Hallo Kai,
Eine Anmerkung, eine Frage:
Du empfiehlst autogenes Training, Meditation u.Ä. Ich habe
gefunden, daß gerade die Knirscher und Presser schon so weit
oben im Erregungsniveau sind, daß sie die Ruhe für solche
Techniken nicht mehr finden. Also gerade die, die’s am
nötigsten hätten, können nichts damit anfangen.
gerade der von Dir beschriebene Umstand ist die Hauptursache für das nächtliche Zähneknirschen.
Wenn ein Patient eine so hohe innere Grundspannung hat, gibt es aus meiner Sicht 2 Therapieansätze.
Der erste Ansatz wäre eine symptomatische Therapie mittels Sedativa, Antidepressiva oder ähnlichen stimmungsverändernden Psychopharmaka.
Der zweite Ansatz, den ich favorisiere, besteht im Bewußtseinmachen der Ursachen und der Suche nach einer für den jeweiligen Patienten geeigneten Form der Entspannung.
So etwas ist natürlich leichter gesagt als getan und mir ist vollkommen klar, dass Entspannung für die meisten „Knirscher“ ein Fremdwort ist. Daher halte ich das Gespräch des Therapeuten mit dem Patienten in welchem der Patient über die wahrscheinlichen Ursachen aufgeklärt wird für den beinahe wichtigsten Teil der gesamten funktionstherapeutischen Behandlung.
Es gibt sehr viele Möglichkeiten der Entspannung und ich warne immer davor, die eigenen Erwartungen an sich zu hoch zu schrauben.
Entspannend kann schon ein Glas Rotwein und das Anhören einer guten CD sein. Wenn ein Patient mehr schafft, umso besser, wenn nicht dauert es halt etwas länger.
Wichtig ist für mich vor allem, dass der Patient versteht, dass er den Heilungsverlauf selbst beeinflussen kann.
Die Frage: was hast Du gegen Kaugummi-Kauen? Ich habe immer
gesagt: „Wer kaut, knirscht und presst nicht.“ Immerhin findet
Kauen im Rahmen der physiologischen Funktion statt, während
Knirschen und Pressen parafunktionell sind und destruktiv sein
können. Außerdem führt exczessives Kauen zur Muskelermüdung,
die den Kauern auch bewußt wird. Der Fluch bei den
Parafunktionen ist ja, daß sie unterbewußt (und gerne im
Schlaf) stattfinden.
Die muskulären Beschwerden entstehen durch eine chronische Überlastung der Muskulatur. Das in der Menge unphysiologische Kaugummikauen überfordert die Muskulatur zusätzlich.
Wenn ein Patient die Gesamtbelastung der Kaumuskulatur durch das Vermeiden von Kaugummikauen schon von sich aus reduziert, kann man fast immer einen deutlichen Rückgang der Beschwerden beobachten.
Vor allem das regelmässige Kaugummikauen von Heranwachsenden führt zu einer deutlichen Masseterhypertrophie (überdurchschnittlich grosse Muskelmasse des stärksten Kaumuskels), die man sehr häufig schon an der Gesichtsform erkennen kann. Diese dann übertrainierte Kaumuskulatur kann später in Stresssituation derartige Kräfte mobilisieren, dass Gelenk oder Zähne leiden.
Die schädliche Belastung der Kaumuskulatur findet im Regelfall nachts statt, in dieser Zeit kaut man jedoch kein Kaugummi. Die Gesamtbelastung der Muskulatur ist in meinen Augen zu reduzieren, denn diese Belastung wird ja schon alleine quantitativ durchs Kaugummikauen erhöht.
In der Therapie der Funktionsstörungen des Kausystems ist es nicht nötig und vor allem auch nicht möglich jede missbräuchliche Belastung der Muskulatur zu vermeiden. Es reicht im Regelfall völlig aus, die Muskelaktivität zu reduzieren bis auf ein für den jeweiligen Patienten tolerables Mass.
Gruß
Gero
P.S. Ich hoffe, ich habe mich auch für Nicht-Zahnärzte halbwegs verständlich ausgedrückt. Das Thema ist leider sehr komplex und damit schwierig in wenigen Worten abzuhandeln.