Ein Tag in Marseille

Hallo Frankreischkenner,

was sollte man sich ebendort denn ansehen, wenn man nur einen Tag, wenig Geld und einen Tag mit Sommerhitze hat?
Die Infos im Netz sind sehr umfangreich, aber durch sehe ich dennoch nicht, was sich lohnt und was Touristenfolklore ist.

Strubbel dankt schonmal

+:open_mouth:)

Servus,

gehe nicht über die Canebière, das wird leicht enttäuschend.

Ein Fabio-Montale-Gedächtnisgang ausführlich durch den Panier (etwa zwischen rue Caisserie und rue de Trigance); ein Besuch am Vieux Port (ja, da ist immer noch wohl sein und der Pastis ist nicht so teuer, wie man an der Stelle vermutete); ein Aufstieg zu Notre Dame de la Garde (die Kirche selber ist hässlich, aber sie hat eine Aussichtsplattform mit wundervollem Blick) und, wenn man mal südlich des Vieux Port ist, auch noch den Bogen zum le Pharo - Garten (Blick über die Häfen).

Am Spätnachmittag, wenn die Sonne nicht mehr so brüllt, ein Abstecher nach l’Estaque (leicht mit der Bahn zu erreichen, auch Bus 35 und 36). Dort auch zum z.B. Doradenessen, l’Estaque ist zwar schon bissel touristisch ausgerichtet, aber für allem für Tagestouristen aus Marseille-Centre, Marke „Familiensonntag“.

Für die Calangues ist ein Tag zu wenig, da geht zu viel mit Fußwegen drauf.

Schöne Grüße

MM

einspruch!

moin,

ich gebe dir recht zum thema vieux port, aber da muss man in der laune sein, sich unter die leute zu mischen und alk ( viel ) zu trinken…

sonst kann ich marseille nix abgewinnen… ich wuerde mich per bahn oder bus nach nimes begeben, um da am pont du gard nen guten roten zu ziehen, oder bissi weiter nach aigues-mortes fahren.
das ist zwar auch touristenverseucht, aber das sollte man mal gesehen haben…

gruss
kuddel

Servus,

gehe nicht über die Canebière, das wird leicht enttäuschend.

Ein Fabio-Montale-Gedächtnisgang ausführlich durch den Panier
(etwa zwischen rue Caisserie und rue de Trigance); ein Besuch
am Vieux Port (ja, da ist immer noch wohl sein und der Pastis
ist nicht so teuer, wie man an der Stelle vermutete); ein
Aufstieg zu Notre Dame de la Garde (die Kirche selber ist
hässlich, aber sie hat eine Aussichtsplattform mit
wundervollem Blick) und, wenn man mal südlich des Vieux Port
ist, auch noch den Bogen zum le Pharo - Garten (Blick über die
Häfen).

Am Spätnachmittag, wenn die Sonne nicht mehr so brüllt, ein
Abstecher nach l’Estaque (leicht mit der Bahn zu erreichen,
auch Bus 35 und 36). Dort auch zum z.B. Doradenessen,
l’Estaque ist zwar schon bissel touristisch ausgerichtet, aber
für allem für Tagestouristen aus Marseille-Centre, Marke
„Familiensonntag“.

Für die Calangues ist ein Tag zu wenig, da geht zu viel mit
Fußwegen drauf.

Schöne Grüße

MM

Hallo,

das ist zwar auch touristenverseucht,

Und man selbst ist keiner?

aber das sollte man mal
gesehen haben…

Das stimmt.

Gruß
Elke

Moin Kuddel,

ich täte nicht eines alternativ zum anderen ansehen, sondern die beiden Orte als zwei ganz verschiedene, mit ganz verschiedenen Eigenschaften.

Dass mich persönlich Massilia nicht weniger begeistert hat als Nîmes, hat sehr subjektive Motive. U.a. dieses, dass ich die Fabio-Montale-Trilogie von Izzo gelesen habe, ganz kurz nachdem ich Marseille das erste Mal begegnet war. Diese Begegnung schloss u.a. ein, dass ich, der ich vorher nie Stäbchen in der Hand gehabt habe, bei einem hervorragend guten Viet in einer der oberen Seitengassen der Canebière gezwungenermaßen diese irgendwie handhaben musste, weil es in dem kleinen Lokal trotz engagierter Suche keine einzige Gabel gab, die man mir hätte geben können. Drei Tische weiter im Eck saß ein ungefähr hundertfünfzigjähriger Laotse, Vollglatze und drei fünfzig Zentimeter lange Barthaare, fast nur noch Augen, Kopf und Hände, der bei dem Anblick meiner Bemühungen in ein herzliches, lautes Gelächer ausgebrochen ist, fern jeder Schadenfreude, das die Peinlichkeit der Situation gar schön auflöste.

Und dann gabs noch die Szene am unteren Rand des Panier, war wohl rue Thubaneau, wo morgens um Sieben sämtliche Filles de Joie auf der Gasse am Palavern, Wäschemachen, verlorene späte Heimkehrer Aufreißen etc. waren, wie in den besten Zeiten der Canebière: Und auf einen Pfiff unbestimmter Herkunft war die Gasse innerhalb fünf Sekunden wie leergefegt.

Und außer dem Fabio Montale - Mythos noch die freundliche Erinnerung an den Panier als ein nur bedingt regierbares Viertel, dessen Lebensprinzip der Anarchie die deutschen Besatzer nur damit begegnen konnten, dass sie den ganzen Kiez abschnittweise in die Luft jagen wollten - zum Glück hats nur für die unteren Zeilen gereicht.

In jugendlicher Romantik war ich natürlich auch empfänglich für die Werbeplakate der Legion - das Werbebüro in Strasbourg ist wohl schon länger geschlossen, das in Massilia erfreut sich weiterhin einigen Zuspruches.

Und der Ausflug nach l’Estaque war mit einiger Verzögerung verbunden, weil streikende Arbeiter irgendeiner Fabrik den Eisenbahnverkehr durch Besetzung der Strecke blockierten - keine große Kunst, wenn die SNCF der Gegend fest in den Händen der CFDT ist, die in dieser Gegend bemüht ist, ihre Ehre gegenüber der FO zu verteidigen…

Bref: Der Charme von Marseille ist anders als der von Nîmes. Marseille ist (unter anderem) ein Hort der Gescheiterten, der Erfolglosen, der Débrouillards. Der staatenlosen Schauerleute, der für den Bau eines nie realisierten gigantischen Gashafens angeworbenen Algerier, Senegalesen, Marokkaner etc. - ein Ort, an dem das „Wir haben uns nicht, wir werden erst“ von Ernst Bloch haptisch greifbar wird. Ein Ort, wo in den Barres HLM die letzten Alten davon berichten, wie sich in Toulon die Reste der französischen Flotte unter dem Feuer der Wehrmacht versenkt haben, um nicht in die Hände der Nazis zu fallen; wo die Frage der französisch-italienischen Grenzziehung von der ehrenwerten Famiglia auf ihre Weise gelöst wird; wo jeden Sommer die Canadairs ruhmreiche Stunden erleben, wenn wieder irgendein Grundstücksspekulant die Macchia hat anzünden lassen; wo kein Flic klarkommt, wenn er nicht „wen kennt“ etc. etc.

Ich finde, die Schlußszene von „Theo gegen den Rest der Welt“ hätte genausogut und fast besser als in Genua in Massilia gedreht werden können.

In diesem Sinne -

MM

Hallo,

sonst kann ich marseille nix abgewinnen…

Ich auch nicht. Fahre jedes Jahr mehrmals dran vorbei ohne auch nur einen Hauch von Lust auf einen Stop zu verspüren, und das trotz Konsum aller Izzos.

ich wuerde mich per bahn oder bus nach nimes begeben, um da am pont du gard nen
guten roten zu ziehen, oder bissi weiter nach aigues-mortes
fahren.

Gefragt war ja, was man in Marseille unternehmen kann. Neben den von Martin genannten Zielen würde ich da auf jeden Fall noch einen Bummel durch das Viertel um die Porte d’Aix empfehlen, um ein wenig nordafrikanisches Flair zu schnuppern - und um eine Vorstellung von den soziokulturellen Gegensätzen des Landes zu bekommen.

Gruß
Rainer

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