Ernstsein erlernen

Mein Problem, ein kleines zugegebenermaßen, ist, dass ich manchmal lachen muss, wenn ich eigentlich lieber ernst bleiben würde, weil ich nicht will, dass man mich daraufhin unernst nimmt oder weil ich damit die Pietätsgefühle mancher Menschen verletze die mein Lachen teils als makaber empfinden. Ich will sozusagen cool bleiben…
Damit man mich richtig versteht: Ich werde nicht von Lachkrämpfen heimgesucht und fange mich nach einem kurzen Losprusten oder -glucksen in der Regel sofort, aber natürlich ist die Gesprächssituation danach nicht mehr die, welche sie zuvor war.
Besonders unwillkommen ist mir mein Lachen, wenn ich mit Leuten verkehre, die für sich große Gewichtigkeit beanspruchen, z.B. meinem Professor. Wir reden, und plötzlich finde ich die Situation so abstrus, dass ich loslachen muß, oft nicht an den besten Stellen wie ich finde. Ich habe auch das Gefühl, das mein Gegenüber sich wundern muss, warum ich nun gerade lache.
Eine mögliche Erklärung für mein Verhalten sehe ich darin, dass ich zu inhibiert bin, um meinen Gefühlen anders Luft zu verschaffen, und diese Hemmung löst sich in nicht immer gelegenen Momenten durch Lachen. Andererseits fällt es mir wirklich schwer, einiges ernst zu nehmen wie z.B. getragenes Verhalten, aberwitzige Unglücksfälle.
Um meine Wirkung bedacht (ich will Wissenschaftlerin werden…) erhoffe ich mir aber nun doch den ein oder anderen Rat und auch Hinweise dazu, wie derartiges Lachen bei anderen ankommt und ob ähnliche Fälle bekannt sind. Ich gebe mal ein Beispiel: heute rief ich beim Friseur an, hatte eben noch mit meiner Mitbewohnerin darüber geredet, wie schwierig es sei, beim Haareabschneiden beraten zu werden. Danach rief ich an, und äußerte der Friseurin gegenüber am Telefon meinen Wunsch, beraten zu werden und nicht etwa zentimetergenau meine Wunschhaarlänge angeben zu müssen. Im Hintergrund lachte schon meine Mitbwohnerin ob dieser Bemerkung (später meinte sie, dass die Friseurin derartiges wohl selten zu hören bekäme), und schon war es auch um mich geschehen und ich lachte kurz auf während die Friseurin daraufhin ganz ruhig blieb. Peinlich!
Peinlich finde ich vielleicht auch, dass ich in solchen Momenten immer das Gefühl habe, autistisch, über mich selbst zu lachen, und das gefällt mir bei anderen Leuten auch nicht so sehr. Vielleicht möchte ich auch, dass nur die anderen Leute lachen, und ich sie darin kontrollieren kann - wer kennt ihn nicht, den belustigenden Effekt des Ernstseins an unernster Stelle. Wenn ich das Talent hätte, würde ich möglicherweise lieber gerne Komikerin anstatt Wissenschaftlerin werden.
Gedanken zu meinem Geschriebenen sind mir willkommen, viele Grüße, Susanne

Hallo Susanne,

Mein Problem ist, dass ich manchmal lachen muss, wenn ich eigentlich
lieber ernst bleiben würde.

sei froh, dass das so ist. Andere die so steif und humorlos (cool) sind, wünschen sich genau das Gegenteil: sie wollen humorvoller sein und das Leben leichter nehmen können. Sie möchten den ersten Situationen auch mal was lustiges abgewinnen können.

D.h. sie wollen genau das was du hast! Gib’s es also nicht ab!

Ich will sozusagen cool bleiben…

Blödsinn, behalte deinen Humor, das Leben ist klaus genug.
Äh „ernst“ meinte ich natürlich :smile:

Grüße aus Essen
Wolfgang

nicht nötig
Hi ho,

bleib so wie Du bist. Wer mit Deinem Wesen nicht zurecht kommt, der hat ein Problem, nicht Du.
Ein Lachen oder ein Lächeln verändert die Atmosphäre, da hast Du recht. Allerdings zum Positiven.
Dein Problem ist also nicht, zu lernen wie Du „cool“ wirst, sondern zu lernen Dich selbst zu aktzeptieren.

Gruss,

Herb

Hai, Susanne,

jaja, da sitzt man in einer Kirche, alle sind in feierlichem Ernst gefangen, der Pastor schwingt eine Rede „…die Kinder sind wie Schmetterlinge und ihre Eltern müssen sein, wie Schmetterlingssammler…“ - und ich krümm mich prustend und kichernd zusammen…

Eine Freundin hat mir mal gesagt, „Lächeln ist die beste Art, den Menschen die Zähne zu zeigen“

Und auch ganz fürchterlich seriöse Wissenschaftler lachen: ich hab vor Jahren eine Reportage gesehen; man wollte einen Physiker mit vielen Profs und Drs vorm Namen interviewen - „Der ist im Garten…“ und als die Journaille im Garten ankam, turnte ein barfüßiges Wesen in Cordhose und fetzigem T-Shirt aus einem Baum, grinste wie ein Honigkuchenpferd, begann über Stringtheorie zu sprechen und schmiß sich alle paar Sätze schier darüber weg, was diese Strings so alles für Sachen machen…
OK - die Hälfte der Witze haben wohl nur String-Theoretiker verstanden, aber trotz seiner heiteren Ausbrüche wirkte der Mann nicht die Bohne lächerlich.

Also lächel und lache. Immer dann, wenn Dir danach ist. Es sieht besser aus, ist gut für das Immunsystem und schafft eine freundliche Atmosphäre.

Gruß
Sibylle

Hallo,

Deine Beschreibung fand ich sehr gut gelungen.

Die bisherigen Kommentare dazu kann ich auch verstehen. Denn als Zuhörer wünschen wir uns ja Menschen, die lachen und uns das Leben „leichter“ machen.

Damit finde ich ist aber Dein Problem nicht gelöst.

Ein Patentrezept zur Lösung habe ich leider auch nicht parat. Mir geht es im Grossen und Ganzen ähnlich.

In einer Gesprächssituation oder bei einem Vortrag möchte ich immer eine lockere Stimmung schaffen, weil ich mich dann wohler fühle. Ich möchte, dass andere mich mögen und mitfühlen, anstatt mitzudenken. Daher spreche ich automatisch erheiternd.

Erst im Nachhinein stelle ich dann fest, dass mein „Vortrag“ zwar sehr gut ankam, mein eigentliches Ziel jedoch verfehlt wurde.

Das eigentliche Ziel ist ja meist nicht, neue Freunde zu machen, sondern andere von einem gewissen Standpunkt zu überzeugen.

Da hilft nur Übung! Versuche bei vielen Gelegenheiten zu sprechen und dabei das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Das Ziel ist eben nicht immer andere Menschen als Freunde zu gewinnen, sondern andere Menschen zu motivieren oder zu überzeugen. Da sind zu viele Witze und Lacher wirklich fehl am Platz.

Eencockniedo

hallo susanne,

soweit ich weiss, kann man jedes gefühl mit einem anderen überdecken - also bei gehemmtheit, ängsten, wut, unsicherheit, trauer oder was auch immer lachen z.b abstellen wird man das nicht so ohne weiteres können.

jeder kennt das in gewisser weise aus der pubertät - da hat man auch über eine menge dinge gelacht in jeder lebenslage - auch wenn einem letztlich nach etwas anderem zumute war - ich weiss nicht ob man das nun vergleichen kann mit dir - also in der „schwere“ meine ich.

das lachen und fröhlich sein etwas positives ist ist ja klar - nur ob das stets dahinter steht in deinem fall ist ja die frage und wenn nicht, kannst du nur selbst herausfinden was eigentlich hinter dem steht - im nachherrein und dich evtl fragen, warum es so schwer für dich ist, dieses gefühl auch zuzulassen. - ob und in wie weit und auf welchem wege dies gelingen kann, weiss ich auch nicht auf die schnelle (oder evtl wüsste ichs auch nicht wenn ichs lange bedenke).

aber meine idee ist eben die zu hinterfragen warum man hier lachen muss über das mass hinaus das du nennst - also z.b im nachhinein überlegen was denn noch möglich gewesen wäre, was sich dahinter verbirgt und warum du es jeweils im einzelfall evtl überdeckst - das muss ja nicht immer das gleiche sein und schon gar nicht muss immer mehr „dahinter“ stecken.
vorstellbar wäre auch, dass du mal sinnierst ob du auch bei dir selbst so vorgehst - dich also evtl nicht ernst nimmst oder aber gelernt hast, das die meisten gefühle keinen platz in deinem leben haben sollen/ dürfen. - oder obs eine art selbstschutz ist.
oder oder oder… es gibt so viele mögliche hintergründe.

eine methode an sich wird es da nicht geben, ich vermute mal, die muss jeder selbst herausfinden und ist eben von den (wahren) hintergründen abhängig.
anderseits sollte man es aber auch nicht übertreiben - also nicht zum megaernsterich mutieren - das eigene mittelmass entwickeln - aber das ist sicher keine leichte aufgabe weil eben ohne das ergründen gar kein konzept zum üben möglich sein dürfte.

LG
nina