Es sagte

…meine Mutter heute zu mir, als ich ihr erzählte, dass ich einen Hass auf meinen Onkel habe, weil der mich in meiner Kindheit und Jugend (ab 11. Lebensjahr) an die Brust gefasst hat:
„Ach, Dich haben andere Männer auch an die Brust gefasst, stell Dich nicht so an.“

Wie haben Eure Eltern auf solche Berichte reagiert?
Wie geht es Euch damit?

Erschüttert
AMIRA

Liebe Amira!

Ehrlich gesagt glaube ich, daß fast jede Frau sowas erzählen kann von sich-- nur kaum eine tut das!!
Es ist zwar eigentlich ein Undingen- aber leider auch ganz traurige Realtität!

Auch ich habe sowas erfahren- von einem Onkel- aber das niemals meinen Eltern erzählt!
Warum?
Erstens hatte ich das viele Jahre regelrecht verdrängt- und als ich dann als Erwachsener da wieder „ran bin“- war mir einfach auch klar, welche Belastung es für meine Eltern gewesen wäre- das Ganze nicht änderbar- und die Frage, ob mir geglaubt worden wäre- steht da wohl auch im Raum :wink:

Tatsache ist, daß sowas am liebsten verdrängt wird von Familienangehörigen- sowas „hat es in der Familie“ nicht zu geben- und entweder man negiert es komplett- oder bekommt so eine Antwort wie Du!!

Leider weiss man aber auch,daß bei solchen Erlebnissen dann genau SO eine Reaktion das Ganze noch schlimmer macht, als es schon ist!
Man war hilflos, machtlos- ausgliefert-- und statt nun wenigstens das Gefühl von „Unterschlupf“ zu bekommen- was auch nach Jahren noch gut tun würde- bleibt man wieder- wie damals alleine stehen gelassen!!

Es ist die Hilflosigkeit der Anderen, sowas zu verdrängen oder runterzuspielen!
Klar- es wird Eltern geben, die sogar bewusst zuschauen-- aber sowas wird die Ausnahme sein!
In den meissten Fällen wird es aber so sein, daß so ein Übergriff als unerträglich empfunden wird- das noch beim eigenen Kind- und diese Unfähigkeit muss das Kind dann zusätzlich ertragen!

Bleibt ja auch die Frage, was unsere Mütter dahingehend vielleicht erlebt haben- und die Aggression, die sie selber dazu in sich haben (und nie verbalisieren würden) dann an den Kindern „auslassen“.

Ob eine weitere Diskussion dazu mit Deiner Mutter nun was bringt- ist die Frage!
Sich wehrlos jemandem zu öffnen birgt nun mal auch die Gefahr noch mehr verletzt zu werden!
Solange man also damit noch innerlich „zu tun“ hat- dürfte es schwer sein!
Einfacher sicher, wenn man das für sich ad akta gelegt hat-- so, wie es bei mir jetzt der Fall ist-- wobei es damit auch überhaupt kein Gesprächsinteresse darüber zu meiner Familie mehr gibt!

In Anlehung daran- würde mich wirklich mal interessieren, ob hier andere Frauen auch sowas zu berichten haben…- wiegesagt- das erzählen wenige…aber geschehen tut es leider zu oft…

kitty

Hallo Amira

Ich kann sehr gut verstehen, dass Du erschuettert bist, meiner Meinung nach ist die Antwort Deiner Mutter auch nicht gerade das, was man als feinfuehlig bezeichnen wuerde. Moeglicherweise fuehlte sie sich aber auch sehr hilflos und wusste ueberhaupt nicht, was sie sagen sollte. Evtl. wollte sie Dir mit Ihrer Aussage zeigen, dass sie jetzt nichts mehr aendern kann und hat es als verletzend aufgenommen, dass Du damals nicht genug Mut gehabt hast, zu ihr zu gehen.

Als ich so um die zwoelf war, wurde ich beinahe von einem Mitbewohner im Garten (Gartenhaus) vergewaltigt - ich konnte mich nur gerade mit einer List „vor dem Schlimmsten“ retten. Ich versteckte mich ungefaehr eine halbe Stunde lang im Haus obwohl meine Eltern gleich in der Naehe gewesen waeren aus lauter Angst vorm Verfolgtwerden und aber auch aus Scham - und der Angst, dass meine Eltern mir nicht glauben wuerden.

Ich habe damals ernsthaft in Erwaegung gezogen, ihnen nichts zu sagen, wusste aber, dass ich daran zugrunde gehen wuerde und so „gestand“ ich ihnen mit ungeheurer Scham, was mir passiert ist. Das brauchte unglaublich viel Mut und ist rueckblickend wahrscheinlich derjenige Moment, der mich am meisten Mut gekostet hat. Richtiggehend geschockt sagten meine Eltern erst einmal gar nichts - und ich weiss noch, dass ich dachte: „So, das wars - sie glauben mir nicht“ und sah mich schon in irgendeinem Heim… (voellig abstruse Idee, das haetten meine Eltern nicht getan). Dann aber reagierten sie sofort, wussten zwar nicht recht wie, aber die Polizei wurde eingeschaltet etc. etc.

Heute ist das nach wie vor ein riesiges Tabu Thema bei uns. Wieso weiss ich nicht genau, das Thema soll vielleicht irgendwie als „erledigt“ gelten.

Das habe ich nur ausgefuehrt um zu zeigen, dass ich sehr gut verstehen kann, weshalb Du damals nichts gesagt hast. Wie gesagt, vielleicht „meinte Deine Mutter das auch nicht ganz so“, wie sie es gesagt hat. Moeglicherweise kannst/willst Du sie nochmals darauf ansprechen, oder mit anderen Leuten darueber reden - nicht im Sinne von „ich habe unglaublich Mitleid mit mir selber und brauche Eures auch noch, weil…“ sondern einfach um damit moeglichst normal umzugehen. Mir hat das geholfen. Das war fuer mich wichtig um das Thema etwas zu enttabuisieren, obwohl ich keinen groesseren Schaden (weder psychisch noch physisch) deswegen davongetragen habe.

Das Problem dabei ist, dass „Antatschen“ wie „Beinahe-Vergewaltigungen“ von vielen mit „ist ja nichts passiert“ gleichgesetzt wird. Dass aber auch das mit Leiden verbunden sein kann, verstehen viele nicht, weil die „Opfer“ ja noch „gut“ dabei weggekommen sind.

Gruss,

Semiramis

Hi Amira,

ich glaube es gibt kaum Frauen die sowas nicht erleben als Kind / Jugendliche, die es auch verdrängen, nichts sagen, irgendwann aussprechen und total erschüttert vor diesem kalten und gefühllosen Sprüchen der Eltern stehen.

…meine Mutter heute zu mir, als ich ihr erzählte, dass ich
einen Hass auf meinen Onkel habe, weil der mich in meiner
Kindheit und Jugend (ab 11. Lebensjahr) an die Brust gefasst
hat:
„Ach, Dich haben andere Männer auch an die Brust gefasst,
stell Dich nicht so an.“

Ich kenne weder dich noch deine Mutter oder eure Beziehung, aber kann dir nur raten mit solchen Eröffnungen vorsichtig zu sein und auch deine Eltern nicht zu überfordern. Unsere Mütter wurden noch ebenso als Besitz des Vaters und ihres Ehemannes angesehen, wie es um die vorletzte Jahrhundertwende eben war. Dass Vater entscheidet auf welche Schule die Tochter geht, mit welchem Mann sie ausgehen darf, etc. war normal. Selbstbestimmung ein Fremdwort. Ebenso die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Und so war es normal für Mütter dass die Töchter das ebenso hinnehmen und geben solche herzlosen Sprüche ab.

Wenn ich zurückdenke ist es noch zu meiner Schulzeit eine „normale“ urban legend gewesen die niemand anzweifelte. dass Mädchen angebl. mit Jungs in gemischten Klassen sein müssen, weil sie sonst hysterisch würden. Dass Jungs die Hysterie „ableiten“. Dass junge pubertierende Mädchen (war dann immer ein Fall den der Lehrer persönlich kannte und der echt wahr war) sich mit Vorliebe in ältere Männer verknallen und wenn die liebestollen Lolitas dem Kerl dann auf die Pelle rückten und der nicht so wollte wie sie, bei der Polizei die erfundene Vergewaltigung anzeigten und so „die gesamte Familie des Mannes zerstörten und den Mann in den Selbstmord trieben“.

Ich und meine Freundinnen wurden noch so erzogen dass Kinder und Jugendliche nix zu melden hatten und die Erwachsenenwelt prinzipiell jedes Recht und vor allem Recht hatte. Niemand fragte uns jemals um unsere Meinung und wir bekamen sehr oft zu spüren dass Kinder und Teenies sich mehr einbilden, als dass da wirklich was dran wäre.

Einige meiner Freundinnen mussten sobald sie ihre Tagen hatten ihren Eltern jeden Monat Rapport erstatten, aus reiner Panik vor Schwangerschaften. Wenn die sich mit 16 o. 17 irgendwann weigerten das zu tun, gabs Prügel. Dass sich Cousins, Onkel, Freunde der Familie an die Mädels ranmachten, mit bierseligen Sprüchen die wachsende weibliche Pracht besangen und auch gleich mal Probetatschen wollten, Klapse auf den Po, „Schweineküsschen“ (so nannte eine Freundin von mir Zungenküsse die sie ihrem Vater geben musste) zum üben für deinen Freund später, und wenn man sich wehrte oder nicht wollte: „Stell dich nicht so an. Du wirst noch früh genug in die Büsche kriechen mit irgendwelchen dahergelaufenen Kerls und noch viel mehr machen.“. Eine Freundin (ich war 8 und habe das alles nicht verstanden damals) erzählte uns sie müsse sich jeden Abend wenn ihr Vater aus der Fabrik kam mit seinen Kollegen, sich nackig ausziehen und den Typen vortanzen. Ich will nicht wissen das die arme Kleine noch aushalten musste. Und wir, wir fanden das komisch aber schwiegen (weil wir u.a. auch nicht kapierten was da abging) weil wir wussten jeder würde glauben wir spinnen, lügen, übertreiben, meine Freundin würde eine solche Prügel bekommen das sie nie wieder irgendwas sagen würde und das ganze wäre im Sande verlaufen.

Wie haben Eure Eltern auf solche Berichte reagiert?
Wie geht es Euch damit?

Du musst auch deinen Eltern zugestehen dass sie erstmal abwehren und blöde Sprüche klopfen. Denn du bringst mit dieser Geschichte natürlich auch ihre Welt zum Einbruch und sie müssten merken, wenn sie es an sich heranlassen, das sie dich nicht genug geschützt haben. Dass sie versagten, es nicht merkten, dich allein ließen. Daher habe Geduld und versuche immer mal wieder einen Vorstoß, so dass sie dir glauben können, mit dir trauern können. Da kann dir evtl. ein Therapeut helfen diese Sache auch deinen Eltern so beizubringen, dass es von Ihnen angenommen werden kann.

Gruß
Helena

Liebe Amira,
als ich 10 oder 11 Jahre alt war, kam mein Patenonkel zu Besuch. Ich stand gerade so draussen im Garten, als er zu mir kam, (kurz) an meine Brust faßte und sagte: „Die sind ja ganz schön groß geworden“
Dazu muß ich erwähnen, dass dieser Onkel ein schweres Alkoholproblem hat, ebenso wie mein damals noch lebender Vater (dessen Bruder).
Jedenfalls fühlte ich mich nicht wirklich körperlich belästigt, aber diese Aussage empfand ich als beleidigend. War ja noch ein Kind, da wollte ich keine „großen“ Brüste haben…
Aus lauter Empörung habe ich das ziemlich umgehend meiner Mutter erzählt, die dann meinem Vater. Dieser hat - ebenfalls ziemlich umgehend - meinen Onkel recht unsanft des Hauses verwiesen und seit dem keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder gehabt. Konsequent! Im Nachhinein ist mir klar, dass mein Onkel mich höchstwahrscheinlich nicht sexuell belästigen wollte, sondern ihm in diesem Moment wirklich nur aufgefallen war, dass ich für mein Alter schon relativ große Brüste hatte und hat halt sehr uneinfühlsam reagiert. Vermisst hat ihn aber niemand, im Gegenteil: als ob alle froh waren, endlich einen Grund zu haben, den streitsüchtigen Kerl endlich los werden zu können.
Über die Reaktion meines Vaters war ich sehr erstaunt. Wie gesagt, er war Alkoholiker und wir Kinder hatten kein gutes Verhältnis zu ihm. Das er damals in diesem Fall so reagiert hat, rechne ich ihm heute noch hoch an - und es gibt nicht viel, was ich ihm anrechne. Es mag einigen übertrieben erscheinen, aber ich finde, dass das die einzig richtige Reaktion war. Ich würde genauso reagieren, wenn ein Onkel meiner Tochter an die Brust fassen würde - egal, aus welchem Grund. Und ich wäre sehr enttäuscht über mich selbst, wenn sie nicht genügend Vertrauen hätte, mir so einen Vorfall zu erzählen.

Aber vielleicht ist das ja Ansichtssache…

Liebe Grüße
sorgloseSusi

Was Du geschrieben hast, klingt sehr hart- und auch realistisch!
Mich hat das regelrecht etwas erschüttert- auch, wenn es den Tatsachen entspricht!

Warum ist das so, daß heutzutage keiner davon erzählt???
Wieso können wir „jungen“ nicht erzählen, zugeben-- wenigstens unseren Freunden oder Gleichaltrigen??

Ich denke, viele würden sich damit nicht in so einer Heimlichkeit „verfangen“- dieses nach-aussen-treten könnte so mancher Frau helfen!!

Kitty

Warum ist das so, daß heutzutage keiner davon erzählt???
Wieso können wir „jungen“ nicht erzählen, zugeben-- wenigstens
unseren Freunden oder Gleichaltrigen??

Zufälligerweise habe ich mich im Freundeskreis vor nicht allzu langer Zeit über genau dieses Thema unterhalten, und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es dafür zwei mögliche Gründe geben mag.

Zum einen machen die meisten Frauen wohl auch die Erfahrung, dass die Eltern nicht gesprächsbereit sind (die Ursachen dafür seien jetzt einmal dahingestellt) und das Thema in der Familie totgeschwiegen wird. Besonders schwierig wird es, wenn entweder nur eines von mehreren Kindern einer Familie solcherlei Dinge erleben musste - dann reagieren auch die Geschwister oftmals mit Unverständnis oder sogar mit Ressentiments (weil ein vielleicht geliebtes Familienmitglied ‚schlecht gemacht‘ wird). Oder wenn das Mädchen in späteren Jahren erfährt, dass sie quasi Opfer einer ‚Familientradition‘ wurde, dass der Täter bereits in früheren Jahren ihre Mutter, als diese in einem ähnlichen Alter war, derart angegangen hatte und sie trotzdem nicht davor gewarnt bzw. beschützt worden ist.

Wenn es sich also schon im Familienumfeld also so schwierig darstellt, ein vertrauensvolles Gespräch über dieses Thema zu führen -
wie soll eine Frau also so ohne weiteres den Mut finden, sich anderen zu öffnen?

Zum anderen erleben diese Frauen dann, wenn sie sich denn anderen (besonders wenn diese anderen Männer sind) öffnen, sehr oft, dass ihre traumatische Erfahrung nicht ernst genommen wird - schließlich ist ‚nicht wirklich‘ etwas Schlimmes passiert, sie sind ja nicht vergewaltigt worden oder so… Oder es werden platte Pauschallösungen angeboten (‚Dann zeig ihn doch an!‘) und dann das unbequeme Thema gewechselt.

Ähnliches erleben im Übrigen auch Menschen, die mit einem Alkoholiker aufgewachsen sind - auch diese Erfahrung ist in der Regel ungeheuer traumatisch, und auch hier reagiert später im Erwachsenenalter die Umwelt bestenfalls mit Desinteresse. So frei nach dem Motto ‚Das ist doch schon so lange her - kannst du die Vergangenheit nicht endlich einmal ruhen lassen‘…

Mit den besten Grüßen

Katze
*dieauchschondieunglaublichstendingeerlebthat*