Moin Kuddel,
ich täte nicht eines alternativ zum anderen ansehen, sondern die beiden Orte als zwei ganz verschiedene, mit ganz verschiedenen Eigenschaften.
Dass mich persönlich Massilia nicht weniger begeistert hat als Nîmes, hat sehr subjektive Motive. U.a. dieses, dass ich die Fabio-Montale-Trilogie von Izzo gelesen habe, ganz kurz nachdem ich Marseille das erste Mal begegnet war. Diese Begegnung schloss u.a. ein, dass ich, der ich vorher nie Stäbchen in der Hand gehabt habe, bei einem hervorragend guten Viet in einer der oberen Seitengassen der Canebière gezwungenermaßen diese irgendwie handhaben musste, weil es in dem kleinen Lokal trotz engagierter Suche keine einzige Gabel gab, die man mir hätte geben können. Drei Tische weiter im Eck saß ein ungefähr hundertfünfzigjähriger Laotse, Vollglatze und drei fünfzig Zentimeter lange Barthaare, fast nur noch Augen, Kopf und Hände, der bei dem Anblick meiner Bemühungen in ein herzliches, lautes Gelächer ausgebrochen ist, fern jeder Schadenfreude, das die Peinlichkeit der Situation gar schön auflöste.
Und dann gabs noch die Szene am unteren Rand des Panier, war wohl rue Thubaneau, wo morgens um Sieben sämtliche Filles de Joie auf der Gasse am Palavern, Wäschemachen, verlorene späte Heimkehrer Aufreißen etc. waren, wie in den besten Zeiten der Canebière: Und auf einen Pfiff unbestimmter Herkunft war die Gasse innerhalb fünf Sekunden wie leergefegt.
Und außer dem Fabio Montale - Mythos noch die freundliche Erinnerung an den Panier als ein nur bedingt regierbares Viertel, dessen Lebensprinzip der Anarchie die deutschen Besatzer nur damit begegnen konnten, dass sie den ganzen Kiez abschnittweise in die Luft jagen wollten - zum Glück hats nur für die unteren Zeilen gereicht.
In jugendlicher Romantik war ich natürlich auch empfänglich für die Werbeplakate der Legion - das Werbebüro in Strasbourg ist wohl schon länger geschlossen, das in Massilia erfreut sich weiterhin einigen Zuspruches.
Und der Ausflug nach l’Estaque war mit einiger Verzögerung verbunden, weil streikende Arbeiter irgendeiner Fabrik den Eisenbahnverkehr durch Besetzung der Strecke blockierten - keine große Kunst, wenn die SNCF der Gegend fest in den Händen der CFDT ist, die in dieser Gegend bemüht ist, ihre Ehre gegenüber der FO zu verteidigen…
Bref: Der Charme von Marseille ist anders als der von Nîmes. Marseille ist (unter anderem) ein Hort der Gescheiterten, der Erfolglosen, der Débrouillards. Der staatenlosen Schauerleute, der für den Bau eines nie realisierten gigantischen Gashafens angeworbenen Algerier, Senegalesen, Marokkaner etc. - ein Ort, an dem das „Wir haben uns nicht, wir werden erst“ von Ernst Bloch haptisch greifbar wird. Ein Ort, wo in den Barres HLM die letzten Alten davon berichten, wie sich in Toulon die Reste der französischen Flotte unter dem Feuer der Wehrmacht versenkt haben, um nicht in die Hände der Nazis zu fallen; wo die Frage der französisch-italienischen Grenzziehung von der ehrenwerten Famiglia auf ihre Weise gelöst wird; wo jeden Sommer die Canadairs ruhmreiche Stunden erleben, wenn wieder irgendein Grundstücksspekulant die Macchia hat anzünden lassen; wo kein Flic klarkommt, wenn er nicht „wen kennt“ etc. etc.
Ich finde, die Schlußszene von „Theo gegen den Rest der Welt“ hätte genausogut und fast besser als in Genua in Massilia gedreht werden können.
In diesem Sinne -
MM