Entwurf eines neuen Hochschulsystems;-)

Hallo,

da hier ja eifrig über die Änderungen des Hochschulsystems diskutiert wurde, möchte ich mal einen Vorschlag als Beginn einer bitte konstruktiven(!) Ideensammlung und -Diskussion einwerfen:

Ich entwerfe jetzt mal ein Hochschulsystem, wie ich es mir vorstelle:wink:

Rahmen:
Eine vierteilige Finanzierung:
a) über Studiengebühren und Spenden
b) über projektbezogene Drittmittel aus dem Privatsektor
c) über öffentliche Forschungsgesellschaften (ebenfalls projektbezogen)
d) über Bildungsumlagen aus Steuermitteln

d) wird ausschließlich vergeben nach einer vorher festgelegten Quote im Verhältnis zu a+b+c. Diese ist fachgebietsabhängig (z.B. bei Ingenieursrichtungen eher gering, da dort ein hoher Anteil b, bei skandinavischen Sprachen wohl eher höher). c+d werden dabei als staatliche Lenkungsmöglichkeit verwendet

Diese Mittel gehen zu 100% planbar in den Haushalt der Hochschulen und hängen in der Höhe ausschließlich vom Erfolg der Hochschule ab! Wenn sie in einem Jahr nicht verbraucht wurden, dürfen sie in das nächste Jahr übernommen werden (Erlaubte Rücklagen).

Es gibt keine Beamten mehr an Hochschulen. Lehrstuhlinhaber werden als leitende Angestellte mit einem befristeten Vertrag (ca. 7 Jahre) berufen und leistungsgerecht (also zum Teil sicher deutlich besser als heute!) bezahlt. Nach Ablauf des Vertrages ist eine einmalige Verlängerung ggf. möglich, danach muss der Ruf an einen anderen erfolgen (Sicherstellung der Qualität und Erneuerung der Forschung und Lehre, bessere und schnellere Aufstiegschancen für Nachwuchsforscher)
Die Entscheidung fällen nicht die Professoren, sondern ein „Aufsichtsrat“ paritätisch aus Vertretern der Mittelgeber, a(!)-c

Lehrstuhlinhaber können wie Unternehmer frei über die Mittelverwendung entscheiden. Alleine: Es können keine Schulden gemacht werden.

Es gibt keine zentrale Verteilung von Studienplätzen oder allgemeine Hochschschulzugangsberechtigungen mehr. Jede Hochschule kann selber entscheiden, wen sie studieren lassen will (also z.B. über Hochschulzugangsprüfungen)
D.h. auch jemand ohne Abitur kann bei einigen Hochschulen jederzeit bei ausreichender Zulassungsprüfung ohne weitere Probleme sofort studieren.

Das BuMi für Bildung gibt keine Vorgaben über Studieninhalte o.ä. vor, sondern veröffentlicht jährlich über ausgearbeitete Kennzahlen den Erfolg der einzelnen Hochschulen im Vergleich (Transparenz). Die Hochschulen sind zum liefern der Kennzahlen verpflichtet, ansonsten gibt es kein d) Mögliche Kennzahlen sind z.B.: Anzahl und Qualität von Veröffentlichungen und Preisen, Studiendauer der Absolventen, Erfolg der Absolventen…

Nun zu a)
Jede Hochschule hat das Recht, begrenzte Studienplätze nach einer Hochschulzugangsprüfung zu verteilen und beliebige Summen für einen Studienplatz zu nehmen.
Aber: Jeder Hochschule hat ebenfalls das Recht, beliebige Stipendienprogramme aus ihrem allgemeinen Mitteltopf a) und d) aufzulegen.
D.h. es mag vielleicht Hochschulen geben, die mittelmäßig viel Geld von allen verlangen ohne auf das Vermögen der Studierenden zu achten. Es kann aber genauso Hochschulen geben, die von reichen studierenden sehr viel Geld nehmen, dafür arme Studierende kostenlos studieren lassen.
Genauso kann es Hochschulen geben, die Finanzierungsmodelle für Studierende anbieten (analog Bafög: heute studieren, morgen bezahlen)

Nur: Viel Geld kann nur eine Hochschule nehmen, die auch wirklich weit überdurchschnittliche Leistungen bringt!

Was will ich erreichen: Einen vernünftigen Leistungsdruck bei allen Beteiligten. Hohe Effektivität und Effizienz in Forschung und Lehre ohne dabei Nischenfächer komplett auszubooten (starke Stellung der öffentlichen Forschungsgesellschaften). Unternehmerische Denke in unseren Elfenbeintürmen. Mehr Dynamik und höhere Anpassungsfähigkeit in Forschung und Lehre.

Was haltet Ihr davon?

Grüße
Jürgen

Hi Jürgen,

einen Faktor hast du außer acht gelassen:

den lern- und bildungswilligen Studenten. Ohne den geht auch dein System den Bach runter!

gruss

Was haltet Ihr davon?

Was mich v.a. daran stört, ist der Erfolgsdruck. Was ist eine erfolgreiche Hochschule?

Eine die lauter super Superstudenten mit 1a Abschlüssen hervorbringt?
Nur, wer bewertet die Abschlüsse. Die Hochschule kann ja auch die Prüfung einfacher machen oder ein Auge beim korrigieren zudrücken, um so „erfolgreicher“ zu sein.

Was ist erfolgreiche „Forschung“?
Das ist mein Hauptkritk-Punkt. Es gibt keine erfolgreiche Forschung per Diktat. Die Uni sollte sich nicht zum Knecht der Wirtschaft machen. Wirtschaft denkt immer pragmatisch, von einem Geschäftsjahr zum nächsten. Aber Forschung soll nicht pragmatisch sein. Sie soll offen und frei sein. Die freie Forschung war schon immer der Weg zum Ziel.
Weder die Relativitätstheorie, noch die Quantentheorie oder - etwas moderner - das Einstein-Bode-Kondensat, der Nachweis der Neutrinos, die Vereinigung der schwachen mit der elektromagnetischen Wechselwirkung.
Das sind Meilensteine in der Naturwissenschaft. Sie haben entscheidend zu unserem Verständnis von Natur und Universum beigetragen. Unser Weltbild baut inzwischen auf diesen Dingen auf. Damit ist das ein Teil unserer Kultur geworden. Das sind unvergleichbare Werte.

Die ersten beiden (RT und QT) haben vermutlich einen der nachhaltigsten Einflüsse auf unsere Technik und unserer Leben gehabt. Die neuen Entdeckungen haben diesen Einfluss vielleicht in 20 Jahren auch mal.
Nur: Das ist alles Grundlagen-Forschung. Die Wirtschaft hat davon mal für die nächsten Jahre nichts. Grundlagen-Forschung dauert oftmals Jahrzehnte, bis man zu Ergebnissen kommt. Sie kostet viel Geld, ohne einen sofortigen Nutzen zu haben, aber ihre Entdeckungen leiten neue Zeitalter ein. Einstein brauchte fast 3 Jahrzehnte um seine beiden Relativitätstheorien aufzustellen. Zeit und Freiheit sind elementare Bestandteile einer guten Forschung.
Da die Wirtschaft ungern überhaupt eines von beiden hergibt, bin ich für eine Universität, die so frei wie nur möglich von der Wirtschaft ist. Wer gute Bildung und gute Forschung haben will, der darf sich eben nicht dem pragmatischen Nachhecheln hinter den aktuellen Modetrend hinwerfen.

Und genauso hat für mich jede Forschung einen Sinn. Für mich macht es wenig Unterschied, ob jemand Geschichts-, Psychologie-, Sprach- oder Physik-Forschung betreibt. Jede hat ihre Berechtigung, und jede trägt ihren Teil zu unserer Kultur, zu unserem Wissen und zu unserem Weltbild und Selbstverständniss bei. Und dies ist auch gut so. Viele Profs, die ich kenne, haben mir schon gesagt, dass sie deswegen gerne an einer Universität sind, weil ihnen dort keiner vorschreibt, was sie zu erforschen hätten und wo die angeblich wichtigen Interessen lägen.
Die Ansätze von Forschung, welche unmittelbaren - auch wirtschaftlichen - Nutzen bringen, werden sowieso immer durchgeführt.

Ich weiss, dass ich jetzt viel geschwafelt hab, aber das ist etwas, was mir am Herzen hängt.

mfg
deconstruct

Hi Juergen,
also:

Rahmen:
Eine vierteilige Finanzierung:
a) über Studiengebühren und Spenden

Das ist die Lehre: ok, aber stell’ dir das nicht zu einfach vor. Der Präsident der Uni in Hawaii glaubte auch, dass er auch auf Hawaii erfolgreich Spenden eintreiben könne (zuvor hatte es auf dem Festland sehr gut funktioniert). Die Folge: Die Uni ist kurz vor der Insolvenz …

b) über projektbezogene Drittmittel aus dem Privatsektor

Das ist Forschung: Das geht in technischen Fächern (+Medizin und Biologie), in allen anderen Disziplinen wird das nicht gehen. Wer finanziert denn schon Grundlagenforschung oder angewandte Forschung? Interessant wird es für die Industrie erst, wenn die Forschung langsam in Produktentwicklung übergeht.

c) über öffentliche Forschungsgesellschaften (ebenfalls
projektbezogen)

Forschung: Das ist längst Alltag. Die Förderquote (bewilligte/alle Anträge) bei der DFG beträgt zur Zeit 25 %, bei der EU im Rahmen von FP 6 zur Zeit (jämmerliche) 10 %.
In absehbarer Zeit wird sich das nicht bessern.

d) über Bildungsumlagen aus Steuermitteln

d) wird ausschließlich vergeben nach einer vorher festgelegten
Quote im Verhältnis zu a+b+c.

So geht das nicht. Voraussetzung für b+c ist nämlich d (auch Grundausstattung genannt). Weder BMBF noch DFG noch die Industrie noch die EU pumpen Geld in Institute mit geringer Grundfinanzierung :wink:

Diese ist fachgebietsabhängig
(z.B. bei Ingenieursrichtungen eher gering, da dort ein hoher
Anteil b, bei skandinavischen Sprachen wohl eher höher). c+d
werden dabei als staatliche Lenkungsmöglichkeit verwendet

Gelenkt wird zur Zeit eh schon genug. Im Moment eher Richtung Wand.

Erlaube mir eine provokante Frage:
Was ist neu an Deinem Vorschlag?
Doch nur die Studiengebühren.

Diese Mittel gehen zu 100% planbar in den Haushalt der
Hochschulen und hängen in der Höhe ausschließlich vom Erfolg
der Hochschule ab!

Damit verabschiedet sich der Staat ebenfalls aus der Wagnis-Finanzierung. Forschung ist nun einmal riskant und der Erfolg nicht planbar. Wenn nicht einmal mehr in staatl. Forschungseinrichtungen Hochrisiko-Forschung (im finanziellen Sinne) gewagt wird, isr der Abstieg in die 3. Liga vorprogrammiert.

Wenn sie in einem Jahr nicht verbraucht
wurden, dürfen sie in das nächste Jahr übernommen werden
(Erlaubte Rücklagen).

Das ist sinnvoll und notwendig.

Es gibt keine Beamten mehr an Hochschulen. Lehrstuhlinhaber
werden als leitende Angestellte mit einem befristeten Vertrag
(ca. 7 Jahre) berufen und leistungsgerecht (also zum Teil
sicher deutlich besser als heute!) bezahlt.

Weisst Du was das kostet? Zur Zeit können nur schwer profilierte Persönlichkeiten aus der Industrie gewonnen werden. Das einzige was da lockt ist der Beamten-Status. Will man nun einen Bereichleiter eines grossen Unternehmens gewinnen, wird man den Leuten ein Industrie-Gehalt zahlen müssen und entsprechende Verträge abschliessen müssen. Statt C4 müsste nun ein Manager des mittleren bis oberen Managements (je nach Institutsgrösse) vergütet werden…

Nach Ablauf des
Vertrages ist eine einmalige Verlängerung ggf. möglich, danach
muss der Ruf an einen anderen erfolgen (Sicherstellung der
Qualität und Erneuerung der Forschung und Lehre, bessere und
schnellere Aufstiegschancen für Nachwuchsforscher)

Tja, da wirst Du nur die Leute bekommen, die nicht eine permanente Stelle im Ausland oder der Industrie bekommen haben. Also die zweite Riege. Oder du zahlst horrende Abfindungen.

Die Entscheidung fällen nicht die Professoren, sondern ein
„Aufsichtsrat“ paritätisch aus Vertretern der Mittelgeber,
a(!)-c

Das geht nicht. Das wäre so, als ob der Aufsichtrat einer AG nicht nur über die Top-Manager (=Präsident/Rektor der Hochschule) entscheiden würde, sondern über die gesamte Hierarchie bis hinab zum Trainee (=Juniorprofessor). Dieser Aufsichtsrat würde dann Vorstandsaufgaben wahrnehmen, der Vorstand wäre schlicht überflüssig.

Lehrstuhlinhaber können wie Unternehmer frei über die
Mittelverwendung entscheiden. Alleine: Es können keine
Schulden gemacht werden.

Das ist notwendig.

Es gibt keine zentrale Verteilung von Studienplätzen oder
allgemeine Hochschschulzugangsberechtigungen mehr. Jede
Hochschule kann selber entscheiden, wen sie studieren lassen
will (also z.B. über Hochschulzugangsprüfungen)
D.h. auch jemand ohne Abitur kann bei einigen Hochschulen
jederzeit bei ausreichender Zulassungsprüfung ohne weitere
Probleme sofort studieren.

ACKN

Das BuMi für Bildung gibt keine Vorgaben über Studieninhalte
o.ä. vor, sondern veröffentlicht jährlich über ausgearbeitete
Kennzahlen den Erfolg der einzelnen Hochschulen im Vergleich
(Transparenz). Die Hochschulen sind zum liefern der Kennzahlen
verpflichtet, ansonsten gibt es kein d) Mögliche Kennzahlen
sind z.B.: Anzahl und Qualität von Veröffentlichungen und
Preisen, Studiendauer der Absolventen, Erfolg der
Absolventen…

Gleichzeitig muss man sich zur Elite bekennen und dann auch gezielt einzelne Hochschulen als Eliteinstitutionen fördern. Wettbewerb und die zur Zeit praktizierte Gleichmacheri passen nicht zusammen.

Nun zu a)
Jede Hochschule hat das Recht, begrenzte Studienplätze nach
einer Hochschulzugangsprüfung zu verteilen und beliebige
Summen für einen Studienplatz zu nehmen.

ja.

Aber: Jeder Hochschule hat ebenfalls das Recht, beliebige
Stipendienprogramme aus ihrem allgemeinen Mitteltopf a) und d)
aufzulegen.

ja.

D.h. es mag vielleicht Hochschulen geben, die mittelmäßig viel
Geld von allen verlangen ohne auf das Vermögen der
Studierenden zu achten. Es kann aber genauso Hochschulen
geben, die von reichen studierenden sehr viel Geld nehmen,
dafür arme Studierende kostenlos studieren lassen.

ja

Genauso kann es Hochschulen geben, die Finanzierungsmodelle
für Studierende anbieten (analog Bafög: heute studieren,
morgen bezahlen)

ja

Nur: Viel Geld kann nur eine Hochschule nehmen, die auch
wirklich weit überdurchschnittliche Leistungen bringt!

jepp

Was will ich erreichen: Einen vernünftigen Leistungsdruck bei
allen Beteiligten. Hohe Effektivität und Effizienz in
Forschung und Lehre ohne dabei Nischenfächer komplett
auszubooten (starke Stellung der öffentlichen
Forschungsgesellschaften). Unternehmerische Denke in unseren
Elfenbeintürmen. Mehr Dynamik und höhere Anpassungsfähigkeit
in Forschung und Lehre.

Eh, die fehlende Dynamik liegt eher am fehlenden Geld (Geringe Förderquoten + miserable Grundfinanzierung). Zwang alleine bewirkt gar nichts. Wie soll ohne Geld etwas neues angefangen werden?
Die aktuelle Finanzsituation würde ich so beschreiben: Zum Sterben zu viel zum Leben (=Dynamik) zu wenig.

Ciao R.

Hi local,

den lern- und bildungswilligen Studenten. Ohne den geht auch
dein System den Bach runter!

Denke optimistisch!
Aber mal ehrlich, meine letzten Praktikanten waren alle sehr engagierte, lernwillige Studies, also ist Deutschland noch nicht verloren:wink:

Grüße
Jürgen

Hallo deconstruct,

Was mich v.a. daran stört, ist der Erfolgsdruck.

Wovor hast Du angst? Meinst Du, die deutschen Hochschulen können dem Erfolgsdruck nicht standhalten? Ich habe Vertrauen in die deutsche Forschung!

Was ist eine
erfolgreiche Hochschule?

Eine erfolgreiche Hochschule ist folgendes:

  • sie bringt optimal (!) ausgebildete Absolventen hervor
  • sie betreibt effektive und effiziente Forschung
  • sie haushaltet gut

Eine die lauter super Superstudenten mit 1a Abschlüssen
hervorbringt?

Nein, da die Wirtschaft nicht ausschließlich Elite-Leute braucht.

Nur, wer bewertet die Abschlüsse. Die Hochschule kann ja auch
die Prüfung einfacher machen oder ein Auge beim korrigieren
zudrücken, um so „erfolgreicher“ zu sein.

Und darum sind natürlich die Kennzahlen kritisch zu hinterfragen. Alleine der Notenschnitt und die Studiendauer können es nicht sein (denn dann wäre man ja optimal, wenn man das 1.0-Zeugnis zur Immatrikulation bekäme)

Was ist erfolgreiche „Forschung“?

Erfolgreiche Forschung schafft relevantes Wissen. Wenn also in jedem Forschungsgebiet ein großer Anteil der Wissensentwicklung(!) aus Deutschland käme, dann würde ich die Forschung als erfolgreich ansehen.
Messbare Größen sind ja auch heute schon bekannt (Veröffentlichung in den führenden Wissenschaftsmedien, Zitierquote, Teilnahme an internationalen Kongeressen etc.)

Das ist mein Hauptkritk-Punkt. Es gibt keine erfolgreiche
Forschung per Diktat. Die Uni sollte sich nicht zum Knecht der
Wirtschaft machen.

Davon hat niemand etwas gesagt, darum auch der nicht unwesentliche Anteil der Forschungsfinanzierung über öffentliche Forschungsgesellschaften. Nur: Ich habe mich letzthin mit einem Philosophieprofessor unterhalten: Die Philosophen waren entsetzt, als sie zur Mittelbeantragung einen Projektplan machen mussten. Dieser beinhaltete eigentlich nur: Zeitverlauf und geplanter Mittelfluss.
Wenn ich als Forscher dies nicht vorhersagen kann, dann will ich nur in meinem Elfenbeinturm ohne Leistungsdruck und Rechenschaftspflicht rumbroddeln. Und das ist auch für Philosophen zu wenig… Ich gebe zu, Erkenntnis kann nicht erzwungen werden. Aber für Sackgassenfinanzierung sind die Mittel einfach zu knapp.
Und mal ehrlich: Ein bisschen Zeitdruck schadet nie (das weiß man als Student ja auch, kurz vor Abgabeschluss einer Arbeit arbeitet man am effizientesten:wink:)

Wirtschaft denkt immer pragmatisch, von
einem Geschäftsjahr zum nächsten. Aber Forschung soll nicht
pragmatisch sein. Sie soll offen und frei sein. Die freie
Forschung war schon immer der Weg zum Ziel.

Wird die Freiheit der Forschung eingeschränkt, wenn der Mittelgeber Rechenschaft über die Mittelverwendung verlangt? Ich denke nein…

Weder die Relativitätstheorie, noch die Quantentheorie oder -
etwas moderner - das Einstein-Bode-Kondensat, der Nachweis der
Neutrinos, die Vereinigung der schwachen mit der
elektromagnetischen Wechselwirkung.
Das sind Meilensteine in der Naturwissenschaft. Sie haben
entscheidend zu unserem Verständnis von Natur und Universum
beigetragen. Unser Weltbild baut inzwischen auf diesen Dingen
auf. Damit ist das ein Teil unserer Kultur geworden. Das sind
unvergleichbare Werte.

Das ist richtig, wird aber durch Drittmittelfinanzierung über öffentliche Forschungsgesellschaften nicht ausgeschlosssen.

Und genauso hat für mich jede Forschung einen Sinn. Für mich
macht es wenig Unterschied, ob jemand Geschichts-,
Psychologie-, Sprach- oder Physik-Forschung betreibt. Jede hat
ihre Berechtigung, und jede trägt ihren Teil zu unserer
Kultur, zu unserem Wissen und zu unserem Weltbild und
Selbstverständniss bei. Und dies ist auch gut so. Viele Profs,
die ich kenne, haben mir schon gesagt, dass sie deswegen gerne
an einer Universität sind, weil ihnen dort keiner vorschreibt,
was sie zu erforschen hätten und wo die angeblich wichtigen
Interessen lägen.

Rechenschaftslosigkeit ist immer bequem, beflügelt aber definitiv nicht die Forschung. Wenn dies so wäre, wäre der Wissenschaftsstandort D nicht so gefährdert.

Grüße
Jürgen

Hi R,

Rahmen:
Eine vierteilige Finanzierung:
a) über Studiengebühren und Spenden

Das ist die Lehre: ok, aber stell’ dir das nicht zu einfach
vor. Der Präsident der Uni in Hawaii glaubte auch, dass er
auch auf Hawaii erfolgreich Spenden eintreiben könne (zuvor
hatte es auf dem Festland sehr gut funktioniert). Die Folge:
Die Uni ist kurz vor der Insolvenz …

Nun ja, Spenden wären für mich auch nur ein kleiner Teil, der zwei Dinge voraussetzt: Absolventen, die stolz auf ihre Alma mater sind und eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Aber: planbar sind sie immer nur sehr begrenzt.

b) über projektbezogene Drittmittel aus dem Privatsektor

Das ist Forschung: Das geht in technischen Fächern (+Medizin
und Biologie), in allen anderen Disziplinen wird das nicht
gehen. Wer finanziert denn schon Grundlagenforschung oder
angewandte Forschung? Interessant wird es für die Industrie
erst, wenn die Forschung langsam in Produktentwicklung
übergeht.

Bei Grundlagenforschung stimme ich Dir natürlich zu, aber ich finde, jede Wissenschaft sollte auch(!) gesellschaftsnah forschen, um nicht reines Elfenbeinturmwissen zu erzeugen.

c) über öffentliche Forschungsgesellschaften (ebenfalls
projektbezogen)

Forschung: Das ist längst Alltag. Die Förderquote
(bewilligte/alle Anträge) bei der DFG beträgt zur Zeit 25 %,
bei der EU im Rahmen von FP 6 zur Zeit (jämmerliche) 10 %.
In absehbarer Zeit wird sich das nicht bessern.

Weiß ich doch:wink: Ich erfinde doch nicht das Rad neu. Und dass hier der Staat zulegen muss…

d) über Bildungsumlagen aus Steuermitteln

d) wird ausschließlich vergeben nach einer vorher festgelegten
Quote im Verhältnis zu a+b+c.

So geht das nicht. Voraussetzung für b+c ist nämlich d (auch
Grundausstattung genannt). Weder BMBF noch DFG noch die
Industrie noch die EU pumpen Geld in Institute mit geringer
Grundfinanzierung :wink:

Das sehe ich anders. Der Staat soll nur in erfolgreich agierende Institute und Hochschulen weiters Geld pumpen. Hochschulen, die niemanden für ihre Forschung begeistern könne, sollen meinetwegen sterben…

Diese ist fachgebietsabhängig
(z.B. bei Ingenieursrichtungen eher gering, da dort ein hoher
Anteil b, bei skandinavischen Sprachen wohl eher höher). c+d
werden dabei als staatliche Lenkungsmöglichkeit verwendet

Gelenkt wird zur Zeit eh schon genug. Im Moment eher Richtung
Wand.

Erlaube mir eine provokante Frage:
Was ist neu an Deinem Vorschlag?
Doch nur die Studiengebühren.

Du vergisst:
Es gibt keine leistungsunabhängige Grundfinanzierung mehr (das hast Du selber bekritellt)

Diese Mittel gehen zu 100% planbar in den Haushalt der
Hochschulen und hängen in der Höhe ausschließlich vom Erfolg
der Hochschule ab!

Damit verabschiedet sich der Staat ebenfalls aus der
Wagnis-Finanzierung. Forschung ist nun einmal riskant und der
Erfolg nicht planbar.

Falsch: Das ist das Standardargument derer, die keine Rechenschaft über ihr Tun abgeben wollen. Diese behaupten immer, sie könnten nicht planen…

Wenn nicht einmal mehr in staatl.
Forschungseinrichtungen Hochrisiko-Forschung (im finanziellen
Sinne) gewagt wird, isr der Abstieg in die 3. Liga
vorprogrammiert.

Wir versinken derzeit im grauesten Mittelmaß an unseren Hochschulen. Schon alleine, dass wir (wie Du hier zugibst) nur noch zweite Liga sind, spricht für Probleme im System, die weit über eine Mangelfinanzierung hinausgehen.

Wenn sie in einem Jahr nicht verbraucht
wurden, dürfen sie in das nächste Jahr übernommen werden
(Erlaubte Rücklagen).

Das ist sinnvoll und notwendig.

Es gibt keine Beamten mehr an Hochschulen. Lehrstuhlinhaber
werden als leitende Angestellte mit einem befristeten Vertrag
(ca. 7 Jahre) berufen und leistungsgerecht (also zum Teil
sicher deutlich besser als heute!) bezahlt.

Weisst Du was das kostet? Zur Zeit können nur schwer
profilierte Persönlichkeiten aus der Industrie gewonnen
werden. Das einzige was da lockt ist der Beamten-Status.

Hier kannst Du mich lachen sehen: Hast Du Dir wirlich überlegt, was Du schreibst?
Welcher unternehmerische Manager wird durch ein lächerliches C4-Beamtentum gelockt? Wenn sie Beamten hätten werden wollen, wären sie längst Ministrialdirigenten:wink:

Wenn ein Milberg Professor an der TU München wird, dann ausschließlich, weil er forschen will. Und ihm wäre die Entscheidung sicher leichter gefallen, wenn er a) besser bezahlt worder wäre und b) unternehmerisch seinen Lehrstuhl gestalten könnte (was er zum Glück in München weitgehend konnte)
Und er hat natürlich nach einer begrenzten Zeit seinen Beamtenstatus aufgegeben, um wieder Manager zu werden. Das ist für mich optimal.

Will
man nun einen Bereichleiter eines grossen Unternehmens
gewinnen, wird man den Leuten ein Industrie-Gehalt zahlen
müssen und entsprechende Verträge abschliessen müssen. Statt
C4 müsste nun ein Manager des mittleren bis oberen Managements
(je nach Institutsgrösse) vergütet werden…

Natürlich: Leistung soll sich lohnen, auch an der Uni… Wer gute Leute will, muss gut zahlen. das wissen die Amis z.B. nur zu gut und zahlen Spitzenprofessoren durchaus 7stellige Gehälter…

Nach Ablauf des
Vertrages ist eine einmalige Verlängerung ggf. möglich, danach
muss der Ruf an einen anderen erfolgen (Sicherstellung der
Qualität und Erneuerung der Forschung und Lehre, bessere und
schnellere Aufstiegschancen für Nachwuchsforscher)

Tja, da wirst Du nur die Leute bekommen, die nicht eine
permanente Stelle im Ausland oder der Industrie bekommen
haben. Also die zweite Riege. Oder du zahlst horrende
Abfindungen.

Wo gibt es bitte permanente Stellen im Ausland?

Die Entscheidung fällen nicht die Professoren, sondern ein
„Aufsichtsrat“ paritätisch aus Vertretern der Mittelgeber,
a(!)-c

Das geht nicht. Das wäre so, als ob der Aufsichtrat einer AG
nicht nur über die Top-Manager (=Präsident/Rektor der
Hochschule) entscheiden würde, sondern über die gesamte
Hierarchie bis hinab zum Trainee (=Juniorprofessor). Dieser
Aufsichtsrat würde dann Vorstandsaufgaben wahrnehmen, der
Vorstand wäre schlicht überflüssig.

Ad 1) Das geht nicht gibts nicht (destruktive Argumentation, sei mir nicht böse)
Ad 2) ich redete über die Vergabe von Lehrstühlen und nicht über die Vergabe von Assistentenstellen.

Das BuMi für Bildung gibt keine Vorgaben über Studieninhalte
o.ä. vor, sondern veröffentlicht jährlich über ausgearbeitete
Kennzahlen den Erfolg der einzelnen Hochschulen im Vergleich
(Transparenz). Die Hochschulen sind zum liefern der Kennzahlen
verpflichtet, ansonsten gibt es kein d) Mögliche Kennzahlen
sind z.B.: Anzahl und Qualität von Veröffentlichungen und
Preisen, Studiendauer der Absolventen, Erfolg der
Absolventen…

Gleichzeitig muss man sich zur Elite bekennen und dann auch
gezielt einzelne Hochschulen als Eliteinstitutionen fördern.
Wettbewerb und die zur Zeit praktizierte Gleichmacheri passen
nicht zusammen.

Natürlich. Wobei aber Elite nicht erklärt sondern erarbeitet wird!

Eh, die fehlende Dynamik liegt eher am fehlenden Geld (Geringe
Förderquoten + miserable Grundfinanzierung). Zwang alleine
bewirkt gar nichts. Wie soll ohne Geld etwas neues angefangen
werden?
Die aktuelle Finanzsituation würde ich so beschreiben: Zum
Sterben zu viel zum Leben (=Dynamik) zu wenig.

Da fehlt deutlich mehr als nur Geld.
Gib mittelmäßigen Professoren Geld und sie werden trotzdem Mittelmaß bleiben.
Ich habe als Studierendervertreter Berufungsverfahren erlebt! Diese waren wie geschaffen, Mittelmaß zu produzieren und zu erhalten…

Grüße
Jürgen

Du kannst doch nicht…
…einen armen Professor, oder eine Professorin an Deutschlands Unis hin und her treiben.
Mal überlegt, dass diese Menschen auch Familie haben?
Oder gibt es künftig dann gar keine Familien mehr, sondern nur noch Single-Haushalte und One-Night-Stands?!*g*

Rastlosigkeit gibt es in diesem Land schon zu viel! Bin daher eher für eine „ruhigere Lösung“.

MFG
Berlind

Hi Juergen,

Bei Grundlagenforschung stimme ich Dir natürlich zu, aber ich
finde, jede Wissenschaft sollte auch(!) gesellschaftsnah
forschen, um nicht reines Elfenbeinturmwissen zu erzeugen.

Ich denke, da ist man sich im Grunde einig. Allerdings, wer definiert was Elfenbeinturm-Wissen ist und was gesellschaftlich relevant ist? Betont man diesen Aspekt zu stark, kann das zu einer politischen Gängelung führen. Ich vermute, Dir ist klar, weshalb plötzlich ganze Fachbereiche auf einmal „Umweltwissenschaften“ im Namen führen :wink:

…Das sehe ich anders. Der Staat soll nur in erfolgreich
agierende Institute und Hochschulen weiters Geld pumpen.
Hochschulen, die niemanden für ihre Forschung begeistern
könne, sollen meinetwegen sterben…

Man wird wohl Hochschulen schliessen, das ist wahr. Allerdings versucht sich der Staat (Länder) zur Zeit - soweit es geht - sich aus der Hochschulfinanzierung immer weiter zurückzuziehen und diese Aufgabe den Drittmittelgebern (DFG, BMBF, EU) zu überlassen. Auf der anderen Seite will der Staat seinen Einfluss auf die Hochschulen stärken. Das passt nicht zusammen.

…Du vergisst:
Es gibt keine leistungsunabhängige Grundfinanzierung mehr (das
hast Du selber bekritellt)

Mir war nicht klar, dass Du das ernst meinst. Zur Grundfinanzierung gehören Gebäude, Gebäude- und Toilettenreinigung (nebenbei: Man kann heute schon kaum einen Japaner guten Gewissens auf ein deutsches Uni-Klo schicken), Mittel für die Lehre, Labormöbel etc.
Diese Minimalausstattung alleine vom Erfolg abhängig zu machen erscheint mir unsinnig. Wer schlecht forscht hat dreckige Labore und Toiletten?
Sinnvoller ist IMO eine Mix von Grundfinanzierung (erfolgsunabhängig) und den neudeutschen Matching-funds (erfolgsabhängig). So wie es aussieht, versucht man zur Zeit ein solches System umzusetzen. Es gibt also noch Hoffnung.

Diese Mittel gehen zu 100% planbar in den Haushalt der
Hochschulen und hängen in der Höhe ausschließlich vom Erfolg
der Hochschule ab!

Damit verabschiedet sich der Staat ebenfalls aus der
Wagnis-Finanzierung. Forschung ist nun einmal riskant und der
Erfolg nicht planbar.

Falsch: Das ist das Standardargument derer, die keine
Rechenschaft über ihr Tun abgeben wollen. Diese behaupten
immer, sie könnten nicht planen…

Umgekehrt ist es der übliche Politikerirrtum zu glauben, der Erfolg in der Grundlagenforschung sei planbar. Gescheiterte Grossprojekte oder Projekte die weit hinter der Erwartung zurückgeblieben sind: Fusionskraftwerke, künstliche Intelligenz sowie diverse Raummissionen. Genauso gibt es unter den kleineren und mittleren Projekten Fehlschläge. Damit muss man leben.

Wir versinken derzeit im grauesten Mittelmaß an unseren
Hochschulen. Schon alleine, dass wir (wie Du hier zugibst

Ich gebe das nicht nur zu, sondern bedauere das zutiefst. Wenn es so weitergeht sind wir auf dem dritten Platz … wobei, ganz so schlimm ist es nicht, die US-Politik lähmt mit ihrer Paranoia die dortige Forschung, Japan hat auch Probleme. Alerdings sollte man sich in der Politik nicht auf Fehler anderer verlassen.

…) nur
noch zweite Liga sind, spricht für Probleme im System, die
weit über eine Mangelfinanzierung hinausgehen.

Ja und nein. Ich habe eben auch sehr gut finanzierte ausländische Hochschulen gesehen …
Strukturelle Probleme in D sind IMO:
(1) Fehlende finanzielle Selbständigkeit der Institute/Professuren (hier sind wir uns einig). Besonders schwer wiegt hier die Kameralistik. Finanzplanung und Buchhaltung sind immer noch auf Vorkriegsstandard (ich meine nicht den Irak- oder Kosovo-Krieg).
(2) Mangelnde bis nicht vorhandene internationale Orientierung (den Punkt hast Du nicht erwähnt, aber Du wirst mir hier zustimmen).
(3) Fehlende Leitbilder. Das mag seltsam klingen. Zurück in D habe ich mich gewundert, ob die Unis überhaupt wissen, was sie eigentlich ereichen wollen …
(4) Überbordende Verwaltung - aber niemand ist zuständig
(5) Mangelfinanzierung. Was soll das, wenn Professoren und Gruppenleiter anfangen selbst die Wände zu streichen, weil angeblich kein Geld dafür da ist? (Betrachtet man die Gehälter war das im Endeffekt vermutlich der teuerste Wandanstrich seit langem) Oder allgemein gesagt: Inzwischen müssen hochqualifizierte Kräfte Aufgaben weit unter ihrer Qualifikation wahrnehmen, damit die Arbeitsfähigkeit der Institute erhalten bleibt. Ich nenne das „durchwurschteln“. Die Opportunitätskosten für dieses Durchwurschteln sind enorm.

…Hier kannst Du mich lachen sehen: Hast Du Dir wirlich
überlegt, was Du schreibst?
Welcher unternehmerische Manager wird durch ein lächerliches
C4-Beamtentum gelockt?

Eben.

Wenn sie Beamten hätten werden wollen,
wären sie längst Ministrialdirigenten:wink:

Naja, soviele B-Beamte gibt es auch nicht.

Wenn ein Milberg Professor an der TU München wird, dann
ausschließlich, weil er forschen will. Und ihm wäre die
Entscheidung sicher leichter gefallen, wenn er a) besser
bezahlt worder wäre und b) unternehmerisch seinen Lehrstuhl
gestalten könnte (was er zum Glück in München weitgehend
konnte)
Und er hat natürlich nach einer begrenzten Zeit seinen
Beamtenstatus aufgegeben, um wieder Manager zu werden. Das ist
für mich optimal.

Es ist gut, wenn es so gehen kann. Das kann aber nur in den Wirtschafts-, Rechts-, sowie unter Einschränkung in den angewandten und Ingenieurswissenschaften gehen. In den Grundlagenfächern geht es nicht. Hier sollte die Uni der Industrie ja etwa 10 Jahre in der technischen Entwicklung voraus sein, zumindest von der Idee „Grundlagen“ her.

Natürlich: Leistung soll sich lohnen, auch an der Uni… Wer
gute Leute will, muss gut zahlen. das wissen die Amis z.B. nur
zu gut und zahlen Spitzenprofessoren durchaus 7stellige
Gehälter…

Da sind wir uns wohl einig. Allerdings folgt daraus eine Konsequenz:
Die Uni muss Mittel global zur Verfügung haben. Wären nämlich die Professorengehälter nur für die (teilweise kleinen) Fachbereiche budgetiert, ginge das Gehalt des einen vom Gehalt des anderen Kollegen ab. Die Folge: Man hält sich gegenseitig klein => Mittelmass

Wo gibt es bitte permanente Stellen im Ausland?

NL, CH (Die Wiederwahl ist meist reine Formsache.), A, F, UK, I

Ad 2) ich redete über die Vergabe von Lehrstühlen und nicht
über die Vergabe von Assistentenstellen.

Der Karriereweg soll gemäss der aktuellen Planung jedoch beim Juniorprof anfangen. Mit Tenure-Track werden daraus dann irgendwann Lehrstuhlinhaber. Im Sinne einer profesionellen Personalplanung sollte deshalb eine Auswahl so früh wie möglich erfolgen.

Natürlich. Wobei aber Elite nicht erklärt sondern erarbeitet
wird!

Wenn Du wüsstest, wie Recht du hier hast …

Eh, die fehlende Dynamik liegt eher am fehlenden Geld (Geringe
Förderquoten + miserable Grundfinanzierung). Zwang alleine
bewirkt gar nichts. Wie soll ohne Geld etwas neues angefangen
werden?
Die aktuelle Finanzsituation würde ich so beschreiben: Zum
Sterben zu viel zum Leben (=Dynamik) zu wenig.

Da fehlt deutlich mehr als nur Geld.
Gib mittelmäßigen Professoren Geld und sie werden trotzdem
Mittelmaß bleiben.
Ich habe als Studierendervertreter Berufungsverfahren erlebt!
Diese waren wie geschaffen, Mittelmaß zu produzieren und zu
erhalten…

Klar. Es gibt genügend „kleine Möchtegern-Götter“, die niemanden neben sich dulden. Das ist aber ein persönliches Problem, daran wird kein Auswahlverfahren etwas ändern. Gegen Kollegen kann man in keinem Job bestehen.

Was man allgemein bei Berufungen tun sollte:
(1) internationale Ausschreibung (Wird oft gemacht, aber nicht immer)
(2) internationale Begutachtung der Kandidaten durch Fachleute (Meist erfolgt eine nationale Begutachtung.) Die Gutachter wollen natürlich ein Honorar sehen …
(3) ein eigenes Leitbild der Hochschule(was wollen wir überhaupt? Wo stehen wir? Sind wir eine Hochschule mit regionalem, nationalem oder internationalem Anspruch?)
(4) (Bei Lehrstühlen): Internationale Evaluation nach 6 Jahren. Danach weitere Aufbauförderung, erhaltende Förderung oder Abwicklung.
(5) Die Kräfte in den Berufungskomissionen verschieben (Mehr Gewicht der Hochschulleitung). Allerdings sollen die zukünftigen Kollegen immer noch ein gewichtiges Wort mitreden dürfen. Schliesslich sollen die Leute später zusammenarbeiten…

Mir ist insgesamt der internationale Aspekt wichtig. Ich habe nämlich den Eindruck, das in vielen Unis der Vergleichsmassstab abhanden gekommen ist. Da wird eine Elite gefeiert, die im internationalen Vergleich einfach nur „ganz nett, dass die das auch machen“ ist.
Es ist zur Zeit schon bezeichnend, wie wenig ausländische Wissenschaftler nach D kommen.

Abschliessend denke ich, dass es kein Patentrezept geben wird. Schliesslich haben andere Länder mit anderen Systemen auch so ihre Probleme.

Ciao R.

Hallo,

Was mich v.a. daran stört, ist der Erfolgsdruck.

Wovor hast Du angst? Meinst Du, die deutschen Hochschulen
können dem Erfolgsdruck nicht standhalten? Ich habe Vertrauen
in die deutsche Forschung!

Nein, das meinte ich nicht, und ich habe auch Vertrauen in die deutsche Forschung.

Ich drücks mal mit drei Zitaten von Einstein aus, vielleicht verdeutlicht das, was ich meine:

„Wenn die Entwicklung der Wissenschaft praktischen Zielen untergeordnet wird,
dann stagniert wahre Wissenschaft“

„Menschen…, die intensiv für den Fortschritt des Wissens um unsere physische
Welt gearbeitet haben, haben nie praktische und am allerwenigsten militärische Ziele verfolgt.“

„Nur wenn wir niemandem Rechenschaft schuldig sind, finden wir Freude am Betreiben von Wissenschaft.“

Forschung soll in deinem Modell zu einem großen Teil aus Drittmitteln aus der Wirtschaft finanziert. Die Wirtschaft steckt aber ihr Geld nicht in Theologie oder englische Literaturwissenschaft, sondern nur in Naturwissenschaften.
Daher würde der Anteil an Drittmitteln v.a. in der naturwissenschaftlichen Forschung sehr groß werden. Und wenn diese Forschung abhängig von Geldern aus der Wirtschaft wird, dann muss sie sich auch der Wirtschaft unterordnen. „Wenn ihr nicht … erforschen wollt, dann ziehen wir unsere Gelder eben zurück.“
Und DA liegt der Hund begraben. Grundlagenforschung ist verdammt teuer und bringt für die Wirtschaft keinen direkten Vorteil. Aber sie ist für die Wissenschaft selbst verdammt wichtig, wenn nicht das wichtigste für sie überhaupt. Es darf zu keiner Abhängigkeit der Forschung kommen, sie darf nicht auf das Wohlwollen der Wirtschaft angewiesen sein. Und wenn sie z.B. zu einem Drittel aus der Wirtschaft finanziert werden, dann ist so eine Abhängigkeit gegeben. Und davor habe ich „Angst“.

Eine Lösung wäre aber zumindest, dass die Wirtschaft Gelder nicht direkt an eine bestimmte Hochschule oder für ein bestimmtest Projekt spendet, sondern dass sie sie an eine Zentrale Stelle spendet, die das Geld dann nach bestimmten Kriterien auf die Universitäten verteilt. So hat die Wirtschaft keinen Einfluss mehr, die Forschung in bestimmte Richtung zu lenken, und so die Universitäten als Produkt-Forschungsinstitute zu ihrem eigenen Nutzen zu mißbrauchen.
Aber sie hat trotzdem die Möglichkeit -falls ihr was an einer unabhängigen guten Forschung liegt - diese finanziell zu unterstützen.
Mit sowas - oder einem ähnlichen System - könnte ich mich dann schon eher anfreunden.

Rechenschaftslosigkeit ist immer bequem, beflügelt aber
definitiv nicht die Forschung. Wenn dies so wäre, wäre der
Wissenschaftsstandort D nicht so gefährdert.

Der Wissenschaftsstandort D ist nicht gefährdet, weil keine Rechenschaftspflicht vorliegt, sondern weil kein Geld in die Forschung investiert wird.

mfg
deconstruct

Treiben:wink:
Hallo Berlind,

nun ja, die meisten Führungskräfte, die ich kenne, wären froh (oder auch nicht, wer weiss), wenn sie 14 Jahre(!) an einer Stelle wirken könnten!
Außerdem halte ich es persönlich für ungemein wichtig, regelmäßig sein Arbeits-(um-)feld zu wechseln. Und nach dem einen oder anderen Aufstieg ist eben meist ein regionaler Wechsel fällig. Das man hier die Familienplanung nicht vernachlässigen darf, ist klar. Da aber Professoren weiterhin meist um die +/- 40 sein dürften, sollte dies bei 14 Jahren leicht möglich sein…

Nur mal so nebenbei…

Grüße
Jürgen

Hi Juergen,
Du wolltest +/-50 schreiben …
Zur Zeit wohl eher +, was ein Teil des zuvor diskutierten Problems sein dürfte.
Ciao R.

Hi,
da bin ich noch einmal kurz:

Davon hat niemand etwas gesagt, darum auch der nicht
unwesentliche Anteil der Forschungsfinanzierung über
öffentliche Forschungsgesellschaften. Nur: Ich habe mich
letzthin mit einem Philosophieprofessor unterhalten: Die
Philosophen waren entsetzt, als sie zur Mittelbeantragung
einen Projektplan machen mussten. Dieser beinhaltete
eigentlich nur: Zeitverlauf und geplanter Mittelfluss…

Das ist IMO charakteristisch für eine Generation, weniger für ein Fach. Ich kenne genügend solcher Leute. So einfach, wie zu Zeiten des Hochschulausbaus in den 70ern wurde man später nicht nie wieder Prof. Mit der Habilitation war die Berufung fast schon garantiert. Diese Zeiten will niemand zurück. (BTW: deshalb gibt es jetzt noch (Alt-)Professoren, die weniger publiziert haben als ein durchschnitllicher Post-Doc). Bis diese Generation ausgewechselt ist, dauert es einfach noch ein klein wenig (aber nicht mehr lange). Wegen vergangener und längst korrigierter Fehler sollte man heute allerdings keinen Systemwechsel vornehmen.

…Wird die Freiheit der Forschung eingeschränkt, wenn der
Mittelgeber Rechenschaft über die Mittelverwendung verlangt?
Ich denke nein…

Das ist in den Technik- und Naturwissenschaften längst Alltag, das sind Nachhut-Diskussionen aus den 80ern.

Rechenschaftslosigkeit ist immer bequem, beflügelt aber
definitiv nicht die Forschung. Wenn dies so wäre, wäre der
Wissenschaftsstandort D nicht so gefährdert.

Wie gesagt, ich halte das für ein Generationenproblem, das sich innerhalb der nächsten 5 Jahre von selbst löst. Die Karrierwege der Jungforscher sehen heute anders aus, regelmässige Evaluation (sei es über Drittmittel oder die Juniorprofessur) und Rechenschaft (ich verbringe inzwischen etwa 20 % meiner Arbeitszeit damit(etwa 1 Tag pro Woche)) sind längst Alltag. Insofern kann ich Dein Argument der „Rechenschaftslosigkeit“ nicht nachvollziehen. Ein Mehr an Berichten würde ich als Gängelung betrachten und es würde weder Forschung noch Lehre guttun. Meine Arbeit sieht inzwischen etwa so aus: 20 % Lehre , 20 % Forschung (der Labor-Hobbytag), 20 % Berichte und ähnliche Verwaltung, 20 % Management (Personalführung, Mittelaquisition, Networking, Verhandlungen mit Projektpartnern etc. ), 20 % sonstige unproduktive und unsinnige Arbeit (davon ist Hälfte die Arbeit anderer Leute, die diese nicht gewillt sind zu tun). Auf die letzten 20 % könnte ich gerne verzichten. Evtl. wäre dann Zeit für mehr Öffentlichkeitsarbeit.

Ciao R.

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unökonomisch
moin jürgen,

weil ich gerade auf viele autos runtergucke, nehme ich sie gleich mal als metapher:
egal wieviel sprit aus welcher tankstelle du einfüllst- eine klapperkiste bleibt immer eine klapperkiste. und gegen den getriebeschaden hilft das auch nichts…

erstes schlaglicht:

Es gibt keine Beamten mehr an Hochschulen.

wenn denn ein 45jähriger dozent problemlos einen anderen job finden könnte…
bis dahin aber bleibt das eine milchmädchenrechnung. und die hauptursache dieses problems sind weder die dozenten, noch die unis, sondern die vorherrschende mentalität in den personalabteilungen der unternehmen.

Was will ich erreichen: Einen vernünftigen Leistungsdruck bei
allen Beteiligten.

und die ökonomische binsenweisheit: um knappe ressourcen wird es immer konkurrenz geben, dass noch forcieren zu wollen halte ich für eine verschwendung derselben. im gegenteil: so werden leute rausgeworfen, die vielleicht die entscheidenden ideen liefern könnten (bedenke z.b., dass ein albert einstein ein extrem schlechter student gewesen ist…)

Forschungsgesellschaften). Unternehmerische Denke in unseren
Elfenbeintürmen.

bingo: dazu muss man als erstes begreifen, dass ökonomische konzepte nichts bringen, wenn zentrale grundmechanismen des marktes nicht funktionieren. und das ist im zentralistisch zwangsregierten bildungsmarkt so extrem wie nirgendwo sonst…

greetings
bernd

Fundstück (link)
Hi Juergen,
hier noch ein Fundstück, das Dich vielleicht interessiert:
http://ed.sjtu.edu.cn/rank/rank-2003.mht
Ciao R