Hi,
ich persönlich halte Erwartungen für sehr menschliche, jedoch
ziemlich „gefährliche“ Haltungen. Ähnlich wie Ängste kann man sie
nicht einfach abstellen, aber zu viele davon sind in meinen Augen
schlichtweg enorm schädlich.
Erwartungen an andere sind sowohl für mich selbst blöd als auch für
meine Mitmenschen. Für mich selbst, weil - wie du schon sagtest - sie
quasi notgedrungen Enttäuschungen nach sich ziehen. Für andere, weil
sie das Zusammenleben unnötig erschweren und verkomplizieren, ja
sogar Komplexe beim anderen hervorrufen können (bei Erwartungen an
die Kinder u.ä.).
Meine Art, mit eigenen Erwartungen umzugehen ist die: ich bin mir
bewusst, dass ich Erwartungen habe, denn das gehört zum Menschsein
dazu. Ein Minimum an Erwartungen richtet ja auch keinen Schaden an.
Allerdings bin ich mir genauso bewusst, dass Erwartungen nicht immer
erfüllt werden, dass andere Menschen andere Erwartungen haben und
meine Erwartungen nicht riechen können - und sich deshalb nicht so
verhalten, wie ich es von ihnen erwarte. Dafür erwarten sie wiederum
anderes, was ich evtl. nicht erfüllen kann oder möchte.
Ich versuche also, wenn ich enttäuscht zu werden scheine, offen zu
sein für das andere, das sich anstatt dem, was ich erwartet habe,
ereignet. Und ich weiß, dass das Leben mehr für uns bereithält, als
wir uns vorstellen, dass es mehr Blickrichtungen gibt als die eine,
in die wir verzweifelt starren. Und ich mache mir bewusst, dass es
furchtbar wäre, wenn alles so vonstatten gehen würde, wie wir es
erwarten - das hieße ja, sein Leben schon im Voraus zu kennen, und
dann bräuchte man schließlich gar nicht erst leben.
Ein wenig Vertrauen darin, dass das Leben es gut mit uns meint - und
die Enttäuschung kann einer Vorfreude auf Neues, Ungewohntes Platz
machen.
Viele Menschen versuchen, statt zu erwarten, eher zu hoffen, wobei
ich finde, dass dazwischen nur ein sehr, sehr schmaler Grat ist. Die
Erwartungen akzeptieren, aber auch Veränderungen akzeptieren, halte
ich für richtig.
Ich glaube übrigens nicht wirklich, dass man „gar nichts mehr
erwarten“ kann, das sagt man nur so daher und verbittert dadurch erst
recht.
David Lynch: „Es sind ja nicht die Gewissheiten, die uns glücklich
machen.“
Judy