Asexualität
Hi Maria,
Daß das an sich immer schon bekannte Phänomen „Asexualität“ erstaunlich häufig vorkommt, ist seit noch gar nicht langer Zeit ans Licht der Öffentlichkeit gekommen. Zusammenfassend kann man sagen, daß es bisher noch weder psychotherapeutisch noch medizinisch verstanden ist. Daher ist deine Aussage, Asexualtität sei angeboren, definitiv falsch. Richtig ist, daß man noch nichts darüber weiß, ob sie genetisch oder individuell-biografisch verursacht ist, oder gar eine, dem Betroffenen nicht reflektierbare, Reaktion auf gesellschaftlichen Umgang mit Sexualtität. Die Aussagen bzw Selbstdarstellungen und Verhaltensweisen von asexuellen Persönlichkeiten lassen vorerst keine Differenzierung zu.
Dazu kommt, daß Asexualtität sehr verschiedenartige Ausprägungen hat. Fehlendes Interesse an sexueller Interaktion mit Pertnern, fehlendes Interesse an sexueller Erregung und erst recht Befriedigung überhaupt, Unfähigkeit zur sexuellen Erregung bis zum Widerwillen oder gar Ekel gegen jede Art körperlicher Berührung und anderes mehr: Alle diese Dinge faßt man vorläufig unter dem summarischen Begriff „Asexualität“ zusammen. Auch deutlich fanatischer Abstinenzfanatismus findet sich unter den Phanomenen (der allerdings schon eher der psychologischen Erklärung zugänglich ist).
Deutlich davon unterscheidbare latente Homosexualtität und Probleme der sexuellen Identität zählen jedenfalls nicht dazu.
Auch daß dein Mann offenbar die andere Eigenschaften schon sehr lange oder immer schon hatte, aber erst seit relativ kurzer Zeit sogar Widerwillen gegen den Austausch von Zärtlichkeiten, ist in der Biografie von Asexuellen nicht ungewöhnlich. Von therapeutischen Erfolgen schient bisher nichts bekannt zu sein, zumal ja auch meist gar kein Bedürfnis der Betroffenen besteht, den Zusatnd zu verändern.
Wir hatten gestern Abend ein sehr langes Gespäch und er
meinte, ich soll hier mal nachfragen, ob jemand eine Idee hat
die uns helfen könnte.
Das kommt darauf an, wobei und zu was ihr einer Hilfe bedürft.
Sicher ist, daß Spekulationen über ggf. latente Homosexualität absurd und sinnlos sind. Laien suchen bei der Begegnung mit ihnen unbekannten Phänomenen gerne Erklärungen, die ihnen plausibel erscheinen. Abgesehen davon, daß sowas sich ganz anders zeigen würde als das, was du beschrieben hast.
Er hat Jahrelang eine Therapie nach der anderen gemacht, bis
wir irgendwann erfuhren, dass er A-Sexuell ist.
Wenn ihr das erst „irgendwann“ nach „jahrelangen“ Therapien erfahren habt, ist das nicht gerade ein Kompliment für betreffenden Therapeuten …
Er leidet selbst darunter, dass er mir keine Zärtlichkeiten geben kann.
Das ist etwas, woran ihr arbeiten könnt. Am besten mit Hilfe einer guten Paartherapie. Aber nicht irgendeine, sondern eine, die mit Problemen der Sexualitität gut vertraut ist.
Er hat mir schon mehrfach angeboten, dass wir uns trennen,
doch wir lieben uns beide und eine Trennung von meinem Mann
ist für mich total indiskutabel!
Das spricht für eure Beziehung. Dein grundsätzlicher und offenbar unumgänglicher Verzicht auf Sexualtität und - wie es sich wohl jetzt mehr und mehr entwickelt - auf jegliche Zärtlichkeit innerhalb eurer Beziehung ist aber ein gewaltiges Problem, das sorgfältig und offen besprochen werden sollte (in welcher Hinsicht kann wohl kaum hier öffentlich diskutabel sein), wenn es euch nicht irgendwann trotz 22jähriger Ehe zerfetzen soll. Da müssen Lösungswege gesucht werden.
Hier noch einige Links über Asexualität. (Dort finden sich u.a. auch Hinweise auf Foren, in denen sich Betroffene austauschen. Ich möchte mich aber eines Urteils darüber enthalten):
https://www.gleichklang.de/asexualitaet.html
http://asexuality.meetup.com/
http://www.asexuality.org/de/
http://www.asexuality.org/haupt/
Gruß
Metapher