Eindrucksvoller Traum

Hallo,

nachdem es hier vor einiger Zeit eine Diskussion über große und kleine Träume gab, möchte ich einen Traum vorstellen, den ich schon vor mehreren Jahren hatte, ein einziges Mal.

Ich war wieder das Kind, als das ich meinem Großelternhaus aufwuchs, und zwar noch vor der Schulzeit, im Alter von vielleicht sechs Jahren. Gleichzeitig sah ich mich aus der Erwachsenenperspektive. Und es gab ein Mädchen ähnlichen Alters, das in der Villa schräg gegenüber wohnte. Es hatte blonde kurze Haare. Ihre Familie war deutlich wohlhabender als meine.

Wir waren ganz eng befreundet. Eine Liebe unter Kindern.

Das Mädchen starb. Meine Mutter entschied, mir das nicht zu sagen, denn sie meinte, ich sei noch zu klein für eine solche Mitteilung. Daher war für mich als Kind aus völlig ungeklärter Ursache dieses Mädchen von einem Tag auf den anderen nicht mehr vorhanden.

Nach dem Aufwachen, in der Nacht, fühlte ich mich überzeugt, ich hätte gerade etwas ganz Wichtiges erfahren, und würde nun verstehen, wie mein Leben seitdem so eine Wendung ins Traurige genommen hat. Ich war dann lange wach.

Mehrere Stunden später, gegen Morgen, begann ich kritisch zu denken. So konnte es nicht gewesen sein, es gab in meiner Erinnerung nicht die geringste Spur eines solchen Mädchens und solcher Erlebnisse, und diese wären auch deshalb nicht möglich gewesen, weil ich als Kind überhaupt nicht die nötigen Freiheiten hatte.

So habe ich den Traum inhaltlich zwar verworfen, aber irgendwie betrachte ich ihn als großen Traum, weil er so eindrucksvoll war, und er mir seitdem noch manchmal in den Sinn kommt.

Aber ich weiß nicht recht, was damit anfangen.

Kann mir jemand Hinweise geben?

Grüße,

I.

Hallo Idomeneo,

du kennst diese unzähligen kontroversen Diskussionen hier im Psychobrett über Traumdeutung. Ich denke, ich tue gut daran, nochmal ausdrücklich zu erwähnen, dass das lediglich ein Gedanke zu deinem Traum ist… :smile:

Häufig symbolisieren andere Menschen, von denen wir träumen, einen Teil der eigenen Persönlichkeit. Wenn du nun von einem Mädchen träumtest, das starb, dann könnte ich mir vorstellen, dass es um einen Teil in dir ging, der damals gestorben ist.
Die Weiblichkeit könnte z.B. für bestimmte Gefühle stehen.

Wenn du dich zurückerinnerst, gab es damals etwas, das du verloren hast, sei es etwas in dir oder außerhalb von dir?

Ich kann dich gut verstehen, dass du den Traum gerne interpretieren können würdest,

Nach dem Aufwachen fühlte ich mich überzeugt,
ich hätte gerade etwas ganz Wichtiges erfahren, und würde nun
verstehen, wie mein Leben seitdem so eine Wendung ins Traurige
genommen hat.

aber wichtig ist es nicht, dass du ihn verstehst, denn dein Unterbewusstsein hat ja die nötigen Informationen, um damit weiter zu arbeiten.

Sorry, mehr fällt mir zu deinem Traum nicht ein.
Wünsche dir ein gutes neues Jahr mit aussagekräftigen Träumen :smile:

Liebe Grüße,
jeanne

Hallo Jeanne,

natürlich erwarte ich keine Deutung, sondern bin ich mir darüber im klaren, daß dazu eben nur Ideen, Gedanken, Hinweise möglich sind. Etwas anderes wollte ich nicht.

Dein Hinweis scheint gut zu sein. Danke Dir dafür.

Wenn du nun von einem
Mädchen träumtest, das starb, dann könnte ich mir vorstellen,
dass es um einen Teil in dir ging, der damals gestorben ist.
Die Weiblichkeit könnte z.B. für bestimmte Gefühle stehen.

Mir scheint auch, daß irgendetwas in mir gestorben ist, schon vor langer Zeit. Die Sehnsucht nach Lebendigkeit ist da, aber es scheint unmöglich. Manchmal, wenn mir das stärker bewußt wird, ist eine unklare Traurigkeit da.

Wenn du dich zurückerinnerst, gab es damals etwas, das du
verloren hast, sei es etwas in dir oder außerhalb von dir?

Ich weiß es nicht. Es ist nicht greifbar und in meiner bewußten Erinnerung war es immer schon so.

Sorry, mehr fällt mir zu deinem Traum nicht ein.

Das war schon gut.

Grüße,

I.

Hallo vielleicht eine zu banale Idee, aber wenn du alle Details mal aussen vorlässt und dich auf das offenbar wesentliche konzentrierst, kann es nicht doch sein dass ein Mädchen aus der Nachbarschaft (vielleicht eines mit dem du immer gerne gespielt hättest es aber nicht durftest)doch irgendwie versatrb oder anderweitig verschwand.

Ich mein das, da ich etwas ähnliches erlebte, dass eine „gute“ Freundin aus Kindergartentagen irgendwann verschwand (wie das bei Kindern so ist, die nächste beste Freundin steht gleich an der nächsten Ecke) und erst Jahre später als ich von einem Mädchen träumte, dass mir etwas schuldete, irgendwas total Kindisches, ein Puppenkochtopf oder so,
da erfuhr ich erst, dass das wohl diese Freundin war, die damals einen Unfall hatte, kurz nachdem sie von mir nach Hause ging (einmal über die Strasse). Irgendwas hatte sie sich bei mir ausgeliehen.
Auch das wurde mir nicht erzählt, bzw. vereinbart mir davon nichts zu sagen. Zumindest bis zu jenem Traum nicht, der ja gut 10 Jahre später kam.
Vielleicht gibt es ja noch jemanden den du danach fragen kannst. Und wenn nicht, dann kannst du dir immer noch sagen, dass ein Teil deines Traumes evtl wirkich eine ganz banale Ursache hat, dass du wirklich ein solches Mädchen gekannt haben könntest.

Ob sie wirklich gestorben ist ist eine andere Sache, vielleicht ist es nur die entgangene Chance sie wirklich kennengelernt zu haben und nun ist es zu spät.

Aus irgendeinem Grund scheinst du ja kategorisch diese Möglichkeit eines realen mädchens abzulehnen.
Aber dann müssten deine Großeltern dich schon eingesperrt haben, wenn du nicht andere Kinder in der Gegend zumindest gesehen hast.

Gruß Susanne

Lieber Idomeneo!

Aber ich weiß nicht recht, was damit anfangen.

Kann mir jemand Hinweise geben?

Ein Hinweis besteht darin, mehr der am Morgen nach dem Traum empfundenen Traurigkeit nachzugehen als zu versuchen, mittels „kritischem Denken“ Spuren nach der realen Existenz des Mädchens zu erinnern. Die Funktionsweise des Traums interessiert sich nicht für solche historischen Realitäten, wenn es gezwungen ist, abstrakte Gedanken und Gefühle wie auch immer in eine Bildersprache zu „übersetzen“. Da kann dann leicht beispielsweise der Verlust einer Kindheitsillusion zum Tod des geliebten blonden Mädchens von schräg gegenüber werden

Ein anderer Hinweis besteht darin, dass der Traum möglicherweise deshalb so stark auf dich wirkte, nicht weil er eine Kindheitserinnerung lieferte, sondern weil er ein „Thema“ verbildlichte, um das dein Selbstbezug und deine Selbstgeschichte stark zentriert ist.
Möglichkeiten dafür wären: Minderwertigkeit („weniger wohlhabend“), ein Problem damit, Freundschaften und Lieben zu schließen bzw. sich genußvoll darauf einlassen zu können, Enttäuschungen über deine primären Bezugspersonen (die Mutter), die dich als Kind in für dich wichtigen Situationen im Stich ließen (die Verweigerung der Erklärung dieser geträumten Verlusterfahrung), das Gefühl einer „Unechtheit“ deines eigenen Ich, nachdem das „echte“ verloren ging, usw.

Deutungen dieser Art (wenn auch konkreter auf deine Lebensgeschichte bezogen) würdest du da erhalten, wo eine „Traumdeutung“ einzig sinnvoll erfolgen kann: im Rahmen des analytischen Settings.
Diese Deutungen würden auf der Basis des von dir bereits gelieferten ‚Materials‘ versuchen, deinen Traumbericht (und dazu gehört eben auch die Traurigkeit am Morgen danach, genauso wie dein offensichtlich emotional hochbesetztes Gefühl, damit einen Schlüssel für dein ganzes Leben gefunden zu haben) dazu zu nutzen, auf diese Weise den analytischen Dialog um eine bisher unartikulierte Dimension zu ergänzen, z.B. also um das Thema ‚Kindheitserinnerungen und -phantasien der Minderwertigkeit‘.

Nicht mehr („Schlüssel zum Leben“), aber auch nicht weniger („nicht die geringste Spur von Realität“).

[Bei dieser Gelegenheit eine noch allgemeinere Anmerkung, auch wenn dir selbst das ohnehin klar sein dürfte.
Hier im Forum erscheint ja oft der Eindruck, eine „Traumdeutung“ auch im nicht-esoterischen, psychoanalytischen Sinne hätte tatsächlich die Deutung/Interpretation eines Traums zum Ziel, und würde in Träumen einen Generalschlüssel zur Dechiffrierung des Lebens suchen.
Dem ist natürlich in keinster Weise so. Analytische Deutungen sind eher als Gesprächsvorschlag und -provokation im Rahmen des konkreten analytischen Dialogs zu verstehen, nicht als Aussprechen von ehernen Wahrheiten, schon gar nicht verbunden mit der Rekonstruktion des „wie es eigentlich gewesen ist“.
Aus diesem Grund finde ich den wiederholten Eiertanz um die „Traumdeutung“ in diesem Forum ziemlich unnötig, weil er m.E. auf völlig verzerrten Annahmen darüber beruht.]

Ein dritter Hinweis:
Du nimmst in deinem Traumbericht („Nach dem Aufwachen, in der Nacht, fühlte ich mich überzeugt,ich hätte gerade etwas ganz Wichtiges erfahren, und würde nun verstehen, wie mein Leben seitdem so eine Wendung ins Traurige genommen hat“) selbst die Haltung eines (klischeehaften) „Traumdeuters“ ein, genauso wie du im Traum selbst („Ich war wieder das Kind … Gleichzeitig sah ich mich aus der Erwachsenenperspektive.“) im Grunde genau die strukturelle Selbstbeobachter-Position einnimmst, die der Erwachsene in der Analyse einnimmt, wenn er über sich selbst als Kind assoziiert.

In Verbindung mit der ganzen Geste, wie du den Traum hier präsentierst, wage ich es mal, dir einen ausgeprägten Hang zur Selbst-Analyse zu unterstellen bzw. die Sehnsucht nach einem Analysiert-Werden, das diese angesprochene „Wendung ins Traurige“ ungeschehen machen könnte, sie umwenden.
Ich vermute, du bist nie in Analyse gewesen, oder?

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Hallo Candide,

vielen Dank für Deine Hinweise. Mit Deinem zweiten Hinweis hast Du, scheint mir, ins Schwarze getroffen:

Möglichkeiten dafür wären: Minderwertigkeit („weniger
wohlhabend“), ein Problem damit, Freundschaften und Lieben zu
schließen bzw. sich genußvoll darauf einlassen zu können,
Enttäuschungen über deine primären Bezugspersonen (die
Mutter), die dich als Kind in für dich wichtigen Situationen
im Stich ließen (die Verweigerung der Erklärung dieser
geträumten Verlusterfahrung),

Alle diese von Dir genannten Möglichkeiten stimmen. Besonders: Probleme mit dem Einlassen auf Freundschaften und Lieben, und auch: Enttäuschungen über primäre Bezugspersonen.

Die Erfahrung, enttäuscht und im Stich gelassen zu werdens, habe ich das ganze Leben hindurch gemacht - bis zum Gefühl der existentiellen Bedrohung hin. Eigentlich immer, wenn ich mich auf einen Menschen näher eingelassen habe, er für mich zu einer wichtigen Bezugsperson geworden ist. Wie eine unbewußte Dynamik, aus der ich nicht herauskomme. Eine Urerfahrung. Wenn ich mich nicht eingelassen habe, bin ich auch nicht enttäuscht worden.

In Verbindung mit der ganzen Geste, wie du den Traum hier
präsentierst, wage ich es mal, dir einen ausgeprägten Hang zur
Selbst-Analyse zu unterstellen bzw. die Sehnsucht nach einem
Analysiert-Werden, das diese angesprochene „Wendung ins
Traurige“ ungeschehen machen könnte, sie umwenden.

Ja, die Sehnsucht ist groß, nach einem Ungeschehen-machen, und nach einem Einlassen-Können in Beziehungen ohne erhöhtes Risiko oder Gewißheit, enttäuscht zu werden.

Ich vermute, du bist nie in Analyse gewesen, oder?

In Analyse nicht, in anderer Therapie schon.

Grüße,

I.

Lieber Idomeneo!

Lass mich noch kurz einen Gedanken anfügen, der bitte nicht als unerbetener Rat oder gar als Empfehlung misszuverstehen ist.

Ja, die Sehnsucht ist groß, nach einem Ungeschehen-machen, und
nach einem Einlassen-Können in Beziehungen ohne erhöhtes
Risiko oder Gewißheit, enttäuscht zu werden.

Ich vermute, du bist nie in Analyse gewesen, oder?

In Analyse nicht, in anderer Therapie schon.

Ich habe die Analyse aus zwei Gründen hier erwähnt:

  1. Wenn die klassische Form der Analyse -bzw. ihr zeitgemäßes und kassenfinanziertes Substitut, die ‚Analytische Psychotherapie‘- ihren Nutzen irgendwo hat, dann darin, als einen ihrer zentralen methodischen Aspekte in sehr geschützter und angstfreier Atmosphäre eine Übertragungsbeziehung zwischen Analytiker und Analysand aufzubauen, durch mannigfaltige Schwierigkeiten von Enttäuschung und Entidealisierung reflektiert zu manövrieren, und aber auch wieder kontrolliert aufzulösen.
    Ich denke also, selbst wenn sich eine solche Therapie ansonsten als ein Fehlschlag erweist, wird man idR immerhin von diesem „Nachlernen“, was das Einlassen auf tiefe zwischenmenschliche Beziehungen angeht, enorm profitieren können.

  2. Es bringt m.E. ein vergleichsweise kleiner Prozentsatz der Menschen von Haus aus die Voraussetzungen für die Analyse schon in sie hinein, und muss nicht erst in ihr über die halbe Zeit der genehmigten Stunden ‚akkulturalisiert‘ werden: Ich-Stärke, ein hohes Maß an Introspektionsfähigkeit und -bereitschaft, genügend intellektuelle Beweglichkeit, die kulturellen Ressourcen der gehobenen Mittelschicht usw.
    Du wirst dich hierin vermutlich gut erkennen.

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