Einschulung

Hallo,

wann (d.h. in welchem Alter) werden Kinder in Deutschland eingeschult und wer „bestimmt“ das genau?
Ich bin vor Jahren nach GB ausgewandert, und hier gibt es ein seltsames System: Kinder werden hier bereits mit vier Jahren (!) eingeschult.

Allerdings macht es einen Unterschied, wann sie geboren werden: die, die vor dem ersten September eines Jahres (= Schulanfang) geboren werden werden eingeschult sobald sie vier Jahre alt sind. Das heisst, sie sind evtl. erst vier Jahre und zwei Tage alt, und damit die allerjuengsten in der Klasse.
Diejenigen, die z.B. am dritten September geboren werden, muessen an ihrem vierten Geburtstag dann noch bis zum naechsten Jahr bis zur Einschulung warten - und sind damit die aeltesten. Beide dieser Extremsituationen koennen recht stressig fuer die Kinder werden, da sie evtl. staendig ueberfordert oder unterfordert werden.

Aber diese System ist so festgeschrieben, es gibt es keinerlei Verhandlungsmoeglichkeit (z.B. wenn man als Eltern denkt, dass ein individuelles Kind mit seinen vier Jahren und ein paar Tagen einfach noch zu unreif ist, oder wenn ein besonders begabtes Kind es vermutlich bereits mit drei Jahren und 11 Monaten schon gut schaffen koennte, mit der Schule zu beginnen).

Ich hatte den Eindruck, dass Kinder in Deutschland zwischen fuenf und sieben Jahren eingeschult werden, allerdings je nach ihrem individuellen Entwicklungsstand und vielleicht auch noch anderen Gruenden.

Ist das so?

Danke fuer Hinweise!

P.S. Ja, die spinnen manchmal, die Englaender…! :wink:

Hallo Tille!

Wo ist das Problem?

Wenn ein Kind später früher eingeschult wird, ist es schneller mit der Schule fertig und hat vielleicht bessere Chancen im Beruf. Wenn es später eingeschult wird, ist die schöne Zeit länger, in der es seine Kindheit ohne jede Verpflichtung genießen kann, die vielleicht nie wieder kommt.

Wie es in England ist, weiß ich nicht, aber in Japan ist, habe ich gehört, die Einschulung auch früher. Japan ist, wie man weiß, ein sehr erfolgreiches Land. Und die Selbstmordquote ist auch sehr viel höher, wenn ich richtig informiert bin. Anscheinend hat also beides Vor- und Nachteile.

Oder nicht?

Grüße

Andreas

Hallo,

in Deutschland gibt es ein Einschulungsalter. Das ist erstmal nur deshalb wichtig, weil es in Deutschland eine Schulpflicht gibt.

Wenn ein Kind schulpflichtig ist, dann bekommen die Eltern automatisch eine Einladung zur Schuluntersuchung und werden gebeten, das Kind zur Schulanmeldung vorzustellen. In Hessen ist der Stichtag der 30. Juni; d.h. dieses Jahr waren die Kinder schulpflichtig, die zwischen dem 1. Juli 2001 und 30. Juni 2002 geboren wurden.
Nun gibt es aber die Kannkindregelung. Ein Kind kann, wenn die Eltern das möchten, 1 Jahr früher zur Einschulungsuntersuchung geschickt werden. Wenn der Rektor der Schule (auch basierend auf das ERgebnis der Einschulungsuntersuchung des zuständigen Gesundheitsamtes und nach einem Gespräch mit dem bisher besuchten Kindergarten) eine frühere Einschulung befürwortet, kann das Kind früher zur Schule gehen. Es gibt sogar die Möglichkeit ein Kind noch früher einzuschulen, sofern die geistige und soziale Entwicklung und der Elternwille dafür sprechen. Allerdings ist ein solcher Fall, sehr, sehr selten.

Das gleiche gibt es umgekehrt. Sollte ein schulpflichtiges Kind in seiner Entwicklung noch nicht schulreif sein, kann es ein Jahr zurückgestellt werden. Das geschieht wiederum von seiten des Schuldirektors im Einvernehmen mit dem Arzt, der die Schuluntersuchung gemacht hat und es wird versucht, es im Einvernehmen mit den Eltern zu machen (ein guter Rektor wird mit den Eltern einen Plan aufstellen, wie man das Kind in diesem Extrajahr fördern kann).

Nun zum englischen System (ich arbeite in Deutschland an einer internationalen Schule, in der auf Englisch unterrichtet wird; viele unserer Kinder kommen aus Großbritannien und unser Lehrplan orientiert sich zu einem Teil am englischen Lehrplan): in der Tat werden in England die Kinder in dem Jahr eingeschult, in dem sie fünf werden. Sie kommen dann als erstes in „reception“ (die niederste Klasse der englischen Primarschule). Das findet zwar in der Schule statt, die Kinder tragen auch Schuluniform, aber der Unterricht ist nicht mit einer deutschen Schulklasse zu vergleichen, sondern eher mit einer deutschen Vorschulklasse.
Bei uns wurden in den ersten Jahren viele britische Kinder als Kannkinder eingestuft, weil die Eltern sehr darauf gedrängt haben. Da wir an unserer Schule das System der flexiblen Eingangsstufe haben (d.h. die Klasse 1+2 wird gemeinsam unterrichtet, Kinder können 1, 2 oder 3 Jahre in dieser Eingangsstufe verbringen) hat das dann dahin geführt, dass die meisten dieser Kinder drei Jahre in der Eingangsstufe blieben, also am Ende wieder mit den Kindern zusammen waren, die altersmäßig ein Jahr später eingeschult wurden. Dies traf auch bei den meisten Kindern zu, die von Großbritannien herzogen und ihr erstes Schuljahr in einer „reception class“ verbracht haben. Das deutet daraufhin, dass das dieses Jahr früher in der Praxis (wenn ein Kind in einen guten Kindergarten oder eine Vorschule geht) vergleichbar ist und nicht ein Jahr früher eingeschult bedeutet.

Gruß
Elke

Hey,

besten Dank fuer die ausfuehrliche Antwort!

Also, die Einladung ist normalerweise in Deutschland fuer Kinder zwischen sechs und sieben Jahren Alter (wenn ich da jetzt richtig gerechnet habe). Allerdings mit der Option frueher oder spaeter, je nach Entwicklungsstand, Untersuchung usw.
Macht doch Sinn, irgendwie.

Selbst wenn die „Vorschule“ in England eher wie eine Art Kindergarten oder Spielgruppe ist, bin ich doch ueberrascht, wie schnell und oft dann die Obsession mit jaehrlichen Pruefungen und scheinbar objektiven Leistungs-Bewertungen einsetzt.

Soweit ich weiss, sind (waren) die Endresultate beim Schulabschluss (zumindest „zu meiner Zeit“, vor fast 20 Jahren) zwischen den europaeischen Laendern kaum unterschiedlich.

Aber die Pisa-studie hat das wohl in der Zwischenzeit kraeftig angezweifelt.

Besten Dank nochmals fuer die Erklaerung, wirklich hilfreich!

Tille71

Hallo

Selbst wenn die „Vorschule“ in England eher wie eine Art
Kindergarten oder Spielgruppe ist, bin ich doch ueberrascht,
wie schnell und oft dann die Obsession mit jaehrlichen
Pruefungen und scheinbar objektiven Leistungs-Bewertungen
einsetzt.

Naja, soooo furchtbar schnell geht das auch nicht. Erstmal arbeiten Kinder auf ihre Ziele im Foundation Profile hin, und kommen dann erst am Ende des zweiten Schuljahrs (also nach drei Jahren in der Schule) mit eigentlichen Tests in Beruehrung. Diese sind fuer KS1 (also, Ende der 2.) auch so angelegt, dass sie hauptsaechlich aus Lehrerbeurteilungen bestehen und je nach Schule sehr individualisiert und stressfrei druchgefuehrt werden (koennen). Dieses nervige „Aaahhhh…meine Tochter ist doch schon 7 und hat’s nur auf Level 3 in allen Faechern geschafft. Also wirklich, sie sollten nicht so viel Zeit mit Spielen verbringen!!“ kenn ich nur von Eltern, die anscheinend jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren haben (als Anmerkung, Level 2 ist guter Durchschnitt in dem Alter).
Zudem werden die Konzepte der Foundation Stage (also, Nursery und Reception) derzeit immer weiter in KS1 (Klassen 1 und 2) ausgeweitet, was bedeutet, dass es wesentlich kindgerechter und spielerischer gestaltet werden soll. Nun weiss ich aber auch aus eigener Erfahrung, dass das sehr auf die Schule ankommt.

Wem das alles dennoch nicht passt, der zieht entweder nach Schottland um, wo man Kind ein Jahr zurueck halten kann, oder entscheidet sich fuer Heimunterricht. Dann kann man seinen Nachwuchs auch spaeter noch einschulen. Im Ganzen finde ich das System hier wesentlich flexibler als in Deutschland, auch wenn’s Schulen gibt an die ich meine eigenen Kinder nie schicken wuerde.

Schoenen Gruss,
Kel