Frage an die Praktiker,
die ich zunächst grüße *lächel:
Ist es denn Usus, d.h. als seriös einzustufen, wenn ein Psychotherapeut bei einem Erstgespräch den Klienten bittet, zwei Therapieziele zu benennen? Wird diesem Klienten damit nicht schier unmögliches abverlangt, vor allem dann, wenn er (noch) nicht in der Lage ist, überhaupt sein Problem zu erfassen und damit zu formulieren?
Dank für Eure Rückmeldungen,
Anja
Erkenntnis für Veränderung(swünsche)
Hallo,
doch, das ist ganz normal. Meist ist es ja doch so, dass man eine Therapie beginnt, wenn irgendein Leidensdruck überhand nimmt. Um aus diesem herauszukommen, beginnt man ja die Therapie. Und, mal lapidar gesagt, wenn man weiß, dass es einem schlecht geht, dann hat man doch zumindst vage Vorstellungen davon, wie man es gerne in seinem Leben hätte, damit es einem (wieder) gut geht.
Ich glaube, dass meint der Therapeut damit. Wahrscheinlich ist diese Frage von ihnen deshalb schon Standard, weil es auch viele gibt, die nur eine Therapie machen, um zu reden, sich auszusprechen, einsam sind, einen Gesprächspartner brauchen. Das ist aber ja nicht Sinn der Sache der Einrichtung „Therapie“.
Ich glaube nicht, dass es so unmöglich ist, als Patient, sich vorzustellen, wie es einem wieder besser gehen kann (-> Therapieziel).
Vielleicht kommst du am besten zu der Erkenntnis, wenn du dir vorstellst, ausmalst, wie dein Leben aussehen könnte, sollte, wenn es dir wieder besser geht, was dann anders ist, wie du dich dann anders fühlst, was verändert sein soll.
Für den WEG dorthin ist dann der Therapeut zuständig - denn das ist fürwahr unmöglich für jemanden der in eine Therapie geht - deshalb beginnt er ja eine, sonst könnte er sich ja selbst helfen.
Gruß,
Holger
Frage an die Praktiker,
die ich zunächst grüße *lächel:
Ist es denn Usus, d.h. als seriös einzustufen, wenn ein
Psychotherapeut bei einem Erstgespräch den Klienten bittet,
zwei Therapieziele zu benennen? Wird diesem Klienten damit
nicht schier unmögliches abverlangt, vor allem dann, wenn er
(noch) nicht in der Lage ist, überhaupt sein Problem zu
erfassen und damit zu formulieren?
Eigentlich nicht. Er hat ein Problem, das will er erkennen (1 Ziel) damit er es los wird (2.Ziel).
Deshalb ist er doch zum Psychotherapeuten gegangen. Oder?
Liebe Grüße von
Helga
Hallo
die antwort von holger ist schon gut aber ich hab noch ne andere.
nimmdir nix vor für das gespräch .lass das einfach auf dich zukommen und verlass dich auf dich selber ,dass heisst,du wirst schon die richtigen dinge…themen benennen.
der die therapeut/in wird dich schon richtig …wie du bist wahrnehmen.musst nicht alle deine themen sortiert auf dem zettel haben.
alles gute
kosmokatze
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]
Ist es denn Usus, d.h. als seriös einzustufen, wenn ein
Psychotherapeut bei einem Erstgespräch den Klienten bittet,
zwei Therapieziele zu benennen?
Hallo Anja
Ich frage auch oft beim Erstgespräch den Klienten/Patienten, was er/sie sich denn so vorstellt unter einer Therapie, was er/sie erreichen möchte, ob oder was für ein Ziel/Ziele, was für Phantasien über Therapie usw usf.
Direkt nach ZWEI Zielen habe ich allerdings meines Wissens noch nicht gefragt. (Öh-wieso gerade 2 ??)
Aber ich frage manchmal nach 3 Wünschen (Wenn eine Fee käme und Sie hätten drei Wünsche frei…)
Gruss, Branden
Hi Anja
Ist es denn Usus, d.h. als seriös einzustufen
bei Therapien, die sich wesentlich im Medium des Gesprächs abspielen (bei anderen ist es eh logisch), ist es teils nicht nur Usus, sondern auch im Verfahren begründet (und damit seriös), mit dem Klienten ein Therapieziel zu formulieren. Dazu sind die „probatorischen“ Sitzungen unter anderem da. In einer allerersten Stunde wäre es allerdings merkwürdig, soetwas im Ernst anzustreben. Es kommt hier also darauf an, ob der Therapeut „gut“ = erfahren ist, oder nicht.
Wenn er es also ernst meinte - naja - sag ich mal nichts dazu.
Wenn er aber erfahren ist, könnte es ja sein, daß er hier nur herausfinden wollte, wie der Klient darauf reagiert, wenn er mit einer herausfordernden Frage konfrontiert wird
. Denkbar wäre auch, daß er vielleicht sehr schnell erkannt hat (und dann wäre er sehr gut), daß der Klient gerade hier eine charakteristische Konfliktstruktur in sich hat: wenn der Umgang mit anderen problematisch wird, wenn diese sich anders verhalten, als er es sich wünscht …
Jedenfalls gilt in (dialogischen) therapeutischen Settings allgemein (wie ja auch im RL), daß der Umgang mit der Tatsache, daß eine Frage gestellt wurde, wesentlicher sein kann, als eine Antwort auf die Frage.
Abgesehen davon habe ich auch in meiner Praxis noch nie erlebt, daß eine erste Formulierung eines Problemlösungswunsches seitens des Klienten (d.h. seine Vermutung, warum er überhaupt gekommen ist), im Verlauf der folgenden Gespräche konstant geblieben ist. Entsprechend wird auch in therapeutischen Gesprächen in der Regel eine Zielformulierung unmöglich in der ersten Stunde, sehr wohl aber bald in den folgenden vereinbart.
Gruß
Metapher
Hallo,
Eigentlich nicht. Er hat ein Problem, das will er erkennen (1
Ziel) damit er es los wird (2.Ziel).
Aber irgendwie muss er doch erkannt haben, dass er ein Problem hat. In der Regel macht sich das im Alltag, z.B. durch Unruhe in bestimmten Situationen, bemerkbar. Dann kann sich der Patient doch beispielsweise das Ziel setzen, in diesen Situationen nicht mehr unruhig zu sein, ohne zu wissen, woher die Unruhe kommt und wie er zu seinem Ziel gelangt - das ist dann der Job des Therapeuten.
Viele Grüße
Jens
Hi Metapher,
bei Therapien, die sich wesentlich im Medium des Gesprächs
abspielen (bei anderen ist es eh logisch), ist es teils nicht
nur Usus, sondern auch im Verfahren begründet (und damit
seriös), mit dem Klienten ein Therapieziel zu formulieren.
Das habe ich ja auch gar nicht bestritten…
Dazu sind die „probatorischen“ Sitzungen unter anderem da. In
einer allerersten Stunde wäre es allerdings merkwürdig,
soetwas im Ernst anzustreben.
Und genau das ist es ja, worauf meine Frage zielt.
Also bei meinen ersten Therapeutenkontakte litt ich unter schwersten Depressionen und hatte zumeist einen Suizidversuch überlebt, gleichzeitig war ich voller Angst. Ich wusste nicht, was mit mir ist und was absonderliches um mich herum geschah. Mit völliger Verständnislosigkeit hätte ich reagiert, wenn mir in diesem Zustand ein Therapeut die Frage nach meinem Therapieziel gestellt hätte. Selbst wenn er aufmunternd gefragt hätte: aber Sie wollen doch wieder gesund werden, oder? dann hätte ich gar nicht gewusst, was er meint…
Es kommt hier also darauf an, ob der Therapeut „gut“ = erfahren ist, oder nicht.
Wenn er gut ist, formuliert er _für sich selbst> mögliche (!) Therapieziele, die er aber (noch) nicht äußert.
Wenn er es also ernst meinte - naja - sag ich mal nichts dazu.
Genau so geht es mir…
Wenn er aber erfahren ist, könnte es ja sein, daß er hier nur
herausfinden wollte, wie der Klient darauf reagiert, wenn er
mit einer herausfordernden Frage konfrontiert wird.
Oh ich halte gerade bei depressiven Patienten eine unerwartete Konfrontation, die ihn für einen Moment aus der Lethargie reißt, für ein wirkungsvolles Mittel
(Als ich meinem Psychiater, der mir die Pillen verschreibt, neulich über die Wirkung eines neu eingesetzten Medikaments in etwas so berichtete: Naja, ich sitze noch immer völlig gelähmt auf der Couch, habe aber dabei jetzt so ein debiles Grinsen im Gesicht. Da sagte er: Na dann gucken sie jetzt wenigstens freundlicher…)
Denkbar wäre auch, daß er vielleicht sehr schnell erkannt hat
(und dann wäre er sehr gut), daß der Klient gerade hier
eine charakteristische Konfliktstruktur in sich hat: wenn der
Umgang mit anderen problematisch wird, wenn diese sich anders
verhalten, als er es sich wünscht …
Das ist nahezu der Idealfall…
Abgesehen davon habe ich auch in meiner Praxis noch nie
erlebt, daß eine erste Formulierung eines
Problemlösungswunsches seitens des Klienten (d.h. seine
Vermutung, warum er überhaupt gekommen ist), im Verlauf der
folgenden Gespräche konstant geblieben ist. Entsprechend wird
auch in therapeutischen Gesprächen in der Regel eine
Zielformulierung unmöglich in der ersten Stunde, sehr wohl
aber bald in den folgenden vereinbart.
Genau das ist ja meine Erfahrung! Wie soll ich ein Ziel formulieren, wenn ich noch überhaupt nicht weiß, wo meine Konflikte, meine Störungen etc. liegen. Manchmal liegt schon die Vorstellung von „gut gehen“, d.h. von geistig-seelischer Gesundheit in akuten Situationen weit außerhalb der eigenen Vorstellungskraft. Also muss hier erstmal ein Erzählen, ein Phantasieren und ein Sortieren stattfinden um ein entsprechendes Ziel in etwa lokalisieren zu können. Und das passiert nicht in den ersten 50 Minuten - dann müsste der Therapeut schon ein kleiner Gott sein *lächel.
Lieben Gruß Dir,
Anja_
zur Sprache bringen
Hi Anja
Mit völliger Verständnislosigkeit hätte ich reagiert, wenn mir
in diesem Zustand ein Therapeut die Frage nach meinem
Therapieziel gestellt hätte. Selbst wenn er aufmunternd
gefragt hätte: aber Sie wollen doch wieder gesund werden,
oder? dann hätte ich gar nicht gewusst, was er meint…
hier kommt es natürlich sehr wesentlich darauf an, WIE eine Frage genau im Wortlaut aussieht. „Nennen Sie mir ein Therapieziel“ wäre sicher der Höhepunkt von Nonsense. Obwohl: Auch das ist mir nicht nur einmal berichtet worden *fg*. Es gibt selbst unter Therapeuten hin und wieder Individuen, die nicht im geringsten persönlichen Kontakt mit einem Klienten aufzunehmen imstande sind (und sich daher darauf beschränken, auswendiggelernte rhetorische Prozeduren und diagnostische Kriterien abzunudeln). Und dies wäre eigentlich - im Unterschied zu medizinischen Interventionen, bei denen es zwar günstig, aber nicht unbedingt notwendig ist - das Mindeste, was man erwarten dürfte.
Die Thematik, wie weit der Gesprächspartner in seiner gegenwärtigen Problematik mit Erwartungen, Wünschen an die Zukunft seiner Selbstbefindlichkeit denken mag und kann, ist aber für die ersten Gespräche enorm wichtig. Es gibt aber 777 Formen, WIE der Therapeut diese Thematik zur Sprache bringt …
Wenn er gut ist, formuliert er für sich selbst
mögliche (!) Therapieziele, die er aber (noch) nicht äußert.
Genau das wird er nicht tun, wenn er „gut“ ist. Aber das ist sicher sehr davon abhängig, in welcher Schulrichtung er tätig ist.
Wenn er es also ernst meinte - naja - sag ich mal nichts dazu.
Genau so geht es mir…
klar - siehe oben …
Entsprechend wird auch in therapeutischen Gesprächen in der Regel ::eine Zielformulierung unmöglich in der ersten Stunde, sehr wohl
aber bald in den folgenden vereinbart.Genau das ist ja meine Erfahrung! Wie soll ich ein Ziel
formulieren, wenn ich noch überhaupt nicht weiß, wo meine
Konflikte, meine Störungen etc. liegen.
Eben. Zunächst kommt der Klient mit irgendetwas in seiner Befindlichkeit oder in seiner Interaktion zwischen sich und seinem Lebensraum nicht klar. Das aber zur Sprache zu bringen, worin es genau besteht, ist ungeheuer schwierig, zumal er ja nicht gerade bereits geübt darin sein wird, solche Dinge in Sprache zu übersetzen.
Es gibt eine (nicht zu den bekannten, gängigen therapeutischen Verfahren zählende) Methode, bei der es gerade darum geht, diese Selbstbeschreibung nach und nach sprachlich „auf den Punkt“ zu bringen. Das gelingt natürlich niemals im Sinne eines perfekten „Resultates“, aber der Weg dahin verhilft zu einer „Bewußtseinserweiterung“ über die Möglichkeiten eines verbesserten Selbstmanagements …
Manchmal liegt schon
die Vorstellung von „gut gehen“, d.h. von geistig-seelischer
Gesundheit in akuten Situationen weit außerhalb der eigenen
Vorstellungskraft.
Ja, und zur (Wieder-)Gewinnung dieser Vorstellungskraft (zumindest), können und sollen die therapeutischen Gespräche unter anderem nach und nach führen …
Also muss hier erstmal ein Erzählen, ein
Phantasieren und ein Sortieren stattfinden um ein
entsprechendes Ziel in etwa lokalisieren zu können. Und das
passiert nicht in den ersten 50 Minuten - dann müsste der
Therapeut schon ein kleiner Gott sein *lächel.
Je nach Verfahren und dialogischen Szenario kann das sogar sehr schnell gehen - aber diese 50min-Gewohnheit (oft sogar mit gestelltem Wecker) in manchen etablierten Therapien stößt immer wieder auf mein absolutes Unverständnis.
Grüße
Metapher