Ich habe Frage zu „Ein Tisch ist ein Tisch“ von Peter Bichsel. Hier, „Bestimmt war er einmal ein Kind, aber das war zu einer Zeit, wo die Kinder wie Erwachsene angezogen waren. Man sieht sie so im Fotoalbum der Großmutter“, kann ich nicht gut verstehen. Ich glaube, dass Ihr mir helfen können.
Hallo Ming,
gehe ich recht in der Annahme, dass Deutsch nicht Deine Muttersprache ist?
Peter Bichsels Sprache weisst in Ihrer Reduzierung einige Eigenheiten auf, das
liegt auch daran, dass er aus der Schweiz kommt. Seine Sprache wirkt deshalb
auch auf Deutsche oft etwas seltsam, wenngleich sie aber auch sehr schön ist.
"Bestimmt war er einmal ein Kind, aber das war zu einer
Zeit, wo die Kinder wie Erwachsene angezogen waren.
—> Das „wo“ ist temporär und bezieht sich auf Zeit, umgangssprachlich oder in
süddeutschen Dialekten so verwandt. Ist streng genommen grammatikalisch falsch.
Man sieht sie so im Fotoalbum der Großmutter"
----> Im Fotoalbum sieht man sowohl die vergangene Zeit als auch die Kinder von
damals. Eine lyrische Doppeldeutigkeit, die typisch für Peter Bichsel ist und
den Reiz seiner Texte ausmacht.
Bichsel benützt in seinen Werken das deutschschweizerische Standarddeutsch und
manchmal dialektale Wendungen, was er ALS SCHRIFTSTELLER natürlich darf:
„… Bestimmt war er einmal ein Kind, aber das war zu einer Zeit, wo die Kinder
wie Erwachsene angezogen waren. …“
Im täglichen Gebrauch sollte die dialektale Version ‚zu einer Zeit, wo‘ nicht
verwendet werden. Dennoch begegnet man ihr in der Schweiz häufig.
Die NZZ (Schweiz) setzt auf den Standard: „… Das 1664 erbaute Haus steht heute
im Schatten des Uni-Hauptgebäudes, war allerdings der Zürcher Treffpunkt der
Bohème zu einer Zeit, in der lange Perücken …“
Auch in Deutschland kam dieses ‚wo‘ übrigens vor – im 19. Jahrhundert:
Wieland: „… zu einer Zeit, wo ein Mann von so ruhigem Blick und gesundem
Urtheil …“
Dalin in der Vorrede zum ersten Teil seiner ‚Geschichte des Reichs Schweden‘:
„… Doch zu einer Zeit, wo Räuberey und Gewaltthätigkeit zur See und zu Lande
für Tapferkeit und Tugend gehalten ward, konnte unter den verschiedenen
Anführern …“