Lieber Idomeneo!
Aber ich weiß nicht recht, was damit anfangen.
Kann mir jemand Hinweise geben?
Ein Hinweis besteht darin, mehr der am Morgen nach dem Traum empfundenen Traurigkeit nachzugehen als zu versuchen, mittels „kritischem Denken“ Spuren nach der realen Existenz des Mädchens zu erinnern. Die Funktionsweise des Traums interessiert sich nicht für solche historischen Realitäten, wenn es gezwungen ist, abstrakte Gedanken und Gefühle wie auch immer in eine Bildersprache zu „übersetzen“. Da kann dann leicht beispielsweise der Verlust einer Kindheitsillusion zum Tod des geliebten blonden Mädchens von schräg gegenüber werden
Ein anderer Hinweis besteht darin, dass der Traum möglicherweise deshalb so stark auf dich wirkte, nicht weil er eine Kindheitserinnerung lieferte, sondern weil er ein „Thema“ verbildlichte, um das dein Selbstbezug und deine Selbstgeschichte stark zentriert ist.
Möglichkeiten dafür wären: Minderwertigkeit („weniger wohlhabend“), ein Problem damit, Freundschaften und Lieben zu schließen bzw. sich genußvoll darauf einlassen zu können, Enttäuschungen über deine primären Bezugspersonen (die Mutter), die dich als Kind in für dich wichtigen Situationen im Stich ließen (die Verweigerung der Erklärung dieser geträumten Verlusterfahrung), das Gefühl einer „Unechtheit“ deines eigenen Ich, nachdem das „echte“ verloren ging, usw.
Deutungen dieser Art (wenn auch konkreter auf deine Lebensgeschichte bezogen) würdest du da erhalten, wo eine „Traumdeutung“ einzig sinnvoll erfolgen kann: im Rahmen des analytischen Settings.
Diese Deutungen würden auf der Basis des von dir bereits gelieferten ‚Materials‘ versuchen, deinen Traumbericht (und dazu gehört eben auch die Traurigkeit am Morgen danach, genauso wie dein offensichtlich emotional hochbesetztes Gefühl, damit einen Schlüssel für dein ganzes Leben gefunden zu haben) dazu zu nutzen, auf diese Weise den analytischen Dialog um eine bisher unartikulierte Dimension zu ergänzen, z.B. also um das Thema ‚Kindheitserinnerungen und -phantasien der Minderwertigkeit‘.
Nicht mehr („Schlüssel zum Leben“), aber auch nicht weniger („nicht die geringste Spur von Realität“).
[Bei dieser Gelegenheit eine noch allgemeinere Anmerkung, auch wenn dir selbst das ohnehin klar sein dürfte.
Hier im Forum erscheint ja oft der Eindruck, eine „Traumdeutung“ auch im nicht-esoterischen, psychoanalytischen Sinne hätte tatsächlich die Deutung/Interpretation eines Traums zum Ziel, und würde in Träumen einen Generalschlüssel zur Dechiffrierung des Lebens suchen.
Dem ist natürlich in keinster Weise so. Analytische Deutungen sind eher als Gesprächsvorschlag und -provokation im Rahmen des konkreten analytischen Dialogs zu verstehen, nicht als Aussprechen von ehernen Wahrheiten, schon gar nicht verbunden mit der Rekonstruktion des „wie es eigentlich gewesen ist“.
Aus diesem Grund finde ich den wiederholten Eiertanz um die „Traumdeutung“ in diesem Forum ziemlich unnötig, weil er m.E. auf völlig verzerrten Annahmen darüber beruht.]
Ein dritter Hinweis:
Du nimmst in deinem Traumbericht („Nach dem Aufwachen, in der Nacht, fühlte ich mich überzeugt,ich hätte gerade etwas ganz Wichtiges erfahren, und würde nun verstehen, wie mein Leben seitdem so eine Wendung ins Traurige genommen hat“) selbst die Haltung eines (klischeehaften) „Traumdeuters“ ein, genauso wie du im Traum selbst („Ich war wieder das Kind … Gleichzeitig sah ich mich aus der Erwachsenenperspektive.“) im Grunde genau die strukturelle Selbstbeobachter-Position einnimmst, die der Erwachsene in der Analyse einnimmt, wenn er über sich selbst als Kind assoziiert.
In Verbindung mit der ganzen Geste, wie du den Traum hier präsentierst, wage ich es mal, dir einen ausgeprägten Hang zur Selbst-Analyse zu unterstellen bzw. die Sehnsucht nach einem Analysiert-Werden, das diese angesprochene „Wendung ins Traurige“ ungeschehen machen könnte, sie umwenden.
Ich vermute, du bist nie in Analyse gewesen, oder?
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