Ein- und Auswanderung im Nachkriegsdeutschland
Hallo San & Codiskutanten,
hierzu keine Expertenmeinung, aber ein paar Krümelchen von einem alten Mann und (teilweise, betreffend den Zeitraum ab Ende der 1960er Jahre) Zeitzeugen:
Die letzte systematische Anwerbewelle, um Arbeiter aus anderen Ländern nach Westdeutschland zu bringen, wurde durchgeführt, als zu Beginn der siebziger Jahre Vollbeschäftigung drohte - Tarifabschlüsse mit 11, 12% waren damals nichts ganz Ungewöhnliches, und dem sollte wohl Einhalt geboten werden.
Einen, der mit der ersten Anwerbekampagne gekommen und geblieben ist, habe ich in Mainz gekannt: Beppo Agnoli, der zusammen mit seinem Bruder (Eisdiele, Weender Str. in GÖ) 1942 nach Deutschland gekommen ist. Der hat mir auch den Unterschied der Begriffe erklärt: In den Begriffen des tausendjährigen Reiches wurden „Fremdarbeiter“ (= vornehmlich rassisch minderwertiges Menschenmaterial) und „Gastarbeiter“ (= Brüder der Achse, möglicherweise auch noch andere rassisch hochwertigen Herkünfte) unterschieden. Gastarbeiter waren weniger strikt kaserniert als Fremdarbeiter, einige Delikte (z.B. Kontakt mit Frauen arischer Abstammung) waren nur für Fremdarbeiter strafbar. Für Gastarbeiter galten die gleichen Lebensmittelrationen wie für Deutsche.
Italienische Arbeiter waren seit etwa 1840 auf Straßen- und Eisenbahnbaustellen in mehr oder weniger bedeutender Zahl eingesetzt und viele italienischen Familiennamen stammen aus dieser frühen Einwanderungs"welle".
Zeitlich zwischen den Haupt-Anwerbekampagnen für zuerst Italiener und zuletzt Türken lagen diejenigen für Spanier, Portugiesen, Griechen, Jugoslawen - ich glaube, in dieser Reihenfolge, bin mir aber nicht sicher.
Wie sich genau die Dinge in der DDR betreffend Arbeiter aus Cuba, Vietnam und verschiedenen afrikanischen Staaten verhielten, weiß ich nicht zu sagen. Glaube aber zu wissen, dass da vor ca. 1965 nicht viel passierte.
Zwischen 1945 und 1948 konnte von Zuwanderung oder gar systematischer Anwerbung keine Rede sein, die Geschichte vom Wiederaufbau durch Türken ist ein Gerücht - Arbeitskräfte gab es trotz Dezimierung vor allem der männlichen Bevölkerung in einem Land fast ohne Maschinen und Fabriken genug, und die Ernährungslage war ab 1945 weitgehend noch schlechter als in den letzten Kriegsjahren - wer hätte sich freiwillig in so eine Situation begeben sollen? In den Hungerjahren bis zur „Währung“ 1948 mit durchaus unsicherer Perspektive war der Morgenthau-Plan, obwohl wahrscheinlich zu keinem Zeitpunkt „ernst gemeint“, in den Köpfen präsent. Die Demontagepolitik nicht bloß der UdSSR trug ein übriges dazu bei, dass sehr viele Deutschen liebend gerne irgendwo anders ihr Glück versucht hätten - wenn sie denn gedurft hätten. Von einer Zeitzeugin weiß ich, dass 1946 eine Nähmaschinennadel zum Preis von 2 Litern Schnaps gehandelt wurde (der Gegenwert von zwei Wochen Knochenarbeit beim Bauern, wäre bei heutigen Löhnen grob gerechnet 800-1.000 Euro). Leo Wohlleb wird zitiert mit dem Ausspruch, an die Adresse der französischen Besatzungsmacht zum Thema Reparationen durch flächendeckendes Abholzen des Schwarzwaldes gerichtet: „Uns bleibt nicht einmal genug Holz für die Särge“ - Se non è vero…
Wenigstens ein Staat hat sich in dieser Zeit wegen eines problematisch angewachsenen Männerüberschusses um (gelenkte) Einwanderung deutscher heiratsfähiger Frauen bemüht, nämlich Brasilien. Das brasilianische Visum für meine Mutter, einschließlich Fragebogen zur Erfassung der Qualifikation etc. befindet sich bei unseren Familienakten.
Schöne Grüße
MM