Er kann, er will, er weiß

Soweit ich weiß, ist „wissen“ ein Vollverb. Die werden im Präsens so konjugiert: „ich x’e, du x’st, er x’t“. Trotzdem wird „wissen“ wie ein Modalverb konjugiert: „ich weiß/kann, du weißt/kannst, er weiß/kann“ (also 1. = 3. Pers. Sgl.). Ich kann mich dunkel erinnern, dass noch Lessing irgendwo (Emilia Galotti? Minna von Barnhelm?) schrieb: „er weißt es nicht“. War das ein persönlicher Spleen oder gab es da irgendwann einen Wandel? Zählt „wissen“ jetzt als Voll- oder als Modalverb (wo es doch eigentlich nur sechs geben soll)?

Weißt das wer?

Hallo,

also ich habe gelernt, dass „wissen“ das einzige präterito-präsentische Verb ist, dass KEIN Modalverb ist. An der Präterito-präsentheit liegt auch die Besonderheit in der Konjunktion und nicht daran, dass das entsprechende Verb ein Modalverb ist. Modalverben sind aber auch alle präteritopräsentisch. Sprich, es gibt 7 präterito-präsentische Verben und sechs davon sind Modalverben, das andere ist „wissen“.
Präterito-Präsentiae (schreib man’s so?) konjugieren sich halt im Präsens wie Präterita, daher der Vokalwechsel im Plural und das fehlende -t am Ende der 3. Person Sg.

„Wissen“ soll wohl eigentlich das Präteritum von „sehen“ sein, „ich weiß“ bedeutet dann also „ich habe gesehen“, was ja auch irgendwie Sinn macht. Die Entwicklung lief wohl irgendwie vom Lateinischen übers Sanskrit ins Deutsche und dabei hat sich das Präteritum des Wortes für „sehen“ in ein neues Wort gewandelt, dass dann im Präsens die Eigenschaften eines Präteritums hat…
Puh. Ich hoffe, das hab ich alles noch richtig im Kopf gehabt…
viele Grüße
Sonja

hehe…

…ich sehe gerade in deiner Vika, dass du Wert auf Rechtschreibung legst. Also denn, das letzte „dass“ bei mir sollte natürlich ein „das“ sein. Und wenn ich ganz genau wäre, hätte ich auch die „sieben“ ausgeschrieben…passiert halt :wink:
Grüße
Sonja

bin auch ohne zweites „s“ sehr zu Dank verpflichtet :smile:)

Wobei die Erklärung mir abstrus erscheint, aber … siehe Vita :smile:

Wobei die Erklärung mir abstrus erscheint, aber … siehe Vita

-)

Um das Ganze noch etwas verwirrender zu gestalten: Die Entwicklung des Wortes wissen verlief laut Prof so:
Latein für sehen: videre
griechisches Präteritum davon (1. person): oida
Das gleiche in Sanskrit: véda
und das wurde im germanischen Sprachraum zu „weiß“ und bekam dann wieder die präsentische Bedeutung.

Das ist ohne Garantie. Aber die Sache mit „Modalverben sind Präteritopräsentia“ findet man auch in seriösen Grammatiken (Eisenberg, Grundriss der deutschen Grammatik, 1. Band).
Die abstrusen Sachen sind manchmal die schönsten…
Grüße
Sonja

Hallo Sonja,

das mag ja wortgeschichtlich einleuchten, aber dass dem „weiß“ im Laufe der Jahrhunderte kein assimilierendes „t“ angehängt wurde, erscheint mir doch höchst fragwürdig… in der Regel wird, was nicht passt, doch passend gemacht (Lessing war in diesem Fall vermutlich ein Einzelkämpfer). Der entgegengesetzte Prozess, in dem dem „braucht“ sein „t“ entzogen wird und es langsam aber sicher zum Modalverb mutiert, funktioniert doch auch, obwohl wahrscheinlich von den beteiligten Prozessstiftern kaum jemand weiß, was ein Modalverb ist.

Aber die Welt ist ja bekanntlich voller Wunder.
Na, sei’s drum - jedenfalls vielen Dank!
Pervita