Servus Rolf,
Aber das beantwortet meine Frage nicht: Wer kauft sowas?
vor langer Zeit bin ich als Krankentransporteur in ziemlich viele Wohnungen gekommen und erinnere mich noch gut an mein Entsetzen, wie viele relativ aufwendig, aber ästhetisch grausam eingerichtete Wohnungen ich da gesehen habe. Ich hatte wenig Geld und hab viel darüber gegrübelt, warum so viele Leute ihr Geld für so seltsame Dinge ausgeben, statt mir einen Zweier Trinkgeld zu geben. Meine Schätzung: Etwa zwei Drittel der deutschen Wohnungen sind ästhetisch ohne Rücksicht auf Verluste eingerichtet - ich spreche nicht von „Leisten können“, das spielt keine große Rolle dabei.
Das fängt in den unteren Preisklassen damit an, dass überall irgendwelche überflüssigen Dinge hängen, stehen oder liegen, die wohl „verspielt“ oder „dekorativ“ gemeint sind (der Katalog „Die moderne Hausfrau“ von Walz in Waldsee ist eine Fundgrube dafür), und geht dann zu Möbelstücken über, die - wie die abgebildeten - mit einer Unzahl überflüssiger und unschöner Einzelheiten versehen sind, ohne dass sie dabei freilich in der Substanz immer besonders gut wären.
Ich glaube, dass der Wunsch, „es sich richtig schön zu machen“, ohne dass man so recht wüßte, wie man das anstellen soll, vor allem bei Menschen auftritt, die lange Zeit so intensiv mit Geldverdienen und dem damit verbundenen Aufwand an Zeit und Mühe beschäftigt waren, dass sie darüber vergessen haben, was eigentlich für sie „richtig schön“ ist, und dann ersatzweise auf Stereotypen zurückgreifen, die sie frei Haus geliefert bekommen. Wenn sie dann selber bald keine rechte Freude mehr daran haben, umso besser: Man kann ihnen dann was Neues verkaufen.
Ich kannte (flüchtig) eine Regionalleiterin von Tupper, die in ihrer Wohnung einen riesigen Kachelofen (schätzungsweise 5 Kubikmeter umbauter Raum) nach drei Jahren ersetzt hat, weil sie es nicht mehr „rustikal“ haben wollte.
Die Frage nach der Ästhetik von industriell hergestellten Gebrauchsgegenständen ist offen, seit es diese Herstellungsform gibt, und ich glaube, sie ist fast nie in einer Weise beantwortet worden, die zu einer flächendeckend akzeptierten Ästhetik dieser Produkte geführt hätte - obwohl es freilich immer Dinge gibt, die man schön oder hässlich finden kann, kann ich mir eine so grausige Geschmacksverirrung wie die gezeigte für die Zeit vor etwa 1860 kaum vorstellen.
Die Versuche, der Verkitschung, die mit der Massenproduktion einherzugehen scheint (vgl. der kürzlich in einem anderen Brett diskutierte gusseiserne Luther mit eingebauter Spieluhr) entgegenzutreten, wurden von 1890 bis 1980 alle alsbald neutralisiert und eben aufs Neue verkitscht.
Eine kurze Ausnahme sind wohl die 1920er Jahre gewesen, während derer vorübergehend ziemlich anspruchsvolle und durchaus abstrakte ästhetische Konzepte einen ziemlich breiten Zuspruch gefunden haben, der erst durch das Hereinbrechen des Germanentums gebremst wurde. Allerdings kann man auch in den weniger germanischen Nachbarländern sehen (u.a. in einer sehr schönen umfangreichen Ausstellung in Prag über tschechisches Industriedesign der 1920er und 1930er Jahre), wie es nicht gelungen ist, die einmal erreichte Klarheit von Proportionen, Linien und Dekor zu halten, sondern wie es da wieder verhübschend und überdekorierend aus dem Untergrund dahergeistert, als sei es etwas Unheimliches, wenn man im Alltag mit schönen Gegenständen umgeben ist, und als müsse man dieser Bedrohung durch allerlei Firlefanz, Verkrümmung und Überladen begegnen.
Ich habe keine Vorstellung, was das für ein Wunsch ist, der einmal erreichte Schönheit immer wieder ad absurdum führt: Ich seh bloß diese Pendel- oder im besten Fall Spiralbewegung (nach oben oder unten?). Sicherlich kommt dieser Wunsch denjenigen der Hersteller aber sehr entgegen: Wenn es gelingt, irgendein beliebiges Produkt zu einem Modeartikel zu machen, kann man es nach kurzer Zeit wieder verkaufen, wenns dann aus der Mode ist. Kürzlich hat mir ein Fahrradhändler auf die Frage, warum dieses hundert Euro weniger koste als das ganz ähnliche andere, die Auskunft gegeben, das sei „ein Modell aus der vorigen Saison“… Ebenfalls rentierlich ist, dass man mit dekorativen Zutaten und allerhand Schnickschnack Unzulänglichkeiten in Material und Verarbeitung trefflich überdecken kann, vgl. Spanplatten als Träger irgendwelchen „Dekors“ oder „Optik“ im Vergleich zu Holz, Metall, Glas.
Na, eine Antwort ists nicht geworden; vielleicht ein paar Ansätze oder Anstöße. Ich schau mir meinen alten Freund „Ivar“ hier an und überlege mir, wann der denn wohl in die Jahre kommen wird?
Schöne Grüße
MM