Hoffnung 
Hi Marion,
sorry, daß es solange gedauert hat…
:o)
Du schreibst viel, deshalb antworte ich mal im üblichen SatzfürSatzVerfahren - ok?
Genau das meinte ich mit: „Der Gesetzgeber forscht danach,
was seiner Meinung nach (und der seiner Wähler)
gesellschaftlicher Konsens ist und erläßt dementsprechende
Gesetze.“ (siehe mein letztes Posting)
Der gesellschaftliche Konsens sollte eigentlich per def. durch den Bundestag repräsentiert sein. Und der Konsens bei der Kristallisierung ethischer Normen zu spezifischen Gesetzen geschieht ja durch Abstimmung. Aber häufig werden Probleme halt auch vorher öffentlich diskutiert (d.h. nicht nur im Parlament) - wie z.B. die Abtreibungsdiskussionen etc… und dabei wird sicher sehr sensibel auf Stimmen der Wähler gehorcht…
Sicher spiegelt sich in unseren Gesetzen auch in gewissem Maße
unsere christlich-abendländische Tradition wieder. Will ein
gläubiger Christ (oder gar ein Angehöriger einer anderen
Religionsgemeinschaft) jedoch nach den Grundsätzen seiner
Religion leben, muss er weit über das hinausgehen, was unsere
heutigen Gesetze als Maßstab setzen.
Gottseidank ist das so, daß diese Konflikte enstehen können, sonst hätten wir ja einen Religionsstaat… das Konkordat ist grad problematisch genug bei uns…
Reicht denn Sachkenntnis für eine Urteilsbildung aus ?
Dann müssten ja Menschen mit dem gleichen (guten)
Kenntnisstand in der Lage sein, einen ethischen Konsens zu
bilden…
Das hab ich ja nicht gesagt, daß das ausreicht. Aber es ist die Mindestbedingung, Sachkenntnis zu haben, wenn es um die moralische Bewertung von Handlungen geht. Und wenn dafür aber (vorläufig!!) keine allgemeinen ethischen Grundsätze vorhanden sind, dann muß wenigstens ein weitgehender Konsens unter den Betroffenen in (persönlichen) Handlungs-Maximen hergestellt werden (Ärtzte z.B. die unter Handlungsdruck stehen, weil sie die Patienten nun mal aktuell vor sich haben, und handeln MÜSSEN).
Und umgekehrt, wenn jemand z.B. nun gar nicht weiß, was ein Chromosom ist, oder ein Gen, oder ein Mitochondrium usw. soll der sinnvoll diskutieren können (d.h. letztlich mit dem Ziel ethische Normen zu finden!), ob eine Morula ein Lebewesen ist oder gar ein Mensch?
Allerdings meine ich auch umgekehrt: soll jemand, der weiß, wie eine Morula funktioniert, aber nicht weiß, welcher Unterschied zwischen einer persönlichen Handlungsmaxime und einer sittlichen Norm besteht, oder meint, moralische Urteile seien ausschließlich persönliche Meinungssache, oder nicht weiß, daß moralische Urteile sich begründen lassen müssen (weil es sonst keine Wert-Urteile sind)… usw… wie will der bei der Suche nach Normen mithelfen?
Haben wir den heutigen Zustand nicht gerade der Aufklärung zu
verdanken, die Glaube zunehmend durch Naturwissenschaft
ersetzt hat ?
Hat sie? Das ist kaum die Folge der Aufklärung! Sie hat vielmehr die Möglichkeit der Emanzipation hergestellt, bzw. dafür die Grundlagen gelegt, indem sie der Individualität ein Primat gegenüber jeder Authorität und Machtinstanz erkämpfte.
An dieser Emanzipation nehmen allerdings viele (dogmatische)Religionsgemeinschaften nicht teil (jedenfalls die drei Hauptvertreter von sogenannten monotheistischen Religionen nicht) und erst recht viele Individuen nicht (spiegelt sich ja hier im w-w-w sehr deutlich wieder!!).
Ein Ergebnis (nicht unbedingt der Aufklärung, aber der Philosophie zwischen 1770 und 1830, „Deutscher Idealismus“)
war, daß die Naturwissenschaften nicht im Widerspruch zur Religion stehen müssen… sondern daß es lediglich verschieden DenkWEISEN sind - und keinem Menschen ist es (eigentlich) verwehrt, in beiden Weisen zu denken… sogar gleichzeitig, wenns sein muß…
Daß es einen Konflikt zwischen religiösen und naturwissenschaftlichen Denkweisen gibt, ist ausschließlich ein Resultat davon, daß immer noch geglaubt wird (nein besser: geMEINT wird), daß man nur EINE dieser Denkweisen haben dürfe…
Und ist es nicht eher so, dass wir jetzt an den
Punkt kommen, an dem wir erkennen müssen, dass die
Naturwissenschaft uns in unserem Selbstverständnis des
Menschen als „Ding der Natur“ als auch für seine Bestimmung
als „etwas anderes als Natur“ bedroht ?
Ich sehe nicht, daß Wissenschaft den Menschen bedrohen könnte, im Gegenteil: Sie liefert die Mittel, ihm Bedrohtheitsgefühle zu beschwichtigen, indem sie nämlich insbesondere einen adäquaten Umgang mit NICHTwissen ermöglicht - Daß diese Möglichkeit von manchen Religionsfanatikern (die ich nicht für wirklich religiös halte… auch diese gibt es ja zahlreich hier im w-w-w), von einzelnen Philosophen und besonders auch von einzelnen Naturwissenschaftlern verspielt wird, daran zweifle auch ich nicht - aber das wäre ein Thema für ein neues Thread…
Vielleicht wäre es nützlich dafür nochmal meine Artikel im Philosophie-Brett unter „Vorsokratiker“ und unter „Was ist eigentlich Philosophie“ nachzuschauen…
Die grossen Kirchen mögen ja an Einfluß verlieren, aber ich
meine, der Zulauf, den Gruppierungen jeglicher Couleur
erhalten, solange sie nur das Etikett „spirituell“ aufweisen,
spiegelt deutlich diese zunehmend wahrgenomme Bedrohung
wieder.
Ja, ganz sicher. Die Kirchen verlieren Einfluß, weil die dogmatisch gesetzten Normen für die gegenwärtige gesellschaftliche Situation und das Selbstverständnis des Menschen keine wirkliche Brauchbarkeit mehr aufweisen (siehe Dyba, Ratzinger etc…). Dadurch werden sehr viele auf ihre persönlichen Handlungsmaximen reduziert und eine "Einbettung in überindividuelle Normen können sie nicht mehr verantworten. Das ist eigentlich ok, aber die Folge ist dann leider, daß man sich Frust gegen unsere versagende 2000jährige Tradition fremden Spritualitäten zuwendet, die in den importierten trendy Nesquickvarianten und Popversionen nicht einen Deut weniger Geschwafel enthalten, als das der „Wort-zum-Sonntag“-Popen, die man nicht mehr hören kann
Nur - Gerade durch diesen Umstand findet eine noch
größere Segmentierung der Bevölkerung in Einzelgruppen mit
eigenständigen ethischen Grundsätzen ohne
gesamtgesellschaftlichen Konsens statt, und verschärft damit
die gesamtgesellschaftliche Ratlosigkeit.
Volle Zustimmung - deshalb ja die Fragen, wie das geändert werden könnte…
Deine Antwort:
„… durch endlich anständige Philosophieausbildung an den
Schulen und in den Lehrerstudiengängen… und durch „Bildung“
der Bevölkerung in Fragen der heutigen Biologie und Medizin…“
ist für mich nicht richtig verständlich. Wie kann obiges einen
Anstieg an allgemeingültigen ethischen Grundsätzen (im
Gegensatz zu individuellen ethischen Grundsätzen) bewirken ?
…indem dadurch überhaupt erstmal lernbar wird, die richtigen Fragen zu stellen, sinnlose Fragen schneller zu erkennen und zu vermeiden, verantwortungsbewußt mit Nicht-Wissen und Noch-Nicht-Wissen um zugehen, und folgerichtig und begründbar zu denken…
Da kommen dann nicht ethische Normen heraus, aber man wird eher fähig sein, sie zu finden… Unsere Fitness-Panik beschränkt sich eben leider nur auf die Körperlichkeit - das verkauft sich besser und man kauft es lieber…
Das Problem ist damit, daß wir sowohl für die Bestimmung des
Menschen als „Ding der Natur“ als auch für seine Bestimmung
als „etwas anderes als Natur“ den Naturbegriff erstmal
bestimmen müssen… der kann jedoch von den
NaturWISSENSCHAFTEN nicht gegeben werden… aber
NaturPHILOSOPHIE (die hier zuständig wäre) ist nach der ersten
Hälfte des 19. Jhdts (also nach Schelling und Hegel) nicht
mehr systematisch weiterentwickelt worden.
Ich verstehe zu wenig von Philosophie um mit dem Begriff
Naturphilosophie wirklich etwas anfangen zu können…
Diese klassischen Naturphilosophien haben das Werkzeug geliefert, um die „natürliche“ und die „geistige“ Existenz des Menschen einerseits zu differenzieren und andererseits zu versöhnen… und haben die Grundlagen geliefert, mit denen wir (auch) die heutige Krise des Begriffs „Mensch“ bewältigen könnten. Warum diese Philosophien nicht zum Tragen kamen, ist ein Problem der neueren Philosophiegeschichte…
In welcher Weise kann die Naturphilosophie uns die Antworten
(!!) liefern, die die Naturwissenschaften schuldig bleiben (?)
auf die oben von mir angedeutete Weise zum Beispiel… aber das heißt nicht, das das bereits geschehen ist und die Resultate vorliegen… Philosophie ist eine Sache systematischer Arbeit, die braucht Zeit… das oben Angedeutete ist jedenfalls der Weg, an dem ich seit geraumer Zeit arbeite… es läßt sich schlecht in diesem Rahmen hier in ein paar Sätzen skizzieren ohne trivial zu erscheinen…
und in welcher Weise kann sie eine „echte“ Alternative …
anbieten
…in denen die Menschen nach einer Antwort (!) auf das „etwas
anderes als Natur“ suchen (?)…
Indem sie einmal wieder grundlegender und allgemeiner nach dem Entscheidenden und Wesentlichen in der Sache „Religion“ fragt, ohne sich dabei auf die dogmatischen (und daher gedankenlosen) Sprachregelungen jeweils EINZELNER Religionsbekenntnisse einlassen zu müssen…
Die Basis für eine solche systematische Arbeit sehe ich tatsächlich in der primären (aber vorläufigen) Unterscheidung zwischen den Bestimmungen des Menschen
a. als wesentlich „nur Natur“
b. als wesentlich „nicht nur Natur“
Wie man - davon ausgehend - weiterkommt… hm… ähm…
das Buch ist leider noch nicht fertig - es ist nicht unkompliziert, aber ich habe Hoffnung 
Liebe Grüße
Manfred