Hallo Johanna!
Um Deine Frage hinsichtlich der intellektuellen Fähigkeiten bei der Erziehung von Kindern genauer zu beantworten, ist es meines Erachtens interessant, wenn die erfragte Grundeigenschaft des Intelligenzalters in den Mittelpunkt gerückt wird.
Das Intelligenzalter wird als beschreibendes Merkmal der intellektuellen Fähigkeiten von Kindern unterschiedlicher Altersstufen in der gängigen entwicklungspsychologischen Fachliteratur erwähnt. Dabei geht die grundlegende Theorie von einer Art „Stufenleiter“ der Intelligenz aus, auf der das Kind mit zunehmendem Alter immer höher hinaufsteigt – die bereits erklommene Stufe mache dann die Höhe des „Intelligenzalters“ aus. Individuell kann dabei ein Individuum hinsichtlich seines Lebensalters und seines Intelligenzalters eine Differenz aufweisen. Als Norm des Intelligenzalters definierte A. Binet (1957-1911) das Lebensalter eines Kindes, das gerade diejenigen Testaufgaben lösen kann, die genau 75% seiner Lebens-Altersgenossen bewältigen. So entwickelte Binet Schulreifungstests als erste Messinstrumente von intellektuellen Befähigungen. Wie hier bereits angedeutet, versuchte Binet über die Messung von den Lösefähigkeiten bestimmter Testaufgaben, Intelligenz zu definieren – tatsächlich ist es bis heute nicht gelungen, andere Intelligenztestmöglichkeiten zu entwickeln, als über ebensolche Testaufgaben. Diese werden schließlich über die Statistik, wieviele Personen wieviele der Aufgaben wie gut schaffen, verglichen und so eine Aussage zu „Intelligenz“ als vergleichendem Meßwert gemacht. Dabei ist es jeweils von dem untersuchenden Forscher und seinen theoretischen Annahmen über das Konstrukt „Intelligenz“ abhängig, ob nun z. B. typische Schulaufgaben (z. B. Mathe) für die Intelligenzmessung verwendet werden oder z. B. eher andere Fähigkeiten, wie die richtige Interpretation von Situationen.
Wie bereits deutlich wurde, hängt die Messung von, und die Aussage über die Intelligenz von dem Vergleich mit den Leistungen anderer Menschen ab und auch von der Auffassung über Intelligenz durch den Forscher. Wie auch immer das Ergebnis einer Testung dann aussieht: sie gilt nur für den Intelligenzbegriff des Forschers (der z. B. meinte, Intelligenz beschränke sich vornehmlich auf die Fähigkeit zum Lösen arithmetischer Aufgaben) und ist dann auch noch vergleichend in dem Sinne, daß gesagt wird, wieviel Prozent der bislang mit dem Intelligenztest untersuchten Menschen unter- und oberhalb des erzielten Testergebnisses liegen, besser oder schlechter abgeschnitten haben.
Allgemein ist umstritten, ob die Erreichung eines bestimmten Intelligenzniveaus nach der Erreichung eines bestimmten Reifezustandes des Gehirns dieses Niveau über das gesamte restliche Leben hin bestimmt, oder die Intelligenzleistung (ohne Krankheits- oder Unfalleinflüsse) abnimmt bzw. zunimmt kann. Ebenso ist unklar, ob dieses Niveau durch interne, genetische Faktoren bestimmt wird (egal, was passiert, der Intelligenzquotient X wird irgendwann nach der körperlichen Ausreifung erreicht) oder durch externe (eine Lern-Umgebung mit vielen Anregungen zum Ausprobieren und vielen Wahrnehmungseindrücken ist für die Erreichung eines höheren Intelligenzniveaus wesentlich). Vermutlich wirken hierbei beide Faktoren zusammen.
Das Konstrukt der Intelligenz ist nicht allgemeingültig definiert, dennoch scheint ein Konsens darüber zu herrschen, daß sie sich durch die Fähigkeit zum Erkennen und Lösen von wie auch immer gearteten Problemen (in einer bestimmten Zeitspanne) am besten auzudrücken scheint. Ob sich nun die Fähigkeit, ein Kind aufzuziehen, hierin wiederspiegelt, ist fraglich: Wie bereits O. Walter meinte, können wohl allerdings geringe intellektuelle Fähigkeiten einen Risikofaktor für das Kind darstellen. Dies gilt in dem Sinne, daß die Mutter die jeweiligen Aufgaben (z. B. angemessene Reaktion auf das schreiende Kind) nicht erkennen oder/und lösen kann. Es stellt sich allerdings hierbei die Frage, ob spätere Fehlentwicklungen sich aus diesem Grunde ausprägen, oder aus anderen. Eine Beantwortung dieser Frage kann jedoch als unmöglich gelten.
Sicherlich ist zusätzlich zur Beantwortung Deiner Fragestellung die genaue Definition einer „guten Mutter“ oder die Definition der Erziehungsziele wichtig. Wenn sich diese auf dem Niveau der Kindesbetreuung (soziale Aufmerksamkeit, Befriedigung der Grundbedürfnisse: Nahrung, Wärme, Schlaf etc.) finden, scheint eine intellektuelle Befähigung wohl nicht so maßgeblich zu sein. Hinsichtlich der Ausbildung entsprechender Kenntnisse können sicherlich die einzelnen lerntheoretischen Überlegungen herangezogen werden – so kann z. B. das Wickeln des Kindes durch „Lernen am Modell“ von einer anderen Mutter erlernt werden etc. Dabei ist weniger die Intelligenz als eher Lernfähigkeit, d. h. z. B. die Befähigung zur Aufmerksamkeitsfokussierung, Konzentration, Merkfähigkeit etc. gefragt. Intelligenz könnte hier im Sinne einer raschen Auffassung der wesentlichen Elemente der Aufgabe „Wickeln“ eine Rolle spielen.
Um Deine Frage hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Erziehungsfähigkeiten zu beantworten, sind somit sicherlich drei wesentliche Aspekte zu beurteilen: Die Definition von Intelligenz, die Definition der Höhe dieser Intelligenz, die Definition der Erziehungsziele. Da es sich bei der Versorgung des Kindes um einen Aufgabenkomplex handelt, der sicherlich intellektuellen Befähigungen wie z. B. das Hineinversetzen in das Kind und das Erkennen des kindlichen Bedürfnisses bedarf, ist wohl eine wenigsten dazu ausreichende Intelligenz notwendig. Aufgrund der großen Häufigkeit, mit der Kinder in der Bevölkerung aufgezogen werden (also ebenso von Menschen mit nur geringem Intelligenznivaeu, mit mittlerem und hohem), scheint die intellektuelle Anforderung jedoch eher gering zu sein und andere Fähigkeiten wie z. B. die emotionale Bindung zw. Kind und Erwachsenen im Vordergrund zu stehen (dies werde ich hier jedoch aufgrund des begrenzten Platzes (und weil wohl eher off-topic) nicht darstellen).
Ich hoffe, ich konnte Deine Frage zufriedenstellend beantworten.
Grüße,
Der Captain