Hallo zusammen,
wer von Euch würde diesen Roman weiter lesen wollen?
Wer will kritisieren, anregen, loben, …?
Und wer ermittelt das Jahr, in dem die Geschichte spielt?
Ich bin gespannt.
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Die Klinge war jetzt scharf genug.
Atbamo legte den Stein, mit dem er sie lange und ausgiebig gewetzt hatte, zurück auf die Reste der halb verfallenen Mauer und fuhr ein letztes Mal mit dem Daumen prüfend über die Schneide.
„Glotz mich nicht so an, ich muss das tun!“ Die Eidechse zuckte zurück in die Sicherheit der Spalten und Hohlräume, als ob sie Punisch verstünde.
Nun starrte ihn das schwarze Loch an, in dem sie verschwunden war. Atbamo drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken gegen das warme Gestein.
Der glühenden Hitze des Tages war am Nachmittag eine zunehmend drückende Schwüle gefolgt. Jetzt kam erfrischender Wind auf, der die Olivenbäume veranlasste, sich sanft zu wiegen, als ob sie sehnsüchtig nach mehr verlangten.
Atbamo zwang sich zu einem ruhigen, gleichmäßigen Atem, aber sein Herzschlag wurde schneller. Er hatte Angst, aber noch mehr Angst hatte er davor, einen Tag zu vergeuden. Es musste einfach klappen! Und wenn er wirklich nach Syrakus hinein kam, fingen dort die Schwierigkeiten erst richtig an. Seine Hand umkrampfte das Messer.
Wieder sah er über die Mauer, wie schon so oft an diesem Tag. Der Anblick jenseits der glitzernden Wasserfläche war Atem beraubend schön.
Die Nachmittagssonne vergoldete gleichermaßen die Paläste und die Tempel, die Bürgerhäuser und die Lagerhallen, die Anlegestellen des Großen Hafens mit ihren Booten und Schiffen und die Befestigungsanlagen der prächtigen Stadt.
Winzige Gestalten bewegten sich zwischen Tausenden von Häusern, auf den Piers und auf den Zinnen der Schutz verheißenden Mauern. Hoch und Niedrig, Arm und Reich, Mächtiger oder Sklave – von hier aus gab es keinen Unterschied, alles erschien gleich schön und fern in diesem Licht. Und saß gleichermaßen in der Falle.
Rechter Hand, im Nordosten, erhob sich die mächtige Festung des Kap Plemmyrion, das eine Ende einer Umarmung, welche von Westen her die Bucht und den Großen Hafen von Syrakus umschloss. Als zweiter Arm ragte gegenüber des Kaps die Halbinsel Ortygia ins Meer, eine große Landzunge, deren Mauern den alten Kern von Syrakus bargen.
Eine gewaltige Kette aus Stahl verband Plemmyrion und Ortygia. Sie riegelte die ganze Bucht und damit auch den Hafen ab und bot Schutz vor den römischen Kriegsschiffen. Atbamo erkannte einige der großen Bojen, auf denen dieses Ungetüm ruhte, ruhen musste, um die mächtigen Winden nicht ins Meer zu reißen, die es zähmten.
Weiter links warteten die Fieber verseuchten Sümpfe des Anapo auf angreifende Heere, die sie schon oft verschlungen hatten, dahinter erhoben sich die Mauern der Südstadt.
So sicher die Bewohner sich auch wähnen mochten - ihre Situation war aussichtslos.
Die Festungsanlage von Plemmyrion war halbkreisförmig abgeriegelt von Gräben und Wällen der römischen Belagerer.
Jenseits der Sümpfe wurde die ganze Stadt auf diese Art eingeschlossen.
Atbamo konnnte die Zahl der Feinde schlecht schätzen, aber die Kohortenlager reihten sich in die Wälle wie Perlen auf eine Kette, und wenn sie wirklich alle voll besetzt waren, dann hatten Praetor Marcus Claudius Marcellus und Konsul Appius Claudius Pulcher hier mindestens vier Legionen zusammen gezogen.
Trotzdem hatte Rom immer noch genug Truppen auf Sizilien, um die Heere des Karthagers Himilko und des Syrakusers Hippokrates weit draußen auf dem Land in Schach zu halten und an einem Durchbruch zur Befreiung der Stadt zu hindern - falls sie dies überhaupt versuchen sollten.
Es herrschte bei diesen beiden Heerführern jedoch der Eindruck, die Stadt könne sich sehr wohl noch einige Zeit alleine behelfen. Also ergriffen sie gerne die Gelegenheit, Beute für ihre Söldner zu machen, wobei sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbanden: was sie selbst in Brand setzten und den einheimischen Sikelern raubten, konnten die Römer nicht mehr für sich verwenden.
Diese Taktik war ebenso dumm wie feige. Atbamo überblickte die Lage von seinem Standort aus recht gut. Die Stadt brauchte schnellstens wirksame Hilfe direkt vor Ort! Nun war er gezwungen worden, in diese Falle einzudringen. So wichtig sein Auftrag in Karthago auch eingestuft worden war, er glaubte nicht, dass er diese Bedrohung beseitigen konnte.
Er drehte sich um.
Auf den Fersen hockend, blickte er durch die Oliven- und Feigenbäume auf das Bauernhaus fünfzig Schritt vor sich. Den ganzen Tag über hatte er in dem geplünderten und verwüsteten Gebäude voll Ungeduld Schutz gefunden vor der glühenden Sonne. Und vor neugierigen Blicken.
Inmitten einer zerbrochenen Holzumzäunung, wo einst meckernde Ziegen und gackernde Hühner den Lebensunterhalt sicherten, huschten Eidechsen über das Gelände, als suchten sie nach den Besitzern, um sich über die Grabesstille zu beschweren.
Dabei waren deren Überreste von ihnen längst aufgefressen worden. Vor dem Haus lagen die von verrottenden Kleidungsfetzen umwehten Skelette eines Mannes und einer Frau, Schädel und Gliedmaßen zerschmettert von Schwert und Axt.
Über den Tod hinaus hatte es das Paar geschafft, den Römern eine lange Nase zu drehen, das musste Atbamo anerkennen. Der Brunnen inmitten der Ummauerung schien versiegt zu sein, aber er hatte sich auf seine Informationen verlassen und war in den Schacht hinunter geklettert, bis zum trockenen Grund. Er räumte die Steine beiseite und fand darunter quer verkeilte Bretter. Unter diesem doppelten Boden hatte er entzückt das Plätschern von Wasser vernommen, eine Öffnung freigelegt und das erfrischende Nass in seine Lederflasche gefüllt.
Noch während er dies tat, war er sicher, dass sich nach dem Krieg jemand finden würde, der aus diesem Stück Land und dem Hof wieder etwas machte.
Er fühlte kein Mitleid mit den beiden Toten, und er war nicht so sentimental, Vergeltung für sie üben zu wollen; trotzdem genoss er mit Genugtuung den Gedanken daran, dass jetzt auf gewisse Weise die Zeit der Rache für sie gekommen war.
Eine Rache, die er vollziehen würde.
Es war unumgänglich, die beiden römischen Wachsoldaten zu töten, denn sie versperrten den einzigen Weg, der ihn schnellstens in die Stadt bringen konnte.
Sie standen knapp fünfhundert Schritt entfernt zwischen ihm und dem Ufer und beobachteten ihren Abschnitt, eine Strecke zwischen den römischen Wällen und den Sümpfen, die ihm die einzige Möglichkeit zu bieten schien, gesund und auch von den Syrakusern unbemerkt die Stadt zu erreichen.
Ihre ganze Aufmerksamkeit galt der Stadt und der Bucht, um die Flucht von Schwimmern aus der belagerten Stadt zu verhindern, die sich dem Blick der weiter draußen patrouillierenden Kriegsschiffe entzogen.
Zwölf davon zählte Atbamo, und es gab noch weitere auf der anderen Seite der Ortygia, vor dem Kleinen Hafen, den die Syrakuser den „Lakkios“ nannten, den Tümpel, das Loch.
Hinzu kamen die Schiffe in zwei provisorischen Häfen nördlich und südlich der Stadt, die fast aus den Nähten platzten, so dicht drängte sich hier Rumpf an Rumpf. Die Römer hatten ganze Arbeit geleistet und Überraschungen vorgebeugt.
Die verlockende Idee, ohne Feindkontakt erst in finsterster Nacht zur Stadt zu schwimmen, hatte er rasch verworfen. Er hätte dann gegen den Sog der Ebbe ankämpfen müssen, und man hatte ihn in Karthago vor gefährlichen Strömungen direkt vor der Bucht gewarnt. Zu groß war die Gefahr, die Orientierung zu verlieren und zum Fraß der Haie zu werden.
Auch wollte er nicht mehr länger warten, da er befürchtete, damit die Götter herauszufordern. Die Oliven- und Feigenbäume zwischen Mauer und Haus trugen zwar Spuren stümperhafter Plünderung, aber noch konnten einige Früchte an den Bäumen Soldaten aus dem nahen Lager anlocken.
Da war es für ihn wirklich das kleinere Risiko, jetzt die beiden Posten zu töten.
Danach würde er längere Strecken tauchen müssen, zumindest zu Beginn. Weiter draußen musste er den Schutz der Bojen und der Kettenglieder suchen, den er benötigte, um auch von den Wachen auf den Zinnen von Plemmyrion und Ortygia nicht gesehen zu werden. Wahrscheinlich würde er im Wasser abwarten und sich erst dann in den Hafen schleichen, wenn die Dunkelheit herein gebrochen war.
Er hatte das Spiel der Gezeiten genau beobachtet. Der Zeitpunkt war da. Jetzt!
Einen letzten Blick warf Atbamo auf das Haus. Sie würden nicht entdecken, was er dort verborgen hatte, auch wenn sie sich die Mühe machten, seinen Spuren zu folgen. Er hoffte nur, dass er selbst wieder hierher zurück kehren konnte.
Die letzten Reste an hartem Fladenbrot hatte er verzehrt, das Wasser getrunken - er war bereit.
Er tastete nach seinem Gürtel, der den farblosen, grob leinernen Khiton des sikelischen Bauern zusammen hielt. Dort stak sein Messer, gleich neben der stumpfnasigen Zange. Auf keinen Fall würde er auf seine Trophäen verzichten, soviel Zeit musste sein.
Etwas beruhigter, glitt er mit der Behendigkeit eines Reptils über die Mauer, und als er zwischen die Bäume, Sträucher und Felsen eintauchte, jede Deckung ausnutzend, verursachte er nicht das geringste Geräusch. Nicht umsonst wurde er Atbamo genannt – die Schlange.
„Was meinst du, Lukius – ob man uns heute pünktlich ablöst?“ Tullius sah über die Dünung hinüber zu den beiden Biremen, die gerade ihren Posten verließen, da ihre Zeit um war. Die anderen, die vor dem Kap Plemmyrion trieben, hielten Position.
„Sie geben wieder Lichtzeichen von Schiff zu Schiff!“, rief Lukius und deutete aufgeregt mit dem Speer hinaus auf See. „Vielleicht haben die Syrakuser etwas vor.“
„Klar“, spottete Tullius, „dieser sagenhafte Archimedes hat neue Katapulte gebaut und wirft ganze Tempel auf uns.“ Lukius war dumm, er würde nie verstehen, was die Lichtzeichen bedeuteten. Die beiden Zweiruderer meldeten sich lediglich gerade vom Führungsschiff ab.
„Spotte nicht!“
Lukius war plötzlich wütend auf den überheblichen Kameraden.
„Archimedes ist mit bösen Geistern im Bunde. Wenn ich daran denke, wie unser Angriff auf den Hafen verlaufen ist – elf Schiffe hat uns das gekostet, und kein einziges kam auch nur in die Nähe der Absperrkette! Hast du es damals für möglich gehalten, dass man Felsen dieser Größe so weit schleudern kann? Und dank der Steinbrüche mitten in der Stadt haben sie davon mehr als genug! Dann auch noch diese riesigen Greifarme, mit denen unsere Schiffe in die Höhe gezogen wurden wie schlachtreife Kaninchen an ihren Hinterläufen! Ich sage dir, es war schon viel zu lange ruhig – da braut sich etwas zusammen.“
„Das ist schon möglich, aber es muss ja nicht gerade heute sein. Außerdem haben wir es den Burschen ganz schön heimgezahlt, als sie den Ausbruchsversuch mit der Flotte gemacht haben, oder? Ich sage dir, die haben keine drei Kriegsschiffe mehr in beiden Häfen! Raus können sie nicht, und Katapulte kann man nicht essen.
Außerdem - was die Ballisten angeht, da zieht unser Avidius wohl gerade gleich und weit darüber hinaus! Ich habe noch nie größere Geschütze gesehen als diese drei im Hauptlager.“
Tullius war gut gelaunt, er hatte vor Wachantritt beim Würfeln gutes Geld gewonnen. Er klimperte mit seiner Börse. „Sollen wir heute Abend noch dort hin gehen, die Dinger besichtigen und den Mädchen unsere eigenen Geschütze vorführen?“
Lukius wandte sich ab. Er war noch sehr jung. Tullius sollte nicht sehen, dass er errötete.
Wieder erklang das provozierende Klimpern der Münzen, diesmal lauter und unregelmäßiger. „Lieber nicht, Tullius. In den Nächten um den Neumond treiben die Geister der Toten ihr Unwesen, die Lemuren!“
Tullius hustete röchelnd, zwar kaum hörbar, jedoch klang es trotzdem irgendwie Besorgnis erregend.
Lukius wandte sich um und sah den Kameraden zuckend auf der Erde liegen, sah ihn ein letztes Mal über die Schulter eines schlanken Mannes hinweg, der geduckt vor ihm stand.
„Stimmt, Lemuren!“ sagte der Fremde.
Die Klinge war wirklich scharf genug.

