Hallöchen!
Grundsätzlich denke ich, dass Essstörungen mit anderen Süchten
vergleichbar sind.
Im Grundprinzip vielleicht. Ich sehe aber die Bewältigung dieser Süchte (egal in welche Richtung) als schwieriger an, weil man seiner Sucht ja in Zukunft nicht einfach aus dem Weg gehen kann wie bei Alkoholismus zum Beispiel sondern man sich tagtäglich mehrfach damit konfrontieren muss (essen muss man nunmal).
Seit 15 Jahren kenne ich meine beste Freundin. Als ich sie kennenlernte war sie schon essgestört (Zunächst Anorexie, zwei Jahre später kam Bulemie dazu). Es war eine verdammt schwierige Zeit für alle Beteiligten.
Mir ging es damals auch nicht so ganz pralle, daher habe ich unsere Freundschaft zu dem Zeitpunkt damals immer als eine Art Aneinanderkrallen zweier Ertrinkender im Blick. Vermutlich war das auch der Grund, warum sie mich mit ihrem ständigen „Vor-den-Kopf-Gestoße“ (das war so eine Art unbewusstes Ausloten, wie weit ich gehen würde, wie weit ich zu ihr halte) nicht vertrieben hat… weil ich einfach genauso von ihr abhängig war, wie sie von mir.
Wir haben viel über ihre Essprobleme gesprochen, ich denke, dass konnte sie so gut, weil ich ihr keine Vorwürfe gemacht habe, versucht habe sie zu verstehen und sie nicht allzusehr bedrängt habe. Sie wusste sehr wohl, dass es ihr nicht gut geht, sie wusste, dass sie krank ist… aber sie war nicht davon überzeugt, dass ein „Klapsdoktor“ ihr da helfen kann, der sie doch gar nicht kennt… und schließlich hat sie sich ja nicht verrückt gefühlt sondern hatte „nur“ das Essproblem.
Irgendwann hatte ich durch sanftes Geleit sie soweit mit mir zu einer Beratungsstelle erstmal zu kommen und sie wirkte ganz zuversichtlich, dass wir uns erstmal ohne Druck anhören konnten, was zu empfehlen wäre. Ende vom Lied war, dass ich allein beim Berater saß… sie hatte mich mal wieder ohne Vorwarnung versetzt.
Der sagte mir, was man auch heute noch immer wieder hört und wohl leider nur allzu wahr ist: „Du kannst ihr nicht helfen, solange sie sich nicht helfen lassen will“.
Etwa zwei Jahre nach diesem Gespräch wurde sie zwangseingewiesen in eine Jugendpsychatrie… stationär. Das war zunächst ein großes Drama. Aber irgendwann begann sie ihre Psychaterin wirklich als Freundin zu begreifen…
Ich denke, was ihr wirklich durch die Zeit geholfen hat, und auch die Behandlung als ersten Schritt anzunehmen war, dass sie damals Freunde hatte, die ihr zur Seite standen. Ich denke das ist oft problematisch, denn die Erkrankten schaffen es oft recht gut, sich die alle vorher vom Leib zu halten…
Man darf natürlich keine Wunder erhoffen von so einer Therapie. Es ging noch sehr lange ständig bergauf und bergab. Letztes Jahr (10 Jahre nach der Zwangseinweisung) war sie nocheinmal auf Kur… freiwillig diesmal. Sie wollte nochmal soweit es geht einen Haken hinter die Sache setzten, denn als nächstes steht die Familienplanung an *freu*
Ganz gesund ist man damit wohl nie, und wie weit sie die Krankheit im Griff hat wird sich wohl erst zeigen, wenn es in ihrem Leben mal wieder bergab geht… aber toitoitoi,…derzeit läuft es richtig rund, und sie sieht schon seit Jahren richtig gut aus.
Ich denke als Angehöriger kann man nur versuchen das Gefühl zu vermitteln, immer da zu sein, den Betroffenen aufzufangen aber nicht unter Druck zu setzen. Das heißt nicht, das Thema Krankheit oder Therapie komplett außen vor zu lassen, aber man sollte da sehr vorsichtig rantasten.
Bei mir hat es zwar auch damit nicht geklappt und es musste erst schlimmeres passieren, aber ich denke, dass das ganze dennoch ein wichtiger Meilenstein war. Eine Zwangseinweisung allein wird niemanden überzeugen. Ich würde sowas daher wirklich eher als letztes Mittel der Wahl in betracht ziehen um ehrlich zu sein.
Ich wünsche euch ganz viel Glück!
Vielleicht, wenn sie schon soweit ist zu erkennen, dass sie sich nichts gutes tut, bauen sie positive Erfahrungsberichte wie die meiner Freundin wieder auf? Vielleicht kannst du sowas ja zusammensuchen und vielleicht nimmt es ihr eine wichtige Hemmung, sich helfen zu lassen, wenn sie sieht, dass es doch was bringen kann.
Meine Freundin war vor ihrer Einweisung schon 6 Jahre essgestört, sie wog mit 175cm nicht mal mehr 45kg, das Gehirn war bereits angegriffen… aber mit ehrgeizigem Willem hat sie es geschafft heute nach außen völlig gesund zu wirken, die meiste Zeit auch völlig gesund zu sein und mit ihrem Partner eine Familie gründen zu wollen.
liebe Grüße
Aj