Schon mal mit Vorlesen versucht?
Hallo Kim –
interessantes Problem; ich dachte auch lange Zeit, KGs seien eigentlich leichter an die/den Leseunwillige/n zu bringen als Romane, hatte mich aber damals offenbar getäuscht.
Gegen Nichtargumente wie „blöd, weil dumm“ kannst Du m.E. mit keinem Text der Welt angehen, weil sich auch hinter geöffneten Augen allzu oft ein verschlossenes Gehirn verbirgt. Also suchst Du offenbar Geschichten, die erstmal überhaupt zum Lesen einladen (es gibt ja auch Texte, die erarbeitet werden wollen und offenbar für Leseroutinierte verfaßt wurden – wäre hier die falsche Wahl). Ein anderes Auswahlkriterium wirst Du kaum nehmen können, da Lesevorlieben bei Jugendlichen meiner Erfahrung nach völlig unberechenbar sind (und zwar im Positiven wie im Negativen).
Ansonsten sei Dir zur allgemeinen Ermutigung Pennacs „Wie ein Roman“ empfohlen. Er berichtet darin u.a., in einer völlig gelangweilten Berufsschulklasse durch das Vorlesen von „Das Parfüm“ die Begeisterung am Lesen geweckt zu haben. Der Bericht läßt auch nachdenken über die Art und Weise, wie in Schulen oft Literatur, die den Schülern vielleicht sogar gefallen würde, durch falsche ‚Anmoderation‘ verunlustet wird. Und es ist eine Werbung für das Vorlesen: immerhin wirken gerade Kurzgeschichten oft stärker in einem guten mündlichen Vortrag. Hast Du das schon probiert bzw. ist das in Deinem Kontext möglich?
Dann hätte ich ein paar KGs/Erzählungen/Romananfänge für Dich, die herrliche, weit offene Einladungstüren in die Welt des Lesens darstellen (man verzeihe mir meine deutliche Vorliebe für gute Phantastik).
Heute fallen mir spontan ein:
Borchert: Nachts schlafen die Ratten doch (war schon eine sehr gute Empfehlung)
Aichinger: Die Spiegelgeschichte
Steinbeck: Die Perle
Stevenson: Der Flaschenteufel
Bradbury: Die schreckliche Feuersbrunst drüben im Landhaus
Calvino: Der Name, die Nase
London: Der Wille zum Leben
In der Vorweihnachtszeit zum Vorlesen perfekt: Terry Pratchett, Die Weihnachtsfestplatte (in: Schöne Bescherung)
Ursula K-. LeGuin, Die Sterne unten oder Ein Kasten voller Dunkelheit (in: Die 12 Striche der Windrose)
Tad Williams, Die Insel des Magiers (basiert frei auf Shakespeares „Der Sturm“)
Terry Pratchett, Nur du kannst die Menschheit retten (zugleich das einzige mir bekannte gute Jugendbuch zum Thema Computerspiele)
Jack Vance, Die Mondmotte (in diversen Anthologien des Autors)
Stanislaw Lem, Die Jagd & Die Patrouille (die Pirx-Geschichten faszinierten mich erstmals, als ich 13 war)
Shirley Jackson, Die Lotterie
Für etwas Jüngere – Kiplings „Genau-So-Geschichten“
Poe mag ich nur bedingt empfehlen, da er – natürlich auch je nach Übersetzung – doch einen eher unzugänglichen Stil hat. Wenn’sschaurig sein soll/darf, empfehle ich eher Lovecrafts „Der Außenseiter“ und besonders Blackwoods „Der Wendigo“.
Mag sein, dass mir morgen anderes einfällt…
Gruß,
Pengoblin