Hi Juergen,
Bei Grundlagenforschung stimme ich Dir natürlich zu, aber ich
finde, jede Wissenschaft sollte auch(!) gesellschaftsnah
forschen, um nicht reines Elfenbeinturmwissen zu erzeugen.
Ich denke, da ist man sich im Grunde einig. Allerdings, wer definiert was Elfenbeinturm-Wissen ist und was gesellschaftlich relevant ist? Betont man diesen Aspekt zu stark, kann das zu einer politischen Gängelung führen. Ich vermute, Dir ist klar, weshalb plötzlich ganze Fachbereiche auf einmal „Umweltwissenschaften“ im Namen führen
…
…
…Das sehe ich anders. Der Staat soll nur in erfolgreich
agierende Institute und Hochschulen weiters Geld pumpen.
Hochschulen, die niemanden für ihre Forschung begeistern
könne, sollen meinetwegen sterben…
Man wird wohl Hochschulen schliessen, das ist wahr. Allerdings versucht sich der Staat (Länder) zur Zeit - soweit es geht - sich aus der Hochschulfinanzierung immer weiter zurückzuziehen und diese Aufgabe den Drittmittelgebern (DFG, BMBF, EU) zu überlassen. Auf der anderen Seite will der Staat seinen Einfluss auf die Hochschulen stärken. Das passt nicht zusammen.
…Du vergisst:
Es gibt keine leistungsunabhängige Grundfinanzierung mehr (das
hast Du selber bekritellt)
Mir war nicht klar, dass Du das ernst meinst. Zur Grundfinanzierung gehören Gebäude, Gebäude- und Toilettenreinigung (nebenbei: Man kann heute schon kaum einen Japaner guten Gewissens auf ein deutsches Uni-Klo schicken), Mittel für die Lehre, Labormöbel etc.
Diese Minimalausstattung alleine vom Erfolg abhängig zu machen erscheint mir unsinnig. Wer schlecht forscht hat dreckige Labore und Toiletten?
Sinnvoller ist IMO eine Mix von Grundfinanzierung (erfolgsunabhängig) und den neudeutschen Matching-funds (erfolgsabhängig). So wie es aussieht, versucht man zur Zeit ein solches System umzusetzen. Es gibt also noch Hoffnung.
Diese Mittel gehen zu 100% planbar in den Haushalt der
Hochschulen und hängen in der Höhe ausschließlich vom Erfolg
der Hochschule ab!
Damit verabschiedet sich der Staat ebenfalls aus der
Wagnis-Finanzierung. Forschung ist nun einmal riskant und der
Erfolg nicht planbar.
Falsch: Das ist das Standardargument derer, die keine
Rechenschaft über ihr Tun abgeben wollen. Diese behaupten
immer, sie könnten nicht planen…
Umgekehrt ist es der übliche Politikerirrtum zu glauben, der Erfolg in der Grundlagenforschung sei planbar. Gescheiterte Grossprojekte oder Projekte die weit hinter der Erwartung zurückgeblieben sind: Fusionskraftwerke, künstliche Intelligenz sowie diverse Raummissionen. Genauso gibt es unter den kleineren und mittleren Projekten Fehlschläge. Damit muss man leben.
Wir versinken derzeit im grauesten Mittelmaß an unseren
Hochschulen. Schon alleine, dass wir (wie Du hier zugibst
Ich gebe das nicht nur zu, sondern bedauere das zutiefst. Wenn es so weitergeht sind wir auf dem dritten Platz … wobei, ganz so schlimm ist es nicht, die US-Politik lähmt mit ihrer Paranoia die dortige Forschung, Japan hat auch Probleme. Alerdings sollte man sich in der Politik nicht auf Fehler anderer verlassen.
…) nur
noch zweite Liga sind, spricht für Probleme im System, die
weit über eine Mangelfinanzierung hinausgehen.
Ja und nein. Ich habe eben auch sehr gut finanzierte ausländische Hochschulen gesehen …
Strukturelle Probleme in D sind IMO:
(1) Fehlende finanzielle Selbständigkeit der Institute/Professuren (hier sind wir uns einig). Besonders schwer wiegt hier die Kameralistik. Finanzplanung und Buchhaltung sind immer noch auf Vorkriegsstandard (ich meine nicht den Irak- oder Kosovo-Krieg).
(2) Mangelnde bis nicht vorhandene internationale Orientierung (den Punkt hast Du nicht erwähnt, aber Du wirst mir hier zustimmen).
(3) Fehlende Leitbilder. Das mag seltsam klingen. Zurück in D habe ich mich gewundert, ob die Unis überhaupt wissen, was sie eigentlich ereichen wollen …
(4) Überbordende Verwaltung - aber niemand ist zuständig
(5) Mangelfinanzierung. Was soll das, wenn Professoren und Gruppenleiter anfangen selbst die Wände zu streichen, weil angeblich kein Geld dafür da ist? (Betrachtet man die Gehälter war das im Endeffekt vermutlich der teuerste Wandanstrich seit langem) Oder allgemein gesagt: Inzwischen müssen hochqualifizierte Kräfte Aufgaben weit unter ihrer Qualifikation wahrnehmen, damit die Arbeitsfähigkeit der Institute erhalten bleibt. Ich nenne das „durchwurschteln“. Die Opportunitätskosten für dieses Durchwurschteln sind enorm.
…Hier kannst Du mich lachen sehen: Hast Du Dir wirlich
überlegt, was Du schreibst?
Welcher unternehmerische Manager wird durch ein lächerliches
C4-Beamtentum gelockt?
Eben.
Wenn sie Beamten hätten werden wollen,
wären sie längst Ministrialdirigenten:wink:
Naja, soviele B-Beamte gibt es auch nicht.
Wenn ein Milberg Professor an der TU München wird, dann
ausschließlich, weil er forschen will. Und ihm wäre die
Entscheidung sicher leichter gefallen, wenn er a) besser
bezahlt worder wäre und b) unternehmerisch seinen Lehrstuhl
gestalten könnte (was er zum Glück in München weitgehend
konnte)
Und er hat natürlich nach einer begrenzten Zeit seinen
Beamtenstatus aufgegeben, um wieder Manager zu werden. Das ist
für mich optimal.
Es ist gut, wenn es so gehen kann. Das kann aber nur in den Wirtschafts-, Rechts-, sowie unter Einschränkung in den angewandten und Ingenieurswissenschaften gehen. In den Grundlagenfächern geht es nicht. Hier sollte die Uni der Industrie ja etwa 10 Jahre in der technischen Entwicklung voraus sein, zumindest von der Idee „Grundlagen“ her.
Natürlich: Leistung soll sich lohnen, auch an der Uni… Wer
gute Leute will, muss gut zahlen. das wissen die Amis z.B. nur
zu gut und zahlen Spitzenprofessoren durchaus 7stellige
Gehälter…
Da sind wir uns wohl einig. Allerdings folgt daraus eine Konsequenz:
Die Uni muss Mittel global zur Verfügung haben. Wären nämlich die Professorengehälter nur für die (teilweise kleinen) Fachbereiche budgetiert, ginge das Gehalt des einen vom Gehalt des anderen Kollegen ab. Die Folge: Man hält sich gegenseitig klein => Mittelmass
Wo gibt es bitte permanente Stellen im Ausland?
NL, CH (Die Wiederwahl ist meist reine Formsache.), A, F, UK, I
Ad 2) ich redete über die Vergabe von Lehrstühlen und nicht
über die Vergabe von Assistentenstellen.
Der Karriereweg soll gemäss der aktuellen Planung jedoch beim Juniorprof anfangen. Mit Tenure-Track werden daraus dann irgendwann Lehrstuhlinhaber. Im Sinne einer profesionellen Personalplanung sollte deshalb eine Auswahl so früh wie möglich erfolgen.
Natürlich. Wobei aber Elite nicht erklärt sondern erarbeitet
wird!
Wenn Du wüsstest, wie Recht du hier hast …
Eh, die fehlende Dynamik liegt eher am fehlenden Geld (Geringe
Förderquoten + miserable Grundfinanzierung). Zwang alleine
bewirkt gar nichts. Wie soll ohne Geld etwas neues angefangen
werden?
Die aktuelle Finanzsituation würde ich so beschreiben: Zum
Sterben zu viel zum Leben (=Dynamik) zu wenig.
Da fehlt deutlich mehr als nur Geld.
Gib mittelmäßigen Professoren Geld und sie werden trotzdem
Mittelmaß bleiben.
Ich habe als Studierendervertreter Berufungsverfahren erlebt!
Diese waren wie geschaffen, Mittelmaß zu produzieren und zu
erhalten…
Klar. Es gibt genügend „kleine Möchtegern-Götter“, die niemanden neben sich dulden. Das ist aber ein persönliches Problem, daran wird kein Auswahlverfahren etwas ändern. Gegen Kollegen kann man in keinem Job bestehen.
Was man allgemein bei Berufungen tun sollte:
(1) internationale Ausschreibung (Wird oft gemacht, aber nicht immer)
(2) internationale Begutachtung der Kandidaten durch Fachleute (Meist erfolgt eine nationale Begutachtung.) Die Gutachter wollen natürlich ein Honorar sehen …
(3) ein eigenes Leitbild der Hochschule(was wollen wir überhaupt? Wo stehen wir? Sind wir eine Hochschule mit regionalem, nationalem oder internationalem Anspruch?)
(4) (Bei Lehrstühlen): Internationale Evaluation nach 6 Jahren. Danach weitere Aufbauförderung, erhaltende Förderung oder Abwicklung.
(5) Die Kräfte in den Berufungskomissionen verschieben (Mehr Gewicht der Hochschulleitung). Allerdings sollen die zukünftigen Kollegen immer noch ein gewichtiges Wort mitreden dürfen. Schliesslich sollen die Leute später zusammenarbeiten…
Mir ist insgesamt der internationale Aspekt wichtig. Ich habe nämlich den Eindruck, das in vielen Unis der Vergleichsmassstab abhanden gekommen ist. Da wird eine Elite gefeiert, die im internationalen Vergleich einfach nur „ganz nett, dass die das auch machen“ ist.
Es ist zur Zeit schon bezeichnend, wie wenig ausländische Wissenschaftler nach D kommen.
Abschliessend denke ich, dass es kein Patentrezept geben wird. Schliesslich haben andere Länder mit anderen Systemen auch so ihre Probleme.
Ciao R.