Hallo Muriel
meine Tochter möchte gerne 1 Jahr im Ausland verbringen.
Super! Es gibt Weniges, was einen jungen Menschen so bildet und auf seine eigenen Füsse stellt, wie ein Auslandjahr.
Nun
stellt sich die Frage, ob es besser ist ein Jahr noch während
der Schulzeit ( auf einer Schule im Ausland ) zu verbringen,
oder nach dem Abi ein Jahr als Aupair zu gehen, oder während
der Studienzeit ein Jahr im Ausland auf einer Uni zu
verbringen. Wer hat Erfahrungen oder kann mir Infos geben ?
Was besser ist, müsst ihr, bzw. muss Deine Tochter selbst herausfinden: je nachdem was das Ziel ist, ist entweder das eine oder das andere eher zu empfehlen.
Das Jahr während der Schulzeit ist grossartig, wenn es darum geht, in einem (meist) behüteten Umfeld einen neuen Teil der Welt zu sehen. Dafür braucht es meines Wissens eine Organisation und je nachdem werden die Schüler damit an mehr oder weniger kurzer Leine gehalten. Meistens sind die Auslandschüler dann ja in Familien untergebracht. Je nach Organisation mag es auch so organisiert sein, dass die Familien in regelmässigen Abständen (z.B. nach 3-4 Monaten) gewechselt werden. Der Auslandschüler ist meist relativ streng beaufsichtigt - das ist meist abhängig von Organisation und Gastfamilie. Ich würde ein Auslandjahr während der Schulzeit nur empfehlen, wenn der Schüler im Allgemeinen gute bis sehr gute Noten schreibt (in möglichst allen Fächern). Die Erfahrung, die ich mit Auslandaufenthalten meiner eigenen Schüler gemacht habe, ist die, dass das Fächerangebot nicht überall so gut und vorallem breit ist wie in der Schweiz oder in Deutschland. Wenn der Schüler sowieso keine Probleme in der Schule hat, kann er die möglichen, durch den Aufenthalt entstehenden schulischen Defizite viel leichter wieder ausgleichen. Falls der Schüler diszipliniert genug ist, kann ihm allenfalls auch Material zugeschickt werden. Ein anderes Problem ist das Alter. Da die Schüler oft noch nicht 18 oder in gewissen Ländern 21 Jahre alt sind und die Schule besuchen müssen, werden sie dementsprechend beaufsichtigt, und manchmal bevormundet und eingeschränkt. Dinge, die zuhause selbstverständlich oder möglich waren wie in den Ausgang gehen, rauchen, Alkohol kaufen und konsumieren, gewisse Verträge abschliessen, o.Ä. sind plötzlich nicht mehr möglich. Damit können manche Austausschüler plötzlich Probleme haben.
Bei Au-Pair ist es eigentlich dasselbe, manchmal wird auch eine Schule besucht. Selbst wenn schon Volljährigkeit besteht, wird man oft beaufsichtigt oder bevormundet. Wer damit umgehen kann und auf eine Familie trifft mit der er sich gut versteht, wird ein unvergessliches Jahr erleben. Weiter kommt es natürlich immer sehr auf das gewählte Land und die eigenen, sowie die fremden Gepflogenheiten an ob das Erlebnis als stärkend und positiv empfunden wird.
Geht man während der Studienzeit ins Ausland profitiert in gewissen Bereichen auf eine andere Weise: man ist weniger gebunden, wird oft schon als erwachsen (oder so etwas ähnliches) betrachtet und ist freier bei der Wahl der Unterkunft. Gerade das kann für viele aber auch ein grosses Problem bedeuten, weil sie mit der neuen Freiheit und Fremde nicht umgehen können. Nun hat man sich mühevoll endlich durch die Pubertät geschleppt und sich mit den lokalen Gegebenheiten abgefunden und nun wird man schon wieder in einen neuen, unbekannten Raum geschleudert, den man (noch) nicht richtig versteht. Der Aufenthalt behindert oder blockiert sogar die Studien, das neue Bologna-System hält ganz und gar nicht, was es verspricht (das wird es auch nie, aber das ist ein anderes Thema). Weil man schon älter ist, findet man vielleicht auch weniger leicht Anschluss, hat dafür die Möglichkeit sich freier zu bewegen. Ausserdem hat man (je nach Land und Aufenthaltsbewilligung) sogar die Möglichkeit zu arbeiten - und zwar eine Arbeit, die man sich, im Idealfall, selbst gesucht hat - im Gegensatz zum Au-Pairaufenthalt.
Du siehst, jedes Angebot hat ihre positiven, wie auch ihre negativen Seiten. Es liegt an jedem Einzelnen kritisch zu prüfen wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, ins Ungewisse zu reisen. Das einzig Sichere dabei ist nur, dass jeder längere Aufenthalt im Ausland in jedem Fall ein unvergessliches Erlebnis sein wird und meist erheblich zur Reife eines Menschen beiträgt.
Für mich persönlich war ein 12-monatiger Aufenthalt während der Studienzeit genau das Richtige: ich hatte die nötige Freiheit, konnte mich ungehemmt bewegen und war auch keiner Familie verantwortlich, da ich im Studentenheim und in Wohngemeinschaften wohnte. Für mich war das absolut ideal, das mag aber ganz und gar nicht für jeden stimmen.
Falls Du noch weitere Fragen hast, zögere bitte nicht, nochmal nachzufragen.
Gruss,
Semiramis