Einer Schwerkranken verzeihen

Hallo,

wie denkt Ihr darüber: alle Kinder haben sich seit geraumer Zeit von der Mutter (Witwe) komplett zurückgezogen. Voraus ging ein langer Prozeß, in dem sie aus ihrer Sicht alles versucht haben. Aber letztlich - Gesundheit aller ruiniert, Vertrauensbasis komplett zerstört, Zerrüttungen auch unter einem Teil der Geschwister - meinten sie, sich nur so gegen die Manipulationen, auch Beschuldigungen und Intrigen der Mutter schützen zu können.

Nun hat die Mutter wieder einen schweren Schlaganfall erlitten, kann bis auf eine Hand nichts mehr bewegen und liegt in einem Pflegeheim. Auf der einen Seite tut dieser Gedanke sehr weh, sich diese alte Frau vollkommen allein und bewegungslos vorzustellen. Auf der anderen Seite wäre ein Verzeihen - und damit ein Besuch und ein Sprechen mit ihr, ohne sie aufzuregen - aus meiner Sicht bzw. nach meinem Gefühl schlicht und einfach unehrlich. Das einzige, das ich ehrlich sagen könnte, wäre, daß mir ihr Zustand unendlich leid tut bzw. ich diesen sehr bedaure.

Ich habe mir selbst immer wieder gesagt, daß viele ihrer seinerzeitigen Verhaltensweisen auf eine gewisse Senilität zurückzuführen waren, komme dennoch nicht darüber hinweg.
Andererseits: Wenn ich sie wegen ihres jetzigen schlechten Zustandes
besuchen würde, würde sie sich sehr freuen, aber es würde mir den Hals zuschnüren, wenn ich denke, ich solle so tun, als hätte ich ihr verziehen… Negatives anzusprechen wäre aber auch nicht möglich, da es sie aufregen würde.

Also: Besser gar nichts tun? Als Kompromiß eine Karte/einen Brief schicken (sie wohnt weit entfernt)? Oder sich unendlich überwinden und schauspielern? Was denkt Ihr?

Gruß, Eva

Du hast die Antwort bereits selbst gegeben: Ein Besuch zum jetzigen Zeitpunkt wäre verlogenes Schauspielern und würde nicht deinem inneren Bedürfnis entsprechen, sondern maximal aus „Anstand“ heraus oder aus „Mitleid“.

Ich denke, du solltest das tun, was deinem wirklichen Bedürfnis entspricht. Und wenn dieses Bedürfnis ist, dass du mit ihr nichts zu tun haben möchtest und die ganze Sache bereits vor langer Zeit abgeschlossen ist, dann bringt es nichts, ihr einen Besuch abzustatten, wenn es von dir nicht gewollt ist.

Möglicherweise hast du auch das Gefühl, Abschied nehmen zu wollen. Das macht allerdings nur dann Sinn, wenn der Abschied oder die Trennung noch nicht vollzogen ist. So wie du schreibst, hast du diese Phase bereits hinter dir.

Moin

Gesundheit aller ruiniert

Wie darf ich mir das vorstellen?
Das klingt, wenigstens für mich, auf den ersten Blick etwas übertrieben.
Gruß,
Branden

Hallo Eva,

ich kann nicht beurteilen, welche Wunden deine Mutter bei dir und deinen Geschwistern geschlagen hat. Manche werden vermutlich heilen, manche sich vielleicht niemals ganz schließen.

Nach meiner ganz persönlichen Erfahrung ist aber die Fähigkeit, verzeihen zu können, immer auch ein Stück eigener Heilung. Es ist ein bisschen so, als höre man damit auf, immer wieder am Schorf einer Wunde herumzuzuppeln.

Dabei geht es nicht darum, ob derjenige, dem man verzeiht, diese Verzeihung irgendwie verdient hat. In aller Regel hat er es nicht. Und das macht diesen Akt so großartig, wenn er einem gelingen kann - auch und gerade für den, der verzeihen kann, selbst. Auf merkwürdige Weise verliert dadurch der Schmerz, den man all die Jahre mit sich getragen hat, an Intensität.

Ich behaupte nicht, dass es einfach ist. Manchmal ist es vermutlich tatsächlich unmöglich. Aber seinen Frieden mit einem Menschen machen können, der einen sehr verletzt hat, hilft einem selbst am meisten.

Schöne Grüße,
Jule

Hallo,

Andererseits: Wenn ich sie wegen ihres jetzigen schlechten
Zustandes besuchen würde, würde sie sich sehr freuen, aber es würde mir den Hals zuschnüren, wenn ich denke, ich solle so tun, als
hätte ich ihr verziehen…

Du musst doch noch gar nicht verzeihen und auch nicht so tun als ob. Einfach nur besuchen und sehen, was und wie es sich entwickelt.

Tatsache ist, dass nur du den ersten Schritt machen kannst. Wenn du ihn nicht machst, wirst du es vielleicht ein Leben lang bereuen. Einen zweiten Schritt musst du auch nicht machen, erst mal sehen, was der erste bringt.

Negatives anzusprechen wäre aber
auch nicht möglich, da es sie aufregen würde.

Ist auch nicht nötig.

Oder sich unendlich
überwinden und schauspielern?

Nur „endlich“ überwinden, ohne schauspielern. Ihr die Freude deines Besuchs bereiten. Was für dich dabei herauskommt, bleibt abzuwarten. Im Vorfeld sind derartige Aktionen immer sehr belastend, im Nachgang stellen sie sich meist als deutlich einfacher heraus.

Grüße
Tommy

100% Zustimmung
meinerseits!

Liebe Grüße,
sine

liebe Eva.
Deine Anfrage klingt mir - wenigstens zum Teil - nach vorauseilend schlechtem Gewissen. Soll heißen, Du fürchtest wahrscheinlihc, Dir ewig Vorwürfe zu machen, sollte Deine Mutter sterben, ohne dass Euer problematisches Verhältnis geklärt und bereinigt wurde. Die Ahnung eines dann allgegenwärtigen „hätte ich doch nur noch“ scheint Dich jetzt schon zu quälen.
Ich frage: Wie kann ich jemandem verzeihen, der mich darum überhaupt nicht gebeten hat? Der mich vielleicht sogar auslachen würde, wenn ich damit ankäme, eine Versöhnung vorzuschlagen? Dann steh’ ich da mit meiner großzügigen Verzeihung und keiner will sie!
Da Du offensichtlich sehr zerrissen bist, nehme ich an, dass Du auch guten Grund hast, Dich schützen zu wollen. Finde mehr über Dich heraus in dieser Beziehung, Deine Wünsche an einen Besuch, Deine Trauer um Wünsche an Deine Mutter, die sie Dir nie mehr erfüllen wird (und wohl nie erfüllt hat).
Also: Was willst Du FÜR DICH erreichen? Welches Motiv hast Du, dass Du über einen (vielleicht letzten) Besuch nachdenkst, welchen Nutzen versprichst DU DIR davon?
Das ist keine fiese Frage, die man mit erhobenem Zeigefinger wegen Herzlosigkeit ablehnt, sondern eine wichtige Frage. Denn der eigene Nutzen (was habe ich davon?) ist immer Antrieb für unsere Handlungen. Der mag nicht immer sofort auf der Hand liegen und ist auch oft nicht zu „berechnen“, aber es gibt immer einen! Auch z.B. das gute Gewissen kann ein Nutzen sein. (Oder es besser gemacht zu haben als die Mutter bzw. die Geschwister) Fehlt noch die Frage: " Was ist der Preis?"
Danach kannst Du wahrscheinlich leichter entscheiden, ob ein Besuch wirklich das Richtige ist für Dich.
Da ich gerade bei der Arbeit sitze, kürze ich hier mal ab und wünsche Dir alles Gute.
Anette

Hallo Anette,

ich kann nicht sagen, daß ich mich innerlich zerrissen fühle, nein. Auch nicht, daß ich Angst hätte, irgendwann etwas zu bereuen. Es war ein zu langer Prozeß, der schließlich dazu geführt hat - und damit ein sehr bewußter und persönlich notwendiger.

Derzeit kommen Erinnerungen aus einer besseren Vergangenheit - die schließlich in Mitleid münden.

Trotzdem danke!

Gruß, Eva

Hallo Tommy,

ja, Du hast Recht, ich bräuchte mir keinen Druck machen, sondern sie einfach nur besuchen. Nur: Sehen, „wie es sich entwickelt“, ist halt sehr eingeschränkt, da kein Sprechen ihrerseits möglich. Insofern könnte es sich nur auf mich selber beziehen, nämlich wie es sich in mir entwickelt, falls ich bei ihr wäre… Ich werde es sich auf jeden Fall mal setzen lassen.

Danke!

Viele Grüße, Eva

Hallo Jule,

Du antwortest mir mit warmherzigen Worten. Danke. In nahezu allen Situationen meines Lebens habe ich genau die gleiche Erfahrung gemacht, von der Du auch berichtest.

Bitte sei nicht allzu enttäuscht, wenn ich Dir sage, daß es sich in diesem Fall für mich persönlich jedoch recht idealistisch anhört. Vor all diesen Vorgängen hätte ich mich wohl auch so geäußert. Denn bis dahin hätte es mein Vorstellungsvermögen einfach überstiegen, was durch die eigene Mutter möglich ist.

Trotzdem werde ich es nicht unberücksichtigt lassen. Deshalb danke!

Viele Grüße, Eva

Hallo Branden,

ja, ruiniert ist wohl übertrieben, - denn es besteht wohl Hoffnung auf Besserung. Aber ich denke, massive Herzbeschwerden (psychos.Syndrom), Nervenzusammenbruch mit anschl. Kur und therap. Behandlung, Magenprobleme, Gallenkoliken, Schlafstörungen, Zittern und Atemnot und was es sonst noch für nervliche Belastungssymptome (wohl alle, die auch Du kennst) gibt - verteilt auf vier Personen - reicht.

Gruß, Eva

Hallo

und vielen Dank für Deine Zeilen. Auch die Zeilen Deiner Vita sprechen mir aus dem Herzen!

Viele Grüße, Eva

Hallo,

in dieser Situation kann ich dir nur raten, ausschließlich auf dich und deine Belange zu schauen.

Wenn du also die Meinung hast, noch etwas für deine Mutter tun zu wollen - evtl. damit du dir immer sagen kannst, dass du alles möglich gemacht hast wenn sie verstirbt - dann geh hin.

Wenn du zum Schluss kommst das es nicht geht aufgrund deiner Einstellung, dann lass es bleiben.

Mal seeeehr provokant: Wenn sie - wie du schreibst - nichts sagen kann, kann sie zumindest nicht in Vorwürfe etc. ausbrechen, oder?

Dazu möchte ich dir noch schildern wie in unserer Familie eine ähnliche Situation abgegangen ist. Mein Vater hat nach endlosen - teils gerichtlichen - Streitereien mit seiner Mutter dorthin jeden Kontakt abgebrochen. Es kamen dort wirklich üble Dinge vor, es war für uns alle (auch für uns Kinder) wirklich das Beste.

Ca. 13/14 Jahre später hat sich meine Oma gemeldet und um Neuaufnahme des Kontakts gebeten. Sie war damals weder krank noch sonst was, nur alt geworden. Mein Onkel hat bis zu ihrem Tod nie wieder ein Wort mit ihr gesprochen, mein Vater (der Ältere) hat den Kontakt wieder aufgenommen und ihn auf einer streng sachlichen Basis weitergeführt.

Wenn etwas zu erledigen war, wurde dies getan. Wenn sie uns besuchen wollte, wurde dies ermöglicht. Zickte sie rum, wurde der Besuch oder was auch immer sofort beendet.

Als sie starb, hat mein Vater gesagt, dass er vor seinem eigenen Gewissen nicht hätte verantworten können, sie ganz und gar abzuweisen. Jetzt sei er froh, wenigstens diesen sachlichen Kontakt zugelassen zu haben, er müsse sich nichts vorwerfen (sich nicht! Es ging nicht um Vorwürfe von anderen).

Er hat aber auch seinem Bruder nie Vorwürfe gemacht. Das war dessen Entscheidung.

Bist du also hin- und hergerissen, dann würde ich in deiner Situation einen Versuch machen. Geht es dir schlecht damit - sofort weg da. Geht es einigermaßen gut dann könnte so ein sachlicher Umgang evtl. noch eine Option sein.

Gruß
Nita

Hallo Nita,

ich danke Dir für Deine Ermutigung. Und so werde ich es auch machen:
Alle Argumente von Dir und den anderen nochmals überdenken und dann
in mich hören und danach handeln.

Danke und viele Grüße,
Eva