Episodisches Gedächtnis und Zeitgefühl

Hallo!

In Brett höher (Physik) tauchte gestern die Frage auf, wie der Zeitbegriff im Gehirn repräsentiert wird. Ich habe in „Principals of Neurosciences“ (Kandel et al.) versucht, nachzulesen und überraschend wenig gefunden. Vielleicht kennt sich hier ja jemand damit aus (auch wenn ich weiß, dass die Frage im engeren Sinne nicht psychologisch, sondern eher neurologisch, neuroanatomisch, neurophysiologisch oder sonst was ist).

Wie merkt sich das Gehirn, in welcher Reihenfolge bestimmte Dinge, die man selbst erlebt hat, abgelaufen sind? (Bei gelernten Fakten ist es klar: Man lernt die Jahreszahl - also rein deklarativ - und weiß dann, dass die erste Mondlandung 1969 war und Abbey Road 1969 veröffentlicht wurde, also fallen beide in dasselbe Jahr. Trotzdem haben wir keine intuitive Vorstellung davon, dass das irgendwie „gleichzeitig“ geschehen ist.) Bei vielen Dingen aus meinem Leben weiß ich aber ohne nachzudenken, was vorher und was danach war - obwohl ich mich da vielleicht gar nicht an das Datum erinnere.

Wie wird das abgespeichert?

Gruß, Michael

Hallo,
ich hoffe dir das ich mit meinem kleinen Wissen darüber weiterhelfen kann, hoffe und versuche es. Der Mensch hat kein Gefühl für Zeit. Es reicht höchstens von einer Ampelschaltung bis höchstens zu einer Minute. Stunden oder gar Tage können wir nicht abschätzen. Die Erinnerungen werden im Langzeitgedächtnis abgespeichert und kann so korekt abgerufen werden
Gruß Sanjana

Hallo Michael,

aufgrund deiner höchqualifizierten Antworten will ich mir gar nicht anmaßen, dir eine Antwort zu geben, sondern vielleicht einige Denkansätze, weil ich deine Frage höchst interessant finde.

In Brett höher (Physik) tauchte gestern die Frage auf, wie der
Zeitbegriff im Gehirn repräsentiert wird. Ich habe in
„Principals of Neurosciences“ (Kandel et al.) versucht,
nachzulesen und überraschend wenig gefunden. Vielleicht kennt
sich hier ja jemand damit aus (auch wenn ich weiß, dass die
Frage im engeren Sinne nicht psychologisch, sondern eher
neurologisch, neuroanatomisch, neurophysiologisch oder sonst
was ist).

So tief bin ich in der Materie nicht drin, aber ich verfolge schon die wissenschaftlichen Fortschritte.

Wie merkt sich das Gehirn, in welcher Reihenfolge bestimmte
Dinge, die man selbst erlebt hat, abgelaufen sind?

Indem es sich physische Areale aufbaut. So funktioniert das zumindest in vielen anderen Fällen, der Repräsentation der Körperoberfläche, der Tonhöhen, des Sehens …

Es gibt Menschen, die von Geburt an keinerlei Rechenfähigkeiten haben, weil die Repräsentation der Größe gestört ist. Sie müssen sich mühsam und über den Verstand beibringen, was „normale“ Menschen intuitiv erkennen, dass z.B. ein volles Glas mehr enthält als ein halbvolles.

(Bei
gelernten Fakten ist es klar: Man lernt die Jahreszahl - also
rein deklarativ - und weiß dann, dass die erste
Mondlandung 1969 war und Abbey Road 1969 veröffentlicht wurde,
also fallen beide in dasselbe Jahr. Trotzdem haben wir keine
intuitive Vorstellung davon, dass das irgendwie „gleichzeitig“
geschehen ist.)

Es gibt (glaub ich) sogar 3 Arten der Erinnerung, das Episodengedächtnis, das Faktengedächtnis und das Fertigkeitsgedächtnis. Ob das Personen-, Orts-, Musikgedächtnis u.a. da irgendwo einzuodnen sind oder wieder eigenständige sind, wäre interessant (hab also keine Ahnung).

Ich persönlich glaube auch, dass die Verbindungen zwischen diesen Gedächtnisarten auch großen Schwankungen unterliegen. Ich zum Beispiel habe eine überragende Fähigkeit, etwas zu wissen, und auf die Frage „wer hat dir das gesagt“ in Ratlosigkeit zu versinken. Daran musste ich denken, als ich neulich einen Beitrag (ich glaub in Quarks&Co) sah, wo eben dieses als Charkteristikum eines Kleinkinds gezeigt wurde.

Bei vielen Dingen aus meinem Leben weiß ich
aber ohne nachzudenken, was vorher und was danach war - obwohl
ich mich da vielleicht gar nicht an das Datum erinnere.

Vielleicht bist du da anders gestrickt als ich. Aber ich habe viele Erinerungen, wo ich mich an den Ort und die Umgebung des Abspeicherns erinnere. Mondlandung=elterlicheWohnung/SW-Fernseher, Fall der Mauer=WohnungX, 11.9.2001=UrlaubY.

Dazwischen besteht aber keine Verbindung. Von all den Ereignissen in WohnungX müsste ich mühsam erforschen, ob dies vor oder nach dem Mauerfall war, mit Jahreszahlen, Abgleich mit anderen Erinnerungen, besonderen Terminen etc, also keinesfalls intuitiv.

Wie wird das abgespeichert?

Das ist mal wieder so ein Fall von Frage, zu der man keine gebündelten Informationen erhält, es sein denn, jemand hat sich genau mit dieser Frage beschäftigt, das veröffentlicht und du findest es auch noch.

Ich habe jedenfalls für mich die Erkenntnis beschlossen, dass vieles einfach genetisch fest verdrahtet ist und das eben auch im Sinne von mehr oder weniger definierten Hirnarealen:
Ortskenntnis als Landkarte im Hirn
Gerechtigkeit incl. Großzügigkeit/Neid/Missgunst als Waage im Hirn
usw. … und

eben auch ein Zeitstrahl, oder wahrscheinlicher ein Bündel von Zeitstrahlen für verschiedene Zwecke, die erst der Mensch mit seiner Fähigkeit zur Selbstreflektion zu verbinden versucht.

Gruß, Zoelomat

Hallo,

die Dinge, die wir erleben, werden im episodischen Gedächtnis so abgespeichert, indem ein Kontext zu anderen Dingen, die wir erleben, gebildet wird, oder zu Dingen, die bereits dort sind. Dieser Kontext wird vom Hippocampus gebildet, den man als Tor zum Langzeitgedächtnis auffassen kann.

Der Kontext könnte sein: als ich B erlebt habe, war A schon da. Oder: es war Sommer (oder es hat an dem Tag geregnet, da habe ich die X. schon gekannt, usw.)

Es gibt kein langfristiges Zeitempfinden, nur eines für die Gegenwart und was ganz knapp davor war (wenige Sekunden). Wir behelfen uns mittels Uhr und Kalender wie mit einer Krücke, und die ist uns so selbstverständlich geworden, daß wir nicht einmal bemerken, daß wir da eine Krücke benutzen.

Ohne Uhr und Kalender wüßte jemand zwar, daß Erlebnis B in einem Sommer war, aber nicht, ob im letzten Jahr, oder fünf Jahre vorher. Indirekt wüßte man es vielleicht, weil z. B. da auch A war, wo man unzweifelhaft (d. h. aus einem anderen Kontext folgend) noch in die Schule gegangen ist, und das ist schon länger her.

Wenn man einmal nicht gezwungen ist, sich am Kalender zu orientieren, kann man nach und nach das Zeitgefühl verlieren und weiß dann nicht womöglich mehr, welcher Tag gerade ist.

Grüße,

I.