Hallo,
tofu entsorgt, siehe auch [FAQ:1327]
Wie verarztet man eigentlich Schnittverletzungen, bei denen
noch (größere) Glasstücke drinstecken? Gehen wir dann ferner
davon aus, dass die Wunde auch stark blutet.
Starke Blutung = pulsierende Blutung = Arterienverletzung (zumindest bei Extremitäten). Falls der Fremdkörper in der Wunde belassen wurde, wird er in den meisten Fällen helfen die kaputte Arterie durch seine Anwesenheit zu „verstopfen“. In der Folge treten gewöhnlich keine starken Blutungen im Sinne meiner Defintion auf, sondern nur mäßige Blutungen. Ist keine Arterie betroffen gibt es gewöhnlich keine starke Blutung an Beinen oder Armen.
Und dann? Da kann
man ja keinen Druckverband anlegen, also sollte man versuchen,
das Glasstück irgendwie zu umpolstern, das kann aber doch
nicht wirklich Erfolg bringen?
Doch, das kann oft, aber nicht immer.
Erstens weiss ich gar nicht,
womit man das machen sollte
Verbandmaterial (z.B. steriles Verbandtuch aus Verbandkasten), notfalls mit anderem, möglichst fusselfreiem Stoff (Hemd, Unterhemd das der Helfer gerade an hat).
und zweitens habe ich so die
Befürchtung, dass der anschließende Verband vielleicht die
Scherbe noch weiter in die Wunde reindrückt.
Das ist vor dem Verbluten oder der Abbindung notfalls das geringere Übel. Vorher aber andere Maßnahmen versuchen (siehe unten).
es gilt nach wie vor: Fremdkörper verbleiben in der Wunde und
es darf kein Druck auf den Fremdkörper ausgeübt werden.
Richtig!
Bei
stark blutenden Fremdkörperverletzungen an Armen oder Beinen
besteht die gefahrlose Möglichkeit, folgendermaßen zu helfen:
0. Notruf veranlassen
- Verletzten hinlegen
- Extremität hochhalten
- Schlagader oberhalb der Wunde abdrücken (wird im
Erste-Hilfe-Kurs gezeigt). Die Reihenfolge der Maßnahmen ist
unerheblich.
Falsch.
Die Nr. 1 - 3 sind auch in dieser Reihenfolge durchzuführen. 1 und 2 verringern die Durchblutungsintensität der Extremität (Arm,Bein) und können u.U. Nr. 3 überflüssig machen, wenn die starke Blutung dadurch zurückgeht. Nr. 0 sollte idealerweise von einem anderen Helfer parallel erledigt werden.
Es ist nicht erforderlich, die Wunde für die Zeit
bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes abzudecken.
Bedingt. Das hängt von den Umständen ab. Abdeckung ist auch nicht immer gleich blutungstillender Verband. Wenn ein Verband unter Umständen nicht möglich ist, dann kann eine sterile Abdeckung, falls verfügbar, doch sinnvoll sein. Beispielsweise wenn zusätzliche Verschmutzung der Wunde zu befürchten ist: Sturm mit herumfliegenden Blättern/Sand oder staubige Umgebung im Produktionsbereich.
Eine sterile Abdeckung schadet jedenfalls nicht. Dabei muß man nicht auf eine Scherbe Druck ausüben. Locker Verbandtuch drauflegen, nach Bedarf mit Klebestreifen an unverletzter Stelle ankleben, und gut.
Falls nicht damit gerechnet werden kann, dass der
Rettungsdienst in Kürze (bis 15 Minuten) eintrifft, kommt auch
eine Abbindung in Frage.
Bei ansonsten gesunden Patienten nein, jedenfalles nicht unter normalen Bedingungen in Deutschland und ähnlich rettungsdienstlich versorgten Gebieten (Kriegszustand und ähnliche Ausnahmezustände außen vor).
Eine durch Fremdkörper verursachte Blutung an Armen oder Beinen läßt sich mit den anderen, sachgerecht ausgeführten Maßnahmen ausreichend reduzieren oder sogar stoppen. Evtl. muß man zusätzlich wenige Minuten warten, bis die Gefäße kollabiert sind. Vor einer Abbindung sollte man auf jeden Fall versuchen abzudrücken! Ist man ausreichend sachkundig gelingt das praktisch immer, wenn zwischen Verletzung und Rumpf genügend Platz ist um noch ein oder zwei Finger zum Abdrücken unterzubringen. Sonst zuerst Verband versuchen. Wenn es nur ein Fremdkörper ist (eine Scherbe, Messer), gelingt das meistens. Man soll nicht von oben die Scherbe reindrücken. Wenn es nicht anders geht, ist vor einer Abbindung seitlicher, leichter Druck nach Umpolsterung zu versuchen. Ist kein ausreichender Platz zum Abdrücken, dann dürfte es auch mangels Platz kaum gelingen eine Abbindung anzubringen. Man muß sich immer vor Augen halten: Abbindung bedeutet totale Versorgungsunterbrechung und das hat häufig eine Amputation des Beins oder Armes zur Folge!
Aus diesem Grunde ist nur bei verzögert/nicht verfügbarem Rettungsdienst bei Blutern, nur wenn alle anderen Maßnahmen nicht geholfen haben, eine Abbindung bei pulsierender Blutung in Erwägung zu ziehen.
Abdrücken, wie auch andere Maßnahmen, sollte man in einem Erste-Hilfe-Kurs üben, damit es im Ernstfall auch gelingt.
Außerdem sollte man mal zur Blutspende gehen. Dann hat man mal ne konkrete Vorstellung wieviel Blut man verlieren kann, ohne gesundheitlichen Schaden zu erleiden. Im Notfall ist auch darüber hinaus Blutverlust nicht unbedingt sofort tödlich. Der Rettungsdienst führt Blutersatzstoffe (Infusion) mit, die in gewissen Grenzen Blutverluste ausgleichen können.
Die Praxiserfahrung lehrt:
- Laien überschätzen öfter die Gefährlichkeit einer Blutung/eines Blutverlustes
- der hier diskutierte Fall (unstilbare, starke Blutung durch Fremdkörper) ist viel seltener als ein Laie denkt
HTH
Gruß
Carsten
P.S. nach dem Aufsatz will ich aber auch ein Sternchen 