Hallo Julia,
ich versuche es einmal:
Nathan der Weise (Lessing)
Wie bereits gesagt: Aufklärung. Das ist der wohl eindeutigste Fall unter den fünf hier Genannten. Fast alle entscheidenden Wendungen in dem Stück beruhen auf praktischer Vernunft und logischer Argumentation. Nicht umsonst steht in diesem Fünfakter die »Ringparabel« schon rein technisch im Zentrum, also im dritten Akt. Das Drama steht übrigens in direktem Zusammenhang mit dem religionsphilosophischem Text »Die Erziehung des Menschengeschlechts« (1777). Falls einem »Nathan« zu uneindeutig ist, kann man sich hier Gewissheit über Lessings Ansichten verschaffen.
Frühlings Erwachen (Wedekind)
Eine Zuordnung zum Expressionismus halte ich für nicht ganz richtig. Das Stück wurde zwar erst 1906 uraufgeführt, ist aber 1890/1891 entstanden. Ein stilistisch-thematischer Zusammenhang zu den Expressionisten ist sicher gegeben, aber für eine kommentarlose Einordnung in diese literarische Strömung entstand das Drama rund zwanzig Jahre zu früh. Diese zwanzig Jahre mache ich an dem Erscheinen der ersten Texte fest, die man bedenkenlos als expressionistisch bezeichnen würde, also beispielsweise Benns »Morgue« (1912). Man geht also, glaube ich, nicht fehl, Wedekind und speziell dieses Stück als Expressionismus-Vorläufer zu bezeichnen.
Michael Kohlhaas (Kleist)
Auch dieser Text entzieht sich der einfachen Einteilung: Gegen eine Kategorisierung als Werk der Klassik spricht vor allem, dass es sich um eine Novelle, und nicht etwa um ein Theaterstück, handelt. Die literarische Form der deutschen Klassik war nun einmal das Drama. Zudem gefiel sich die Klassik in stilistisch-stofflicher Anlehnung an die Antike, was man mit Kleist zwar schon zusammenbringen kann (Amphitryon, Penthesilea), aber nicht besonders gut mit »Michael Kohlhaas«. Wenn ich mich also epochenbegrifflich unbedingt festlegen müsste, würde ich daher – trotz aller Ungereimtheiten – für Romantik stimmen. Ein Argument dafür ist beispielsweise das zwar verhältnismäßig wenig Raum beanspruchende, aber doch wichtige Motiv der weissagenden Zigeunerin, die damit das Mystische und Wunderbare als wichtiges Element der Romantik verkörpert.
Die Berliner Antigone (Hochhuth)
Noch bietet sich meiner Ansicht nach für einen derart neuen Text keine genaue Epocheneinteilung an. Nur so viel: Von den Begriffen »Moderne« und »Postmoderne« sollte man die Finger lassen, weil darunter nicht nur ein Verweis auf die Entstehung des Werks in jüngster Zeit, sondern auch auf eine bestimmte literarische Programmatik verstanden werden kann, die auf Hochhuths Novelle nicht zutrifft. Für Werke, die nach 1945 entstanden sind, begnügt man sich daher meist mit Begriffen wie Nachkriegsliteratur oder Gegenwartsliteratur.
Der Steppenwolf (Hesse)
Auch hier würde ich einer Zuordnung des Werks zum Expressionismus abraten. Wenn es um Epochen oder literarische Richtungen geht, finde ich es nicht kleinlich, darauf hinzuweisen, dass der »Steppenwolf« mit seiner Erstveröffentlichung 1927 nicht wie Wedekind zu früh, sondern zu spät kommt. Zudem sprechen Inhalt und Form des Werks meines Erachtens für ein surrealistisch und kulturpessimistisch angehauchtes Stück Epik der Moderne. Worauf ich online auf die Schnelle wenig Hinweise gefunden habe, was aber meines Erachtens nicht unerwähnt bleiben sollte, ist die Nähe zu den Ideen des Existentialismus, die später vor allem mit dem Namen Jean Paul Sartres verknüpft wurden.
Widersprüche? Aber bitte.
Gruß
Christopher