Erinnerungen wie ein Traum

Hallo.

Ich erlebe zur Zeit in interessantes Phänomen. Aber ich fange mal von vorne an:

Vor ungefähr neun Jahren bin ich aus meiner Heimatstadt weggezogen. Aus beruflichen Gründen, sozusagen. Seitdem vermisse ich meine Heimatstadt sehr und träume auch sehr oft von ihr. Meistens träume ich, wie ich in meine alte Wohnung zurückziehe. Manchmal stelle ich mir auch vor, wie ich wieder die Straßen in der Stadt entlang wandere.

Vor kurzem, also nach vielen Jahren, bin ich nun in diese Stadt zurückgekehrt und bin ein paar Stunden dort herum gewandert. Ich habe sogar eine Bekannte von damals besucht.

Doch nun sind all die Erinnerungen an meine Heimatstadt verschwommen, so als ob ich das alles nur geträumt hätte. Ich kann mich nicht einmal mehr an das Gesicht der Bekannten erinnern, also wie sie nun aussieht. Ich weiß nur noch grob, was sie gesagt hat. Mir ist schon beim Besuch aufgefallen, dass ich mich von den Eindrücken regelrecht „erschlagen“ gefühlt habe und dass es mir bei dem Besuch schon wie in einem Traum vorkam.

Darum wollte ich fragen, warum meine Erinnerung so merkwürdig verzerrt ist und was sich mein Gehirn davon „erhofft“, bzw. was der tiefere Sinn hinter dieser Reaktion ist. Vielleicht hat hier jemand eine Idee, oder noch besser, irgendwelche fachkundigen Kenntnisse?

Grüße,
Jack

Hallo Jack
Dinge, die uns emotional stark berühren, sind oft mit merkwürdigen atmosphärischen Empfindungen vefbunden wie z.B. dieses von dir beschriebene traumhate Gefühl.
Menschen, die sehr stark von Erinnerungen leben oder von diesen berührt werden (ich gehöre selbst auch dazu!), also auch die sogenannten Nostalgiker, erleben oftmals traumwandlerisch.
Ich hatte neulich auch so ein Gefühl, als ich auf die Terrasse trat und in die Gegend, die ich seit 1955 kenne, schaute.
Vielleicht kennst du Marcel Prousts „Auf der Suche nach der velorenen Zeit“ …Das ist eine Lektüre, die auch von empfindsamsten Erinnerungs-Gefühlen geprägt ist.
Es grüßt dich
Branden

Hallo Jack

Das ist nicht allzuschwer zu verstehen.

Dein Unterbewußtsein hat die Erinnerungen an deine Vergangenheit bewahrt. Durch deinen erneuten Besuch, sind diese überdeckt worden und tiefer gesunken.

Jetzt vermißt du die alten und wirst mit den neuen nicht fertig, weil dir die Zwischenzeit oder die Brücke zwischen beiden, wegen der Erfahrunslücke fehlt.

Mir ist es ähnlich ergangen, als ich meine alten Klassenkameraden nach 40 Jahren wiedergetroffen hatte.

gruß
rolf

Identitätenaddition
Hallo Jack!!!
Was du beschreibst,kenne ich von intensiven Erinnerungen,die ich farbig,überbordend und geheimnisvoll in mir trug,die sich durch ein Wort,einen Geruch oder Musik auslösen ließen und die mit jedem Mal ein Stück schwächer wurden.Schwächer wurden sie auch,wenn ich sie verbalisierte oder versuchte zu ergründen.Hier fand wohl eine Art Entzauberung statt.Hier verblasst das Alte einfach.

Doch dadurch,dass bei dir unerfüllte Sehnsucht schwelte,konnte deine Phantasie ein großes Bild drumherum malen.Du stiegst mit dem Besuch in der Stadt in deine Erinnerung ein,versetztest damit aber den Gegenstand deiner Sehnsucht aus seiner Zeit in die Jetzt-Zeit.Da vermischen sich nun vier Identitäten:
1.Du damals dort.
2.Du in der Stadt in deiner Phantesie.
3.Du jetzt dort.
4.Du in deiner neuen Umgebung.

Kein Wunder also,dass du dich erschlagen fühltest,die Zusammenhänge wollen erst einmal hergestellt werden.
Ich hoffe,ich liege mit meinem langen Text nicht völlig neben deiner eigenen Wahrnehmung und konnte dir neue Anstöße geben.
Lieben Gruß Elli