Ermittlungen gegen KZ-Kommandanten Koch

Hallo allerseits!

Ich suche ein Buch oder einen Artikel, in dem man etwas über die Hintergründe der Ermittlungen des SS-Richters Dr. Konrad Morgen gegen den KZ-Kommandanten von Buchenwald Karl Otto Koch erfahren kann.

Wie man weiß wurde Koch ja noch kurz vor Kriegsende wegen Korruption zum Tode verurteilt. Die Ermittlungen begrenzten sich aber nicht auf Buchenwald, vielmehr hat Morgen auch gegen SS-Leute in Auschwitz ermittelt, wobei die Ermittlungen dabei irgendwie im Sande verlaufen sind (angeblich auf Geheiß des Reichsführers). Mich würde mal interessieren, ob sich ein Historiker dieser bemerkenswerten Geschichte angenommen hat und evtl. darüber etwas veröffentlicht hat.

Wer kann mir weiterhelfen?

Vielen Dank,
Christian

Hallo !

In dem Buch „Der Orden unter dem Totenkpf“ wird diese Sache behandelt und genau beschrieben.
Ab Seite 352.

ISBN3-572-01342-9

Da es sehr viele Köche während der Nazizeit gab, sollte man diesen nur unter „Karl Koch“ suchen.

mfgConrad

Danke, Conrad! Den Abschnitt im „Orden unter dem Totenkopf“ kenne ich bereits, es erscheint mir aber nur eine knappe Zusammenfassung des Vorgangs zu sein. Die Quellen, auf die sich der Autor bezieht, sind teilweise Artikel aus dem Spiegel u.ä.

Mich würde eine ausführliche Aufarbeitung der Hintergründe interessieren, evtl. auch über den Prozess gegen Morgen in den 60er Jahren.

Auch sehr interessant wäre sicherlich ein Artikel, der sich mit Konrad Morgen als Mensch beschäftigt, er hat ja vor dem Krieg immerhin ein Buch über „Kriegspropaganda und Kriegsverhütung“ veröffentlicht.

Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, daß die 3 oder 4 Seiten im „Orden unter dem Totenkopf“ alles ist, was über diesen Mann geschrieben wurde, ist er doch einer der wenigen, die die geistigen und fachlichen Fähigkeiten hatten, gegen die Verbrechen der SS noch im dritten Reich vorzugehen.

Viele Grüße,
Christian

Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, daß die 3 oder 4
Seiten im „Orden unter dem Totenkopf“ alles ist, was über
diesen Mann geschrieben wurde, ist er doch einer der wenigen,
die die geistigen und fachlichen Fähigkeiten hatten, gegen die
Verbrechen der SS noch im dritten Reich vorzugehen.

Diese Aussage ist mir etwas unverständlich, war Morgen doch einer von vielen, die bis zum Schluss ihre geistigen und fachlichen Fähigkeiten uneingeschränkt in den Dienst des Verbrechens gestellt haben. Er war darunter allerdings einer der relativ wenigen, die in die Mordmaschinerie in Auschwitz und a. a. O. einen sehr tiefen Einblick hatten. Was ihn nicht daran gehindert hat, seiner Aufgabe als SS-Richter uneingeschränkt nachzukommen.

Gruss
Schorsch

Hi Schorsch,

du hast Recht, ich habe mich nicht ganz klar ausgedrückt, was ja bei solchen Themen schon recht gefährlich ist :wink:

Eigentlich hätte es heißen sollen, daß er die Voraussetzungen zwar gehabt hat, aber daß gegen solche Verbrechen vorzugehen ja ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sein muß. Morgen selbst hat in seiner Aussage vor Gericht darauf hingewiesen, daß er ja Angehöriger eines Kriegsgerichtes gewesen ist, und somit an die Befehle des obersten Kriegsherren (also des Führers) gebunden ist.

Himmler war ja anfangs sehr zufrieden gewesen mit seinen Ermittlungen gegen die Verbrechen in den Konzentrationslagern, denn es handelte sich hier um Korruption und Unterschlagung. Erst als es um unberechtigte Tötungen ging (und damit um die Frage, was in einem KZ eine unberechtigte Tötung ist), hat man ihm von „ganz oben“ gestoppt. Das ist jedenfalls das, was ich mir aus den mir bekannten Beschreibungen nehme.

Interessant ist dabei aber, daß die KZ-Mannschaften ihm uneingeschränkt Einsicht gewährten und auch sonst aus dem Nähkästchen geplaudert haben, als wäre er ein Beichtvater. Er hat alles gewußt, jeden einzelnen Vorgang im KZ (er war 8 Monate in Buchenwald und ein paar Monate in anderen KZs, u.a. in Auschwitz), und hat das auch vor Gericht so zu Protokoll gegeben.

Leider geht aus den Protokollen nicht im geringsten hervor, was er (unabhängig von seiner Position als SS-Richter) persönlich dabei gefühlt oder gedacht hat. Das ist bei Angehörigen der SS nicht unüblich und gewiß auch nachvollziehbar. Das einzige, was ich dazu gefunden habe, ist, als er von der Spur erzählt, die ihn nach Auschwitz geführt hat.

Es handelte sich dabei um einen vom Zoll abgefangende Briefsendung mit mehreren hundert Gramm dilettantisch eingeschmolzenes Zahngold an die Frau eines KZ-Aufsehers. Morgen hat dann (ganz Rationalist) einmal durchgerechnet, wievielen Menschen dafür ihr Zahngold entfernt werden müßte, und was für einen Berg Leichen das entsprechen würde. Ging es ihm wirklich nur um die korrupten Aufseher, oder hat ihn noch etwas anderes angetrieben?

Tut mir leid, euch hier so zuzutexten, aber ich verstehe nicht, was in einem solchen Menschen vorgeht. Es versteht sich von selbst, daß er kein Humanist gewesen ist (Humanisten waren zu dieser Zeit eher im Lager als in der SS anzutreffen), aber diese ganze Schwarz-Weiß-Malerei liegt mir nicht. Um ein bißchen besser zu verstehen, würde ich gerne wissen, was er nach diesen Ermittlungen bis Kriegsende und danach so gemacht hat.
Hat er evtl. versucht, die Ermittlungen weiterzuführen oder an jemanden anderes abgegeben?
Ist nach dem Krieg gegen ihn ermittelt worden (in Westdeutschland oder in der DDR)?
Hat er irgendwo danach nocheinmal etwas veröffentlicht? oder ein Interview gegeben?

Wer kann mir weiterhelfen?

Vielen Dank,
Christian

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Nürnberger Prozesse
Hallo,

habe dir die Aussage von Morgen bei den Nürnberger Prozessen als Mail geschickt. War zum Posten etwas zu lang.

Gruß
Armin

Hallo Armin,

hab vielen Dank dafür! Ich kannte dieses Dokument nur als ziemlich schlechten Scan auf irgendeiner Dokumente-Seite. Das ist so viel besser zu lesen!

Viele Grüße,
Christian

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Schade!!!
Hallo, Armin!

habe dir die Aussage von Morgen bei den Nürnberger Prozessen
als Mail geschickt. War zum Posten etwas zu lang.

…, daß uns diese Aussage verwehrt bleibt… :o(((

Schöne Grüße
Helena

Kein Problem, ich schätze mal es ist ok, wenn ich es hier in voller Länge poste:

VORSITZENDER: Wollen Sie bitte Ihren vollen Namen angeben.

ZEUGE DR. GEORG KONRAD MORGEN: Georg Konrad Morgen.

VORSITZENDER: Wollen Sie mir bitte diesen Eid nachsprechen: »Ich schwöre
bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit
sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde.«

[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]

VORSITZENDER: Sie können sich setzen.

RA. PELCKMANN: Herr Zeuge! Wegen der Bedeutung Ihrer Aussage frage ich Sie
zunächst etwas eingehender über Ihre Persönlichkeit. Waren Sie SS-
Richter der Reserve?

MORGEN: Jawohl.

RA. PELCKMANN: Bitte sprechen Sie langsam, und warten Sie nach jeder Frage
etwas ab.
Welche Vorbildung hatten Sie?

MORGEN: Ich habe Jurisprudenz an den Universitäten Frankfurt am Main, Rom,
Berlin, an der »Académie de Droit International« in Den Haag und an dem
»Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr« in Kiel studiert. Ich habe
das erste und das große juristische Staatsexamen bestanden und war vor dem
Kriege als Richter am Landgericht Stettin tätig.

RA. PELCKMANN: Waren Sie Spezialist in Kriminalistik und Strafrecht?

MORGEN: Nein. Ich hatte mich auf internationales Recht spezialisiert; aber
später, als ich mich mit Kriminalistik und Strafrecht während des Krieges
zu befassen hatte, habe ich dort besondere Leistungen erbracht.

RA. PELCKMANN: Wie kamen Sie zur SS?

MORGEN: Zur Allgemeinen SS wurde ich unfreiwillig übernommen. Ich gehörte
1933 dem Reichskuratorium für Jugendertüchtigung an, dessen
Studentengruppe geschlossen überführt wurde. Zur Waffen-SS wurde ich bei
Kriegsbeginn eingezogen.

RA. PELCKMANN: Welchen Dienstgrad hatten Sie dort?

MORGEN: In der Allgemeinen SS Staffelanwärter, SS-Rottenführer. In der
Waffen-SS zuletzt Sturmbannführer der Reserve.

RA. PELCKMANN: Welches Beispiel können Sie dafür anführen, daß Sie
nicht glaubten, einer Verschwörung beizutreten, wenn Sie in die SS
eintraten? Ganz kurz, bitte.

MORGEN: Ich habe 1936 ein Buch veröffentlicht »Kriegspropaganda und
Kriegsverhütung«. Dieses Buch diente dazu, in einer Zeit drohender
Kriegsgefahren Mittel und Wege zu zeigen, um Kriege und
Völkerverhetzung zu verhindern. Das Buch wurde parteiamtlich geprüft und
veröffentlicht. Ich konnte deshalb nicht annehmen, daß die SS oder die
Politik der Reichsregierung auf Krieg ausginge.

RA. PELCKMANN: Wie kamen Sie zu den Untersuchungen in Konzentrationslagern?

MORGEN: Ich war auf Befehl des Reichsführer-SS wegen meiner besonderen
kriminalistischen Fähigkeiten vom Hauptamt SS-Gericht versetzungsgleich
kommandiert zum Reichskriminalpolizeiamt Berlin. Dort erhielt ich kurz nach
meinem Eintreten die Aufgabe, einen Korruptionsfall in Weimar zu
untersuchen. Der Beschuldigte war ein Angehöriger des Konzentrationslagers
Weimar-Buchenwald. Die Untersuchungen führten bald auf die Person des
früheren Kommandanten Koch, auf zahlreiche seiner Führer und
Unterführer, darüber hinaus griffen sie um auf eine Reihe anderer
Konzentrationslager. Als diese Untersuchungen größeren Umfang annahmen,
erhielt ich Vollmacht des Reichsführer-SS, generell für derartige
Untersuchungen in Konzentrationslagern tätig zu sein.

RA. PELCKMANN: Wozu war… Warum war eine besondere Vollmacht des
Reichsführers nötig?

MORGEN: Für die Wachmannschaften der Konzentrationslager waren die SS- und
Polizeigerichte zuständig, das heißt jeweils das örtliche Gericht, in
dessen Bezirk das betreffende KZ war. Das Gericht konnte deshalb wegen der
begrenzten Zuständigkeit seines Gerichtsherrn über seinen Bezirk hinaus
nicht tätig sein. Bei diesen Untersuchungen und ihren weiten Verzweigungen
kam es aber darauf an, überörtlich tätig sein zu können. Außerdem
bedurfte es des Einsatzes von kriminalistischem Fachpersonal, also der
Kriminalpolizei. Die Kriminalpolizei konnte aber direkt bei der Truppe
keine Untersuchungen führen, und nur durch die Kombination von
richterlicher und kriminalpolizeilicher Tätigkeit war es möglich, dies
aufzuklären, und für diesen Zweck wurde mir diese Sondervollmacht des
Reichsführers gegeben.

RA. PELCKMANN: Welche Ausdehnung nahmen nun diese Untersuchungen an? Sie
können sich kurz fassen, weil dieser Punkt teilweise durch den Zeugen
Reinecke beantwortet wurde.

MORGEN: Untersucht wurden von mir Weimar-Buchenwald, Lublin, Auschwitz,
Sachsenhausen, Oranienburg, Hertogenbosch, Krakau, Plaschow, Warschau und
das Konzentrationslager Dachau. Nach mir noch andere.

RA. PELCKMANN: Wie viele Fälle haben Sie etwa untersucht? Wieviel sind
abgeurteilt worden? Wie
viele Todesurteile?

MORGEN: Ich habe etwa 800 Fälle bearbeitet, das heißt 800… etwa 800
Aktenstücke, wobei ein Aktenstück mehrere Fälle umfaßte. Während
meiner Tätigkeit gelangten etwa 200 zur, Aburteilung. Ich persönlich habe
fünf Kommandanten von Konzentrationslagern verhaftet, zwei wurden nach
gerichtlichem Verfahren erschossen.

RA. PELCKMANN: Erschießen lassen, Herr Zeuge?

MORGEN: Bitte?

RA. PELCKMANN: Wurden erschossen?

MORGEN: Ja, außer den Kommandanten ergingen noch andere zahlreiche
Todesurteile gegen Führer und Unterführer.

RA. PELCKMANN: Hatten Sie selbst die Möglichkeit, einen direkten Einblick
in die Verhältnisse der Konzentrationslager zu bekommen?

MORGEN: Jawohl, denn ich hatte die Genehmigung, Konzentrationslager selbst
zu besuchen. Diese Genehmigung hatten sonst nur ganz wenige Personen. Ich
habe vor Beginn von Untersuchungen das betreffende Konzentrationslager in
allen seinen Einzelheiten und die für mich besonders wichtigen
Einrichtungen desselben eingehendst untersucht, wiederholt
besucht, überraschend besucht. Ich war in Buchenwald selbst acht Monate
hauptsächlich tätig und habe dort gewohnt, in Dachau etwa ein, zwei
Monate.

RA. PELCKMANN: Nachdem so viele Besucher von KZ-Lagern behaupteten, daß
sie getäuscht worden sind: Halten Sie es für möglich, daß auch Sie ein
Opfer solcher Täuschungsmanöver geworden sind?

MORGEN: Ich betonte vorhin, daß ich kein Besucher eines
Konzentrationslagers war, sondern ich hatte mich ja dort zu einem
Daueraufenthalt niedergelassen, ich möchte fast sagen, direkt eingenistet.
Während einer solchen langen Zeit ist es wohl unmöglich, getäuscht zu
werden. Außerdem hatte ich die Kommissionen des
Reichskriminalpolizeiamtes, die nach meinen Weisungen arbeiteten,
unmittelbar in die Konzentrationslager selbst hineingesetzt. Ich will nicht
behaupten, daß ich trotz dieser sehr intensiven Bemühungen hätte alle
Verbrechen erfahren können, aber ich glaube, daß über das, was ich
erfahren habe, daß es da keine Täuschung gibt.

RA. PELCKMANN: Hatten Sie den Eindruck gewonnen und zu welchen Zeiten, daß
die Konzentrationslager Menschenvernichtungsstätten waren?

MORGEN: Diesen Eindruck habe ich nicht gewonnen. Ein Konzentrationslager
ist keine
Menschenvernichtungsstätte. Ich muß sagen, schon der erste Besuch in
einem Konzentrationslager – ich erwähnte, daß der erste
Weimar-Buchenwald gewesen ist – brachte für mich eine außerordentliche
Überraschung. Das Lager liegt auf waldigen Höhen mit wunderbarer
Fernsicht, die Anlagen sind sauber, frisch gestrichen, viel Rasen und
Blumen, die Häftlinge waren gesund, normal ernährt, braun gebrannt, von
irgendeinem besonderen Tempo der Arbeit…

VORSITZENDER: Von welchem Zeitpunkte sprechen Sie?

MORGEN: Ich spreche von dem Beginn meiner Untersuchungen, Juli 1943.

RA. PELCKMANN: Welche Delikte haben Sie festgestellt?

MORGEN: Verzeihen Sie, ich war noch… darf ich fortfahren?

RA. PELCKMANN: Fassen Sie sich etwas kürzer.

MORGEN: Die sonstigen Lagereinrichtungen waren tadellos in Ordnung,
besonders der Krankenbau. Die Führung des Lagers in Händen des
Kommandanten Diester war darauf angelegt, den Häftlingen ein
menschenwürdiges Dasein zu bereiten. Die Häftlinge hatten freien Post-
und Briefverkehr, sie hatten eine
große Lagerbücherei, selbst mit fremdsprachigen Werken, sie hatten
Variété, Film, sportliche Wettkämpfe und sogar ein Bordell. Ähnlich wie
Buchenwald sind ungefähr alle anderen Konzentrationslager eingerichtet
gewesen.

VORSITZENDER: Was haben sie auch gehabt? Ich habe das letzte Wort nicht
genau verstanden.

MORGEN: Ein Bordell.

RA. PELCKMANN: Welche Delikte haben Sie nun festgestellt?

MORGEN: Ich erwähnte vorhin, die Untersuchungen nahmen ihren Ausgangspunkt
von dem Verdacht von Korruptionsverbrechen. Mit der Zeit mußte ich jedoch
feststellen, daß außer diesen Verbrechen auch Tötungsdelikte vorgekommen
waren.

RA. PELCKMANN: Wie kamen Sie zu dem Verdacht, daß Tötungen vorgenommen
wurden?

MORGEN: Ich mußte feststellen, daß der Ausgangspunkt der Korruption die
Einlieferungen der Juden nach der Aktion 1938 waren. Es kam mir darauf an,
alle nur möglichen Fakten über diese Aktion zu gewinnen, und ich mußte
dabei feststellen, daß Häftlinge, von denen anzunehmen war, daß sie
etwas über diese Korruptionsverbrechen wissen konnten, in ihrer Mehrzahl
verstorben waren. Diese besondere Häufigkeit der Tötungen fiel deshalb
auf, fiel mir deshalb auf, weil andere Häftlinge, die sich in keinen
Schlüsselstellungen befanden, auch jahrelang in bester Gesundheit sich in
Buchenwald befanden und noch da waren, so daß es also auffallen mußte,
daß gerade bestimmte Häftlinge, die als Zeugen in Frage gekommen wären,
verstorben waren. Ich habe daraufhin die Akten dieser verstorbenen
Häftlinge geprüft. Aus den Akten selbst ergab sich kein Verdacht einer
unrechtmäßigen Tötung. Die Todestage lagen bis zu Jahren auseinander,
und es waren jeweils verschiedene Todesursachen angegeben. Es fiel mir aber
auf, daß die meisten dieser verstorbenen Häftlinge kurz vor ihrem Tode in
dem Krankenrevier oder in dem Arrest waren. So erhielt ich den ersten
Verdacht, daß in diesen beiden Einrichtungen des Konzentrationslagers
unter Umständen Morde an Häftlingen vorgekommen sein könnten. Ich habe
daraufhin einen Spezialbeamten eingesetzt, der nur die Aufgabe hatte, die
Verdachtgründe und Gerüchte, die sich hinsichtlich von
Häftlingstötungen um den Arrest, den sogenannten Bunker, rankten, zu
untersuchen. Dieser sehr eifrige und tüchtige Kriminalbeamte mußte mir
aber immer und immer wieder melden, daß er nicht den geringsten
Anhaltspunkt für diesen meinen Verdacht gefunden habe. Nach zwei Wochen
völlig ergebnisloser Tätigkeit verweigerte mir der Krimmalbeamte den
weiteren Dienst, fragte mich ironisch, ob ich denn selbst daran glaube,
daß solche Gerüchte, es seien Häftlinge unrechtmäßig getötet worden,
wahr sein könnten.
Nur durch einen Zufall kam ich viel später auf die erste Spur, und zwar
fiel mir auf, daß bei bestimmten Häftlingen sowohl in den Büchern des
Kommandanturarrestes wie in denen des Krankenhauses sie zur selben Zeit
geführt worden sind. Im Arrestbuch stand zum Beispiel: »Entlassungstag 9.
Mai, 12 Uhr.« In den Registern des Krankenrevieres: »Patient verstorben
9. Mai, 9.15 Uhr vormittags.« Ich sagte mir: Der Häftling kann nicht
gleichzeitig im Kommandanturarrest sein und Patient im Krankenbau. Es
müssen also hier Fälschungen vorgekommen sein, und hierauf spezialisierte
ich mich, und es gelang mir, hinter dieses System, denn es war ein System
unter dem Kommandanten Koch, zu kommen. Man hatte die Häftlinge an einem
geheimen Ort, nämlich meistens in dem… einer Zelle des
Kommandanturarrestes getötet, und es waren für die Akten Krankenberichte
und Todesbescheinigungen angefertigt worden. Diese waren derart raffiniert
gemacht, daß jeder unbefangene Leser dieser Akten den Eindruck erhalten
mußte, daß der betreffende Häftling tatsächlich behandelt worden und an
der angegebenen schweren Krankheit verstorben war.
RA. PELCKMANN: Was haben Sie nach diesen Feststellungen veranlaßt?

MORGEN: Ich ermittelte als ersten Täter den Standortarzt Buchenwald, den
SS-Hauptsturmführer Dr. med. Hoven und verhaftete ihn. Ich habe von diesen
raffinierten Fälschungen meine Untersuchungskommissionen unterrichtet und
ihr spezielles Augenmerk darauf gelenkt, nunmehr systematisch in den von
uns bearbeiteten Konzentrationslagern danach zu forschen, ob auch in
anderen Konzentrationslagern derartige Morde vorgekommen sind. Wir konnten
dabei feststellen, daß in dem damaligen Zeitpunkt der Untersuchung – ich
spreche jetzt vom zweiten Halbjahr 1943 – in den Konzentrationslagern
Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau nach menschlichem Ermessen derartige
Tötungen nicht vorkamen; dagegen bei den anderen Konzentrationslagern
wurden solche festgestellt. Die betreffenden ermittelten Beschuldigten
wurden verhaftet und angeklagt.

RA. PELCKMANN: Warum ist das nicht schon früher geschehen?

MORGEN: Ich sagte bereits, die Täuschungen waren derartig raffiniert, daß
es nicht möglich gewesen ist, sie früher zu erkennen. Vor allen Dingen
fehlte es an der Aufklärungsmöglichkeit, und dann handelte es sich immer
um Taten ohne Zeugen. Diese Fälle wären
an und für sich von den SS-Gerichten zu untersuchen gewesen. Sie sind auch
untersucht worden, denn jeder unnatürliche Todesfall eines Häftlings war
durch Fernschreiben den zentralen Dienststellen zu melden. Außerdem hatte
sich der in dem Lager befindliche, besonders vereidigte Gerichtsoffizier
sofort an den Tatort zu begeben, die Zeugen zu vernehmen, es waren
Tatortskizzen, Tatortphotos anzufertigen, und es war Vorschrift, daß über
jeden derartigen Fall eine Sektion stattzufinden hatte.
Diese Akten über unnatürliche oder vermutet unnatürliche Todesfälle
gingen regelmäßig an die SS- und Polizeigerichte. Aber wie ich bereits
sagte, waren diese Berichte derart raffiniert angelegt, die Akten waren so
einwandfrei in Ordnung, daß selbst dem Fachmann nicht der Verdacht einer
unrechtmäßigen Tötung kommen konnte. Es sind daneben selbstverständlich
laufend Verhandlungen und Urteile gegen Angehörige des
Konzentrationslagerpersonals ergangen, auch Todesurteile, aber diese
Kriminalität schien im üblichen Truppenrahmen von etwa 0,5 auf 3 vom
Hundert zu liegen.
Wäre aus den Konzentrationslagern überhaupt nichts an die SS-Gerichte
gekommen, dann hätte… wäre das selbstverständlich aufgefallen, ebenso
wenn sehr viel an uns herangetragen worden wäre. Aber es war ein normaler
Durchschnitt, und man konnte
keinerlei Verdacht schöpfen, daß in den Konzentrationslagern sich der
Herd gefährlicher Verbrechen befände. Erst durch meine Untersuchungen,
von denen ich sagte, daß sie durch einen Zufall ausgelöst worden sind,
bekamen wir einen Einblick in die wahren Zustände.

RA. PELCKMANN: Wie kamen Sie auf die Spuren der Massenvernichtungen, wenn
Sie eben noch von Einzelvernichtungen gesprochen haben?

MORGEN: Ich kam auf die Spuren von Massenvernichtungen ebenfalls durch
einen Zufall. Und zwar bekam ich gegen Ende des Jahres 1943 gleich zwei
Spuren; von denen führte die eine nach Lublin, die andere nach Auschwitz.

RA. PELCKMANN: Schildern Sie zunächst die Lubliner Spur.

MORGEN: Es kam eines Tages zu mir ein Bericht des Kommandeurs der
Sicherheitspolizei Lublin. Der Kommandeur berichtete darin: Es habe in
seinem Bezirk in einem jüdischen Arbeitslager eine Judenhochzeit
stattgefunden. An dieser Judenhochzeit hätten sich 1100 geladene Gäste…
An dieser… Es ist offenbar eine technische Störung.

RA. PELCKMANN: Sprechen Sie weiter, Herr Zeuge, schneller.

MORGEN: An dieser Judenhochzeit hätten sich 1100
Gäste beteiligt. Der weitere Verlauf wurde als ganz außerordentlich
hinsichtlich des Konsums von Schlemmereien und des Verbrauches von
Alkoholika geschildert. Unter diesen… Mitten unter diesen Juden hätten
Angehörige der Lagertruppe, also irgendwelche SS-Angehörige gesessen und
hätten an diesem Treiben teilgenommen.
Dieser Bericht kam erst auf vielen Umwegen nach Monaten zu mir, und zwar
deshalb, weil der Kommandeur der Sicherheitspolizei hier Zustände
vermutete, die den Verdacht strafbarer Handlungen aufkommen ließen. Dies
war auch mein Eindruck, und ich nahm an, durch diesen Hinweis Anhaltspunkte
für ein weiteres größeres Korruptionsverbrechen zu erhalten. In dieser
Absicht fuhr ich nach Lublin. Ich sprach bei der Sicherheitspolizei vor,
konnte aber dort nur den Hinweis erhalten, daß es sich um Vorgänge in
einem Lager der »Deutschen Ausrüstungswerke« handle. Dort war nichts
davon bekannt. Ich erhielt aber den Hinweis, daß die Möglichkeit
bestände, es handle sich hier um – man drückte sich so aus – ein
undurchsichtiges oder eigenartiges Lager in der Nähe von Lublin. Ich
machte dieses Lager ausfindig und seinen Kommandanten. Dieser Kommandant
war der Kriminalkommissar Wirth. Ich fragte Wirth, ob dieser Bericht
zuträfe oder was es damit auf sich habe.

Daraufhin gab Wirth zu meinem grenzenlosen Erstaunen diesen Vorfall zu. Ich
fragte ihn, wie er dazukomme, insbesondere Angehörige seines Kommandos
dazukämen. Daraufhin enthüllte mir Wirth, er habe im Auftrag des Führers
die Judenvernichtung durchzuführen.

RA. PELCKMANN: Bitte schildern Sie weiter, Herr Zeuge, Ihre Ermittlungen.

MORGEN: Ich fragte den Wirth, was dieser Auftrag mit der jüdischen
Hochzeit zu tun habe. Darauf schilderte mir Wirth die Methode, mit der er
die Judenvernichtung durchführte. Er sagte mir ungefähr folgendes:
Man muß die Juden mit ihren eigenen Waffen schlagen, das heißt, ich bitte
um Verzeihung, daß ich diesen Ausdruck gebrauche, man muß sie
bescheißen, das heißt, Wirth baute ein riesiges Täuschungsmanöver auf.
Er hat zunächst Juden sich gesucht, die ihm als Kolonnenführer dienlich
erschienen. Diese Leute, diese Juden, haben dann wieder andere mitgebracht,
die unter ihnen arbeiteten. Und mit diesem zunächst kleinen bis mittleren
Kommando von Juden hat er begonnen, die Vernichtungslager aufzubauen.
Diesen Stab von Juden hat er erweitert, und mit diesen Juden hat Wirth die
Vernichtung der Juden selbst durchgeführt. Wirth sprach mir davon, daß er
vier
Vernichtungslager habe und daß etwa 5000 Juden an der Judenvernichtung und
der Erfassung der jüdischen Effekten tätig seien. Um nun diese Juden für
dieses Geschäft der Tötung und Ausplünderung ihrer Glaubens- und
Rassegenossen zu gewinnen, hat Wirth ihnen jegliche Freiheiten gegeben und
sie sozusagen an der Ausbeutung der toten Opfer finanziell beteiligt. Als
Folge dieses Verhaltens war es dann auch zu dieser fürstlichen
Judenhochzeit gekommen.
Ich fragte nun Wirth weiter, wie er mit diesen seinen Juden die Juden
selbst umbringe. Wirth schilderte mir daraufhin das ganze Verfahren, das
jedesmal wie ein Film ablief. Die Vernichtungslager befanden sich im Osten
des Generalgouvernements in großen Wäldern oder unbewohnten Ödländern.
Sie waren aufgebaut wie ein Potemkinsches Dorf, das heißt, die
Ankömmlinge hatten den Eindruck von einer größeren… in eine größere
Stadt oder menschliche Siedlung zu kommen. Der Zug fuhr in einen
Scheinbahnhof hinein. Nachdem Begleitpersonal und Zugpersonal das Gelände
verlassen hatten, wurden die Waggons geöffnet und die Juden stiegen aus.
Sie sahen sich sofort von diesen jüdischen Arbeitskommandos umgeben, und
als erstes hielt der Kriminalkommissar Wirth beziehungsweise einer seiner
Vertreter eine Ansprache. Er sagte dies: »Juden, Ihr seid hierhergebracht
worden, um umgesiedelt zu werden. Ehe wir Euch aber
diesen zukünftigen Judenstaat organisieren, müßt Ihr selbstverständlich
arbeiten lernen. Ihr müßt einen neuen Beruf ergreifen. Das kriegt Ihr
hier gelernt. Zunächst fängt das hier so an, daß sich jeder, wie es
vorgeschrieben ist, auszieht, damit Eure Kleider desinfiziert und Ihr
gebadet werden könnt und keine Seuchen in das Lager geschleppt werden.«
Nachdem er also so beruhigende Worte an seine Opfer gefunden hatte, traten
diese den Weg in den Tod an. In der ersten Station – Frauen und Männer
getrennt – hatte er seinen Hut abzugeben, in der nächsten seinen Rock,
seinen Kragen, sein Hemd, bis auf die Schuhe und Strümpfe. Dafür bekam er
bei einer… bei diesen als Garderobe eingerichteten Stellen jedesmal eine
Kontrollmarke in die Hand, so daß die Leute glaubten, sie bekämen nachher
auch ihre Sachen zurück.
Dabei hatten die Juden, die anderen Juden, die Aufgabe, die Sachen in
Empfang zu nehmen und im übrigen die Ankömmlinge anzutreiben, damit sie
überhaupt nicht zur Besinnung kamen. Das Ganze ging wie an einem laufenden
Band, und so gelangten sie nach der letzten Station in einen großen Raum,
von dem gesagt wurde, es wäre das Bad. Wenn der letzte drinnen war, wurden
die Türen geschlossen, und dann hat man Gas in den Raum einströmen
lassen. Sofort nach Eintritt des Todes liefen die Exhaustoren an; wenn die
Luft wieder atembar war, öffneten sich die
Tore und die jüdischen Hilfsarbeiter schafften die Leichen heraus. Diese
wurden nach einem besonderen Verfahren, das Wirth sich ausgedacht hatte, in
der freien Luft verbrannt ohne Zuhilfenahme von Brennmaterial.

RA. PELCKMANN: Haben Sie Wirth gefragt… zunächst eine Frage: War Wirth
Angehöriger der SS?

MORGEN: Nein. Wirth war Kriminalkommissar in Stuttgart.

RA. PELCKMANN: Haben Sie Wirth gefragt, wie er auf dieses teuflische System
gekommen ist?

MORGEN: Als Wirth die Judenvernichtung übernahm, war er bereits ein
Spezialist in Massenvernichtungen von Menschen, und zwar hatte er vorher
den Auftrag ausgeführt, die unheilbaren Geisteskranken zu beseitigen. Er
hatte zu diesem Zweck im Auftrag des Führers selbst, der ihm durch die
Kanzlei des Führers übermittelt worden ist, sich Anfang des Krieges ein
Kommando zusammengestellt aus einigen Beamten, die er hatte – ich nehme
an, der Rest waren Spitzel und Agenten der Kriminalpolizei.
Wirth schilderte mir sehr lebhaft, wie er an die Ausführung herangegangen
sei, daß er dabei keinerlei Hinweise gefunden habe, keinerlei Hilfe,
sondern daß er alles aus sich selbst heraus habe finden müssen.
Man hatte ihm lediglich eine alte geräumte Anstalt in Brandenburg
überlassen. In Brandenburg hat er seine ersten Versuche unternommen, und
ist dann nach vielen Überlegungen und Einzelausführungen zu dem späteren
System gekommen. Dieses System wurde nun in großem Rahmen bei dieser
Irrenaktion angewandt. Eine Kommission von Ärzten habe vorher die Akten
geprüft und nach den Anstaltsberichten diejenigen Irren, die unheilbar
schienen, in einer besonderen Liste zusammengefaßt; dann bekam die
betreffende Anstalt eines Tages die Aufforderung, die und die Patienten in
eine andere Anstalt zu verlegen; von dieser Anstalt wurde der Patient noch
einmal, unter Umständen mehrmals, verlegt, und kam dann schließlich in
die Einrichtungen von Wirth. Dort wurde er durch Gas getötet und
eingeäschert.
Dieses System, das also die Anstalten täuschte und diese mit zum Helfer,
zum unwissenden Helfer machte, dieses System, mit dem er mit ganz wenigen
Leuten große Menschenmengen umbringen konnte, dieses System hat Wirth nun
bei der Judenvernichtung mit einigen Abwandlungen und Verbesserungen
angewandt. Zu diesen Judenvernichtungen erhielt er ebenfalls den Auftrag
von der Kanzlei des Führers.

RA. PELCKMANN: Diese Darstellung, die Ihnen Wirth gegeben hat, muß doch
das menschliche Denkvermögen überstiegen haben. Haben Sie denn Wirth
so ohne weiteres geglaubt?

MORGEN: Zunächst erschien mir die Darstellung von Wirth völlig
phantastisch; aber ich habe in Lublin selbst ein Lager von ihm gesehen. Es
war ein Lager, das die Effekten oder einen Teil der Effekten seiner Opfer
aufnahm. Schon aus diesem Umfange – es waren unerhört viele Uhren, die da
nun gestapelt waren – mußte ich erkennen, daß hier Ungeheuerliches vor
sich ging. Ich bekam auch die Wertsachen gezeigt. Ich kann sagen, ich habe
noch nie soviel Geld, insbesondere ausländisches Geld, sämtliche
Münzsorten der ganzen Welt, zusammen gesehen; außerdem eine Goldschmelze
und geradezu gewaltige Barren Gold. Ich habe auch gesehen, daß das
Hauptquartier, von dem Wirth seine Aktionen lenkte, vollkommen klein und
unauffällig war. Er hatte tatsächlich nur drei, vier Leute um sich. Ich
sprach auch mit ihnen.
Ich sah, ich beobachtete auch seinen Kurierverkehr. Die Kuriere kamen
tatsächlich von Berlin, Tiergartenstraße, Kanzlei des Führers, und
gingen dorthin. Ich habe in den Schriftverkehr von Wirth Einsicht genommen
und fand in ihm alles bestätigt. Ich habe dies natürlich nicht alles bei
diesem ersten Besuch übersehen und ermitteln können, sondern ich bin
öfters da gewesen, und ich habe Wirth verfolgt bis zu seinem Tode.
RA. PELCKMANN: Hat Wirth Ihnen noch Namen genannt von Leuten, die mit
dieser Aktion verknüpft waren?

MORGEN: Es wurden da nicht so viele Namen genannt aus dem einfachen Grunde,
weil wirklich die Zahl jener, die daran teilnahmen, sozusagen an den
Fingern abzuzählen war. Es ist mir noch einer erinnerlich – ich glaube,
der Name Blankenburg in Berlin.

RA. PELCKMANN: Blankenburg?

MORGEN: Blankenburg, Kanzlei des Führers.

VORSITZENDER: Wir werden uns jetzt vertagen; wir haben schon 50 Minuten
gebraucht.
RA. PELCKMANN: Herr Zeuge! Ich habe Ihnen zunächst zwei Bilder vorzulegen.
Das hat nichts zu tun mit Ihrer Vernehmung über die Konzentrationslager.
Es sind dieselben Bilder, Euer Lordschaft, die ich gestern dem Zeugen
Eisenberg vorgelegt habe. Sie haben jetzt von mir eine Exhibit-Nummer
bekommen, und zwar Exhibit Nummer SS-2 und Exhibit Nummer SS-3. Sie sind,
wie ich schon gestern sagte, dem in polnischer Sprache geschriebenen Buch
entnommen, das von der Anklage vor einigen Tagen überreicht worden ist,
und zwar Seite IX und XI.

[Dem Zeugen wird ein Bild übergeben.]

Welchen Dienstgrad hat dieser SS-Mann, Herr Zeuge?

MORGEN: Das kann kein SS-Mann sein. Dieser Mann trägt keine SS-Uniform.
Ich habe nie derartige Uniformen gesehen. Der Mann trägt auf dem linken

Ärmel das Abzeichen der Polizei und die Polizei- Schulterstücke.

RA. PELCKMANN: Das genügt mir, Herr Zeuge. Ich zeige Ihnen die zweite
Photographie. Beantworten Sie die Frage ebenso schnell.

[Dem Zeugen wird das zweite Lichtbild überreicht.]

MORGEN: Es ist ebenfalls keine SS-Uniform, sondern eine Phantasieuniform.

RA. PELCKMANN: Danke, Herr Zeuge. Sie hatten gestern schon begonnen mit
einer Schilderung der sogenannten Vernichtungslager und des Systems der
Vernichtungslager. Ich möchte aber noch einmal zurückkommen auf die
Zustände in den Konzentrationslagern, die von diesen sogenannten
Vernichtungslagern wohl zu unterscheiden sind. Sie hatten uns eine
Schilderung des äußerlichen Eindrucks dieser Lager gegeben, die
außerordentlich rosig anmutete. Damit kein falscher Eindruck entsteht,
wollen Sie nun bitte schildern, welches die allgemeinen negativen
Wahrnehmungen waren, die Sie machten?

MORGEN: Ich darf dazu sagen: Mir ist die Frage gestellt worden, ob ich aus
meinen Eindrücken in den Konzentrationslagern den Eindruck gewinnen
mußte,

daß es sich hier um Vernichtungslager handle. Ich habe daraufhin sagen
müssen, daß dieser Eindruck nicht entstehen konnte.
Damit wollte ich keinesfalls sagen, daß die Konzentrationslager Sanatorien
oder ein Paradies für die Häftlinge gewesen sind. Wenn sie das gewesen
wären, dann wären ja meine Untersuchungen sinnlos gewesen. Ich habe durch
diese Untersuchungen ja einen Einblick in die außerordentlich düsteren
Schattenseiten der Konzentrationslager gewonnen. Bei den
Konzentrationslagern handelte es sich um Einrichtungen, die, gelinde
gesagt, aus einem falschen Prinzip heraus Verbrechen gebären mußten. Wenn
ich sage, schon am Prinzip lag es, so meine ich damit folgendes: Der
Häftling kam in das Konzentrationslager durch eine Einweisung des
Reichssicherheitshauptamtes. Es entschied über seine Freiheit eine
politische Stelle, deren Entscheidung nicht nachprüfbar war. Damit wurde
der Häftling in einen Zustand der faktischen Rechtlosigkeit versetzt. Im
Konzentrationslager drinnen war es fast unmöglich, die Freiheit zu
gewinnen, obwohl in regelmäßigen Abständen Haftprüfungstermine
stattfanden. Denn der Verfahrensweg war derart kompliziert, daß er
praktisch, von Ausnahmefällen abgesehen, für die große Masse nicht
wirksam werden konnte. Einer Entlassung mußten zustimmen das Lager, das
Reichssicherheitshauptamt und
die einweisende Dienststelle. Nur wenn diese drei Dienststellen zusammen
übereinstimmten, konnte eine Entlassung durchgeführt werden. Dabei
spielte aber nicht nur der Grund der Inhaftnahme eine Rolle, die Führung
im Lager, sondern ungeheuerlicherweise durch eine Verfügung des
SS-Obergruppenführers Pohl die erwerbswirtschaftliche Seite, das heißt
also, wenn der Häftling, gerade weil er gut war, gebraucht wurde für den
Lagerbetrieb, dann konnte er, obwohl alle Voraussetzungen für eine
Entlassung gegeben wären, nicht entlassen werden. Die Konzentrationslager
waren von einer Geheimsphäre umgeben. Der Häftling konnte nicht frei mit
der Öffentlichkeit in Verbindung treten.

MR. DODD: Herr Vorsitzender! Wir haben natürlich nicht in erster Linie die
Verantwortung für diese Verteidigung. Ich habe eben mit Herrn Elwyn Jones
meinen Einwand besprochen und er findet, daß er in Ordnung ist. Es scheint
mir, als ob wir einen Vortrag über den Fall der Anklagevertretung hören,
und ich verstehe nicht, wie man es eine Verteidigung der SS nennen kann.

VORSITZENDER: Dr. Pelckmann! Der Gerichtshof ist der Meinung, daß der
letzte Teil der Beweisführung nicht viel mit dem Fall der SS zu tun hat.
Ich glaube, Sie sollten sich lieber weiter mit dem Fall der
SS beschäftigen.

RA. PELCKMANN: Die Anklage gegen die SS wird im wesentlichen gestützt
durch die Behauptung, daß die SS in ihrer Gesamtheit verantwortlich ist
für die Konzentrationslager.
Ich bemühe mich, das Konzentrationslagerwesen von Grund auf mit all den
Fragen, die bisher weder von der Anklage noch durch Zeugen hier geklärt
worden sind, dem Gericht darzustellen in absoluter Erforschung der
Wahrheit, und ich glaube, daß es für das Gericht notwendig ist, diese
Wahrheit zu wissen, um beurteilen zu können, ob der Vorwurf der Anklage,
die SS in ihrer Gesamtheit sei verantwortlich für die Greuel und für die
Massenvernichtungen in den Konzentrationslagern oder in den
Vernichtungslagern, berechtigt ist. Ich behaupte…

VORSITZENDER: Wollen Sie bitte so freundlich sein, mit Ihrem Fall
weiterzukommen, Dr. Pelckmann, und all diese Dinge, die uns sehr weit
hergeholt scheinen, so kurz wie möglich machen.

RA. PELCKMANN: Aus all den Zeugenaussagen, die ich zu diesem Punkt hier
vortrage, wird sich ergeben, daß das Konzentrationslagerwesen ein in sich
geschlossenes Wesen war.

VORSITZENDER: Setzen Sie Ihren Fall fort. Ich
habe Sie ersucht, mit Ihrem Fall weiterzukommen, und nicht, mit mir zu
streiten.

RA. PELCKMANN: Herr Zeuge! Welches war die weitere negative Wahrnehmung,
die Sie gemacht haben? Bitte fassen Sie sich kurz in diesem Punkt, wie es
das Gericht wünscht.

MORGEN: Der Häftling konnte nicht frei mit der Öffentlichkeit in
Verbindung treten, und deshalb wurden auch seine Wahrnehmungen der
Öffentlichkeit nicht bekannt.
Er war durch diesen Abschluß im KZ praktisch der Macht des Lagers
unterworfen. Das wirkte sich dahin aus, daß er fürchten mußte, daß
jederzeit Verbrechen gegen ihn begangen werden konnten. Aus diesen
Gegebenheiten heraus, von denen ich nicht den Eindruck gewinnen konnte,
daß sie ausgerichtet waren zu dem Zweck, ein System der Verbrechen zu
erzeugen – den Eindruck hatte ich nicht –, aber aus all diesen Umständen
mußten zwangsläufig Verbrechen entstehen, Einzelverbrechen.

RA. PELCKMANN: Herr Zeuge! Die Vorgänge und die Greuel und die
Massenvernichtungen in den Konzentrationslagern sind ja gerade das, was der
SS zur Last gelegt wird. Ich bitte Sie, zu schildern, wie diese Verbrechen
in drei Kategorien einzuordnen sind, und was sie mit der gesamten Planung
durch die SS zu tun
hatten. Ich unterscheide entsprechend Ihrer Information Greuel durch
höhere Gewalt, Greuel durch höchste Befehle und Greuel durch individuelle
Einzelakte aus kriminellen Motiven.

MORGEN: Ein großer Teil der furchtbaren Zustände in gewissen
Konzentrationslagern und zu manchen Zeiten sind nicht der beabsichtigten
Planung entsprungen, sondern ergaben sich aus Umständen, die meines
Erachtens als höhere Gewalt bezeichnet werden mußten, das heißt also
Übel, für die die örtliche Lagerleitung nicht verantwortlich ist. Ich
denke da an den Ausbruch von Seuchen. Viele Konzentrationslager wurden in
unregelmäßigen Abständen das Opfer von Flecktyphus, Bauchtyphus und
anderen Krankheiten, die besonders durch das Einströmen von Häftlingen
aus den Ostgebieten in den Konzentrationslagern passierten. Obwohl alles
Menschenmögliche getan worden ist, um diese Seuchen zu verhindern und zu
bekämpfen, war doch die dadurch verursachte Todesrate außerordentlich
hoch gelegen. Ein weiterer Übelstand, der sich als höhere Gewalt
bezeichnet, sind die Unregelmäßigkeiten bei der Einweisung der
Häftlinge, die unzulänglichen Unterkünfte. Viele Lager waren
überbelegt.
Die Häftlinge kamen durch unvorhergesehene, lange Transportzeiten,
verursacht durch Fliegerangriffe, entkräftet an. Gegen Ende des Krieges
trat dann
ein allgemeiner Zusammenbruch des Verkehrswesens ein, die Lieferungen
konnten nicht mehr im notwendigen Umfange durchgeführt werden, die
chemisch- pharmazeutischen Fabriken waren systematisch ausgebombt, es
fehlte an allen nötigen Medikamenten, und durch die Evakuierungen aus dem
Osten mußten die Lager notgedrungen in einer unerträglichen Weise
überbelegt werden.

RA. PELCKMANN: Genug zu diesem Punkt. Bitte der zweite Punkt, der höchste
Befehl.

MORGEN: Als höchste Befehle bezeichnete ich die bereits am Anfang
geschilderten Massenvernichtungen von Menschen, nicht in den
Konzentrationslagern, sondern in eigenen, von diesen getrennten
Vernichtungsstätten. Es sind weiter Exekutionsanordnungen des
Reichssicherheitshauptamtes gegen Einzelpersonen und Personengruppen.
Der dritte Punkt betrifft den weitaus größten Teil der individuellen
Einzelverbrechen, von denen ich sagte, daß sie…

VORSITZENDER: Wovon spricht der Zeuge, wenn er von Vernichtungslagern
spricht?
Wovon sprechen Sie? Was nennen Sie Vernichtungslager?

RA. PELCKMANN: Bitte, Herr Zeuge, beantworten
Sie die Frage.

MORGEN: Ich verstehe als Vernichtungslager Einrichtungen, die lediglich zum
Zwecke der Menschenvernichtung unter Anwendung technischer Mittel, wie Gas,
geschaffen worden sind.

VORSITZENDER: Welche Lager waren das?

MORGEN: Ich schilderte bereits gestern die vier Lager des
Kriminalkommissars Wirth und gab schon den ersten Hinweis auf das Lager
Auschwitz. Mit »Vernichtungslager Auschwitz«, meinte ich nicht das
Konzentrationslager. Das gab es dort nicht. Ich meinte ein besonderes
Vernichtungslager in der Nähe von Auschwitz, »Monowitz« bezeichnet.

VORSITZENDER: Wie hießen die anderen Lager?

MORGEN: Weitere Vernichtungslager sind mir nicht bekannt.

RA. PELCKMANN: Sie sprachen zuletzt von den Greueln auf Grund von
Einzelakten krimineller Art. Führen Sie das bitte aus.

MORGEN: Man muß hier den Täterkreis unterscheiden, um mit der breiten
Masse anzufangen. Die Tötung der Häftlinge erfolgte selbst untereinander.
Es kam zu Tötungen, zum Beispiel aus Rache. Ein Häftling war
ausgebrochen. Dann mußte während der
Suchaktion, weil man nicht wissen konnte, wo sich der Häftling versteckt
hielt, unter Umständen im Lager selbst, das ganze Lager auf dem
Exerzierplatz antreten. Das dauerte oft stundenlang, möglicherweise sogar
einen Tag. Die Häftlinge waren müde und hungrig, und das sehr lange
Stehen, oft unter Kälte oder Regen, erregte die Gemüter sehr stark, so
daß, wenn der Häftling eingeliefert wurde, die anderen Häftlinge ihn aus
Rache, daß er ihnen das aufgebürdet hatte, bei passender Gelegenheit
totschlugen. Es gab viele Fälle, wo Häftlinge, die den Eindruck bekamen,
daß einer von ihnen ein Spitzel sei, in Selbstverteidigung versuchten,
diesen Häftling zu töten. Es gab Fälle, in denen einzelne Häftlinge
körperlich schwach waren und nicht recht mitarbeiten konnten und dazu
durch schlechtes Benehmen den anderen Häftlingen gegenüber, durch
Brotdiebstahl oder ähnliches, die Empörung der anderen erregten, und wenn
man berücksichtigt, daß ein großer Teil der Häftlinge schwer
vorbestrafte Berufsverbrecher waren, so erscheint es verständlich, daß
diese Menschen solche Mithäftlinge töteten. Die Tötungen geschahen in
mancherlei Weise.

RA. PELCKMANN: Gut, das brauchen Sie im Moment nicht auszuführen, wir
kommen später noch darauf zurück. Aber, bitte, kennzeichnen Sie eine
andere Art der Täter.
MORGEN: Ich komme nun auf die Tötungen zu sprechen, die von
Lagerangehörigen gegen Häftlinge, von Häftlingen gegen Mithäftlinge,
durchgeführt worden sind. Um sofort präzise zu sprechen, möchte ich den
Fall des gerichtlich abgeurteilten und hingerichteten Kommandanten des
Konzentrationslagers Buchenwald; Koch, darstellen; folgender Einzelfall: In
das Konzentrationslager Buchenwald wird ein Häftling eingewiesen, der
alter Parteigenosse war. Er hat auf Grund seiner Eigenschaft als alter
Kämpfer die Stellung eines Kurdirektors bekommen. Diese Stellung hat er
mißbraucht, um polnische Hausangestellte zu zwingen, unter Androhung der
Entlassung perverse Handlungen abscheulicher Art mit ihm vorzunehmen,
obwohl er selbst schwer syphilitisch war. Dieser Mann wurde von den
ordentlichen Gerichten zu langjähriger Zuchthausstrafe verurteilt und
anschließend in das Konzentrationslager eingewiesen. Koch findet seine
Akten vor, er hält dieses Urteil für verfehlt, und glaubt sich berufen,
hier einen Justizirrtum wieder gutzumachen, er läßt diesen Häftling
töten.
Ein anderer Fall, völlig anders geartet: Koch glaubt, daß ein bestimmter,
kleiner jüdischer Häftling, der markante äußere Besonderheiten aufwies,
ihm in seinen verschiedenen Dienststellungen in die verschiedenen Lager
immer wieder folge. Aus abergläubischer Furcht vor Unglück gibt er eines
Tages
Anweisung, diesen Häftling zu töten.
Ein anderer Fall: Koch glaubt, daß seine verbrecherische Tätigkeit oder
auch bestimmte persönliche Verhältnisse einigen Häftlingen
bekanntgeworden sind. Um sich selbst zu schützen, läßt er diese töten.

RA. PELCKMANN: Wie sind nun die Möglichkeiten dieser Tötungen, und
konnten sie von den übrigen Lagerinsassen bemerkt werden?

MORGEN: Das Verfahren war im Grunde äußerst einfach. Die betreffenden
Häftlinge wurden ohne Angabe von Gründen aufgerufen und hatten sich am
Tor des Konzentrationslagers zu melden. Das war weiter nicht auffällig,
denn es wurden fast stündlich aus dem riesigen Lager Häftlinge zur
Vernehmung, zum Abtransport in andere Lager und so weiter dort abgeholt.
Diese Häftlinge kamen dann zum Beispiel, ohne daß das für die anderen
Häftlinge erkennbar gewesen wäre, in den außerhalb des Lagers gelegenen
sogenannten Kommandantur-Arrest. Dort wurden sie einige Tage, oft ein bis
zwei Wochen, in Haft gehalten und dann hat der Arrestaufseher sie getötet,
meistens in der Form, daß eine Scheinimpfung durchgeführt wurde. In
Wirklichkeit aber war ihnen eine Injektion mit Phenol in die Adern gejagt
worden.
Eine andere Möglichkeit der geheimen Tötung war die Einweisung in das
Revier bei irgendeiner
Gelegenheit. Der Arzt stellte einfach fest, der Mann muß behandelt werden,
nimmt ihn auf, sondert ihn dann nach einiger Zeit in ein Einzelzimmer ab
und tötete ihn dort. In die Akten wird in all diesen Fällen aufgenommen,
daß der betreffende Häftling an der oder jener normalen Erkrankung
gestorben sei.
Ein weiterer Fall: Der Häftling wird in ein Kommando mit erschwerten
Arbeitsbedingungen eingewiesen, meistens in das sogenannte »Steinbruch-
Kommando«. Der Kapo des Steinbruchkommandos bekommt einen Wink und
erschwert nun fortgesetzt dem Häftling das Leben, indem er ihn
ununterbrochen zur Arbeit antreibt und ihn auf alle Weise schikaniert. Der
Häftling verliert dann eines Tages die Lust. Um dieser Quälerei zu
entgehen, läuft er über die Postenkette und muß nun von dem Posten, ob
er will oder nicht, erschossen werden.
Diese verschiedenen Tötungsarten variieren von Fall zu Fall, und gerade
dadurch waren sie äußerlich unerkennbar, weil es an verschiedenen
geheimen Orten sich abspielte, mit verschiedenen Methoden und verschiedenen
Zeiten. Das setzt aber voraus, daß dieser Kommandant, der das tut, wie
hier Koch, sich auf einige ihm absolut ergebene Männer stützen kann, die
Schlüsselstellung haben, wie hier der Arzt, der verhaftet wurde, der
Arbeitsaufseher, der ebenfalls verhaftet wurde und unmittelbar danach
Selbstmord
beging, und mit Hilfe von langjährig ergebenen Häftlings-Kapos, die
mitwirkten.
Wo dieses Zusammenspiel nicht möglich ist, kann es zu solchen
Ausschreitungen und Verbrechen nicht kommen.

RA. PELCKMANN: Haben Sie auch solche Fälle gefunden und solche Lager?

MORGEN: Jawohl. Ich erwähnte ja bereits, welches Ergebnis unsere
Untersuchungen hatten, da die Mehrzahl der Lager im Kriege errichtet worden
ist, mit neuem Personal, und in den alten Lagern das Personal mit den
Schlüsselstellungen ausgewechselt worden ist, so daß neue Leute hinkamen;
so konnte sich dieses Zusammenspiel nicht mehr bilden.

RA. PELCKMANN: Wäre es also verfehlt anzunehmen, daß alle Lager und alle
Lagerkommandanten und alle Lagerärzte so gehandelt hätten, wie Sie eben
geschildert haben?

MORGEN: Nach meinen eingehenden Untersuchungen kann ich nur die Erklärung
abgeben, daß diese Annahme völlig verfehlt wäre. Ich habe wirklich
Lagerkommandanten kennengelernt, die das Menschenmögliche getan haben für
ihre Häftlinge. Ich habe Ärzte kennengelernt, deren ganzes Sinnen und
Bestreben es nur gewesen ist, den kranken Häftlingen zu
helfen und weitere Krankheiten zu verhüten.

RA. PELCKMANN: Wir wollen zurückgehen zu den Massenvernichtungen, von
denen Sie einen Fall geschildert hatten. Sie sprachen von dem
Kriminalkommissar Wirth, der nicht Mitglied der SS war, und dessen Stab
sich ebenfalls auch nicht aus SS-Leuten zusammensetzte. Warum hatte man
gerade Wirth beauftragt?

MORGEN: Ich erwähnte bereits, Wirth war Kriminalkommissar bei der
Kriminalpolizei Stuttgart, und zwar war er ein Kommissar zur Aufdeckung von
Kapitalverbrechen, insbesondere Mord. Er genoß einen ziemlichen Ruf im
Spurenaufdecken und war der breiten Öffentlichkeit vor der Machtübernahme
dadurch bekanntgeworden, daß er skrupellose Untersuchungsmethoden
anwendete, die sogar zu einer Erörterung im württembergischen Landtag
geführt hatten. Diesen Mann benutzte man nun, um durch ihn die Spuren aus
diesen Massentötungen zuzudecken. Man glaubte auf Grund seines bisherigen
beruflichen Lebenslaufes, daß dieser Mann skrupellos genug sei, um die
Sache auszuführen, und das war richtig.

RA. PELCKMANN: Sie erwähnten die jüdischen Häftlinge, die bei den
Tötungen behilflich waren. Was ist aus diesen Menschen geworden?
MORGEN: Wirth sagte mir, daß er am Ende der Aktion diese Häftlinge
erschießen lasse und damit ihnen auch den Gewinn, den er ihnen hat vorher
scheinbar zufließen lassen, wieder abnähme. Er machte das nicht auf
einmal, sondern ebenfalls durch Ausführung des bereits beschriebenen
Täuschungsmanövers, indem er unter bestimmten Vorspiegelungen die
Häftlinge absonderte und diese dann einzeln tötete.

RA. PELCKMANN: Haben Sie von Wirth auch den Namen Höß gehört?

MORGEN: Ja, Wirth bezeichnete ihn als seinen unbegabten Schüler.

RA. PELCKMANN: Warum?

MORGEN: Höß wandte im Gegensatz zu Wirth völlig andere Methoden im
Grundsatz an. Ich glaube, ich schildere sie am besten, wenn wir auf
Auschwitz selbst zu sprechen kommen sollten.

RA. PELCKMANN: Ist damals auch der Name Eichmann gefallen?

MORGEN: Ich kann mich nicht erinnern, daß damals schon der Name Eichmann
gefallen ist, aber später bin ich auch auf ihn gekommen.

RA. PELCKMANN: Wie kamen Sie auf die Spur, die nach Auschwitz führte?
MORGEN: Ich hatte einen Anhalt durch einen Hinweis, und zwar von Wirth
selbst. Nun drehte es sich für mich nur darum, einen Grund zu finden,
Untersuchungen in Auschwitz selbst anzustellen; denn ich bitte eingedenk zu
sein, daß mein Auftrag ja ein begrenzter war, ich mußte ja
Korruptionsverbrechen und die damit in Zusammenhang stehenden Delikte
ermitteln.

VORSITZENDER: Dr. Pelckmann! Hat er nicht gestern schon erklärt, wie er
dazu kam, in Auschwitz Nachforschungen anzustellen?

RA. PELCKMANN: Nein, es war etwas ganz anderes, Euer Lordschaft.

MORGEN: Ich habe gestern nur von Lublin und Wirth gesprochen. Ich sagte,
daß ich über Höß informiert wurde, und ich wollte versuchen, in das
Lager zu kommen und brauchte doch einen Grund dazu. Diesen Grund fand ich
alsbald.
Die Protektoratspolizei hatte Goldschiebungen im Protektorat festgestellt.
Die Spuren führten nach Berlin. Die Zollfahndungsstelle Berlin-Brandenburg
hatte Personen ermittelt, die im Konzentrationslager Auschwitz bedienstet
waren, und das Verfahren an das SS- und Polizeigericht in Berlin abgegeben.
Dort erfuhr ich davon und zog nunmehr das Verfahren betreffs der
Goldschiebungen – es handelte sich dabei um Goldschiebungen riesigen
Umfanges – an mich
und fuhr kurz daraufhin nach Auschwitz.

RA. PELCKMANN: Sie waren also in Auschwitz selbst?

MORGEN: Jawohl, ich fuhr nach Auschwitz und habe das dortige Lager, ehe ich
mit den Untersuchungen selbst begann…

VORSITZENDER: Wann sind Sie dorthin gefahren?

MORGEN: Den Zeitpunkt kann ich nicht mehr genau sagen, es muß um das Ende
1943, Anfang 1944, gewesen sein.

RA. PELCKMANN: Die Methode, die Menschen dort zu vernichten, war ja wohl
ähnlich, wie Sie sie gestern schon geschildert haben?

MORGEN: Ich habe die ganze Strecke eingehend besichtigt und die
Einrichtungen dort studiert. Die Häftlinge kamen auf einem Nebengelände
der Bahn in geschlossenem Transport an und wurden dort von jüdischen
Häftlingen ausgeladen. Dann fand eine Aussortierung nach Arbeitsfähigen
und Arbeitsunfähigen statt, und hier trennen sich schon die Methoden von
Höß und Wirth. Diese Aussonderung der Arbeitsunfähigen geschah auf eine
ziemlich einfache Weise. Es standen neben dem Ausladeplatz mehrere
Lastkraftwagen und der betreffende Arzt stellte den
Ankömmlingen anheim, diese Wagen zu benutzen. Er sagte aber, daß nur
Kranke, alte Personen, Frauen mit Kindern davon Gebrauch machen dürften.
Nun drängten sich diese Personen zu den ihnen bereitgestellten
Fahrgelegenheiten. Er brauchte also nur noch die Personen zurückhalten,
die er nicht zur Vernichtung schicken wollte. Diese Lastkraftwagen fuhren
dann ab. Sie fuhren nicht in das Konzentrationslager Auschwitz, sondern in
eine andere Richtung, in das einige Kilometer entfernte Vernichtungslager
Monowitz. Dieses Vernichtungslager bestand aus einer Reihe von Krematorien.
Diese Krematorien waren von außen als solche nicht erkennbar. Man konnte
sie für Groß-Badeeinrichtungen halten. Das wurde auch den Häftlingen
bekanntgegeben. Diese Krematorien waren mit einem Stacheldrahtzaun umgeben
und wurden innen bewacht durch die bereits erwähnten jüdischen
Arbeitskommandos. Die Ankömmlinge wurden unten in einen großen
Auskleideraum geführt und wurden aufgefordert, sich zu entkleiden. Nachdem
dies geschehen war…

RA. PELCKMANN: Ist das ungefähr, was Sie gestern schon geschildert haben?

MORGEN: Selbstverständlich.

RA. PELCKMANN: Wie war nun dafür gesorgt, daß diese Dinge unbedingt
geheim blieben?
MORGEN: Die Häftlinge, die abmarschierten in das Konzentrationslager,
hatten keinen Hinweis dafür, wohin die anderen Häftlinge verbracht
wurden. Das Vernichtungslager Monowitz lag weit von dem Konzentrationslager
entfernt. Es befand sich in einem weitläufigen Industriegelände und war
als solches nicht zu erkennen, und überall am Horizont standen
Schornsteine und es rauchte. Das Lager selbst war außen bewacht durch eine
Spezialtruppe von Männern aus dem Baltikum, Esten, Litauern und Ukrainern.
Die ganze technische Durchführung lag fast ausschließlich in den Händen
der dazu bestimmten Häftlinge selbst, die nur jeweils von einem
Unterführer überwacht wurden. Die eigentliche Tötung wurde durch einen
anderen Unterführer durch Auslösen von Gasen in diesem Raum ausgeführt.
So war also der Kreis der Wisser um diese Dinge ein ganz außerordentlich
begrenzter. Dieser Kreis war besonders vereidigt…

VORSITZENDER: Waren diese Unterführer in der SS?

MORGEN: Sie trugen SS-Uniform.

VORSITZENDER: Haben Sie sich nicht die Mühe gegeben ausfindig zu machen,
ob es regelrechte Angehörige der SS gewesen waren?
MORGEN: Ich sagte, daß es sich um Angehörige von Ostvölkern handelte.

VORSITZENDER: Was Sie schon gesagt haben, kümmert mich nicht. Ich fragte
Sie, ob Sie sich nicht die Mühe nahmen festzustellen, ob diese Leute der
SS angehörten?

MORGEN: Verzeihen Sie, Euer Lordschaft, ich verstehe Ihre Frage nicht. Sie
konnten nicht Mitglieder der Allgemeinen SS sein. Soweit ich feststellen
konnte, waren es Freiwillige und auch Notdienstverpflichtete, die man im
Baltikum geworben hatte, die dort Sicherungsaufgaben durchführten und dann
irgendwie besonders ausgelesen worden sind und nach Auschwitz-Monowitz
kamen. Es handelt sich hier um eine Sondertruppe, die nur diese einzelne
Aufgabe hatte und sonst weiter nichts, die vollkommen außerhalb der
Waffen-SS liefen…

VORSITZENDER: Ich habe nicht gefragt, ob sie in der Waffen-SS gewesen sind.
Haben Sie gefragt, warum man diese Leute in SS-Uniformen gesteckt hat?

MORGEN: Nein, diese Frage habe ich nicht gestellt. Es erschien mir
überhaupt unverständlich. Es muß wohl damit zusammenhängen, daß der
Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz…
VORSITZENDER: Einen Augenblick, Sie haben gesagt, wenn ich Sie richtig
verstanden habe, daß Sie es unverständlich fanden, daß diese Leute
SS-Uniformen trugen. Haben Sie das nicht gesagt?

MORGEN: Jawohl.

VORSITZENDER: Gab es dort überhaupt keine Offiziere der SS?

MORGEN: Es war ein Offizier dort, ein Kommandant dieser Kompanie, ich
glaube ein Hauptsturmführer Hartenstein oder so ähnlich.

VORSITZENDER: Warum haben Sie ihn nicht gefragt, aus welchem Grunde diese
Leute in SS-Uniformen gesteckt worden sind?

MORGEN: Die Leitung des Vernichtungslagers stand unter dem
SS-Standartenführer Höß. Höß war Kommandant des Konzentrationslagers
Auschwitz in Personalunion mit dem Vernichtungslager Monowitz. Um Auschwitz
herum lagen eine Menge von Arbeitslagern, und ich sagte bereits, daß…

VORSITZENDER: Ich habe Sie nicht gefragt, wo. Ich habe gefragt, warum Sie
diese beiden SS-Offiziere nicht gefragt haben, aus welchem Grunde sie diese
Leute in SS-Uniformen gesteckt haben.

MORGEN: Ich habe angenommen, daß dies
geschehen ist aus Tarnungsgründen, um dieses Lager, das Vernichtungslager,
nicht äußerlich unterscheiden zu lassen von den anderen Arbeitslagern und
von dem Konzentrationslager selbst. Unverständlich als Soldat war es mir
lediglich, daß man dem Ruf der SS das antut, die mit dieser Vernichtung ja
nichts zu tun hatte.

VORSITZENDER: Sie selbst waren doch ein hoher SS-Offizier, nicht wahr?

MORGEN: Ich war Sturmbannführer der Waffen-SS.

VORSITZENDER: Ich frage Sie folgendes: Warum stellten Sie unter diesen
Umständen keine Nachforschungen an und warum fragten Sie diese hohen
SS-Offiziere dort nicht: »Was hat es zu bedeuten, daß man diese Leute in
SS-Uniformen gesteckt hat?«

MORGEN: Ich habe die Frage nicht verstanden.

VORSITZENDER: Fahren Sie fort.

RA. PELCKMANN: Herr Zeuge! Ich möchte an Sie die Frage jetzt von mir aus
stellen. Warum haben Sie die höheren SS-Führer, die Sie dort getroffen
haben, nicht gefragt, warum diese einfachen Leute in SS-Uniform arbeiteten?

MORGEN: Ich sagte, daß ich die Auffassung hatte, daß dies aus
Tarnungsgründen geschah, um das Lager
durch eine etwaige andere Uniformierung nicht aus dem üblichen Rahmen
herausfallen zu lassen.

RA. PELCKMANN: Und diese Erklärung, die Sie sich selbst geben, ist ein
Grund dafür, daß Sie die Offiziere nicht mehr fragten? Ist das so?

MORGEN: Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, die Offiziere darüber
gefragt zu haben; das heißt, ich sprach ja nicht mit Offizieren, sondern
nur mit dem Kommandanten Höß und dem Kommandanten dieser Wachtruppen des
Vernichtungslagers.

RA. PELCKMANN: Haben Sie alles geschildert, was der Geheimhaltung…

VORSITZENDER: Fahren Sie fort.

RA. PELCKMANN: Haben Sie alles ausgeführt auf die Frage, wodurch die
Geheimhaltung sichergestellt war?

MORGEN: Es ist vielleicht noch etwas Wesentlich es zu erwähnen: Daß man
bestimmte jüdische Häftlinge mit Auslandsbeziehungen aussonderte und
diese Briefe schreiben ließ in das Ausland, wie gut sie es in Auschwitz
hätten, so daß also hierdurch bei der Öffentlichkeit der Eindruck
entstehen mußte: diese bekannten Leute, die wir kennen, sind ja am Leben
und sie schreiben, es geht ihnen gut.
RA. PELCKMANN: Danke. Was hätten Sie nun, Herr Zeuge, unter normalen
Umständen tun müssen, nachdem Sie all das Furchtbare erfahren haben?

MORGEN: Unter normalen Umständen hätte ich den Kriminalkommissar Wirth
und den Kommandanten Höß verhaften und wegen Mordes anklagen müssen.

RA. PELCKMANN: Haben Sie das getan?

MORGEN: Nein.

RA. PELCKMANN: Warum nicht?

MORGEN: Die Antwort ergibt sich bereits aus der Fragestellung. Es
herrschten im damaligen Kriege in Deutschland! keine normalen Verhältnisse
mehr im Sinne der rechtsstaatlichen Garantien. Außerdem ist folgendes zu
berücksichtigen: Ich war nicht Richter schlechthin, sondern ich war
Richter der Militärstrafjustiz. Keinem Militärgericht der Welt dürfte es
aber möglich sein, seinen Armeeoberbefehlshaber oder gar das
Staatsoberhaupt selbst vor seine Schranken zu ziehen.

RA. PELCKMANN: Machen Sie bitte keine rechtstheoretischen Ausführungen,
sondern sagen Sie uns, warum Sie das nicht getan haben, was Sie erkannt
haben, was Sie eigentlich hätten tun müssen.

MORGEN: Verzeihen Sie. Ich führte aus, daß es mir
nicht möglich war, als damaliger Obersturmführer, Hitler, in dem ich den
Urheber dieser Befehle erblicken mußte, zu verhaften.

RA. PELCKMANN: Ja, was haben Sie denn getan?

MORGEN: Ich habe erkannt auf Grund dieser Einblicke, daß hier etwas
geschehen mußte, nämlich ein sofortiger Stop dieser Aktion. Es mußte
Hitler veranlaßt werden, seine Befehle zurückzuziehen. Das konnte den
Umständen nach nur Himmler in seiner Eigenschaft als Innenminister und
Polizeiminister tun. Mein Bestreben, so dachte ich damals, muß es also
sein, an Himmler heranzukommen über die Ressortchefs und an Hand der
Auswirkungen dieses Systems ihm klar zu machen, daß man mit diesen
Methoden den Staat unmittelbar in den Abgrund führt. Ich habe mich daher
zunächst an meinen unmittelbaren Vorgesetzten, den Chef des
Reichskriminalpolizeiamtes, den SS-Obergruppenführer Nebe, gewandt. Ich
habe mich weiter an den Chef des Hauptamtes SS-Gericht,
SS-Obergruppenführer Breithaupt, gewandt. Ich habe auch Vorstöße bei
Kaltenbrunner und dem Chef der Gestapo, dem Gruppenführer Müller und dem
Obergruppenführer Pohl vom Wirtschafts-Verwaltungshauptamt und dem
Reichsarzt SS, SS-Gruppenführer Dr. Grawitz unternommen. Ich sah aber
außer dieser Notwendigkeit der Einwirkung einen unmittelbaren
praktischen Weg für mich auf dem Gebiet der Justiz, nämlich, aus diesem
Vernichtungssystem die Spitzen und die wichtigen Glieder einen nach dem
anderen herauszubrechen, und zwar mit den Mitteln des Systems selbst. Ich
konnte dies nicht tun wegen der von dem Staatsoberhaupt befohlenen
Tötungen, aber ich konnte es tun wegen Tötungen, die außerhalb dieses
Befehls oder gegen diesen vorgenommen wurden oder wegen anderer schwerer
Delikte; und deshalb habe ich ganz bewußt die Strafverfolgung gegen diese
Männer aufgenommen und es hätte so zu einer Erschütterung dieses
Systems, zu einem Auseinanderbrechen kommen müssen. Diese Sache hatte aber
auch noch eine Fernwirkung in naher Zeit, denn durch die großen
KL-Typenprozesse, wie gegen den Kommandanten Koch, von dem ich vorhin
berichtete, und gegen den Leiter der politischen Abteilung Auschwitz, den
Kriminalsekretär Untersturmführer Grabner, den ich wegen Mordes
außerhalb dieser Vernichtungsaktion – wegen Mordes in 2000 Fällen –
anklagte, mußte der gesamte Tötungskomplex gerichtlich zur Entscheidung
gestellt werden. Es war zu erwarten, daß auch wegen dieser Einzeldelikte
die Täter sich auf höhere Befehle berufen würden. Dies ist geschehen. Es
mußte daraufhin die SS-Gerichtsbarkeit auf Grund des von mir ermittelten
Materials an die höchste Staatsführung herantreten und ihr offiziell die
Frage
stellen: »Hast Du diese Tötungen befohlen, gilt der gesetzliche
Tatbestand des Mordes für sie nicht mehr? Welche Befehle liegen über
diese Tötungen generell vor?« Dann mußte die oberste Staatsführung
entweder von den Tätern abrücken und diese damit endgültig auch wegen
der Massenvernichtung unserem Zugriff preisgeben oder aber es mußte zu
einem offensichtlichen Bruch kommen durch eine auch äußere
Außerkraftsetzung des gesamten Gerichtswesens selbst. Wenn ich
vorausgreifen darf, auf Grund der Prozesse in Weimar gegen Koch und Grabner
ist dieses Problem akut geworden, wie von mir vorausgesehen, und nunmehr
wurden die Verhandlungen ausgesetzt und von der SS-Gerichtsbarkeit diese
Fragen, die ich vorhin anschnitt, offen, offiziell an das
Reichssicherheitshauptamt gestellt. Es wurde eigens zu dem Zweck auch noch
ein Richter dorthin gesandt, der die Aufgabe hatte, in allen Abteilungen
des Reichssicherheitshauptamtes Nachforschungen anzustellen, ob solche
Befehle vorliegen. Wie ich hörte, ist das Ergebnis negativ gewesen.
Daraufhin wurde nunmehr versucht, gegen Höß selbst zuzugreifen. Aber
inzwischen ist die Front vorgerückt. Auschwitz wurde besetzt; der Richter,
der dorthin gesandt worden ist, mußte in den Anfängen seiner
Untersuchungen, sehr erfolgreichen Untersuchungen, aufhören und dann trat
Januar 1945 eine vollkommene Desorganisation ein, die eine
weitere strafgerichtliche Verfolgung nicht mehr möglich machte. Wenn ich
zurückgreifen darf, die unmittelbaren Auswirkungen der gerichtlichen
Untersuchungen sind aber auch gewesen, daß schlagartig in sämtlichen KZs
die Tötungen von Häftlingen im Wege der sogenannten Euthanasie
aufhörten, weil kein Arzt mehr sich sicher fühlen konnte, nicht am andern
Tag verhaftet zu werden, denn das Beispiel des Standortarztes Buchenwald
ist ja allen gegenwärtig. Ich bin also überzeugt, daß durch dieses
Eingreifen und Vorgehen mit unmittelbarer Wirkung Tausenden von Häftlingen
das Leben gerettet worden ist, daß es zu einer ernsthaften Erschütterung
des Tötungssystems selbst gekommen ist. Denn es ist auffällig, daß kurz
nach meinem ersten Zutritt zu dem Kriminalkommissar Wirth ich ihn bei
meinem zweiten Besuch in Lublin nicht mehr vorfand. Ich stellte fest, daß
Wirth in der Zwischenzeit urplötzlich den Befehl erhalten hatte, seine
sämtlichen Vernichtungslager bis zum Grunde zu zerstören. Er war mit
seinem gesamten Kommando nach Istrien abgezogen worden und machte dort
nunmehr die Straßensicherung, und dabei ist er im Mai 1944 auch gefallen.
Sofort als ich das hörte, daß Wirth von Lublin weg war mit seinem
Kommando, bin ich hingeflogen, um festzustellen, ob er vielleicht nicht nur
sein Tätigkeitsfeld verlegte und das dort weiter ausführte; aber dies
traf nicht zu.
RA. PELCKMANN: Schwebten Sie, Herr Zeuge, bei all diesen Untersuchungen in
Lebensgefahr?

MORGEN: Es war klar, daß die Aufdeckung dieser ungeheuerlichen Verbrechen
den Tätern außerordentlich unangenehm war. Ich wußte, daß diesen
Menschen ein Menschenleben nichts gilt und daß sie zu allem entschlossen
waren. Ich darf folgendes als Beweis dafür angeben: Nachdem ich Grabner,
in Auschwitz Leiter der politischen Abteilung, verhaftet hatte und eine
Untersuchungskommission…

VORSITZENDER: Dr. Pelckmann! Sie vergessen doch nicht, was Sie sagten?
Nämlich, daß Sie nur 45 Minuten mit diesem Zeugen brauchen würden?

RA. PELCKMANN: Nein, Euer Lordschaft, ich habe es nicht vergessen und ich
bedaure es sehr, daß es länger dauert. Aber ich glaube, das der
Aufklärung des Gerichts schuldig zu sein.

VORSITZENDER: Es scheint von geringer Bedeutung, ob dieser Mann in
Lebensgefahr schwebte oder nicht.

RA. PELCKMANN: Ich von mir aus, vom Standpunkt der Verteidigung, Euer
Lordschaft, bin anderer Ansicht; denn es ist für die Zustände und
Möglichkeiten, sich gegen dieses System zu wehren, und für die Ziffer 1
des Beschlusses des Hohen Gerichts vom 13.
März, Ziffer 2, Zwang und Befehl, von ausschlaggebender Bedeutung.

VORSITZENDER: Fahren Sie fort, Dr. Pelckmann. Der Gerichtshof glaubt nicht,
daß es wichtig ist.

MORGEN: Ich bitte, noch einen Satz sagen zu dürfen dazu. Die
Untersuchungskommission des Reichskriminalpolizeiamtes in Auschwitz war in
einer Baracke untergebracht, und nachdem sie erfolgreich einige Zeit
gearbeitet hatte, ist von unbekannten Tätern die gesamte Baracke mit dem
Aktenmaterial nachts durch vorsätzliche Brandstiftung vernichtet worden.
Damit wurden die Untersuchungen in Auschwitz selbst für längere Zeit
ausgesetzt, beziehungsweise ihnen Schwierigkeiten bereitet. Daraus wollen
Sie bitte schließen, wie rücksichtslos gegen uns vorgegangen worden ist.
Ich selbst bekam Warnungen und Drohungen genug, aber ob ich tatsächlich in
Lebensgefahr schwebte, vermag ich nicht zu sagen.

RA. PELCKMANN: Hat nun das leitende Personal des eigentlichen
Konzentrationslagers Auschwitz Anlaß zu der Annahme gegeben, daß sie von
diesen Vernichtungen wußten? Wobei ich nochmals betone – wenn ich Sie
richtig verstanden habe – das Konzentrationslager Auschwitz mit seinen
zahlreichen Arbeitslagern hatte nichts zu tun mit, und war separiert von
dem Vernichtungslager?
MORGEN: Ich erwähnte bereits, daß Höß zugleich in Personalunion
Kommandant in Auschwitz und Monowitz gewesen ist. Also er ist als der
leitende Personalchef zu betrachten, außer dem einen Führer der Truppe
Monowitz. Nur mit diesen beiden hatte ich zu tun. Die beiden wußten es.

RA. PELCKMANN: Haben Sie den Arzt gesprochen des Konzentrationslagers
Auschwitz?

MORGEN: Jawohl, der Standortarzt zeigte mir bei seinem Eintreten die
Ziffern, die Kurven der Sterblichkeit. Mit leuchtenden Augen wies er darauf
hin, wie vom Beginn seiner Versetzung nach Auschwitz diese großen Ziffern
schlagartig heruntergegangen sind durch umfassende hygienische Vorbeugungen
und Änderungen. Dabei gab er mir aber gleichzeitig den Hinweis auf
Grabner. Grabner hat ihm zugemutet, schwangere Polinnen zu töten. Das
hatte der Arzt als unvereinbar mit seinen Berufspflichten abgelehnt. Darauf
hat Grabner ihm vorgeworfen, er verkenne die Wichtigkeit seiner, Grabners,
staatspolitischer Aufgaben. Der Arzt hatte nicht nachgegeben und es kam zu
einem Streit, der beim Kommandanten ausgetragen wurde, wobei weder Höß
noch Grawitz etwas dazu sagten. Danach stand der Arzt wirklich in dem
Moment, wo ich zufällig auf ihn zutrat, in einem furchtbaren Konflikt. Er
sagte, was soll ich tun? Ich sagte
ihm, das, was Sie getan haben, absolute Verweigerung, ist vollkommen
richtig, und morgen werde ich Grabner verhaften.

VORSITZENDER: Was hat das mit der SS zu tun, Dr. Pelckmann, außer der Arzt
war in der SS; vielleicht war dies der Fall?

RA. PELCKMANN: Ja, es ist aber wohl bekannt, daß die Ärzte SS-Ärzte
waren, und der Zeuge schildert hier, wie ein SS-Arzt in diesem
Konzentrationslager Auschwitz sich gegen das Ansinnen des Grabner
gesträubt hat, und das schildert er als einen typischen Fall.

VORSITZENDER: Dr. Pelckmann! Der Gerichtshof ist der Meinung, daß Sie
diesen Zeugen lange genug in Anspruch genommen haben. Sie gehen zu sehr in
die Einzelheiten der Dinge.

RA. PELCKMANN: Sie sagten vorhin, Sie hätten berichtet an die
verschiedenen Stellen und nannten, glaube ich, drei. Schildern Sie, bitte,
wie Nebe darauf reagiert hat. Wie hat sich Breithaupt verhalten? Was haben
Kaltenbrunner und Müller gesagt? Wie hat sich Pohl eingestellt, und wie
hat sich der Reichsarzt Grawitz eingestellt?

MORGEN: Ich berichtete als erstem meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem
SS-Gruppenführer Nebe,
als Chef des RKPA. Nebe war ein außerordentlich schweigsamer Mann, aber
man sah, wie ihm bei meinem Bericht buchstäblich die Haare zu Berge
standen. Sein Schweigen wurde steinern. Er sagte, ich müsse sofort diese
Sache Kaltenbrunner vortragen. Der Chef des Hauptamtes SS-Gericht,
Obergruppenführer Breithaupt, war ebenfalls in außerordentlicher
Erregung, und sagte, er werde sofort oder alsbald zu Himmler fahren, ihm
das vorstellen, und versuchen, daß ich zu persönlichem Vortrag bei
Himmler komme. Der Reichsarzt-SS war ebenfalls ratlos. Obergruppenführer
Pohl nahm dagegen eine andere Haltung ein. Ich hatte vorher oder zur selben
Zeit etwa den Kommandanten des Konzentrationslagers Hertogenbosch
verhaftet, der durch eine Strafmaßnahme den Tod von zehn Frauen
verschuldet hatte. Als ich Pohl das berichtete, bezeichnete er dies als
eine Bagatelle und sagte, was ist das Leben von zehn Frauen angesichts der
Tausende deutscher Frauen, die durch den Bombenterror jede Nacht sterben.

RA. PELCKMANN: Nun zu den anderen; fassen Sie sich kürzer.

MORGEN: Nachdem ich bereits dem Obergruppenführer Kaltenbrunner vorher
berichtet hatte über die eigentlichen Korruptionsdelikte – die
Tötungsdelikte, die ich bekam, das war ungefähr ein halbes Jahr
später – fand eine Aussprache statt in Anwesenheit von Nebe,
Kaltenbrunner und Müller. Diese Aussprache war außerordentlich
einseitiger Art, denn Kaltenbrunner und Nebe verhielten sich absolut
schweigend, während Müller sozusagen gegen mich raste, weißglühend vor
Zorn, und mich nicht zu Worte kommen ließ. Als ich ihn ruhig betrachtete,
sprang er plötzlich auf und stürzte aus dem Raum und ließ mich allein,
während sich die beiden anderen Herren von mir abwandten. Ich suchte
daraufhin am Nachmittag nochmals Müller auf und legte ihm dann persönlich
meine Auffassung noch einmal dar; aber Müller war absolut immer dagegen.

RA. PELCKMANN: Gut, gut, haben Sie…

VORSITZENDER: Wann fand diese Unterhaltung mit Kaltenbrunner statt?

MORGEN: Das geschah unmittelbar nach der Anklageerhebung gegen Grabner. Ich
nehme an Juli – August 1944.

RA. PELCKMANN: Haben Sie diese Dinge noch anderen Kreisen der SS
mitgeteilt?

MORGEN: Nein, mir kam es darauf an, die Leute zu unterrichten und für
meine Auffassung zu gewinnen, die wirklich etwas zu sagen hatten. Alles
andere zählte nicht. Außerdem war ich durch den Grundbefehl
Nummer 1 über Geheimhaltung staatswichtiger Sachen gebunden, konnte mich
also nur an die Hauptamtschefs persönlich wenden. Jeder Fehler, der mir
unterlaufen wäre bei Einbeziehung anderer Stellen, hätte schwerste Folgen
gegen mich gehabt, einen Vorwand meinen Feinden gegeben und damit die
Untersuchungen in die Länge gezogen.

VORSITZENDER: Dr. Pelckmann! Er hat schon gesagt, daß er keinen Bericht
erstattet hat, das genügt doch. Wir wollen nichts weiter darüber wissen.
Er hat keinen Bericht erstattet. Der Zeuge steht nicht vor Gericht.

RA. PELCKMANN: Verzeihung, ich glaube es ist ein Irrtum, wenn ich Euer
Lordschaft richtig verstanden habe; er hat doch gesagt, er hat berichtet.

VORSITZENDER: Er hat gesagt, daß er keinen anderen Bericht erstattet hat,
so wie ich ihn verstanden habe; außer dem Bericht, von dem er gesprochen
hat.

RA. PELCKMANN: Herr Zeuge! Wollen Sie dazu Stellung nehmen.

MORGEN: Das ist richtig; außer dem Hauptamtschef der SS wurde sonst
niemand unterrichtet.

RA. PELCKMANN: Haben Sie es nicht für Ihre Pflicht gehalten, die
Weltöffentlichkeit zu
benachrichtigen oder irgendwie Ihrem Gewissen Luft zu machen, zu schreien
»Mord«?

MORGEN: Dazu hätte es des Zuganges zu den technischen Mitteln bedurft,
nämlich Presse und Rundfunk, die ich nicht hatte. Wenn ich das an jeder
Straßenecke bekanntgegeben hätte, dann hätte mir das niemand geglaubt,
weil dieses System die menschliche Fassungskraft übersteigt. Man hätte
mich als Irrsinnigen eingesperrt.

RA. PELCKMANN: Das Lager Dachau ist hier als reines Vernichtungslager
geschildert worden von seiten der Anklage, teilweise auch von Zeugen.
Stimmt das?

MORGEN: Ich glaube, das KZ-Lager Dachau aus meinen Ermittlungen von Mai bis
Juli 1944 näher zu kennen. Ich muß sagen, daß ich den gegenteiligen
Eindruck hatte. Das KZ-Lager Dachau galt von jeher als ausgesprochen gutes
Lager, als Erholungslager bei den Häftlingen, und diesen Eindruck habe ich
tatsächlich gewonnen.

RA. PELCKMANN: Haben Sie die Inneneinrichtung gesehen, den Krankenbau und
so weiter?

MORGEN: Ich habe alle diese Einrichtungen genauestens besichtigt und muß
sagen, der Krankenbau war tadellos in Ordnung. Ich bin durch sämtliche
Säle
gegangen, es war nichts von einer Überbelegung zu merken und erstaunlich
war die Fülle der medizinischen Instrumente auch größerer Art, die hier
den Häftlingen dienten. Es gab besondere Fachkapazitäten aus den
Häftlingen selbst.

RA. PELCKMANN: Gut, gut, Sie wollen also schildern, es war gut.
Aber damit befinden Sie sich zum Beispiel im Widerspruch mit den Aussagen
des Dr. Blaha, die hier zum Gegenstand der Verhandlung gemacht worden sind.
Kennen Sie diese Aussagen?

MORGEN: Ich habe die Aussagen des Dr. Blaha in der Presse gelesen und hier
Gelegenheit gehabt, die Prozeßakten einzusehen. Ich muß sagen, diese
Bekundungen haben mich maßlos erstaunt. Ich bin der Auffassung, daß Blaha
aus eigener Wissenschaft derartige Behauptungen nicht aufstellen kann, denn
es ist nicht so, daß ein Häftling in einem Konzentrationslager sich frei
bewegen kann und insbesondere Zugang zu den verschiedenen Einrichtungen
hat.

VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Meinung, daß er wohl sagen kann,
daß er mit der Aussage Blahas nicht übereinstimmt, aber nicht, daß Blaha
nicht die Wahrheit ausgesagt hat. Er hat gesagt, daß er damit nicht
übereinstimmt. Wir glauben, Sie könnten mit Ihrem Fall fortfahren.
Wieviel Zeit glauben Sie
noch zu beanspruchen?

RA. PELCKMANN: Fünf Minuten, Euer Lordschaft.
Zeuge! Warum stimmen Sie – das wollten Sie ja eben ausführen, Herr Zeuge
– mit den Aussagen Blahas nicht überein?

MORGEN: Ich sagte…

VORSITZENDER: Er hat seine eigene Aussage über die Sache gemacht. Und er
hat gesagt, daß das im Widerspruch zu Blaha steht. Wir wollen keine
Einzelheiten mehr darüber hören.

RA. PELCKMANN: Herr Präsident! Wenn ich richtig verstanden habe, soll der
Zeuge doch eine glaubwürdige Aussage machen. Wenn er nicht sagt, in dem
und dem bestimmten Punkte der Aussage Blahas habe ich die und die Bedenken,
dann kann ihm die Prosekution sagen, er hat nicht dazu Stellung genommen.
Das nur ist mein Bestreben. Ich bitte, mich, Euer Lordschaft, zu belehren,
wenn ich mich geirrt habe.

VORSITZENDER: Er gab seinen Bericht über das Lager Dachau. Der Gerichtshof
hat die Aussagen Blahas vor sich und kann selbst beurteilen, ob die
Aussagen falsch sind. Das genügt uns.

RA. PELCKMANN: Ich habe nur versucht, die Gründe anzugeben, aber wenn das
Gericht nicht näher
darauf eingehen will, werde ich die Frage zurückziehen.

[Zum Zeugen gewandt:]

Wollen Sie noch einmal kurz zusammenfassen. Ich werde vielmehr auf die
letzte Frage übergehen, die gerade für Ihre Glaubwürdigkeit von
Erheblichkeit ist. Haben Sie Ihre Aussage etwa so, wie Sie sie hier gemacht
haben, schon einmal gemacht?

MORGEN: Jawohl. Beim Zusammenbruch war ich Chefrichter in Breslau. Als ich
nach längerer Zeit nach Deutschland kam, hörte ich, die CIC suchte mich
wegen meines Wissens über die Konzentrationslager. Ich meldete mich beim
CIC-Hauptquartier Mannheim-Seckenheim, 7. Armee, und erklärte mich bereit,
bei der Aufklärung dieser Verbrechen mitzuwirken. Ich habe meine Aussage
so gemacht, wie ich es heute versucht habe kundzutun. Ich ging zum CIC-
Hauptquartier, Oberursel. Nachdem ich meine Aussagen gemacht hatte, wurde
ich in einen Bunker von Dachau gesperrt zusammen mit den Angeklagten, die
ich früher selbst verhaftet habe.

RA. PELCKMANN: Ist gut. Ist Ihnen die Schrift bekannt »SS-Dachau«, eine
Schrift, die ich gestern dem Hohen Gericht überreicht habe und die ich mit
Exhibit SS-4 bezeichnen möchte. Ist Ihnen diese Schrift bekannt? Antworten
Sie ja oder nein.

MORGEN: Jawohl.

RA. PELCKMANN: Auf Seite 46 dieser Schrift ist die Aussage einer Frau E. H.
Ist diese Aussage vor Ihnen seinerzeit abgegeben worden als
Untersuchungsrichter?

MORGEN: Jawohl. Ich habe diesen Häftling, eine Frau Eleonore Hodis aus
Auschwitz eidlich vernommen.

RA. PELCKMANN: Und haben Sie diesen Artikel überprüft und festgestellt,
daß diese Aussage diejenige war, welche sie vor Ihnen abgegeben hat? Ja
oder nein?

MORGEN: Jawohl.

RA. PELCKMANN: Wann war das?

MORGEN: Im Herbst 1944.

RA. PELCKMANN: Die Aussage richtet sich gegen Höß?

MORGEN: Ja.

RA. PELCKMANN: Ist daraufhin ein Verfahren gegen Höß eingeleitet worden?

MORGEN: Ja. Die Aussagen wurden Höß in dem Original unterbreitet.

RA. PELCKMANN: Die Aussage beschäftigt sich mit den Zuständen in
Auschwitz. Ist das wahr?

MORGEN: Ja.

RA. PELCKMANN: Es ist also nicht richtig, daß sie die Lage im Lager Dachau
kennzeichnet?

MORGEN: Nein.

VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird eine Pause einschalten.
[Pause von 10 Minuten.]

DR. RUDOLF MERKEL, VERTEIDIGER FÜR DIE GESTAPO: Herr Vorsitzender! Über
die Tatsache der Nichtbeteiligung und des Nichtwissens der Gestapo an den
Massenvernichtungen, bitte ich, diesem Zeugen drei kurze Fragen stellen zu
dürfen.

VORSITZENDER: Ja.

DR. MERKEL: Herr Zeuge! Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wurden die
Verbrechen des Kriminalkommissars Wirth in Lublin auf eine Anzeige der
Sicherheitspolizei Lublin hin aufgedeckt?
MORGEN: Jawohl.

DR. MERKEL: War somit die Sicherheitspolizei Lublin an diesen Verbrechen
des Wirth in irgendeiner Form beteiligt?

MORGEN: Das war meines Erachtens nicht der Fall.

DR. MERKEL: Der Zeuge Best behauptet, daß die Lager Treblinka und Maidanek
der Sicherheitspolizei unterstanden hätten. Ist das richtig?

MORGEN: Darüber weiß ich nichts. Wirth hat das so dargestellt, daß er
vier Vernichtungslager hat. Ich glaube, daß dabei der Name Treblinka
gefallen ist.

DR. MERKEL: Nach Ihrer Überzeugung stand also auch dieses Lager unter
Wirth?

MORGEN: Das habe ich angenommen.

DR. MERKEL: Wollten Sie einen Haftbefehl des SS-Gerichts gegen Eichmann
vollstrecken?

MORGEN: Ich habe das SS-Gericht Berlin ersucht, die Untersuchungen gegen
Eichmann auf Grund meiner Hinweise durchzuführen. Das SS-Gericht Berlin
hat daraufhin dem Chef des RSHA, SS-Obergruppenführer Kaltenbrunner – in
seiner Eigenschaft als Gerichtsherr – einen Haftbefehl gegen Eichmann
vorgelegt.
Dr. Bachmann berichtete mir, daß es bei dieser Vorlage zu dramatischen
Auftritten gekommen ist.
Kaltenbrunner hat Müller sofort zugezogen, und nun wurde dem Richter
erklärt, eine Verhaftung käme unter gar keinen Umständen in Frage, denn
Eichmann führe einen geheimen Sonderauftrag des Führers von höchster
Wichtigkeit aus.

DR. MERKEL: Wann war das?

MORGEN: Das war Mitte 1944.

DR. MERKEL: Danke, ich habe keine weiteren Fragen an den Zeugen.

DR. GAWLIK: Euer Lordschaft! Ich bitte einige Fragen stellen zu dürfen.

VORSITZENDER: Ja.

DR. GAWLIK: Herr Zeuge! Sie sprechen von Befehlen des RSHA. Von welchen
Ämtern des RSHA sind die Befehle erteilt worden?

MORGEN: Meinen Sie die Befehle zu den Massenvernichtungen?

DR. GAWLIK: Jawohl.

MORGEN: Ich führte aus, daß die SS-Gerichtsbarkeit…

DR. GAWLIK: Bitte beantworten Sie die Frage kürzer.
Von welchen Ämtern sind diese Befehle erteilt worden?

MORGEN: Ich sagte, daß der Untersuchungsrichter solche Befehle, wie mir
bekanntgewesen ist, nicht habe feststellen können.

DR. GAWLIK: Sie sprachen doch von Befehlen des RSHA?

MORGEN: Ich sprach davon, daß sich die Angeklagten Koch und Grabner wegen
der von ihnen vorgenommenen Tötungen auf Befehle des RSHA bezogen, von
denen sie behaupteten, diese Befehle hätten nach Empfang vernichtet werden
müssen. Das war eine reine Behauptung, und deshalb mußte diese Behauptung
nachgeprüft werden.

DR. GAWLIK: Haben Sie festgestellt, daß die Ämter III, VI und VII
irgendwie an diesen Maßnahmen beteiligt waren?

DR. MORGEN: Ich führte bereits aus, daß das Unternehmen Wirth
unmittelbar…

DR. GAWLIK: Können Sie die Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten?

MORGEN: Ich habe das nicht feststellen können.
DR. GAWLIK: Danke, ich habe keine weiteren Fragen mehr an den Zeugen.

VORSITZENDER: Wünscht die Anklage ein Kreuzverhör vorzunehmen?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Die Anklagevertretung überlegt sich sehr
sorgfältig, diesen Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen. Wir nehmen seine
Ausführungen über Buchenwald und Dachau und über die in den
Konzentrationslagern im allgemeinen herrschenden Bedingungen nicht
entgegen. Wir glauben jedoch, daß dem Gerichtshof eine so überwältigende
Masse von Beweismaterial gezeigt wurde, einschließlich der Filme und der
Beweise über die einheitliche Schablone der in den Konzentrationslagern
verübten Grausamkeiten, über die übelriechenden Schornsteine der
Krematorien und über die Personen, die diese Taten ausgeführt haben, daß
wir jede weitere Erörterung dieser Sache, es sei denn in Form von
Erläuterungen, als unnötig ansehen; wir halten es nicht für richtig,
diesem Zeugen die Einzelheiten dieser Beweise, die dem Gerichtshof ohnedies
schon so wohlbekannt sind, vorzuhalten und damit die Zeit des Gerichtshofs
in Anspruch zu nehmen.

VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich zurückziehen. Schließt das Ihren Fall
ab?
RA. PELCKMANN: Ja.

[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]
[Digitale Bibliothek: Der Nürnberger Prozeß: Einhundertachtundneunzigster
Tag Donnerstag, 8. August 1946. Der Nürnberger Prozess, S. 26427 - S.
26495]

Immernoch auf der Suche!!!
Hallo,

ich suche immernoch und weiterhin Informationen über K. Morgen und seine Ermittlungen. Ich würde mich sehr über weitere Links und Buch-Tips freuen!

Vielen Dank,
Christian