Empathie lernen

Moin, zusammen!

Empathie, die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, wirklich und aufrichtig Anteil zu nehmen, fehlt mir, glaube ich. Zumindest teil- oder zeitweise.

Kann man so etwas lernen, oder ist das irgendwie angeboren, und dann vorhanden, oder eben nicht und bleibt dauerhaft abhanden?

Dankeschön!

To.i

Hi,

Empathie, Verständnis oder Mitgefühl hängen sehr stark vom eigenen Interesse ab.
Beispiel: Mann und Frau lernen sich kennen, sie möchte irgendwann ein Commitment zu einer Beziehung. Er zögert, braucht noch Zeit, spricht von Verletzungen aus früheren Beziehungen, die es ihm schwer machen, sich auf einen Menschen festzulegen. Sie versteht ihn, gibt ihm Raum, drängt nicht, zeigt sich verständnisvoll.
Dann werden die beiden doch ein Paar, aber irgendwann erwischt sie ihn beim Seitensprung und ist extrem enttäuscht und wütend.
Er will erklären, erinnert sie daran, dass er immer gesagt habe, er könne sich schwer auf eine festlegen. Sie will davon nichts hören und verlässt ihn.
Warum war sie zuerst verständnisvoll und empathisch, später aber nicht, obwohl es doch sogar dasselbe Thema war?
Im ersten Fall fühlte sie sich zu ihm hingezogen und hatte großes Interesse an ihm. Im zweiten Fall jedoch war sie verletzt und fühlte sich abgestoßen. Damit war es dann auch mit dem Verständnis vorbei.
D.h. die Frau war einmal emptahisch und einmal nicht, je nach ihrer Interessenlage.

In Bezug auf deine Frage lernen wir daraus, dass mit dem Interesse auch das Einfühlungsvermögen kommt. Natürlich ist auch das eine Übungssache. Wer viele tiefgehende Gespräche mit Menschen führt, der hat mehr Übung und oft besseres Einfühlunsgvermögen als ein Einzelgänger (das ist eine statistische Aussage, falls gleich wieder jemand mit Gegenbeispielen angerannt kommt).
Die Frage ist dann aber verschoben. Wie interessiert man sich für etwas/jemanden? Wir können uns ja nur sehr begrenzt aussuchen was uns interessiert. Interesse kommt und geht.
Aber ein paar Menschen werden dich doch interessieren, oder? Höre ihnen gut zu und bewerte nicht. Wenn sie sich dir öffnen, wirst du schon etwas fühlen. Sei offen für dieses Gefühl und schiebe es nicht beiseite.

Tychi

Hallo,

das ist angeboren.
Man kann aber empathisches Verhalten erlernen wie eine Rolle in einem Theaterstück. Wenn man dieses erlernte empathische Verhalten ausübt, wird es jedoch seine positive Wirkung nur gegenüber Menschen entfalten, die selber wenig sensibel sind.
Ein Sensibelchen hingegen wird das sofort bemerken und womöglich misstrauisch werden.

Gruß

Marzeppa

Hi Marzeppa,

das ist angeboren.

Woher weißt du das?

Man kann aber empathisches Verhalten erlernen wie eine Rolle
in einem Theaterstück. Wenn man dieses erlernte empathische
Verhalten ausübt, wird es jedoch seine positive Wirkung nur
gegenüber Menschen entfalten, die selber wenig sensibel sind.

Das ist eine selbstimmunisierende Behauptung. Alle, die sich vom „unnatürlichen Mitfühlenden“ verstanden fühlen, werden als unsensibel kategorisiert.

Ein Sensibelchen hingegen wird das sofort bemerken und
womöglich misstrauisch werden.

Ich gebe dir nur teilweise Recht. Manche Menschen haben eine bessere Intuition als andere. Diese wie auch unser Sozialverhalten sind aber zum großen Teil Ergebnis eines Lernprozesses. Einfühlungsvermögen versus Grobheit gehört auch dazu. Das sieht man daran, wie Menschen, je nach sozialem Umfeld härter oder weicher werden.

Tychi

4 „Gefällt mir“

moin,
wie ist es denn mit deinem Mitgefühl dir selber gegenüber? Stellst du sehr hohe Erwartungen an dich? Kannst du dir selbst Fehler gut ‚vergeben‘?
Schließt du viel von dir auf andere? Hast du bei vielem das Gefühl ‚selbst Schuld‘ zu sein, oder eher nicht?

Ausserdem ist es vielleicht für dich interessant dir zu überlegen, was du mit ‚Empathie‘ überhaupt verbindest. Was ist denn ‚wirklich und aufrichtig Anteil nehmen‘? Ich meine - wie äußert sich das deiner Meinung nach?

ein abundan empathischer…lux

Hallo, To.i,

Empathie, die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, wirklich
und aufrichtig Anteil zu nehmen, fehlt mir, glaube ich.
Zumindest teil- oder zeitweise.

nach http://www.zeit.de/newsticker/2010/4/29/iptc-bdt-201… ist das vielleicht bald therapierbar…

Gruß
Kreszenz

Hallo!

Meiner Meinung hängt das mit der eigenen Grundstimmung zusammen. Ein positiv eingestellter Mensch kann sich fast immer besser in andere einfühlen als einer mit Depressionen, Minderwertigkeitsgefühlen usw.

Erlernen kann man gewisse Techniken, die bei positiven Menschen meistens von Natur aus vorhanden sind. Eine solche Technik ist das aktive Zuhören und das Spiegeln.

Irgendwie in die selbe Richtung geht auch die Unfähigkeit depressiver Menschen echt zu trauern. Selbstmitleid im Übermaß, aber kein „Mitgefühl“ ebenso.

Liebe Grüße

Waldi

etwas o.t.
Hi Kreszentia,

gibt es auch schon Ergebnisse dazu, wie sich die künstlich erzeugte emotionale Umstellung auf die weitere sozial-emotionale Entwicklung dieser Männer auswirkt?

Was in so einem Labor getestet wird, mit Bildern, die Emotionen hervorrufen (oder eben nicht), mag eine interessante Sache eines isolierten, nicht am wirklichen Leben ausgerichteten Versuchs sein.

Was aber ist außerhalb des Labors mit den Männern, die empathischer werden durch eine solche Manipulation?

MfG, IHF

Hallo,

ich glaube, daß ein Teil der Empathie angeboren ist, und ein Teil erlernt wird durch die Erfahrungen, die man mit der Zeit macht. Durch diese Erfahrungen entsteht Wissen über das Verhalten von Menschen, und dieses Wissen geht mit der Zeit in Fleisch und Blut über und seine Anwendung wird einem so natürlich, wie wenn es angeboren wäre. Das ist gleich wie bei allem anderen, was man lernt, Fremdsprachen, Klavierspielen usw.

Man muß in einer bestimmten Weise frei sein, um empathisch sein zu können: die Fähigkeit zur Empathie wird sehr leicht durch starke Bedürfnisse verschüttet, wie ein empfindlicher Sensor, der nicht mehr funktioniert, wenn eine Störsignalquelle da ist.

Ich möchte unterscheiden:
a) Bedürfnisabhängige Interessen. Z. B. ich habe Interesse an einer Frau aus starken sexuellen Bedürfnissen.

b) Interessen, die von aktuellen Bedürfnissen unabhängig sind. Solche Interessen an anderen Menschen, an neuem Wissen, an Horizonterweiterung unterstelle ich jedem Menchen, der gesund auf die Welt gekommen ist. Ich glaube aber, daß sie häufig verschüttet sind und verdeckt z. B. durch bedürfnisabhängige Interessen.

Aus dem Obigen ziehe ich folgende Schlüsse:

  1. Erfahrungen mit anderen Menschen führen im Lauf der Zeit zwangsläufig zu einem Zuwachs an Empathie.

  2. Wenn starke aktuelle - eventuell gestaute - Bedürfnisse vorhanden sind, dann ist es notwendig, diese zu erledigen (Erfüllung, wenn möglich, sonst Distanzierung). Dann werden vorhandene bedürfnisunabhängige Interessen sichtbar und Empathie erst möglich.

Grüße,

I.

Das ist eine selbstimmunisierende Behauptung. Alle, die sich

„Selbstimmunisierende Behauptung“ ist ein superguter Ausdruck. Ich danke Dir dafür und freue mich darauf, den bei nächster Gelegenheit mal jemandem um die Ohren zu hauen.

vom „unnatürlichen Mitfühlenden“ verstanden fühlen, werden als
unsensibel kategorisiert.

Das ja, aber zunächst mal nicht wertend. Unsensibel ist unsensibel aber das muss ja nicht schlecht sein. Ich denke normalerweise sind Sensibelchen und (ich nehme ein seltenes Fremdwort) „Donkos“ auf einander angewiesen.

Ich gebe dir nur teilweise Recht. Manche Menschen haben eine
bessere Intuition als andere. Diese wie auch unser
Sozialverhalten sind aber zum großen Teil Ergebnis eines
Lernprozesses. Einfühlungsvermögen versus Grobheit gehört auch

Das kann man so sehen oder auch anders.
Sensibelchen sind seit zwei Jahren ein bißchen so ein Modethema. Es wird in Büchern produktiv geschwafelt darüber, aber es ist auch tatsächlich was dran.
Ein Beispiel dafür ist das Buch „Sind Sie Hochsensibel?“ von der Frau Elaine N. Aron, 355 Seiten in der deutschen Übersetzung. Man sollte als Schriftsteller von zehn Wörtern nur das eine beste hinschreiben und nicht dreißig. Ist meine Privatmeinung.

Und das mit dem Lernprozess wird weniger, denn im Laufe der Jahrzehnte tritt die angeborene Disposition zunehmend in den Vordergrund.

Gruß

Marzeppa

Hallo,

gibt es auch schon Ergebnisse dazu, wie sich die künstlich
erzeugte emotionale Umstellung auf die weitere
sozial-emotionale Entwicklung dieser Männer auswirkt?

mehr als diese Nachricht, über die ich gestern zufällig stolperte, ist mir bisher auch nicht bekannt.

Gruß
Kreszenz

Hallo Tokei-ihto,

die Fähigkeit zur Empathie entwickelt sich im Kindesalter. Zunächst lernen Kinder, in welchen Situationen bei ihnen selbst bestimmte Gefühle ausgelöst werden. Die Differenzierung zwischen dem eigenen und dem fremden Empfinden geschieht in der Regel zwischen dem 4. bis 6. Lebensjahr.

Erst ab etwa sieben Jahren sind Kinder kognitiv so weit entwickelt, dass sie erkennen können, dass das, was sie als Ausdruck von Emotionen bei einem anderen Menschen wahrnehmen, nicht unbedingt dessem tatsächlichen emotionalen Empfinden entsprechen muss. Sie lernen also, den Kontext in die erlebte Situation miteinzubeziehen.

Damit diese Entwicklung funktioniert, müssen bei einem Kind viele Faktoren zusammenwirken: Genetik und kindliches Temperament spielen eine Rolle, und insgesamt kann man den Erwerb von Emotionalität und den entsprechenden Regulationsstrategien gleichermaßen dem familiären wie dem sozialen Umfeld zuordnen.

Heißt: Um deine Empathiefähigkeit zu beurteilen, könntest du dir zunächst anschauen, inwieweit du deine eigenen Gefühle erkennen und regulieren kannst. Gelingt das zufriedenstellend, sind grundlegende Voraussetzungen auf jeden Fall gegeben.

Der nächste Punkt wäre, zu überprüfen, ob du Gefühle bei anderen richtig einschätzen kannst - und zwar unter Berücksichtigung der o.g. Tatsache, dass gezeigte Emotionen oft nicht tatsächliche sind.

Klappt auch das einigermaßen gut, bist du definitiv empathiefähig. Wie gut dir echte Anteilnahme gelingt, hängt dann von weiteren Faktoren ab. Genannt wurde bereits das Interesse an der Person, aber auch Selbstschutz spielt durchaus eine Rolle. Manche Empfindungen anderer will man gar nicht näher an sich heranlassen.

Wie gut es einem gelingt, dem Gegenüber Anteilnahme zu signalisieren, kann man in jedem Fall trainieren. Professionelle Berater oder Personen, die im pädagogischen Bereich arbeiten, haben Gesprächstechniken zur Verfügung, mit deren Hilfe sie dem Gegenüber ihr Interesse an seiner Person vermitteln können.

Um glaubwürdig zu sein, bedarf es selbstverständlich eines tatsächlich vorhandenen grundsätzlichen Interesses daran, der Person helfen zu wollen. Es ist aber nicht nötig (und im professionellen Bereich auch nicht sinnvoll), das geballte Leid dieser Person mitzuerleben.

Schöne Grüße,
Jule

Hallo,

gibt es auch schon Ergebnisse dazu, wie sich die künstlich
erzeugte emotionale Umstellung auf die weitere
sozial-emotionale Entwicklung dieser Männer auswirkt?

Eine gute Frage, zumal die gesamte Gesellschaft offenbar sowieso langsam
verweiblicht und in Richtung Matriarchat fortschreitet.

Was aber ist außerhalb des Labors mit den Männern, die
empathischer werden durch eine solche Manipulation?

Tja, die Weicheier bringen den Psysotherapeuten dann mehr Einnahmen,
weil diese ständig weinerlichen Männer dann mittels Egotherapie wieder
aufzubauen sind :wink:)
Gruß Uwi

zunächst und an alle:
Vieln Dank Euch für die Antworten, Darstellungen, Denkhilfen.

Wenn ich mehr Zeit habe, werde ich mich zu jeder Antwort äußern!

Schöne Grüße

To.i
Hauptmann der Indianer a.D.

Ergänzung: Was ist Empathie?
Hi,

ich möchte noch etwas ergänzen: Empathie geht über Mitgefühl deutlich hinaus. Wer mit jemanden zusammen traurig wird oder sich mit ihm freut, der fühlt mit. Das ist aber nur eine Komponente der Empathie und noch nicht mal eine wesentliche.
Bei der Empathie geht es vielmehr darum, die Situation des anderen zu verstehen, gewissermaßen vorübergehend in seine Haut zu schlüpfen. Das ist zum größeren Teil eine kognitive Leistung und weniger eine emotionale. Lebenserfahrung, Offenheit, Toleranz, sich auf den Anderen Einlassen, das Ablegen von Vorurteilen und vor allem von Verurteilungen, sich in die Lage des Anderen hineindenken, aktives Zuhören - all das sind Voraussetungen und Ausprägungen von Empathie.

Einfaches Beispiel: Die Frage: "Du wirst dir das von deinem Chef wohl nicht gefallen lassen, oder!?"ist nicht empathisch, weil sie eine Vorverurteilung enthält, die dem anderen nur eine Antwort erlaubt. Er macht dann dicht und oder geht auf Konfrontation.
Hingegen die Frage: „Was willst du jetzt tun? Hast du schon eine Idee?“ und je nach Antwort gefolgt von: „Welche Nachteile hättest du, wenn du deinem Chef die Stirn bietest?“ sind empathische Fragen.

Oder auch: Jemand erzählt dir eine Geschichte, was ihm zugestoßen ist, und du, kaum dass er zuende geredet hat, sagst: „Ja ja, genauso war es bei mir damals auch. Das ist…“ und dann erzählst du deine Story, die so ähnlich ist. Der andere fühlt sich nicht so richtig verstanden, denn jede Situation ist einzigartig. Er hört dann nur, dass du sowas auch schon mal erlebt hast. Und? Wieso, so fragt er sich zurecht, seid ihr jetzt bei deiner Geschichte, wo doch eben noch von ihm die Rede war?

Hieran sieht man auch ganz klar, dass Empathie erlernbar ist und dass bestenfalls die Mitgefühlskomponente angeboren ist, deren Entwicklung aber auch den Wechselfällen des Lebens unterliegt.

Im Übrigen ist der Mitgefühlsanteil nicht mal immer förderlich für empathisches Beraten, denn er erschwert die Außensicht des Beraters. Im Professionellen, also bei Therapeuten, ist eine emotionale Distanzierung sogar nötig, weil sie sonst bei all dem Leid selbst zugrunde gingen.

Tychi

4 „Gefällt mir“