Einschleifen von Zähnen zur Aufbisskorrektur

Hallo Experten,

meine spezialisierte Zahnärztin hat eine Kieferfunktionsdiagnostik bei mir durchgeführt, weil ich extrem mit den Zähnen knirsche und auch oft Schmerzen im Kiefergelenk habe.

Die detaillierte Diagnose kann ich jetzt hier nicht wiedergeben, allerdings sagte sie mir, dass das Knirschen und die Schmerzen durch den Überbiss bzw. den „steilen Aufbiss“ begünstigt würden. Eigentlich müsste ich noch mal zum Kieferorthopäden und eine feste Spange bekommen (was ich mit 27 aber eigentlich nicht mehr möchte :frowning: ), aber es könne auch schon eine Lösung sein, 4 Backenzähne etwas einzuschleifen, um den Aufbiss zu korrigieren.

Da ist davon vorher noch nie gehört habe und mir die Tatsache, dass gesunde Zähne beschliffen werden sollen, etwas Angst macht, wollte ich euch mal befragen, was ihr davon haltet, und ob das mittlerweile eine legitime Methode ist.

LG und vielen Dank
betazoid

Hallo betazoid,

die Fehlstellung von Zähnen ist durchaus eine mögliche Ursache für Beschwerden durch nächtliches Zähneknirschen.

Um diese Fehlstellung auszugleichen, kann es durchaus sinnvoll sein, die nicht richtig stehenden Zähne so umzuformen, dass sie beim Knirschen nicht mehr belastet werden als die anderen Zähne.

Man versucht auf diese Art Hindernisse in der Oberflächenstruktur der Zähne (im Regelfall handelt es sich dabei um die hinteren Backenzähne) zu beseitigen, die bei den Knirschbewegungen des Unterkiefer im Wege sein können.

Davon erhofft man sich einen Rückgang des Zähneknirschens, weil auf einmal kein Hindernis in der Kaubewegung mehr da ist, gegen welches der Unterkiefer mit seiner sehr starken Muskulatur ankämpfen muss.

Das Einschleifen von Kronen oder Füllungen ist dabei eine durchaus übliche Methode wohingegen das Einschleifen von natürlichen unbehandelten Zähnen nur dann erfolgen sollte, wenn man sich zum einen als Behandler völlig sicher ist, dass man die ursächlichen Stellen an den Zähnen auch genau lokalisieren kann und zum anderen wenn die Dimension des Einschleifens an den Zähnen sehr gering ist.

Man kann den Zahnschmelz etwas ausdünnen darf ihn aber nicht (auch nicht punktuell) durchschleifen (mittlere Schichtstärke an Backenzähnen etwa 1 mm).

Da diese Technik mit vielen Unwägbarkeiten behaftet ist und man auch vorher nicht vorhandenen Schaden an den Zähnen anrichten kann, ist das Einschleifen von natürlichen Zähnen auch unter „spezialisierten“ Kollegen heftig umstritten.

Da die Knirschintensität, -bewegung und -dauer beim einzelnen Patient starken Schwankungen unterliegt kann man auf diese Art sicherlich nur in extrem seltenen Ausnahmefällen einen abschliessenden Behandlungserfolg erzielen.

Die unschädlichste Methode das Knirschen zu behandeln besteht sicherlich im Tragen einer Aufbißschiene.

Entsprechend notwendige Einschleifmaßnahmen werden dann an der Schiene vorgenommen und nicht an den eigenen Zähnen. Diese Schiene kann man auch durchaus über viele Jahre tragen. Ein Leben lang wird man sie nicht brauchen, weil man nicht permanent mit den Zähnen knirscht.

Zähneknirschen oder zahnärztlich Bruxismus ist in den allermeisten Fällen ein Ausdruck von Stress oder allgemeiner gesprochen von einer besonders hohen inneren Anspannung. Zähneknirschen an sich ist nicht schlimm, der Körper baut auf diese Weise Stress ab. Zähneknirschen wird erst dann zu einem Problem, wenn der Patient Beschwerden durch diese übermässige Belastung der Zähne, des Kiefergelenks und der Kaumuskulatur entwickelt.

Man hat früher versucht die Zähne auf eine vermeintlich ideale Art umzuformen (sei es durch Einschleifen oder durch Einsetzen von Kronen o.ä.) um die Kaubewegungen zu idealisieren.

Davon versprach man sich einen Rückgang des Bruxismus. Kurzfristig hat man damit auch durchaus Erfolge. Langfristig hat sich jedoch herausgestellt, dass Patienten die grundsätzlich zum Knirschen neigen, auch mit einer idealen Okklusion (das ist der Zusammenbiss der Zähne) nach einer gewissen Zeit wieder anfangen zu knirschen.

Da nicht zahnmedizinische Lebensumstände aber einen sehr viel grösseren Einfluss auf das Knirschen haben, ist es sinnvoller die zahnärztlichen Manipulation auf Maßnahmen zu beschränken, die reversibel sind.

Eine Schiene kann man in die Ecke legen, wenn es einem besser geht. Beschliffene Zähne bleiben allerdings beschliffen, auch wenn man garnicht mehr knirscht.

Gruß
Gero

Beschliffene Zähne bleiben allerdings beschliffen, auch
wenn man garnicht mehr knirscht.

Servus Gero,

vielleicht knirscht man dann wieder, weil einem irgendsoein Halbgott in resedagrün die Zähne beschliffen hat. Das stresst ja schließlich :wink:)

Gruß

Kai

BTW: hier haben sie sich zusammengerottet - auch die alten Einschleifer sind dabei
http://www.aes-tmj.org/aes_publ_hm.html

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Lieber Gero,

ganz herzlichen Dank für deine detaillierte Antwort! Das war sehr aufschlussreich.

Das Einschleifen von Kronen oder Füllungen ist dabei eine
durchaus übliche Methode wohingegen das Einschleifen von
natürlichen unbehandelten Zähnen nur dann erfolgen sollte,
wenn man sich zum einen als Behandler völlig sicher ist, dass
man die ursächlichen Stellen an den Zähnen auch genau
lokalisieren kann und zum anderen wenn die Dimension des
Einschleifens an den Zähnen sehr gering ist.

Die ZÄ sagte, es handle sich um ein Einschleifen von maximal 0,5 mm (und das sei schon viel).

Da diese Technik mit vielen Unwägbarkeiten behaftet ist und
man auch vorher nicht vorhandenen Schaden an den Zähnen
anrichten kann, ist das Einschleifen von natürlichen Zähnen
auch unter „spezialisierten“ Kollegen heftig umstritten.

Hmm, was mach ich denn jetzt nur? :frowning:

Die unschädlichste Methode das Knirschen zu behandeln besteht
sicherlich im Tragen einer Aufbißschiene.

Entsprechend notwendige Einschleifmaßnahmen werden dann an der
Schiene vorgenommen und nicht an den eigenen Zähnen. Diese
Schiene kann man auch durchaus über viele Jahre tragen. Ein
Leben lang wird man sie nicht brauchen, weil man nicht
permanent mit den Zähnen knirscht.

[…]

Zähneknirschen oder zahnärztlich Bruxismus ist in den
allermeisten Fällen ein Ausdruck von Stress oder allgemeiner
gesprochen von einer besonders hohen inneren Anspannung.
Zähneknirschen an sich ist nicht schlimm, der Körper baut auf
diese Weise Stress ab. Zähneknirschen wird erst dann zu einem
Problem, wenn der Patient Beschwerden durch diese übermässige
Belastung der Zähne, des Kiefergelenks und der Kaumuskulatur
entwickelt.

Das Problem ist halt, dass ich schon seit vielen Jahren knirsche und damit vorerst wohl auch nicht aufhören kann (Stressbewältigung ist bereits eins meiner größten langfristigen Projekte *seufz*). Und zwar knirsche ich so, dass mir die Kiefergelenke häufig wehtun und der ganze Bereich richtig verspannt ist.

Ich habe morgen früh einen Termin mit der ZÄ und werde ihr dann mal die Kernfrage stellen: Tagsüber knirsche ich nicht, sondern nur nachts, und nachts trage ich die Schiene - wenn aber die UNTER der Schiene liegenden Zähne beschliffen werden, was nützt das dann? Ich beiße doch dann dennoch auf der Schiene rum, so dass man ja dann ebenso gut diese beschleifen könnte. Das hast du ja oben auch schon geschrieben.

Der Gedanke an das Beschleifen von schönen gesunden Zähnen macht mir einfach Bauchschmerzen, und dein Beitrag bestätigt mich eher darin.

Liebe Grüße
betazoid

Tagsüber knirsche ich nicht, sondern nur nachts, und nachts trage ich
die Schiene - wenn aber die UNTER der Schiene liegenden Zähne
beschliffen werden, was nützt das dann?

Hallo betazoid,

wenn Du schon eine Schiene trägst, macht das Beschleifen Deiner Zähne natürlich keinen Sinn.

Deine ZÄ macht sich wahrscheinlich Gedanken darüber wie sie Dir langfristig helfen kann. Das sind zwar sehr ehrenwerte Gedanken, aber aus meiner Erfahrung heraus - ich habe schon sehr viele Zähne beschliffen weil ich glaubte ich hätte das Problem des jeweiligen Patienten verstanden - kannst nur Du Dir selber helfen.

Die Schiene wird Dir dabei helfen, die Zeit zu überbrücken bis Du Deinen Stress besser in den Griff bekommst. Viel mehr würde ich an Deiner Stelle zahnärztlich nicht unternehmen. Sprich mal mit Deiner ZÄ darüber, ob Du die Bruxismus-Behandlung nicht im Moment beim Tragen der Schiene belassen kannst.

Viele Zahnärzte sträuben sich bei dem Gedanken einem knirschenden Patienten dauerhaft nur eine Schiene zu machen. Sie glauben, dass sie das Problem durch eine zahnärztliche Veränderung der Form oder der Stellung der Zähne dauerhaft verringern können. Einen wissenschaftlichen Beweis für diese Annahme gibt es jedoch leider nicht.

Du wirst an Dir selbst feststellen, dass in dem Maße in dem es Dir „stresstechnisch“ besser geht auch Deine Beschwerden im Kiefergelenk und die Verspannungen der Kaumuskulatur nachlassen werden.

Wenn es dauerhaft trotz entspannterer Lebensumstände weiter bei den Beschwerden bleibt, kannst Du immer noch invasivere Massnahmen ergreifen lassen.

Gruß
Gero