Einige Verständnisprobleme

Vor langer Zeit habe ich folgenden Kommentar von Prof. Dr. Reinhard Wille und Dr. Thomas-Jens Hansen (beide Sexualwissenschaftler) zum Thema "Prostitution in Deutschland um die Jahrtausendwende) gelesen:

„Weder wissenschaftlich noch erkenntnistheoretisch erscheint es überhaupt möglich, das Gesamtphänomen der „käuflichen Liebe“ einigermaßen repräsentativ zu erfassen. Allein schon wegen der heimlichen (klandestinen) Prostitution ist nicht einmal eine bundes- oder gar europaweite Momentaufnahme der Prostitutionsszene denkbar. Sie scheitert schon an den nicht-repräsentativen Stichproben und dem Facettenreichtum bis hin zu definitorischen Abgrenzungsproblemen. Selektive Wahrnehmung nach Alter und Geschlecht, nach konservativer oder progressiver Einstellung, aber auch nach dem erfassten Teilausschnitt müssen zu völlig gegensätzlichen Aussagen führen.“

Als ich das so las, kamen bei mir ein paar (Verständnis)Fragen auf:

  1. Wie definiert man „wissenschaftlich“ und „erkenntnistheoretisch“ eigentlich genau? Wo liegen in diesem Fall die Unterschiede?
  2. Was ist in diesem Text mit „Facettenreichtum“ und „definitorischen Abgrenzungsproblemen“ genau gemeint?
  3. Was bedeutet der letzte Satz in diesem Kontext?
  4. Was bedeutet „progressive Einstellung“?
  5. Liegt es am Verfasser oder an meiner Blödheit, dass ich diese Textpassagen zwar inhaltlich grob erfassen, aber dennoch nicht ganz verstehen kann? ^^ Normalerweise bin ich mit dem Schreibstil durchschnittlicher Fachliteratur durchaus vertraut. Hier stehe ich jedoch irgendwie auf dem Schlauch

Vielen Dank für die Hilfe und liebe Grüße
Timo

Hallo, Timo,
wie vermutlich schon mein Vorredner halte ich dieses Geschwurbel für eine wissenschaftlich klingen sollende Aussage. Eingedampft auf eine greifbare Aussage heißt das nichts anderes als „Nichts Gewisses weiß man nicht.“

Gruß
Eckard

Hallo Timo,

Zunächst einmal ist diese Unterscheidung ist unsinnig - auch Erkenntnistheorie ist eine Wissenschaft. Gemeint ist hier wahrscheinlich Folgendes: eine repräsentative Erfassung (also eine solche, die über den Untersuchungsgegenstand als Gesamtes etwas aussagt), scheint durch Auswertung empirischer Daten („wissenschaftlich“) nicht möglich zu sein; schon die (erkenntnistheoretische) Festlegung von Kriterien, welche Erkenntnisse hier Gültigkeit beanspruchen können und für ein Gesamtbild notwendig sind, scheint unmöglich.

„Facettenreichtum“ bedeutet hier die Vielfalt unterschiedlicher Erscheinungsformen des Gesamtphänomens; „definitorische Abgrenzungsprobleme“ weist auf die Schwierigkeit hin, festzulegen, was (noch) unter das Gesamtphänomen Prostitution fällt und was nicht.

Je nachdem, wie man das Problem angeht, also welche soziologische Gruppe man untersucht (nach Alter und Geschlecht selektiert) , kommt man zu gegensätzlichen Aussagen. Gleiches gilt für die Einstellung des Untersuchenden (die die Auswahl und Auswertung beeinflusst) und dies gilt ebenfalls dafür, welchen Teilaspekt des Gesamtphänomens man untersucht. [Persönlich halte ich das für bullshit, sicher muss man mit teilweise widersprüchlichen Aussagen rechnen - aber doch nicht mit „völlig gegensätzlichen“.]

Ob das Gegensatzpaar ‚konservativ‘ und ‚progressiv‘ hier in Bezug auf die angewandte wissenschaftliche Methodik, die definitorische Abgrenzung oder die persönliche moralisch-weltanschauliche Bewertung des Phänomens Prostitution bezogen ist, lässt sich ohne nähere Kenntnis des Kontextes nicht aussagen.

Derartige Texte sind grundsätzlich gewöhnungsbedürftig. Für die Verständlichkeit eines wissenschaftliches Textes ist zunächst einmal der Verfasser verantwortlich - wobei dieser durchaus berechtigt ist, Ansprüche an seine Leser zu stellen. Auf die Gefahr hin, nicht verstanden und irgendwann auch nicht mehr gelesen zu werden. Grundsätzlich stehen bei solchen Texten (der Verständlichkeit dienende) Ausführlichkeit und Prägnanz (Genauigkeit und Redundanzfreiheit) in einem Widerspruchsverhältnis. Anders gesagt: mann könnte sich durchaus verständlicher ausdrücken, nur würde dies den Umfang des Textes zwangsläufig anschwellen und ihn ‚unschärfer‘ werden lassen.

Leider haben Wisenschaftler oft den Ehrgeiz, sich in möglichst knapper Form auszudrücken - die zu übermittelnde Information maximal zu konzentrieren. Verwendung von Fachsprache ist hier ein wichtiger Aspekt. Dies führt dazu, dass solche Texte naturgemäß schwierig zu entschlüsseln und oft nur ‚Eingeweihten‘ verständlich sind. Die Kürze und Prägnanz geht auf Kosten des Lesers - die Texte sind (vielleicht) schneller geschrieben - ihr Verständnis erfordert jedoch ggf. mehr Zeit als das eines längeren Textes. Wenn es dann noch an der Grammatik hapert wie im letzten Satz des Zitates, wird dies zusätzlich erschwert.

Freundliche Grüße,
Ralf

Hi,

Tychiades hat ja oben alles richtig erklärt.

Selektive Wahrnehmung heißt, dass man aus einer Vielzahl von Faktoren / Eigenschaften nur eine bestimmte Menge wahrnimmt. Zum Beispiel Donald Trumps aktuelle Freundin / Frau / Geliebte nur seine Milliarden. Wenn man das gleiche Beobachtungsobjekt / -subjekt nimmt und durch verschiedene Personen betrachten läßt, kommen unterschiedliche Ergebnisse heraus, je nach Alter, Geschlecht, sozialer Schicht, Beruf, geographischer Herkunft des Betrachters.

Der Verfasser des zitierten Textes hat also sehr wohl verstanden, was selektive Wahrnehmung ist. Er hat nur versucht, sicherheitshalber kurz zu erklären, was gemeint ist.

Die Franzi

Moin, Miezekatze,

Der Verfasser des zitierten Textes hat also sehr wohl
verstanden, was selektive Wahrnehmung ist.

das ist natürlich niemals auszuschließen :smile:

Er hat nur
versucht, sicherheitshalber kurz zu erklären, was gemeint ist.

Und da fängt das Unglück an. Zur selektiven Wahrnehmung eine Handvoll Begriffe anzuführen, nach denen ausgewählt worden sein könnte, ist so notwendig wie ein Kropf und führt den Leser in die Irre.

Sprachliche Redundanz kann durchaus angebracht sein, in dieser Form jedoch schadet sie nur.

Gruß Ralf

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Vielen Dank für eure Antworten. Ihr habt mir sehr weitergeholfen :smile:

Liebe Grüße
Timo