Hallo Abe!
Vielleicht kann ich Dir damit weiterhelfen:
Die Geschlechtsentwicklung des Menschen lässt sich auf mehreren Ebenen nachvollziehen.
Ebenso setzt sich das Konstrukt Geschlecht aus einer
„Anzahl verschiedener Geschlechtsvariablen [zusammen], von denen Sie annehmen, daß sie kongruent sind: a) genetisches Geschlecht, bestimmt durch die XX- oder XY-Chromosomenanordnung, b) hormonales Geschlecht, bestimmt durch die Vorherrschaft von Androgenen oder Östrogenen, c) durch die Gonaden bestimmtes Geschlecht (Hoden bzw. Eierstöcke), d) Geschlecht im Sinne der Fortpflanzung, bestimmt durch entsprechende innere Organe), e) körperliches (morphologisches) Geschlecht, bestimmt durch die äußeren Genitalien, f) zugeschriebenes Geschlecht, festgestellt von Eltern und Ärzten, g) psychologisches Geschlecht oder Geschlechtsrolle, bestimmt durch die anerzogene Identifikation mit der männlichen bzw. weiblichen Geschlechtsrolle.
Natürlich stimmen all diese Determinanten im allgemeinen überein.“
Genetisch gesehen wird das Geschlecht des Menschen bereits im Augenblick der Zeugung festgelegt. Auf dem nur bei Männern vorhandenen Y-Chromosom findet sich hier das geschlechtsentscheidene SRY-Gen, somit werden Feten mit den Chromosomen XY als männlich, jene mit XX als weiblich definiert.
Kurz darauf beginnt die hormonelle Geschlechtsentwicklung: Ab etwa der siebten Schwangerschaftswoche beginnen bei männlichen Feten die Hoden mit der Produktion von Androgenen, vor allem Testosteron. Bei weiblichen Feten setzt die Produktion von Östrogen und Progesteron in etwa der zwölften Schwangerschaftswoche ein. Zudem werden jeweils in geringfügigen Mengen auch die „gegengeschlechtlichen“ Hormone produziert.
Asendorpf (2000) weist darauf hin, dass diese in der Schwangerschaft produzierten Hormone auch das spätere psychologische Geschlecht eines Menschen beeinflussen könnten. So würden erhöhte Östrogenmengen bei weiblichen Feten später vermehrt zu Homo- oder Bisexualität führen, bei männlichen Feten fände man später eher kognitiv „weibliche“ Merkmale. Umgekehrt führten erhöhte Androgenmengen bei weiblichen Feten später wiederum zu vermehrt auftretender Homo- oder Bisexualität sowie zu „männlicheren“ kognitiven Merkmalen, etwa im Spielverhalten, der Selbsteinschätzung bei Aggression und einer besseren räumlichen Vorstellungskraft. Er betont jedoch auch, dass diese beschriebenen Auswirkungen sehr spezifisch seien und es keinen linearen Zusammenhang zwischen dem frühen hormonellen Geschlecht und einem späteren geschlechtstypischen Verhalten gäbe.
Zimbardo beschreibt zu der angenommenen Einflussnahme von pränatalen Hormonen auf spätere Verhaltensweisen folgenden Fall:
„Während der embryonalen Entwicklung kann in die Geschlechtsdifferenzierung eingegriffen werden, indem Hormone verabreicht oder die Geschlechtsdrüsen bei Säugetieren entfernt werden (Kastration). […] Dem kommt beim Menschen ein Syndrom sehr nahe, welches als „progesteroninduzierter Hermaphroditismus“ bezeichnet wird. Diese pränatale Maskulinisierung wurde bis etwa in die 50er Jahre zufällig bei einigen weiblichen Kindern induziert, deren Mütter Injektionen gegen eine Fehlgeburt erhielten. Die Babies kamen mit maskulinisierten weiblichen Genitalien zur Welt, Abnormalitäten, die in früher Kindheit korrigiert werden konnten. Die Forscher der 60er Jahre behaupteten, diese Säuglinge hätten später männliche Verhaltenszüge an den Tag gelegt, gemessen an Spielzeugpräferenzen, Energieumsatz und Aktivitäten, die normalerweise nur Knaben zeigen. Heute würde sich ihr Verhalten nicht von dem „emanzipierter“ normaler Mädchen unterscheiden.“
Hormone nehmen zudem Einfluss auf die Entwicklung des menschlichen Gehirns: „The fact that sex hormones enter the brain and measurably affect its activity is now quite well established. ” Durch diese hormonellen Einflüsse auf die Entwicklung des Gehirns kommt es auch zur Entwicklung des so genannten neuronalen Geschlechts. Solche Einflüsse können auch noch nach der Geburt in zum Beispiel Phasen erheblicher hormoneller Veränderungen (Pubertät, Schwangerschaft, Menopause) durch neuronale Auswirkungen zur Entstehung „neuer“ psychologischer Geschlechtsunterschiede beitragen.
Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass neuronale Unterschiede sich nicht zwangsläufig auf hormonelle Einflüsse zurückführen lassen. Sie können ebenso sehr Folgen einer geschlechtstypischen Umwelt oder geschlechtstypischer Verhaltensweisen sein: Man muss also von einer Wechselwirkung biologischer und psychologischer Faktoren ausgehen.
Auch Maccoby (1996) weist auf die gegenseitige Beeinflussung verschiedener geschlechtsrelevanter Faktoren hin.
„Recent investigations in a variety of disciplines suggest that complex interactions among genetic, hormonal and environmental factors determine the development of sex differences in human behavior.”
Das Geschlechtsverständnis des einzelnen Menschen entwickelt sich laut Asendorpf (2000) im Laufe der Kindheit und zeigt sich in der Übernahme eines kulturspezifischen Geschlechtskonzeptes. Diese umfasst neben dem Erwerb des kulturspezifischen Geschlechtsstereotyps auch den Geschlechtsrollen-erwerb und den Erwerb des Konzeptes der Geschlechtskonstanz, also der Vorstellung, dass das Geschlecht ein unveränderliches Merkmal einer Person sei. Die Entwicklung dieser Konzepte beginnt etwa mit dem zweiten Lebensjahr und ist im Grundschulalter weitgehend ausgebildet. Zunächst sehr rigide, wird es im Laufe der Zeit wieder flexibler. Asendorpf (2000) bemerkt hierzu, dass die Festigung der Geschlechtskonstanz eine differenzierte Einstellung ermögliche.
Zimbardo (1983) lehnt biologische oder genetische Erklärungsmuster für die Entstehung und Entwicklung unterschiedlicher Geschlechterrollen ab:
„Derartige Unterschiede beruhen natürlich weniger auf genetischer Determination als auf Umwelteinflüssen. Kinder lernen ihre jeweiligen Geschlechterrollen. Kinder lernen die Geschlechtsrolle und die geschlechtstypischen Verhaltensweisen, die die Gesellschaft für sie vorsieht und normiert. Auch wenn sich die Auffassungen über Geschlechtsrollen in der Gesellschaft derzeit verändern, wird die männliche Geschlechtsrolle noch immer gesellschaftlich höher bewertet. […] Vielleicht passen sich Jungen aus dem (…) Grund dem männlichen Geschlechtsstereotyp zu einem bedeutend früheren Zeitpunkt an als die Mädchen an das weibliche.“
Auch Maccoby (1996) weist auf die Bedeutung der Sozialisationsbedingungen für das Geschlechtsverständnis und die Geschlechterrolle hin:
„In the delivery rooms of many hospitals it is the custom to wrap the newborn baby in either a pink or a blue blanket, depending on the sex as determined by the appearance of the genitalia. From this moment on, the child’s maleness or femaleness is constantly reinforced. It is difficult, then, to determine the extent to which the child’s learning of his sex role may be influenced by underlying biological predispositions. […] (The) hypothesis has been advanced that gender role is entirely the result of a learning process which is quite independent of chromosomal, gonadal, or hormonal sex.”
Relativ unabhängig vom Geschlechtsverständnis wiederum entwickeln sich geschlechtsbezogene Einstellungen, d.h. etwa die Präferenzen bestimmter geschlechtstypischer Aktivitäten. Bei diesen finden sich zudem auch sehr große interindividuelle Unterschiede. Die Annahme, dass innerhalb des psychologischen Geschlechts die Dimensionen männlich und weiblich voneinander unabhängig variieren können, wurde in den 70er Jahren als so genanntes Androgyniekonzept populär. Es besagt zum Beispiel, dass ein und dieselbe Person sowohl ein hohes Maß an männlichen als auch gleichzeitig an weiblichen Merkmalen in sich vereinen kann . Als Begründungen des Androgyniekonzepts galten vor allem Zusammenhänge mit den Sozialisationsbedingungen, also etwa Korrelationen mit dem sozioökonomischen Status, elterlicher Androgynität und Unterstützung, etc. Es ist jedoch auch möglich, alternative Erklärungen zu finden, etwa die Übernahme „modischer“ schichttypischer Geschlechterstereotype.
Das geschlechtstypische Verhalten, also die Größe der Geschlechtsunterschiede, entwickelt sich ebenfalls relativ unabhängig vom Geschlechtsverständnis. Während eben dieses mit dem Alter kontinuierlich zunimmt, ist bei den Geschlechtsunterschieden kein einheitliches Muster identifizierbar: Zum Teil nehmen auch sie im Laufe der Zeit zu (z.B. mathematisches Verständnis), zum Teil nehmen sie aber auch ab (z.B. offene Aggressivität), es gibt aber auch Aspekte, die einen nicht-linearen Verlauf zeigen. So hat beispielsweise die Vorliebe für die Geschlechtertrennung, also die Bevorzugung des Kontaktes mit Personen des eigenen Geschlechts ihren Höhepunkt vor der Pubertät, um anschließend wieder abzunehmen .
Soziobiologische Erklärungsansätze gehen davon aus, dass in der Evolution des Menschen genetisch prädisponierte geschlechtsspezifische Präferenzen und Verhaltensweisen entstanden. Insofern werden bestimmte psychologische Geschlechtsunterschiede verstanden als Resultat einer differentiellen, natürlichen Selektion .
Dabei seien vor allem die Fortpflanzungsstrategien von Bedeutung: Männer sollten angeblich mehr Wert auf Quantität (möglichst viele Kinder), Frauen auf Qualität (intensive Pflege) legen.
Aus diesem Phänomen ließen sich dann mehrere Hypothesen über Männer und Frauen ableiten. Dem sexuellen Geschlechterdimorphismus entspricht nach Ansicht der Sozialbiologen ein Verhaltensdimorphismus. Dazu gehören unter anderem:
(a) Bei der Partnerwahl legen Männer mehr Wert auf Schönheit und Jugend als Zeichen von Gesundheit, Frauen achten mehr auf Status und die Sicherheit von Ressourcen,
(b) Polygenie (ein Mann hat mehrere Frauen) ist weiter verbreitet als Polyandrie (eine Frau hat mehrere Männer),
© Männer beteiligen sich weniger an der Kindererziehung als Frauen,
(d) Männer sind bei der Partnerwahl weniger wählerisch als Frauen und eher zu Sexualkontakten bereit,
(e) Männer sind eher auf sexuelle Seitensprünge der Frau eifersüchtig, Frauen eher auf emotionale Bindungen des Mannes .
Diese Rollenverteilung ist nicht vernunftgesteuert, sondern in unserem biologischen Erbe verankert. Das heißt, sie funktioniert unbewusst, über die unterschiedlichen Gefühlswelten von Männern und Frauen hinweg, so die soziobiologische Theorie.
Obwohl die oben aufgeführten Thesen sämtlich empirisch belegt werden konnten , ist das dahinter stehende Gedankenkonstrukt durchaus anzweifelbar. Denn obwohl sich Geschlechtsunterschiede in der Soziobiologie auch dadurch ableiten lassen, dass unsere Gesellschaft sich lange als eine Jäger-Sammler-Kultur mit starker geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung definierte, was durch genetische Selektion schließlich zu entsprechenden psychologischen Geschlechtsunterschieden geführt habe, so besteht aber dennoch das Problem, dass eben jener kulturelle Zustand eventuell gar nicht lange genug angedauert haben könnte , um so tiefgreifende genetische Konsequenzen überhaupt zuzulassen.
Weitere Argumente gegen den soziobiologischen Ansatz sind unter anderem, dass unter Umständen nicht alle Aspekte der menschlichen Fortpflanzungsstrategie (z.B. ihre Bedingungen und Wechselwirkungen) berücksichtigt wurden, so dass es zu falschen Schlussfolgerungen kommen könnte. Zudem wird die Möglichkeit außer Acht gelassen, dass die evolutionäre Selektion auch auf singulären Ereignissen beruhen könnte. Interessant ist zudem, dass man bislang weder Gene noch Verhaltensdispositionen vermittelnde Mechanismen fand, die evolutionär bedingte Geschlechtsunterschiede belegen könnten.
LG,
NOrah
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