Hallo Tokei-ihto,
die Fähigkeit zur Empathie entwickelt sich im Kindesalter. Zunächst lernen Kinder, in welchen Situationen bei ihnen selbst bestimmte Gefühle ausgelöst werden. Die Differenzierung zwischen dem eigenen und dem fremden Empfinden geschieht in der Regel zwischen dem 4. bis 6. Lebensjahr.
Erst ab etwa sieben Jahren sind Kinder kognitiv so weit entwickelt, dass sie erkennen können, dass das, was sie als Ausdruck von Emotionen bei einem anderen Menschen wahrnehmen, nicht unbedingt dessem tatsächlichen emotionalen Empfinden entsprechen muss. Sie lernen also, den Kontext in die erlebte Situation miteinzubeziehen.
Damit diese Entwicklung funktioniert, müssen bei einem Kind viele Faktoren zusammenwirken: Genetik und kindliches Temperament spielen eine Rolle, und insgesamt kann man den Erwerb von Emotionalität und den entsprechenden Regulationsstrategien gleichermaßen dem familiären wie dem sozialen Umfeld zuordnen.
Heißt: Um deine Empathiefähigkeit zu beurteilen, könntest du dir zunächst anschauen, inwieweit du deine eigenen Gefühle erkennen und regulieren kannst. Gelingt das zufriedenstellend, sind grundlegende Voraussetzungen auf jeden Fall gegeben.
Der nächste Punkt wäre, zu überprüfen, ob du Gefühle bei anderen richtig einschätzen kannst - und zwar unter Berücksichtigung der o.g. Tatsache, dass gezeigte Emotionen oft nicht tatsächliche sind.
Klappt auch das einigermaßen gut, bist du definitiv empathiefähig. Wie gut dir echte Anteilnahme gelingt, hängt dann von weiteren Faktoren ab. Genannt wurde bereits das Interesse an der Person, aber auch Selbstschutz spielt durchaus eine Rolle. Manche Empfindungen anderer will man gar nicht näher an sich heranlassen.
Wie gut es einem gelingt, dem Gegenüber Anteilnahme zu signalisieren, kann man in jedem Fall trainieren. Professionelle Berater oder Personen, die im pädagogischen Bereich arbeiten, haben Gesprächstechniken zur Verfügung, mit deren Hilfe sie dem Gegenüber ihr Interesse an seiner Person vermitteln können.
Um glaubwürdig zu sein, bedarf es selbstverständlich eines tatsächlich vorhandenen grundsätzlichen Interesses daran, der Person helfen zu wollen. Es ist aber nicht nötig (und im professionellen Bereich auch nicht sinnvoll), das geballte Leid dieser Person mitzuerleben.
Schöne Grüße,
Jule