Hallo Conrad,
das ist ja nun schon fast eine Oper, die du abgefaßt hast…
Hitler war der Führer!
Simpel, aber wahr.
Er hatte niemanden, auf den er sich verlassen konnte.
Na, das ist so nicht ganz richtig. Goebbels war ihm restlos ergeben. Der war natürlich auch verblendet genug und wußte gut genug, wie tief er drin steckte und daß er seine „Kreativität“ in Sachen Propaganda niemandem sonst zuschieben konnte.
Heß war ihm ebenfalls geradezu verfallen, der saß aber natürlich dummerweise in England in Haft und hat den Irrsinnigen gemimt oder war es tatsächlich.
Dem er
die Schuld zuschieben konnte, wie sein großer Anhang das dann
in Nürnberg tat. Keiner fühlte sich schuldig! Er selbst wußte
sicher ganz genau, dass seine Anhänger, die in den letzten
Tagen noch bei ihm waren, für ihn keine Hilfe waren.
Hanna Reitsch wollte ihn mit einem Fieseler Storch ausfliegen.
So lernen wir aus dem „Untergang“. Sicher stimmt es so oder so ähnlich.
Hitler war am Zenit seines Lebens. Mehr konnte es für ihn
nicht geben.
Das konnte man zu dieser Zeit wohl so sagen, ja. Ich würde seinen Zenit aber mit 1940 datieren, mit dem Frankreichfeldzug. Von da an ging’s bergab.
Es gibt Zeitpunkte im Leben eines Menschen, wo der Druck auf
den Abzug einer Pistole die leichteste Entscheidung ist.
Auch wenn man Hitler heißt. Sich auf die Flucht zu begeben,
wäre ihm nicht in Frage gekommen.
Hitler hat Zeit seines Lebens mit dem Selbstmord kokettiert. Immer war es „fuenf vor Zwoelf“, „eine Minute vor Zwoelf“ und dann war es eben schon nach Zwoelf.
Er war von seiner „Sendung“ überzeugt und fühlte sich in der
Reihe der römisch-deutschen Kaiser. Sein Volk hatte versagt
und er/es wurde nicht mehr gebraucht. Er war auch so
realistisch, zu wissen, dass er es sein würde, den man für
alles bestraft.
Hitlers mentales Selbstvertändnis werden wir wohl nie restlos klären können, leider. So ist der Platz für allerlei Mythen in jedweder Ausrichtung: von der Heldenverehrung politisch fragwürdiger Gestalten bis hin zur naiven Verunglimpfung als unmenschliches Ungeheuer.
Sicher ist, daß Hitler selbst sich mit Alexander dem Großen verglichen hatte. Immerhin sprechen seine Einstellung zu Eroberungskriegen, wie es sie seit Napoleon nicht mehr gegeben hatte, dafür.
Hitler hat sich selbst getötet, weil das zu seiner Rolle
gehörte. Ein Feigling war er nicht.
Das halte ich ohnehin für eine der naivsten, ja dümmsten Ansichten, nämlich Hitler Feigheit vorzuwerfen. Es ist müßig, an dieser Stelle zu erwähnen, daß Hitler das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse im I. WK erhalten hatte, für den er sich freiwillig gemeldet hatte, ohne eingezogen zu werden.
Diese Meinung spiegelt ein wenig die neuzeitliche, will fast sagen, zeitgeistliche Meinung wider, durch Selbstmord würde man „sich der Verantwortung entziehen“, also kneifen, "der gerechten (will heißen: der gesetzlichen) Strafe entkommen. Das ist in meinen Augen totaler Quatsch. Da spiegelt doch oft nur das Verlangen der Gesellschaft durch, selber richten zu dürfen, Stichwort Todesstrafe.
Ohne große Erfahrung mit der Thematik zu besitzen, würde ich grundsätzlich mal davon ausgehen, daß zum Selbstmord hin eine gehörige Hemmschwelle existiert, die es zu überbrücken gilt. Wer mit dem Selbstmord spielt, spielt die Zeit davor permanent mit seinem Leben, Hitler ist immer ins Extreme gegangen. Ich glaube, es gehört eine gehörige Portion Mut dazu, sich umzubringen, und in der Geschichte galt Selbstmord als Selbstverständlichkeit in ausweglosen, verlorenen Situationen und die letzte Möglichkeit, wenigstens noch die Ehre zu retten, wenn nicht mehr das Leben: siehe Seneca, siehe Rommel.
Im II. WK hat sich diese Einstellung nicht grundlegend geändert: Generalfeldmarschall Walter Model beispielsweise, dem zum Schluß hin die Verteidigung des Ruhrgebiets oblag, hat sich umgebracht, als er die Schlacht verloren sah. Die Beförderung von Friedrich Paulus zum Generalfeldmarschall 1942 war nichts anderes als eine Aufforderung, sich das Leben zu nehmen und nicht zu kapitulieren, denn noch niemals zuvor hat ein deutscher Generalfeldmarschall kapituliert. (Er hat kapituliert, was ihm zeit seines Lebens den Ruf als Verräter und Feigling eingebracht hatte.)
In diesem Sinne war Hitlers Selbstmord eine Selbstverständlichkeit: wer derart auf totaler Linie versagt und so tief gefallen war, weil er so hoch hinaus wollte, der konnte sich zu diesem Zeitpunkt nur noch das Leben nehmen. Das mag man mit heutigen Augen für verrückt halten, das war aber damals gar nicht so. In diesem Sinne ist das Geschwätz von der Feigheit Hitlers wirklich unsäglich.
Wer glaubt, Hitler hatte Angst, beispielsweise für die Verbrechen an den Juden zur Verantwortung gezogen zu werden, hat auch das, was man heutzutage über Hitler und über seine Wirkungsgeschichte weiß, nicht verstanden.