Hallo Wolfgang,
Ich stelle mir grundsätzlich die Frage, warum brauchen die
Menschen eine Macht
über sich.
Ich schätze, die Frage ist nicht grundsätzlich zu beantworten. Sicher gibt es Menschen, die einen Diktator brauchen. Sicher aber gibt es ebenso viele Menschen, die einfach nur einen Vertrauten, Begleiter, eben Freund suchen, dem sie sich anvertrauen können.
Und braucht jedes Problem, das der Mensch nicht aus
eigenem lösen kann
eine Instanz von der er Hilfe erwartet. Einen Wettergott,
einen
Fruchtbarkeitsgott, bei den Katholiken sicher oft diverse
Heilige für diverse
Probleme.
Ich denke nicht, daß es darum geht Hilfe zu bekommen im Sinne von. Eher meine ich, daß der Mensch, zumindest der, der uns heute als aufgeklärt begegnet, doch eher eine Möglichkeit sucht, Wahres in sich zu finden. Wir leben in einer Fülle von Heucheleien, Betrügereien, und zur Krönung im Selbsbetrug. Es muß einfach irgend jemanden geben, zu dem der Mensch ehrlich sein kann, ganz einfach, weil diese Instanz (ich spreche zumeist lieber von Ebene) die Wahrheit eh schon kennt. Da wir in der Regel aber ein Problem haben, unsere Ebenen (Körper, Geist, Seele)in Einklang zu bringen - die Kirche spricht ja von der erstrebten Dreieinigkeit- wird eine Figur benötigt, über die der Mensch in sich hinein horchen kann.
Nun kann dem entgegengesetzt werden, das diese Position auch ein Freund, ein Psychologe, ein Pastor einnehmen kann. Aber, das sind Menschen, die mit den selben Schwächen leben müssen, wie alle anderen. Sie können betrogen werden, und sie können selbst betrügen. Also muß etwas her, was wir nicht betrügen können, und den Menschen nicht betrügt, etwas, was stets die Wahrheit kennt, noch bevor ein Gedanke gedacht ist.
Es ist eben sehr schwer, zu sich selbst ehrlich zu bleiben. Einfacher ist es, sich ein Instrument zu schaffen, welches die Kontrolle übernimmt. Letztlich kannst Du sagen, es wird ein Lehrmeister für den Weg zu sich selbst gesucht.
Ja, das ist es sicher: Jeder ist für sein Tun selbst
verantwortlich.
Ein Beispiel:
Ein Gläubiger wechselt die Reifen am Auto und läßt sich den
Wagenheber auf den
Fuß fallen. Das ist seine Schuld und es kommt ihm nicht in den
Sinn. daß ein Gott
damit etwas zu tun haben könnte. Jetzt fährt er los, in einer
Kurve löst sich der
Reifen und ein gerade dort liegender Sandhaufen verhindert
einen Absturz in einen
Abgrund. Hier kommt jetzt Gott ins Spiel, dem er für die
Bewahrung dankt.
Es scheint mit der Größe des Problems zu tun zu haben, ob ein
Gott bemüht wird
oder ob das nicht nötig zu sein scheint.
Und schon wird der Wagenheber zum Fingerzeig Gottes…und dieser Fingerzeig ist das Echo des Gewissens (Geist) der schon bei der Reperatur des Rades gewußt hat, daß da ein wenig geschlampt wurde. Der Lehrmeister hat bewußt gemacht, welche Folgen eine solche Handlung haben kann.
Nun stell Dir die Peinlichkeit vor, dieser Mann müßte zugeben, daß es seine Oberflächlichkeit oder Faulheit war, die ihn dazu trieb, nicht korrekt zu handeln…und viel schlimmer, er müßte vor sich selbst Farbe bekennen…ist es nicht viel besser, wir lassen das über das Instrument Gott regeln? Schließlich fällt niemanden ein, ein so von Gott geschütztes Wesen zu verurteilen.
Aber es sind sicher nicht nur logische Erwägungen. Wie soll
man sich die tiefe
Religiosotät erklären. Die herrlichen Kirchen, die Musik, die
Literatur?
Psychologisch.
Spielt da die Erziehung mit? Wachsen Kinder da hinein oder
sind sie von Natur aus
religiös?
Beides. Ein Kind lebt erst einmal im Urvertrauen zu sich selbst und seiner Umgebung. Es ist im Einklang mit sich und der Natur. Es lebt sich wahrhaftig wahr. Durch den Einfluß seiner Umgebung (Sozialisierung) lernt es so unverständliche Dinge wie Lügen. Es lernt, daß es unvorteilhaft ist, stets zu sagen, was wahr ist. Aber ein Kind kann nicht Lügen, es braucht einen Vertrauten. Und hier wird das erste gottähnliche Instrument geboren, den Vertrauten, den Begleiter (eine Puppe, ein Kuscheltier). Diesem wird all das erzählt, was es einem Erwachsenen/Menschen nicht erzählen kann. Irgendwann muß es sich von diesem Vertrauten trennen. Wieder sorgt unsere Sozialisierung dafür, daß wir vom Kuscheltier zur Erwachsenenfigur Gott wechseln. Mit diesem soll das nun erwachsenen Kind lernen, zu sich zurück zu finden (in seine Babystube, dort wo das Urvertrauen, die Wahrhaftigkeit, sein Einklang, seine Zufriedenheit zu finden ist). Im Prinzip kannst Du sagen, hier soll in Ordnung gebracht werden, was durch unser verkorkstes Herdendasein verdorben wurde.
lieb gegrüßt,
fionny