuzuschicken schien ihm nicht zuzusagen. Er wünscht sich wohl einen direkten, persönlichen Kontakt.
Wichtig scheint ihm in erster Linie zu sein, dass seine Geschichte, die er selbst als sehr außergewöhnlich einschätzt, überhaupt festgehalten wird. Diese Intention ist glaube ich auch jede mögliche Hilfe wert. Eine Buchveröffentlichung wäre natürlich schön. Ich weiß aber nicht inwieweit dieser Wunsch realistisch ist.
Ich habe Herrn Kononow angeboten Kontakte / Personen zu suchen, die ihm vielleicht weiterhelfen können bzw. die überhaupt interessiert sind an einem Kontakt zu ihm.
Ich bedaure, derzeit nicht mehr tun zu können. Trotz alledem sehe ich mich auch als zweite Nachkriegsgeneration bzgl. dieser Thematik in einer Verantwortung, der ich mich nicht entziehen möchte. So möchte ich wenigstens hiermit einen minimalen Beitrag leisten.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie Herrn Kononow weiterhelfen könnten. Schon eine Weitersendung dieser Email wäre sehr freundlich und sicher hilfreich.
Leider habe ich nur kurz mit Herrn Kononow sprechen können und habe daher nur sehr wenig über seine Person und seine Geschichte erfahren können. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass diese Email Empfänger erreichen wird, die sich für Herrn Kononows Anliegen interessieren. Herr Kononow spricht deutsch.
Für weitere Fragen bzw. Mithilfe (EDV, Kontakte, etc.) stehe ich auch gerne selbst zur Verfügung, sollte sich beispielsweise eine Möglichkeit ergeben, dass Herr Kononow erneut nach Deutschland kommen und sein Anliegen umsetzen kann bzw. weitere Vorträge möglich sind.
Mit dem Zeitungsartikel möchte ich schliessen. Der Artikel wurde 1997 oder 1998 in der Leonberger Zeitung veröffentlicht.
von Barbara Bross
Eine Jugend als Zwangsarbeiter in Heimsheim
Geschichtsunterricht mit Zeitzeuge Alexej Kononow - Von der Zwangsarbeit ins sowjetische Straflager „wegen Hochverrats“
RENNINGEN - Etwa so alt wie seine Zuschauer war Alexej Kononow, als seine Jugend jäh endete: Der damals 15jährige wurde 1941 von der Wehrmacht gezwungen, als Zwangsarbeiter nach Deutschland zu fahren. Über sein Leben berichtete der 71jährige gestern am Renninger Gymnasium vor den Zehntkläßlern.
Was es bedeuten würde, in diesem Alter sein Zuhause, seine Heimat, die vertraute Sprache und vor allem die Familie zurückzulassen, dafür in der Fremde oft wie ein Stück Vieh behandelt zu werden - dieses Gefühl können sich die Schüler vielleicht vorstellen. Statt wie geplant die zehnklassige Schule zu besuchen, wurde der damals 15 jährige zusammen mit Hunderten anderer in einem Viehwaggon drei Tage lang ohne Essen und Trinken in ein Stuttgarter Lager gekarrt. Mit seinem „Herrn“, der ihn schließlich unter 250 Leuten auswählte, hatte Alexej Kononow Glück, denn dieser, so erinnert er sich, sei gut zu ihm gewesen. Bis nach dem Angriff der Franzosen auf Heimsheim im April 1945 lebte der sowjetische Junge in der Adolf-Hitler-Straße in der Heckengäu-Gemeinde und arbeitete in der Landwirtschaft der fünfköpfigen Familie.
Nach dem Krieg verließ Kononow Heimsheim und landete in einer Flakdivision der Amerikaner in Karlsruhe. Jeden Tag seien Dutzende von deutschen Kindern aufgetaucht, um nach Essen zu betteln. Doch der Befehl bei den Amerikanern habe gelautet, Essensreste sofort in einer Abfallgrube zu verbrennen. Nicht alle hielten sich daran, auch nicht Kononow.
Heiteres Gelächter erntete der 71jährige bei seinen Erzählungen über seine erste große Liebe, das „Frollein Erika“, deren damalige Adresse er noch heute im Kopf hat und mit der er eines schönen Festtages auf der Karlsruher Kirmes „Stoßmaschine“ (Boxauto) gefahren war. Doch der „bis über beide Ohren“ verliebte Russe sollte seine Erika nur zweimal sehen und aus dem kurzen Heimaturlaub nicht mehr zurückkehren. Er sah sein Dorf bei Kursk 1946 ebenso wieder wie seine Eltern, doch auf der versuchten Flucht zurück nach Deutschland wurde er gefangengenommen wegen „Hochverrats als amerikanischer Agent“ zum Tode verurteilt. Dank seines Begnadigungsgesuches wurde das Urteil umgewandelt in 25 Jahre Lager und anschließender Verbannung.
Im Lager bei Norilsk wurde der junge Mann zur Nummer E 426 und, nach einem mißlungenen Fluchtversuch, erneut zum Tode verurteilt. In letzter Sekunde erreichte den Steinbruch, so gerade die Soldaten ihre Gewehre auf ihn anlegten, ein Blitztelegramm, das ihn begnadigte - zu erneuten 25 Jahren Lagerhaft. Und so mußte der Lagerinsasse, der sein „Hundeleben“ eigentlich gar nicht weiterleben wollte, wieder zurück in seine Zelle. Nur dem Tod von Stalin 1953 und den darauffolgenden Aufständen im Lager ist zu verdanken, daß er nicht all die Jahre absitzen mußte und 1956 rehabilitiert wurde.
Alexej Kononow wurde Sportlehrer und Trainer, er heiratete und nannte seine erste Tochter „Erika“, was seine Frau, lacht er, veranlaßt habe, drei Monate nicht mit ihm zu sprechen. Obwohl er schon 1990 einmal in Deutschland war, hat Kononow seine erste Erika nie wiedergesehen. Nur das Grab seiner ersten großen Liebe hat er besuchen können. „Glück ist, wenn man im Augenblick leben kann“, gab er seinen jungen Zuhörern ebenso auf den Weg wie den Tip, sie sollten „lernen, lernen, lernen“. Die anwesenden Lehrer hörten’s mit Vergnügen.
Hier seine Adresse in lateinischer Schrift:
Rußland 307 176
Kurskaja oblatj
gorod Zceleznogorsk
ulica Druzcby 4-kwartira-77
Kononow A.E.
Geboren am 24.03.1926 in Milenino, Kurskgebiet
Telefon: 00707 148 388 38
Die Adresse in kyrillischer Schrift im .gif-Format sende ich auf Anfrage gerne umgehend zu.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Mit freundlichen Grüßen
Helge Kraak
Helge Kraak
Wiesenstr. 3
13357 Berlin (Wedding)
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