und hier der Originaltext vom Autor
Letzte Woche habe ich zwei Versionen der Story ‚Truth2‘ an euch
geschickt, die - sagen wir mal vorsichtig - eine etwas erhoehte Konzentrations-
faehigkeit beim Lesen erforderten. Oder - wie es einige von euch so schoen
auszudruecken pflegten: „Das beschissene Zeug war total unleserlich, Mann!!!“
Sicher haben sich die meisten von euch gefragt, was der Scheiss soll.
Ganz einfach: In Zukunft werde ich jede neue Bastard-Folge in dieser
Form verschicken, wenn in der Woche davor weniger als 10 Buecher bei
mir bestellt wurden!!! (Harharhar!)
Just kidding 
Jetzt mal Spass beiseite; das Ganze ist gar nicht mal so uninteressant:
Sicher habt ihr gemerkt, dass der erste Text gar nicht so unleserlich ist,
wie er auf den ersten Blick aussieht. Vor allem, wenn man ‚nicht so genau
hinschaut‘, die ohnehin schon kurzsichtigen Augen etwas zusammenkneift
und den Blick laessig ueber die Zeilen schweifen laesst:
‚Es hnlaedt scih auch nhict um enie neue Kduienorg, wie eniige von ecuh
dhctean,‘
sondern um ein ganz simples Skript, das jeweils den Anfangs- und
Endbuchstaben eines jeden Wortes stehen laesst und den Rest random
neu verteilt.
Es gibt deshalb auch kein Programm zur Dekodierung, das ein paar
Bastard-Leser prompt bei mir eingefordert haben, weil eine
Zufallsverteilung nicht so leicht rueckgaengig zu machen ist 
Was man machen koennte: ein sehr grosses Lexikon nehmen und systematisch
nach Anagrammen suchen. Dann bekommt man fuer jedes Wort 1…N Anagramme
und muss mit Hilfe einer deutschen Grammatik (die es es bekannterweise
nicht gibt!) hoffen, die richtige Wortkombination herauszufinden. Das
ist ein erstaunlicher Aufwand - und nicht mal dann ist garantiert, dass
man den urspruenglichen Text wieder hinbekommt!
Wie kommt es dann, dass jeder halbwegs faehige Alphabet es mühelos
schafft, so einen massakrierten Text zu lesen?
Um der Antwort naeher zu kommen, habe ich ein paar Experimente mit
Erstsemestern gemacht (Erstsemester sind die idealen Versuchkaninchen;
sie halten einen nicht mit blöden Fragen auf, weil bei ihnen die
Vorstellung vom akademischen Halbgott mit Titel noch unverfaelscht
vorhanden ist! Leider verliert sich das spaeter ziemlich schnell…):
Wenn man anstatt nur des ersten und letzten Buchstabens längere
Gruppen stehen laesst, z.B. in Woertern mit mehr als 6 Buchstaben die
ersten 2 und die letzten 2, in Woertern mit mehr als 9 Buchstaben die
ersten und letzten 3 usw., dann - aendert sich gar nichts!
Die Erkennung wird also nicht besser (und auch nicht schlechter).
Wenn man bei Woertern mit mehr als 6 Buchstaben die Laenge um einen
Buchstaben zufallsgesteuert aendert, also entweder einen Buchstaben
weglaesst oder irgendeinen Buchstaben einfuegt, geht die
Erkennungsleistung runter, aber nicht viel.
Wenn man dagegen die ‚inneren‘ Buchstaben voellig random auswaehlt,
also alle Buchstaben des Alphabets zufaellig in Wortinneren verteilt,
dann ist es mit der Erkennung schlagartig vorbei! Nix geht mehr!
Und schliesslich noch eine interessante Beobachtung: Die
Erkennungsleistung scheint mit der Geschwindigkeit zu korrelieren, mit
der die Kaninchen sonst normalerweise lesen. D.h. ein Kaninchen, dass
ueblicherweise für eine Seite Text nur eine Minute braucht, hat weniger
Schwierigkeiten, als ein Kaninchen, das 5 Minuten braucht.
Schlussfolgerungen koennt ihr jetzt selber ziehen; muss euch ja nicht
alles vorbeten! Wer sich nicht zurueckhalten kann, schickt mir mal eine
email mit seiner Theorie, was in den grauen Zellen da oben ablaeuft
([email protected]).
(Uebrigens bekommt man solche Texte muehelos durch saemtliche Spam-Filter…)
Jetzt zum zweiten Text:
Entgegen der populaeren Meinung unter den Bastard-Fans, dass ‚ich mich
wirklich mal untersuchen lassen sollte‘ (Danke!), war das kein reiner
Bullshit, sondern ganz einfach eine phonetische Umschrift der
Geschichte.
Entgegen einer weitverbreiteten Vorstellung (vor allem unter Akademikern!)
sprechen wir naemlich keineswegs so wie wir schreiben - und, nein: ich
spreche jetzt hier keineswegs nur von Bayern und Sachsen!
Wir sprechen auch nicht so, wie es in der oben erwaehnten phonetischen
Umschrift wiedergegeben wurde, aber ein imaginaerer, idealer Sprecher
vorzugsweise aus Hannover koennte eventuell so sprechen, wenn er ganz
langsam und deutlich vorliest.
Mit anderen Worten: die phonetische Umschrift spiegelt wieder, was fuer
die einzelnen Woerter im Ausspracheduden steht!
Wie mache ich so etwas? Ganz einfach: ein kleines Expertensystem mit knapp
1400 mehr oder weniger komplizierten Regeln und schon bist du dabei!
Natuerlich ist jedem Bytewusler klar, dass ein Algo mit ueber 1000 Regeln
nur eines bedeuten kann: Das Problem, d.h. die Abbildung von Schriftsprache
auf Lautsprache ist grottenschlecht definiert! Und genau so ist es fuer
das Deutsche und noch mehr fuer das Englische! (Spanisch ist eine loebliche
Ausnahme, und Italienisch geht noch so…)
Die interessante Frage ist: wieso koennen wir dann ueberhaupt jemals lernen,
laut vorzulesen? Die Antwort ist: wir koennen es gar nicht, jedenfalls niemals
vollkommen fehlerfrei (nicht mal Radiosprecher können das!)
The Truth … and nothing but the Truth (2)
Florian Schiel
(REPLAY MODE ON)
„Du hast mich schon verstanden! Ausserdem sind diese Schiffe, die du da
als Schuhe missbrauchst, eine Beleidigung fuer 4000 Jahre abendlaendische
Zivilisation!“
Ich schaffe es tatsaechlich, weitgehend unverletzt mein Allerheiligstes
zu erreichen und die Tuere hinter mir zu verrammeln. Verwirrt tupfe
ich mir den Kaffee von meinem ‚Ich-bin-root-ich-darf-das‘-T-Shirt und
frage mich, was eigentlich passiert sei. Marianne donnert inzwischen
draussen mit ihrem Posaunenkasten gegen die verschlossene Buerotuere,
was das Nachdenken auch nicht gerade leichter macht.
Habe ich wirklich noch im Weglaufen gerufen, dass wirklich nur eine
verklemmte Power-Lesbe einen Posaunenkasten als Phallus-Ersatz benutzen
wuerde? Ich wische mir den Schweiss von der Stirne; das wird mir Marianne
niemals verzeihen! Wahrscheinlich wird sie mir in der Tiefgarage bei
den Maennerparkplaetzen (die auf meine vehementen Proteste bei der
Gleichstellungsbeauftragten hin eingerichtet wurden) auflauern, mich mit
ihrem Titanium-Posaunenkasten zu Matsch pruegeln und anschliessend einen
Buchenholzpfahl (-phall?) durch mein zuckendes Herz haemmern. Grosser
Core-Dump! Eine Sonderermaechtigung der Klasse 1 hatte ich mir ganz
anders vorgestellt!
(REPLAY MODE OFF)
Zwanzig Minuten spaeter bricht Marianne ihren Angriff ab (sogar Marianne
weiss, dass man sich mit einem Posaunenkasten nicht durch eine feuerfeste
Brandschutztuere haemmern kann!), das Telefon laeutet, und voellig
zerstreut hebe ich automatisch ab.
„Hallo? Ist dort die Rechner-Hotline?“ Eine von unseren Userinnen ist
dran, ein typischer DAU, aber mit interessanten Kurven.
„Ich habe ein Problem mit meiner Diss“, sagt sie voellig unbedarft,
„ich bin ganz sicher, dass ich sie gestern noch im Unterverzeichnis
‚Promotion‘ gespeichert habe, und heute finde ich das ganze Verzeichnis
nicht mehr …“
Habt ihr da noch Worte? Also, ich nicht. Eigentlich ist alles schon
gesagt …
Routinemaessig werfe ich einen Blick in den Bastard Ausredenkalender:
‚Statische Entladungen wegen Plastiklineal‘ steht drin. Wie
einfallsreich! Aber fuer eine DAU vielleicht noch ganz neu; man kann nie
wissen. Ich mache den Mund auf, um etwas von statischen Aufladungen zu
schwafeln, und sage statt dessen:
„Ihre Diss ist deshalb verschwunden, weil ich sie gestern Nacht geloescht
habe. Ich dachte, das waere der einfachste Weg, Sie dazu zu bekommen
hier anzurufen. Jetzt werde ich Ihnen einreden, dass Sie selber aus
Versehen mit einem aufgeladenen Plastiklineal Ihre Daten geloescht
haben, und danach die Diss auf ganz wunderbare Weise aus dem Backup
wieder einspielen. Aus Dankbarkeit werden Sie sich mit mir zum Abendessen
verabreden und mit ein bisschen Geschick bekomme ich Sie dann heute noch
ins Bett.“
Scheisse, scheisse, scheisse! Ich koennte mir glatt die Zunge
abbeissen! Dabei hat bis jetzt alles so gut geklappt! Die Braut kann
ich jetzt fuer alle Zeiten abhaken!
Aber nach einer Pause von 5 Sekunden kommt das Unerwartete:
„Aehm … waere acht Uhr ok?“
Nachdem ich mich tatsaechlich mit der DAU verabredet habe, sondiere
ich ueber meine WebCam, ob die Luft auf dem Gang rein ist und schleiche
vorsichtig hinueber in die Werkstatt. Auf dem Rueckweg begegnet mir Frau
Bezelmann mit einem Packen unterschriftsreifer Dokumente unterm Arm.
„Herr Leischschsch! Ichchch brauchchche Ihre Unterschschschrift auf
… W… wasss haben Sssie denn da im Gesssicht?!“
Ich spuere deutlich wie mein Mund zu sagen versucht, dass Sie das gar
nicht angehe, Sie heliumgekuehlte Kaktus-Fetischistin. Zum Glueck kommt
nur ein
„Hm hm Hmm hm hem hm, Hm mhm hemmm-hmhehm Hmhmm-Hemhmhmhm!“ heraus, weil
ich mir kreuz und quer Teppichklebeband ueber das Schandmaul geklebt habe.
Frau Bezelmann bedenkt mich mit einem ihrer typischen
Minus-230-Grad-Celsius-Blicke, und ich kann praktisch sehen, wie sie
denkt:
„Jetzzzt issst der arme Irre komplett ueber den Jordan!“ - und gleich
darauf sagt sie es auch.
Ich versuche ihre momentane Verblueffung auszunutzen und mich in mein
Allerheiligstes zu verdruecken, aber Frau Bezelmann schneidet mir den
Weg ab und haelt mir fordernd die Unterschriftenmappe unter die Nase.
„Moment nochch! Dasss hier mussssss sofort unterschschrieben werden,
damit ichch meinen letzzzten Guerilla-Nahkampf-Kursssusss als berufliche
Fortbildung ersssetzzzt bekomme!“
Frau Bezelmann erstarrt ein zweites Mal vor Schreck. Ich nicht. Seit
dem Vorfall mit der Uebungshandgranate bei der Erstsemestereinschreibung
ueberrascht mich gar nix mehr!
Ich nehme den Kugelschreiber und sehe hilflos zu, wie meine Hand statt
meines unleserlichen Unterschriftkrakels schreibt:
„Das koennte Ihnen so passen, Sie studentenmordende, heliumgekuehlte
Kaktus-Fetischistin!“
Ich schaffe es lebend zurueck in die Werkstatt, die zum Glueck auch eine
feuerfeste Brandschutztuere hat. Allerdings sagt das nicht viel; jetzt
haengt alles davon ab, ob Frau Bezelmann wie ueblich ihre Panzerfaust im
Wagen dabei hat oder nicht. Schaetzungsweise bleiben mir sechs Minuten,
bis sie aus der Tiefgarage wieder zurueck ist.
Ich mache mir eine stabile Handfessel aus dem verbleibenden Klebeband und
binde meine rechte Hand hinten am Guertel fest. Gar nicht so einfach mit
nur einer Hand und verklebtem Mund! Ich bin noch nicht mal ganz fertig,
da bricht draussen auf dem Gang ein mehrstimmiger Tumult aus. Ich gucke
vorsichtig um die Ecke und sehe den Kollegen O. und den Kollegen Rinzling
in engem man-to-man-combat. Der Kollege O. hat den Kollegen Rinzling in
den Schwitzkasten genommen, waehrend dieser von hinten O.s Haare gepackt
hat und mit aller Macht daran zerrt. Beide ueberhaeufen sich mit den
wuestesten Beschimpfungen, die aber bei nuechterner Betrachtung allesamt
der Wahrheit entsprechen. Unser B.H.f.H., der zufaellig vorbeikommt,
versucht die beiden Streithaehne zu trennen, aber anstatt sie zur Vernunft
zu rufen, bruellt er statt dessen, dass beide akademische Nichtstuer und
intellektuelle Schmarotzer seien, die mit ihrer angeblichen Wissenschaft
seine Steuergelder verprassen wuerden. Daraufhin fallen die beiden
gemeinsam ueber den armen B.H.f.H. her, der von seiner eigenen Aeusserung
so verbluefft ist, dass er viel zu spaet anfaengt sich zu wehren, und
der Kollege Rinzling landet den ersten und einzigen Kinnhaken seines
Lebens, bevor ihn der B.H.f.H. kopfueber in den Abfallrollwagen der
Putzfrau steckt.
Weiter hinten haben sich Jenny und Marianne in den Haaren
(buchstaeblich!), und vor dem Mikroprozessor-Praktikum sehe ich Yogi Flop,
unseren notorischen Frauenfeind, inmitten eines aufgebrachten Mobs von
Studentinnen blutueberstroemt zu Boden gehen. Jetzt weiss ich endlich,
warum die Dinger Stilettos heissen!
Mitten im Chaos steht der Chef, vermutlich der Einzige im Institut,
der sowieso immer die Wahrheit sagt, und betrachtet mit offenen Mund
diesen Ausbruch erzwungener Wahrhaftigkeit an seinem LEERstuhl. Und als
am Ende des Ganges auch noch Frau Bezelmann mit ihrer Panzerfaust auf
der Schulter auftaucht, beschliesse ich, dass es an der Zeit ist nach
Hause zu gehen, SE1 hin oder her!
Wie ich es mit nur einem Arm die Feuerleiter hinunter geschafft habe,
wird mir spaeter auf ewig ein Raetsel bleiben. Auf jeden Fall komme
ich mehr oder weniger unverletzt bis zur U-Bahn-Station, und als ich
probeweise bei der Kioskbesitzerin nach einem extra-milden Fishermen’s
Friend frage und dann, als sie sich umdreht, eine Fahrkarte stibitze,
atme ich erleichtert auf. Offensichtlich scheint der Wahrheitswahn
tatsaechlich auf unseren LEERstuhl beschraenkt zu sein.
Zuhause, kaum dass ich mich von den superklebrigen Teppichklebebaendern
befreit habe, logge ich mich beim LEERstuhl ein und sichere alle Texte,
die auf saemtlichen Rechnern am Institut einschliesslich Email am
heutigen Tag geschrieben wurden, auf ein separates Laufwerk. Wenigstens
die naechsten Tage moechte ich noch meinen Spass haben …
Copyright Florian Schiel 2004