Lieber Thomas,
Hierzu noch ein wenig…:
Dass es hier um „Aufmerksamkeit haben wollen (Liebe,
Zuwendug)“ geht, ist offensichtlich.
ich denke, dass das eine Möglichkeit ist, die ins Auge fällt,
aber dass es nicht die einzige Möglichkeit ist.
Wirklich, ich bin nicht Mammi und habe zz. auch nur wenig mit Kiddis zu tun. Das war einmal ganz anders, als ich ein halbes Jahr auf einem Bauernhof lebte, wo gleich nebenan ein Hof lag, deren 31 jähr. Mutter und 32 jähr. Vater 5 Kinder plus 3 bis 4 fremde, hyperaktive/LRS-/anorektische Kinder betreuten.
In der Zeit war ich viel dort und habe mich echt viel mit denen beschäftigt. Mit den „gesunden“ sowie den „weniger gesunden“ Kids. Das zu meiner bescheidenen Grundlage, wenn ich von oder über Kindererziehung rede. Und natürlich das, was ich selber zu Hause erlebt habe, erleben musste und worüber ich mich inzwischen ausführlichst mit meinen Eltern unterhalten konnte.
Und deshalb, und wirklich einfach von der „Logik“ her, denke ich in der Tat, dass es ein purer Versuch ist, dass Dein Junge eine Art von Aufmerksamkeit haben möchte.
Ich unterstelle Kindern einfach nicht, dass sie in der Richtung denken „können“ und bewußte Strategie zu entwickeln in der Lage sind, wenn es sich um solche Dinge handelt, die Dein Lütter unternimmt. Und Kinder können auch noch keine Kompromisse eingehen.
Grilla hat das ganz klasse beschrieben in dem Satz, wo es darum geht, dass Kinder einfach nicht bereit sind, ihr „Ego“ in dem Maße zu unterdrücken, wie wir als Erwachsene das könnten (und auch schon erhebliche Probs damit haben). Und ich denke, das müssen sie auch gar nicht.
Er wird sich nicht überlegen:
Ich will nerven
Ich werde meinen Papi an den Rand der Weißglut bringen
usw.
Er wird für sich -kindgerecht- diese Idee mit dem „willst Du wissen, welcher Dino ich bin“ gefunden haben und von Dir (schon wieder das schreckliche Wort…) „verstärkt“ dort worden sein. Er _bekommt_ doch in den Momenten Aufmerksamkeit von Dir. Und Aufm. ist in dem Alter gleichzusetzen mit „Liebe“.
Vielleicht möchte er auch als etwas besonderes anerkannt werden. Sicher, vielleicht empfindet er das Spiel auch einfach als spannend, so wie er Dir das heute/gestern selber erklärte. Aber, ganz ganz ehrlich: wieso möchte ein so kleiner Junge „Anerkennung“, Lob und dgl.?
Glaube mir, das ist keine Strategie. Es ist viel viel simpler: „Just give me some more love, Dad“. Ich denke auch nicht, dass es in dem Sinne Rollenspiele sind, die ihm sich zu suchen bzw. zu finden helfen. Aber das ist wirklich ausschließlich meine Meinung zu dieser Sache, nie und nimmer Ferndiagnostik, das wäre fatal, ich weiss. Denn ich weiss ja eigentlich wirklich nicht, wie Du Deine Kiddis sonst erziehst und denke mir auch, dass Du Dir sicher vehältnismäßig mehr Gedanken machst, als so manch andere Papis. okay?
Das setzt eine Familie voraus, die es zwar in Lehrbüchern als
Ideal gibt, die aber in der Wirklichkeit nicht existiert (bzw.
eine Einbildung mancher Reformpädagogen zu sein scheint). Das
Problem bei dieser Betrachtungsweise liegt im Begriff
„brauchen“, denn je nachdem, wie sich die Situation gestaltet,
wird man (als außen stehender Pädagoge) ein Urteil fällen. Die
Beurteilungskriterien bedingen sich gegenseitig und sind somit
für eine wirklichkeitsbezogenes Urteil nicht ausreichend.
Schau, jetzt wirst Du aber auch bedingt technisch in Deiner Erklärungsweise. Ich bspw. halte wirklich nichts von „antiautoritärer“ Erziehung. Im Gegenteil: Ich meine, dass Kinder Grenzen und Regeln brauchen, die ihnen eine Rahmen geben. Im liebevollen Sinne. Nämlich dahingehend, dass man ihnen zeigt, wie Dinge funktionieren und sie teilweise vor sich „schützt“ und damit „beschützt“.
Aber ich bin auch dafür, dass man Kindern, die ein gewisses Alter erreicht haben, auch einige Dinge (wieder: liebevoll) erklärt. Warum etwas so und so und nicht anders gehandhabt wird. Ich bin der Meinung, sie verstehen das schon. Jedenfalls war ich so als Kind, auch schon mit 5 J. Und ich habe wirklich gelitten, wenn Sprüche kamen wie „Das verstehst Du noch nicht, dazu bist Du noch zu klein“. Im nachhinein erzählte mir meine Mammi, sie sei einfach überfordert gewesen, von meinen Fragen. Und um es sich einfah zu machen, hätte sie mich abgespeißt. Mir aber hat das richtig weh getan. Denn ich fühlte mich nicht ernst genommen.
Da kann man jetzt denken, darüber, was man will. Es war wirklich so. Und solcher Art Umgang legt dann auch einen Keim im Kind fest, der es diesem Kind nicht unbedingt leicht macht. Verstehst Du, was ich damit sagen will?
Als ich noch keine Kinder hatte, hätte ich das vielleicht
ähnlich gesehen, aber es besteht in einigen Punkten doch eine
ziemlich große Diskrepanz zwischen dem, was die Pädagogik
meint fordern zu sollen, und dem, was man als Elternteil zu
leisten in der Lage ist.
Wirklich, Thomas, Du hast ab-so-lut recht mit dieser Aussage! Und ich werde mich hüten, als nicht-Mammi zu urteilen. Aber Oliver schrieb folgendes (sicher allgemein gemeint):
Eltern stehen vor einer großen Herausforderung, auf die sie
nicht immer adäquat vorbereitet sind.
Und Du antwortest folgendermaßen:
Das klingt ein bisschen überheblich - mit Verlaub. Wie sollte
denn deiner Meinung nach so eine Vorbereitung aussehen
Dazu von mir noch folgenden Zusatz:
Im Zuge meiner Dipl.-arbeit habe ich 16 Pädiater und 4 Kinder- und Jugendpsychiater á durchschnittlich 1 Std. interviewt zum Thema „Die Situation beim Verschreiben von Ritalin“. Dazu hatte ich einen Interviewleitfaden konstruiert, der 4 verschiedene Dimensionen zu dem Thema abdeckte. Es ging vor allem um erfahrungsbasierte Handlugsstrukturen der Ärzte und subjektive aber auch objektive Meinungen und Motivationen rund um das o.g. Thema. Eine Frage an diese Ärzte lautete:
„Was könnte Ihrer Meinung nach innerhalb der Gesellschaft der Umgang mit Kindern, die an einem Aufmerksamkeitdefizit - Syndrom leiden, verbessert werden?“
Es folgten Antworten mit Vorschlägen zur Verbesserung, die innerhalb der Schulpolitik vollzogen werden konnten, zu Therapeuten per se, zu den Menschen per se und zu den Eltern. Fast alle antworteten „Eltern sollten (im liebevollen!) Sinne ihren Erziehungsauftrag besser wahrnehmen“ (wobei besser sicher relativ ist!) Aber es ging um dieses „liebevolle Grenzen setzen“. Viel interssanter fand ich aber die Antworten der Ärzte, die meinten, dass heutzutage das Altersniveau der Eltern, die Kinder bekommen, allgemein wesentlich höher sei, als früher.
Und wenn Eltern sich im „höheren“ Alter ein Kind wünschen und zeugen, dann seien die Eltern oftmals so voller Ideale und Wünsche, die sie auf das Kind übertragen: Es möglichst frei zu erziehen (hier im Sinne von „keine Grenzen setzen“, nicht im Sinne von Steiners „Erziehung zur Freiheit“!) und dann schier verzweifeln, wenn das nicht hinhaut. Und das Kind nur noch Grenzen überschreitet und die Eltern in den „Wahnsinn“ treibt.
Daher der Vorschlag der Ärzte: "Eltern (ältere vor allem) sind oft überfordert, weil Erziehungswunsch und tatsächlicher Erziehungstil, der gefordert wäre, so sehr auseinander klaffen. Und deshalb, so forderten die Ärzte, sollte man einen „Erziehungsleitfaden“ an Eltern herausgeben, schon beim Gyn, wenn die Mutter schwanger ist. Und Eltern zum einen die Illusion nehmen (wie oben beschrieben) und zum anderen so die Schuldgefühle vorbeugen bzw. abbauen, die solche idealistischen Eltern regelmäßig bekommen, wenn etwas dann mal nicht fuktioniert.
Daher ist Olivers Vorschlag gar nicht so abwegig. (Und es waren wirklich engagierte Ärzte, die ich befragen durfte, die nicht einfach mal so eben „ad hoc“ Ritalin verschrieben).
Ich wünsche Dir einfach, dass Du eine feine Lösung findest, damit Du Dir keine Sorgen mehr zu machen brauchst.
Liebe Grüße
Bettina