Ethik, BSE, Aids, etc

Hallo aller Besorgten
Mir scheint sich die Diskussion um BSE usw. solange im Leeren zu drehen, als wir keine Anhaltspunkte haben, wonach wir eine Situation beurteilen können.
Neulich in der Zeitschrift „Der Spiegel“ äusserte sich ein Professorin für Ethik zur Frage des Klonens. Sie liess dabei, über die Hintergründe der Ethik, wofür sie Professoring ist, kein Wort fallen.

Meine Frage: Wenn die Religion für weite Teile der Bevölkerung keine Gültigkeit mehr hat. In der Vergangenheit zu sehr materialistische Kulturen geführt hat (ein Beispiel nur: Bush’s Amerika). Wonach kann sich eine neue Ethik ausrichten?

Grüsse, Mike

neue Ethik?
Hi Michael

(auf die Schnelle nur ein paar kurze Bemerkungen aus Mangel an Zeit… in Kürze gerne mehr…)

Wonach kann sich eine neue Ethik ausrichten?

Genau DAS ist die wichtigste Frage für alle moralischen Bio- und Medizin-Technikprobleme, von denen die Menschheit in nächster Zukunft immer heftiger geplagt werden wird.

Und dabei, wie bei allen Problemstellungen ist es zuallererst wichtig, die Fragen so genau wie möglich zu stellen. Was wir brauchen, ist (allein vom Begriff her) nicht eine neue Ethik, sondern wir brauchen neue „ethische Grundsätze“ (oder ethische Normen, was dasselbe ist). Denn die, die wir haben, haben ihre Wurzeln in Epochen der Geschichte, in denen die Probleme der moralischen Handlungsbewertung noch nicht existierten (nichteinmal denkbar waren), vor die wir heute gestellt sind durch neue Erkenntnisse und neue Handlungsmöglichkeiten, die die Naturwissenschaften ermöglichen.

Fälschlicherweise werden häufig die Begriffe „eine Ethik“ und „ein ethischer Grundsatz“ synonym gebraucht, dadurch entstehen Verwirrungen in den öffentlichen Diskussionen.

Ethische Grundsätze sind (in der Regel nicht in Gesetze formalisierte) Bestandteile der „Sittlichkeit“, durch die
eine jeweilige Gesellschaft (oder auch „Kultur“) sich definiert.
Sie ermöglichen das, wonach in der sog. „Bio-Ethik“ und „Medizin-Ethik“ gesucht wird: sie liefern nämlich KRITERIEN für die MORALISCHE BEWERTUNG einer Handlung.

Für die Handlungen, die wir heute machen können (Beispiel Klonen, extrauterale Befruchtung und deren gentechnische Implikationen… Genmanipulationen etc…), liefert die Geschichte aber keinerlei brauchbare ethische Grundsätze…

Eine andere „Ethik“ dagegen (um den Begriff mal vom „ethischen Grundsatz“ zu unterscheiden) progagiert z.B. jemand, der sagt: „Was moralisch gut oder moralisch schlecht ist, das bestimmt heute die Wirtschaft und sonst niemand“ (hab den Namen des amerikanischen Biologen grad nicht präsent…). Allerdings ist auch diese Ethik nicht neu: es ist die sog. „utilistische“ Ethik, mit der die USA seit eh und je auf gutem Fuße steht… wie leicht ersichtlich ist, gewinnt man damit so ziemlich für alles das moralische Urteil „gut“, was reich macht…

Wir werden in ethischen Fragen und damit in Fragen nach moralischen Urteilen, erst weiterkommen, wenn wir endlich eingesehen haben, daß wir für ethische Grundsätze DIESER Art nicht mehr in Büchern oder in der bisherigen Weltgeschichte nachschauen können, sondern daß wir sie selbst neu gestalten müssen, daß sie also auf Übereinstimmung beruhen müssen… und daß sie nicht allein von denen inszeniert werden können, die gegen unseren Willen Macht über uns haben…

Wie das zu berwerkstelloigen ist, ist allerdings ein weiteres Problem… und eine weiteres Kapitel… :smile:)

Neulich in der Zeitschrift „Der Spiegel“ äusserte sich ein
Professorin für Ethik zur Frage des Klonens. Sie liess dabei,
über die Hintergründe der Ethik, wofür sie Professoring ist,
kein Wort fallen.

Die sogenannte Ethikprofessorin war eine Biologieprofessorin, deshalb konnte sie zu Ethikfragen nix sagen… die Philosophie (in der Ethik ein Spezialgebiet ist) hat heute eine enorm schlechte öffentliche Repräsentanz… so, daß jeder Biologe, Mediziner, Neurologe… schon als Ethiker bezeichnet wird, der auch nur mal am Feierabend (wann sonst?) die Frage nach Moral gestellt hat, oder Teilnehmer eines Ethik-Selbsthilfe-Wochenendseminars ist…

b.a.w.
Gruß
M.G.

Hallo, Michael,
die Ethik der Zukunft wird sich wohl nach einem richten: dem Zusammenleben großer Menschenansammlungen.
Ich hoffe, es wird auch das mit eingeschlossen, dass es stickt verboten wird, neue Menschenarten zu klonen: Pferd und Mensch, Affe und Mensch… Das ist kein Witz, es wurde schon versucht!
Ich habe nichts dagegen, wenn durch genmanipulationen der Mensch widerstandsfähiger gegen Krankheiten gemacht wird, bzw. schon in der Gebährmutter genetische Fehler behoben werden (Mongoloismus). Ich sehe natürlich auch die Gefahr: dass Regierungen damit schon im embrionalem Zustand Soldaten, Arbeitssklave, Ersatzteilllieferanten,… produzieren wollen.
Grüße
Raimund

Lieber Metapher,
deine Unterscheidung zwischen der Ethik und den ethischen Normen finde ich sehr gut sowie auch die Verurteilung der utilistischen Prinzipien (ich würde hier noch Probabilismus erwähnen).
Allerdings nach dem Motto „Keinerlei Neues unter der Sonne“ würde ich in Frage stellen, ob wir wirklich keine Bücher oder Vordenker dafür finden, was du im folgenden Text vielleicht doch zu rigoros formulierst:

Wir werden in ethischen Fragen und damit in Fragen nach
moralischen Urteilen, erst weiterkommen, wenn wir endlich
eingesehen haben, daß wir für ethische Grundsätze DIESER Art
nicht mehr in Büchern oder in der bisherigen Weltgeschichte
nachschauen können, sondern daß wir sie selbst neu gestalten
müssen, daß sie also auf Übereinstimmung beruhen müssen… und
daß sie nicht allein von denen inszeniert werden können, die
gegen unseren Willen Macht über uns haben…

Beginnend wenigstens mit dem Buch „Die Insel des Dr. Moreau“ (1896) von H.G. Wells haben wir doch eine Reihe von großen Denkern, die uns darauf schon vorbereiteten, was wir heute erleben. Nur einige Namen wie Aldous Huxley, George Orwell, Ray Bradbury, Stanislaw Lem, Brüder Strugatzki seien hier genannt. Antiutopien sind da um uns nicht nur abzuschrecken oder zu warnen, sondern auch zu ermutigen.

In diesem Sinne, bis dann :smile:

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Das gute liegt so nah!
Hallo Michael

Mir scheint sich die Diskussion um BSE usw. solange im Leeren
zu drehen, als wir keine Anhaltspunkte haben, wonach wir eine
Situation beurteilen können.

Wenn man alles vermengt (BSE, AIDS…) ja.
Das sind erstmal verschiedene Ebenen:
Unser Verhältnis zum Mitmenschen und unser Verhältnis zur Natur.

Also zum Thema Verhältnis zum Menschen fällt mir der Artikel 1 des GG ein:
‚Die Würde des Menschen ist unantastbar.‘
Ich denke, alles andere kann nur ein Rückschritt sein. Geistesgeschichtlich wurzelt dies übrigens in der christlich/jüdischen Tradition (Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes -> Genesis ‚Gott schuf den Menschen nach seinem Bild‘), auch wenn dies vielen nicht bewußt ist.
Die Diskussion, was wir machen (Gentechnik, Psychologie, …) dreht sich um Auslegungsfragen.

In Bezug auf Tiere suche ich im Moment nach einem (An-)Spruch von Albert Schweitzer.

Tschuess Marco.

ethische Normen
Hi Peet

…würde ich in Frage stellen, ob wir wirklich keine Bücher oder
Vordenker dafür finden, was du im folgenden Text vielleicht
doch zu rigoros formulierst:

Wir werden in ethischen Fragen und damit in Fragen nach
moralischen Urteilen, erst weiterkommen, wenn wir endlich
eingesehen haben, daß wir für ethische Grundsätze DIESER Art
nicht mehr in Büchern oder in der bisherigen Weltgeschichte
nachschauen können…

Du hast ganz recht mit der Liste der Autoren, die es verstanden haben, Zukünfte auszumalen und damit zu warnen…

Ich versuchte mit meinem Statement aber auf etwas anderes hinzuweisen: nämlich daß uns bisherige ethische Normen keine Kriterien liefern für die MORALISCHE BEWERTUNG dessen, was wir heute zu tun imstande sind.

Um es mal krass zu sagen:
Wir können aus den 10 Geboten nicht entnehmen, ob es moralisch gut oder moralisch schlecht ist, den Strom bei Koma-Patienten abzuschalten, oder Menschen zu klonen, oder Gene zu manipulieren, oder durch vorherige Chromosomenanalyse zu entscheiden, ob unser extrauteral gezeugtes Kind eine Junge oder Mädchen werden soll…

Da hilft auch kein hilfloses Schwätzen über die „Würde des Menschen“, weil nämlich kein Mensch sagen kann, was man damit GENAU meinen soll. Der Begriff der Menschenwürde ist nur vermeintlich ein Rettungsring, aus dem unmittelbar die Luft rausgeht, wenn man nur fragt „was GENAU meinst du damit?“ - und er wird außerdem zur Begründung von Mord und Todschlag benutzt (bombenschmeißende Abtreibungsgegner…etc.)

Meine Meinung war: den Begriff vom „Werrt“ des Menschen müssen wir angesichts der bio- und medizintechnischen Möglichkeiten heute ganz neu bestimmen… dann könnte daraus ein Kriterium für moralische Bewertungen werden…

liebe Grüße
M.G.

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Hallo Metapher :smile:

„Was moralisch gut oder moralisch schlecht ist, das bestimmt
heute die Wirtschaft und sonst niemand“ (hab den Namen des
amerikanischen Biologen grad nicht präsent…). Allerdings ist
auch diese Ethik nicht neu: es ist die sog. „utilistische“
Ethik, mit der die USA seit eh und je auf gutem Fuße steht…
wie leicht ersichtlich ist, gewinnt man damit so ziemlich für
alles das moralische Urteil „gut“, was reich macht…

Wir werden in ethischen Fragen und damit in Fragen nach
moralischen Urteilen, erst weiterkommen, wenn wir endlich
eingesehen haben, daß wir für ethische Grundsätze DIESER Art
nicht mehr in Büchern oder in der bisherigen Weltgeschichte
nachschauen können, sondern daß wir sie selbst neu gestalten
müssen, daß sie also auf Übereinstimmung beruhen müssen… und
daß sie nicht allein von denen inszeniert werden können, die
gegen unseren Willen Macht über uns haben…

Ich sehe, dass ethische Grundsätze heutzutage doch durch zweierlei definiert werden: a) durch die Gesetze b) durch Grundsätze innerhalb von Religionsgemeinschaften. ABER, was ich nicht sehe ist auch nur ansatzweise ein gesellschaftlicher Konsens ausserhalb dieser beiden Bereiche. In dem Maße, wie sich die Gesellschaft heutzutage schon individualisiert hat, bastelt doch jeder seine eigenen ethischen Grundsätze (und versucht, sich dabei an bestehende Gesetze zu halten).

Wie das zu berwerkstelloigen ist, ist allerdings ein weiteres
Problem… und eine weiteres Kapitel… :smile:)

Im Prinzip wird dieses Problem durch unsere Demokratie geregelt. Der Gesetzgeber forscht danach, was seiner Meinung nach (und der seiner Wähler) gesellschaftlicher Konsens ist und erläßt dementsprechende Gesetze. Nur solange es keinen wirklichen Konsens in der Bevölkerung gibt (aus den von dir angesprochenen Ursachen, z.B. da jemand gar nicht weiss wie und wonach er etwas bewerten soll) fehlt auch dem Gesetzgeber eine gewisser Rückhalt. So ist es doch kaum verwunderlich, dass in dieses Vakuum hinein die Wirtschaft (oder vielleicht auch ein paar Naturwissenschaftler/Mediziner) ihre Lobby nutzt, um auf Gesetze nach ihren Vorstellung zu drängen. Diese beiden Interessengruppen scheinen nämlich die einzigen überhaupt zu sein, die diesbezüglich einen festen Standpunkt einnehmen (können).

Mich würde daher insbesondere interessieren,
a) wie die, ich nenne sie mal „Ethik-Vordenker“, an dieses Problem herangehen können, um erstmal neue Ethische Grundsätze zu entwickeln und zur Diskussion zu stellen und

b) ob du Ideen hast, wie man diese Masse an „Ethik-Individualisten“ in Richtung eines gesellschaftlichen Konsenses vereinigen kann.

lieben Gruss
Marion

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Hallo Metapher

Ich versuchte mit meinem Statement aber auf etwas anderes
hinzuweisen: nämlich daß uns bisherige ethische Normen keine
Kriterien liefern für die MORALISCHE BEWERTUNG dessen, was wir
heute zu tun imstande sind.

Doch, man muss nur weiterdenken und nicht am Satzschlusszeichen aufhören.

Da hilft auch kein hilfloses Schwätzen über die „Würde des
Menschen“, weil nämlich kein Mensch sagen kann, was man damit
GENAU meinen soll. Der Begriff der Menschenwürde ist nur
vermeintlich ein Rettungsring, aus dem unmittelbar die Luft
rausgeht, wenn man nur fragt „was GENAU meinst du damit?“ -

Der Mensch als Ebenbild Gottes bedeutet für mich (s. Posting ‚das gute liegt so nah‘), dass man sein Lebensrecht achten muss und ihn nicht als Vehikel zur Erreichung eines egoistischen Ziels einsetzen darf.
Deswegen meine Meinung zu den Themen:

Wir können aus den 10 Geboten nicht entnehmen,
ob es moralisch gut oder moralisch schlecht ist,
den Strom bei Koma-Patienten abzuschalten,

moralisch verwerflich

oder Menschen zu klonen,

moralisch verwerflich

oder Gene zu manipulieren,

zu pauschal (Menschen, Tiere, Pflanzen, Stammzellen,…?), daher keine Meinung möglich

oder durch vorherige Chromosomenanalyse zu entscheiden, ob :unser extrauteral gezeugtes Kind eine Junge oder Mädchen werden :soll…

moralisch verwerflich

und er wird außerdem zur Begründung von Mord und Todschlag
benutzt (bombenschmeißende Abtreibungsgegner…etc.)

Mit diesem Argument kann man jede Ethik/Äusserung/Ansicht diskretieren, da es immer mindestens ein Mensch gibt, der sie nutzt, um ‚Böses‘ zu begründen.
(Stalin -> Sozialismus, RAF -> 68er, Papst -> Christentum, Ajatollah -> Islam und es finden sich sicher auch noch Buddhisten, Taoisten,…, die was böses getan haben)

Meine Meinung war: den Begriff vom „Werrt“ des Menschen müssen
wir angesichts der bio- und medizintechnischen Möglichkeiten
heute ganz neu bestimmen

Einen Menschen in Afrika vorm Hunger zu retten kostet (langfristig) einige hundert Dollar, einen Menschen zu klonen einige 100.000.
Nein, der Mensch ist ein immaterielles Gut !

… dann könnte daraus ein Kriterium
für moralische Bewertungen werden…

Wenn de zahlen kannst, haste recht. Auch das ist eine Moral.

Tschuess Marco.

neue Aufklärung
Hi Marion

Ich sehe, dass ethische Grundsätze heutzutage doch durch
zweierlei definiert werden: a) durch die Gesetze b) durch
Grundsätze innerhalb von Religionsgemeinschaften.

Gestze sind in der Regel (zumindest in Demokratien) ein Teil dessen was in der allgemeinen „Sittlichkeit“ (so der Terminus) an Normen enthalten ist. Dabei ist es eher umgekehrt, daß die gestze die Sittlichkeit wiederspiegeln. Der Anteil, der von religiösen Traditionen geliefert wird ist da schon sehr viel größer. Die Normen religiöser Herkunft sind sehr häufig einer Gesellschaft oktroyiert - bestes Beispiel die römische Kirche…

ABER, was
ich nicht sehe ist auch nur ansatzweise ein gesellschaftlicher
Konsens ausserhalb dieser beiden Bereiche.

Das stimmt! Das ist bezüglich der Bio- und Medizinfragen kein Wunder, denn diese setzen ein Maß an Sachklenntnis voraus, das weite Teile der Bevölkerung ja gar nicht haben können. Ihre Informationen bekommen sie nur durch „populäre“ Darstellungen, und die reichen nicht für eine Urteilsbildung…

In dem Maße, wie

sich die Gesellschaft heutzutage schon individualisiert hat,
bastelt doch jeder seine eigenen ethischen Grundsätze (und
versucht, sich dabei an bestehende Gesetze zu halten).

Tatsächlich ist insbesondere durch das Versagen der regulativen Funktione mancher Religionsgemeinschaften ein erheblicher Freiraum geschaffen worden, der sich als Mangel an allgemeinen Normen darstellt. So bleibt nicht anderes übrig, als nach persönlichen Maximen und privaten Werteskalen seine Handlungen zu beurteilen. Das allerdings tuen Menschen immer: denn das „Gewissen“ - also die persönliche Entscheidungsinstanz - ist die Basis jeder Nach-Aufklärungs-Ethik.

Das Problem ist nur, das das „Gewissen“ in der Regel eine Abstimmung persönlicher Maximen mit allgemeinen ethischen Grundsätzen herstellen können sollte (siehe kategorischer Imperativ)… aber es gibt heute zu viele Bereiche, in denen das Gewissen sich verpflichtet fühlen muß, GEGEN allgemeine Grundsätze zu handeln… das macht sich insbesondere in der Sexual-Ethik bemerkbar…

…Nur solange es keinen
wirklichen Konsens in der Bevölkerung gibt (aus den von dir
angesprochenen Ursachen, z.B. da jemand gar nicht weiss wie
und wonach er etwas bewerten soll) fehlt auch dem Gesetzgeber
eine gewisser Rückhalt.

So ist es. Und der Gestzgeber ist in derselben Lage, keine Urteilsfähigkeit zu haben über alle diese neu aufgeworfenen Fragen…

So ist es doch kaum verwunderlich,
dass in dieses Vakuum hinein die Wirtschaft …ihre Lobby
nutzt, um auf Gesetze nach ihren Vorstellung zu drängen. Diese
beiden Interessengruppen scheinen nämlich die einzigen
überhaupt zu sein, die diesbezüglich einen festen Standpunkt
einnehmen (können).

Das ist das ganze Problem auf den Punkt gebracht!! SUPER !!

Mich würde daher insbesondere interessieren,
a) wie die, ich nenne sie mal „Ethik-Vordenker“, an dieses
Problem herangehen können, um erstmal neue Ethische Grundsätze
zu entwickeln und zur Diskussion zu stellen und

Da kann ich nur eine individuelle Stellungnahme zu wiedergeben:

Fast alle ethischen Probleme der Gegenwart haben etwas damit zu tun, daß sich der Mensch EINERSEITS vollständig als Gegenstand der Natur interpretieren muß - das ist gewissermaßen das natruwissenschaftliche Selbstbild des Menschen…
Andererseits MÜSSEN wir daran festhalten, daß etwas am Menschen NICHT nur Natur ist. Dabei ist es erstmal gleichgültig, worin dieses „etwas“ besteht… denn der dafür zentrale Begriff „Geist“, der in der vorläufig letzten für diese Fragen kompetenten Philosophie (Schelling, Hegel) eine wesentliche Rolle spielte, wird heute nicht mehr sinnvoll verwendet.

Das Problem ist damit, daß wir sowohl für die Bestimmung des Menschen als „Ding der Natur“ als auch für seine Bestimmung als „etwas anderes als Natur“ den Naturbegriff erstmal bestimmen müssen… der kann jedoch von den NaturWISSENSCHAFTEN nicht gegeben werden… aber NaturPHILOSOPHIE (die hier zuständig wäre) ist nach der ersten Hälfte des 19. Jhdts (also nach Schelling und Hegel) nicht mehr systematisch weiterentwickelt worden.

b) ob du Ideen hast, wie man diese Masse an
„Ethik-Individualisten“ in Richtung eines gesellschaftlichen
Konsenses vereinigen kann.

Ja - durch endlich anständige Philosophieausbildung an den Schulen und in den Lehrerstudiengängen… und durch „Bildung“ der Bevölkerung in Fragen der heutigen Biologie und Medizin…

Liebe Grüße
Manfred

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Eine Dekonstruktion der Ethik
wird auf uns eher kommen als eine neue Aufklärung, befürchte ich.

Weißt du, einerseits stimmt es: über die Würde des Menschen nach dem, was der Mensch dem Menschen im 20. Jht angetan hat, wurde eigentlich nicht mehr möglich in alten Kategorien - oder mit alten Kriterien - zu philosophieren, und die neuen - so in der Form von 10 Geboten - werden wohl nicht so schnell entstehen.

Weil - andererseits - die Ethik nur mit großer Mühe das festlegen kann, was die Realität noch nicht festgelegt hat. Ich würde behaupten, daß wir in einer Epoche des großen Umbruchs leben. Dieser Umbruch hat schon begonnen, und wir sind drin. Sehr übertrieben formuliert leben wir noch im Rom und wissen nicht, wann das Mittelalter beginnt. Noch weniger wissen wir, ob neuer Mithrakult oder neues Christentum schon in unserer Nähe entstanden sind, wie lange wird es bis zum neuen Konzil von Nikea dauern, und was die Menschheit mit all dem Neuen machen wird, was sie zu ihrer absoluten Überraschung und Überforderung entdeckt.

Zuerst wird sie es aber tun müssen, eben damit fertig werden, und wenn wir das Glück haben, werden wir es noch erleben, daß wir auch eine Erklärung dafür bekommen.

Ich glaube nicht, daß eine neue Aufklärung aktuell ist. Eine NEUE THÉODICÉE? oder BEANTWORTUNG DER FRAGE: WAS IST NEUE AUFKLÄRUNG? hmmm :smile:

Es ist erstaunlich, man kann aber auch im Internet schon etwas ganz brauchbares finden:

http://www.gradnet.de/pomo2.archives/pomo98.papers/t…
http://www.itap.de/homes/otto/pynchon/dekon.htm
http://www.uni-jena.de/ms/mz.html
http://wk.philo.at/TTTKlinger.html

Liebe Grüße

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das Ende der Aufklärung
Hallo Manfred,

Ich sehe, dass ethische Grundsätze heutzutage doch durch
zweierlei definiert werden: a) durch die Gesetze b) durch
Grundsätze innerhalb von Religionsgemeinschaften.

Gestze sind in der Regel (zumindest in Demokratien) ein Teil
dessen was in der allgemeinen „Sittlichkeit“ (so der Terminus)
an Normen enthalten ist. Dabei ist es eher umgekehrt, daß die
gestze die Sittlichkeit wiederspiegeln.

Genau das meinte ich mit: „Der Gesetzgeber forscht danach, was
seiner Meinung nach (und der seiner Wähler) gesellschaftlicher Konsens ist und erläßt dementsprechende
Gesetze.“ (siehe mein letztes Posting)

Der Anteil, der von

religiösen Traditionen geliefert wird ist da schon sehr viel
größer. Die Normen religiöser Herkunft sind sehr häufig einer
Gesellschaft oktroyiert - bestes Beispiel die römische
Kirche…

Sicher spiegelt sich in unseren Gesetzen auch in gewissem Maße unsere christlich-abendländische Tradition wieder. Will ein gläubiger Christ (oder gar ein Angehöriger einer anderen Religionsgemeinschaft) jedoch nach den Grundsätzen seiner Religion leben, muss er weit über das hinausgehen, was unsere heutigen Gesetze als Maßstab setzen.

ABER, was
ich nicht sehe ist auch nur ansatzweise ein gesellschaftlicher
Konsens ausserhalb dieser beiden Bereiche.

Das stimmt! Das ist bezüglich der Bio- und Medizinfragen kein
Wunder, denn diese setzen ein Maß an Sachklenntnis voraus, das
weite Teile der Bevölkerung ja gar nicht haben können. Ihre
Informationen bekommen sie nur durch „populäre“ Darstellungen,
und die reichen nicht für eine Urteilsbildung…

Reicht denn Sachkenntnis für eine Urteilsbildung aus ?
Dann müssten ja Menschen mit dem gleichen (guten) Kenntnisstand in der Lage sein, einen ethischen Konsens zu bilden. Gerade das bezweifel ich. Ein Mediziner, der seine ethischen Grundsätze aus der christlichen Lehre ableitet wird zu einer ganz anderen Beurteilung kommen, als ein Mediziner, der sich bsw. dem Utilitarismus verschrieben hat.

Tatsächlich ist insbesondere durch das Versagen der
regulativen Funktione mancher Religionsgemeinschaften ein
erheblicher Freiraum geschaffen worden, der sich als Mangel an
allgemeinen Normen darstellt. So bleibt nicht anderes übrig,
als nach persönlichen Maximen und privaten Werteskalen seine
Handlungen zu beurteilen. Das allerdings tuen Menschen immer:
denn das „Gewissen“ - also die persönliche
Entscheidungsinstanz - ist die Basis jeder
Nach-Aufklärungs-Ethik.

Haben wir den heutigen Zustand nicht gerade der Aufklärung zu verdanken, die Glaube zunehmend durch Naturwissenschaft ersetzt hat ? Und ist es nicht eher so, dass wir jetzt an den Punkt kommen, an dem wir erkennen müssen, dass die Naturwissenschaft uns in unserem Selbstverständnis des Menschen

als „Ding der Natur“ als auch für seine Bestimmung

als „etwas anderes als Natur“

bedroht ?

Die grossen Kirchen mögen ja an Einfluß verlieren, aber ich meine, der Zulauf, den Gruppierungen jeglicher Couleur erhalten, solange sie nur das Etikett „spirituell“ aufweisen, spiegelt deutlich diese zunehmend wahrgenomme Bedrohung wieder. Nur: Gerade durch diesen Umstand findet eine noch größere Segmentierung der Bevölkerung in Einzelgruppen mit eigenständigen ethischen Grundsätzen ohne gesamtgesellschaftlichen Konsens statt, und verschärft damit die gesamtgesellschaftliche Ratlosigkeit.

Das Problem ist nur, das das „Gewissen“ in der Regel eine
Abstimmung persönlicher Maximen mit allgemeinen ethischen
Grundsätzen herstellen können sollte (siehe kategorischer
Imperativ)… aber es gibt heute zu viele Bereiche, in denen
das Gewissen sich verpflichtet fühlen muß, GEGEN allgemeine
Grundsätze zu handeln… das macht sich insbesondere in der
Sexual-Ethik bemerkbar…

Das kommt darauf an, wo man die allgemeinen ethischen Grundsätze ansiedelst. Siedelt man diese im Bereich unserer Gesetze an, (die ja wie wir oben übereinstimmend festgestellt haben ein Spiegelbild des gesamtgesellschaftlichen ethischen Konsenses sind) hat der Mensch doch im Bereich dieser allgemeinen ethischen Grundsätze einen sehr großen Freiraum. Die Gesetze spiegeln doch höchstens noch einen Minimalkonsens bsw. der Sexual-Ethik wieder.

Und genau das ist meiner Meinung nach in allen Bereichen der entscheidende Punkt: Durch die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft spiegeln die allgemeinen ethischen Grundsätze (in Form von Gesetzen) zunehmend nur noch einen Minimalkonsens wieder, auf den sich die unterschiedlichen Einzelgruppen einigen können. Nur fühlt sich mit diesem Minimalkonsens kaum noch jemand richtig wohl, da sein „Gewissen“ in dem Maße zunehmend von den ethischen Grundsätzen seiner (z.B. spirituell/religiösen) Einzelgruppe (die u.U. auch nur aus lediglich seiner Person bestehen kann) bestimmt wird, in dem der allgemeingesellschaftliche ethische Konsens sich verringert.

Und an dieser Stelle möchte ich meine Frage b) gerne nochmal einschieben:

wie kann man diese Masse an

„Ethik-Individualisten“ in Richtung eines gesellschaftlichen
Konsenses wieder vereinigen ?

Deine Antwort:

  • durch endlich anständige Philosophieausbildung an den

Schulen und in den Lehrerstudiengängen… und durch „Bildung“
der Bevölkerung in Fragen der heutigen Biologie und Medizin…

ist für mich nicht richtig verständlich. Wie kann obiges einen Anstieg an allgemeingültigen ethischen Grundsätzen (im Gegensatz zu individuellen ethischen Grundsätzen) bewirken ?

Und hier könnte sich eventuell der Kreis schließen:

Das Problem ist damit, daß wir sowohl für die Bestimmung des
Menschen als „Ding der Natur“ als auch für seine Bestimmung
als „etwas anderes als Natur“ den Naturbegriff erstmal
bestimmen müssen… der kann jedoch von den
NaturWISSENSCHAFTEN nicht gegeben werden… aber
NaturPHILOSOPHIE (die hier zuständig wäre) ist nach der ersten
Hälfte des 19. Jhdts (also nach Schelling und Hegel) nicht
mehr systematisch weiterentwickelt worden.

Ich verstehe zu wenig von Philosophie um mit dem Begriff Naturphilosophie wirklich etwas anfangen zu können, also frag ich mal :smile:
In welcher Weise kann die Naturphilosophe uns die Antworten (!!) liefern, die die Naturwissenschaften schuldig bleiben (?) und in welcher Weise kann sie eine „echte“ Alternative zu den von mir erwähnten zahllosen „spirituellen“ Gruppen darstellen, in denen die Menschen nach einer Antwort (!) auf das „etwas anderes als Natur“ suchen (?), um die Menschen letztendlich wieder in einem größeren gesamtgesellschaftlichen Konsens zu vereinigen, der dann ENDLICH dem Gesetzgeber seine Handlungsfähigkeit zurückgibt, ohne sich mit einem unbefriedigen Minimalkonsens zufrieden geben zu müssen (?)

fragt
Marion

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Lieber Marco
Mir scheint es, dass BSE und AIDS und extrauterine Befruchtung nicht auf verschiedene Ebenen der Ethik stehen. Unser Verhalten hat nur verschiedene Gefähren heraufbeschworen. Was macht es aus, ob unser Verhältnis zum Mensch oder zum tier uns ins verderben stürzt?

Wir stehen als Menschen vor eine Bündel neue Herausforderungen, die auch nicht die letzten sein werden.
Grüsse,
Mike

Lieber Raimund
Sicher wird die neue Ethik auch grosse Menschenansammlungen einbeziehen müssen – wenn genug Menschen BSE,Aides usw. überleben! Damit will ich sagen, dass nicht die Menschenansammlungen das Problem sind. Diese zeigen nur die Unvollkommenheit unsere bisherigen Ethik auf. Was ich meine ist, man kann mit einfachen Grundsätzen auskommen, solange bis man Situationen antrifft, die sich kaum nach den Grundsätzen beurteilen lassen. Beispiel: Du sollst nicht töten. Wann wird ein Zellenhaufen ein identifizierbares Wesen, ob nun Mensch Tier oder sonstwas, das man nicht töten soll? Ja, nicht töten wurde auch schon relativiert und findet nur auf Menschen Anwendung.
Grüsse,
Mike

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Metapher
. . .auf die Schnelle :smile:… das war sehr viel. Ich möchte nicht darüber feilschen ob es jetzt um eine neue Ethik oder ethischen Grundsätze geht. Ich sehe im Augenblick kein grosser Unterschied - muss meine Unkenntnis gestehen. Wonach ich rufe ist etwas, was uns von der bisherigen Moral und Sittlichkeit hinausführt und eine Grundlage liefert, um das Überleben der Menscheit zu sichern und brauchbare Regeln ableiten lässt, wonach die moderne Möglicheiten der Wissenschaft beurteilen lassen. Damit sollten auch alle Spezialfällen, wie die „utilistische“ Ethik der USA als unvollständig und gefährlich entlarvt werden.

daß wir für ethische Grundsätze DIESER Art

nicht mehr in Büchern oder in der bisherigen Weltgeschichte
nachschauen können, sondern daß wir sie selbst neu gestalten
müssen, daß sie also auf Übereinstimmung beruhen müssen… und
daß sie nicht allein von denen inszeniert werden können, die
gegen unseren Willen Macht über uns haben…

Amen dazu. Denn Spezialethik führt zu Verzerrungen, die letzlich für alle Menschen und Tiere tödlich sein können.

Die sogenannte Ethikprofessorin war eine Biologieprofessorin,
deshalb konnte sie zu Ethikfragen nix sagen… die Philosophie
(in der Ethik ein Spezialgebiet ist) hat heute eine enorm
schlechte öffentliche Repräsentanz… so, daß jeder Biologe,
Mediziner, Neurologe… schon als Ethiker bezeichnet wird, der
auch nur mal am Feierabend (wann sonst?) die Frage nach Moral
gestellt hat, oder Teilnehmer eines
Ethik-Selbsthilfe-Wochenendseminars ist…

Leider Hast Du allzu recht. Die Ethik-Professorin ist, wie richtig kommentiert wurde, Molekularbiologin. Sie ist aber immerhin Vorsitzende des Ethik-Beirats des Bundesgesundheitsministeriums. Führen also schon wieder die Blinden? Nach Frau Kollek’s Bemerkungen zu urteilen ist die Antwort „Ja“.
Grüsse,
Mike

Liebe Marion

„Was moralisch gut oder moralisch schlecht ist, das bestimmt
heute die Wirtschaft und sonst niemand“
Wir werden in ethischen Fragen und damit in Fragen nach
moralischen Urteilen, erst weiterkommen, wenn wir endlich
eingesehen haben, daß wir für ethische Grundsätze DIESER Art
nicht mehr in Büchern oder in der bisherigen Weltgeschichte
nachschauen können, sondern daß wir sie selbst neu gestalten
müssen.

Genauso ist es. Genau das ist meine Frage: Nach welchen allgemein gültigen Grundsätzen kann man eine neue Ethik (oder Ethischen Grundsätze) entwickeln. Wie Du sagst, jeder bastelt für sich vor sich hin.

Im Prinzip wird dieses Problem durch unsere Demokratie
geregelt. Der Gesetzgeber forscht danach, was seiner Meinung
nach (und der seiner Wähler) gesellschaftlicher Konsens ist
und erläßt dementsprechende Gesetze.

Ich bestreite diese Aussage. Es kann kaum eine neue Ethik anhand von einer Meinungsumfrage entstehen. Die Enthüllungen (CDU-Spendenaffäre, Elf/Mitterand, usw,) flössen mir kein Vertrauen in die Befähigung der Poltiker, moralische bzw. ethische Grundsätze zu konzipieren.

Mich würde daher insbesondere interessieren,
a) wie die, ich nenne sie mal „Ethik-Vordenker“, an dieses
Problem herangehen können, um erstmal neue Ethische Grundsätze
zu entwickeln und zur Diskussion zu stellen und

Ja, mich interessierts auch, daher meine Frage!

b) ob du Ideen hast, wie man diese Masse an
„Ethik-Individualisten“ in Richtung eines gesellschaftlichen
Konsenses vereinigen kann.

Was hält Ihr von:
Die Drei Gebote der Ethik:
Das Überleben der Menschheit fördernd = gut oder gefährdend = schlecht.
Das Leben in der Gemeinschaft (alles Lebendige) fördernd = gut/gefährdend = schlecht.
Die Vielfalt fördernd gut/gefährdend schlecht.
Ich habe absichtlich gut und schlecht gegeübergestellt, da das Böse bereits stark belegt ist.
Grüsse,
Mike

Lieber peet
Die Denkansätze, wie z.B. von Aldous Huxley, George Orwell, Ray Bradbury, Stanislaw Lem, Brüder Strugatzki formuliert, sind weitgehend Projektionen und helfen uns nur zu sehen wo uns unser Verhalten möglicherweise hinführt. Ich glaube mit Metapher, dass wir kaum Vorbilder für neuen Ansätze finden werden. Allerdings, muss ich zugeben, dass es kaum etwas gibt, was ich denken kann, was nicht schon gedacht worden ist. Falls jemand einen Vordenker nennen kann, wäre ich froh.

Nebenbei gemerkt: Rudolf Steiner, lasse ich mir sagen, hat vorausgesagt, dass wenn man Wiederkäuer Fleisch zu fressen gäbe, würden sie verruckt werden. Auch seine Landbaumethoden sind sehr fortschrittlich und sind den Bio-Bauern um einigen Jahre voraus gewesen. (Ich bin kein Anthroposph)
Grüsse,
Mike

Lieber Metapher
Ich habe einige Bemerkungen weiter oben zu diesem Thema gemacht, aber ich stimme dir mehrheitlich zu

Wir werden in ethischen Fragen und damit in Fragen nach
moralischen Urteilen, erst weiterkommen, wenn wir endlich
eingesehen haben, daß wir für ethische Grundsätze DIESER Art
nicht mehr in Büchern oder in der bisherigen Weltgeschichte
nachschauen können…

Ich versuchte mit meinem Statement aber auf etwas anderes
hinzuweisen: nämlich daß uns bisherige ethische Normen keine
Kriterien liefern für die MORALISCHE BEWERTUNG dessen, was wir
heute zu tun imstande sind.

Um es mal krass zu sagen:
Wir können aus den 10 Geboten nicht entnehmen, ob es moralisch
gut oder moralisch schlecht ist, den Strom bei Koma-Patienten
abzuschalten, oder Menschen zu klonen, oder Gene zu
manipulieren, oder durch vorherige Chromosomenanalyse zu
entscheiden, ob unser extrauteral gezeugtes Kind eine Junge
oder Mädchen werden soll…

Ja, genauso ist es. Wir schwimmen, weil die alten Gebote sich nicht mehr anwenden lassen. Dann fallen wir auf eine ganz persönlichen Ethik zurück: Was mir jetzt nutzt ist gut!

Da hilft auch kein hilfloses Schwätzen über die „Würde des
Menschen“, weil nämlich kein Mensch sagen kann, was man damit
GENAU meinen soll. Der Begriff der Menschenwürde ist nur
vermeintlich ein Rettungsring, aus dem unmittelbar die Luft
rausgeht, wenn man nur fragt „was GENAU meinst du damit?“ -
und er wird außerdem zur Begründung von Mord und Todschlag
benutzt (bombenschmeißende Abtreibungsgegner…etc.)

So ist es!

Meine Meinung war: den Begriff vom „Werrt“ des Menschen müssen
wir angesichts der bio- und medizintechnischen Möglichkeiten
heute ganz neu bestimmen… dann könnte daraus ein Kriterium
für moralische Bewertungen werden…

Ganz neu beginnen (bestimmen?)? Ja, das glaube ich auch.
Grüsse,
Mike

hallo, Michael,
leider kann der Mensch ohne Töten nicht leben!
Er frißt seine verwandten: die Tiere, die Pflanzen. Da ich das nicht verhindern kann, muss ich also weiter „Verwandte fressen“.
Utopie: vielleicht schafft es die Forschung einmal, den Menschen durch Genveränderung vom Essen unabhängig zu machen. Denke an die Pflanzen. Es gibt genügend, die nur 2 nahrungsquellen brauchen: Licht und Wasser.
Schön wär´s!
Grüße
Raimund

Wissenschaft, Glaube und Ethik…
Hi Marion

Das ist bezüglich der Bio- und Medizinfragen kein
Wunder, denn diese setzen ein Maß an Sachklenntnis voraus, das
weite Teile der Bevölkerung ja gar nicht haben können. Ihre
Informationen bekommen sie nur durch „populäre“ Darstellungen,
und die reichen nicht für eine Urteilsbildung…

Reicht denn Sachkenntnis für eine Urteilsbildung aus ?

Nein, sie reicht natürlich nicht aus, aber eine gewisse Sachkenntniss ist unabdingbar. Es hapert gleich auf beiden Seiten. Es gibt nur verdammt wenige Naturwissenschaftler, die in der Lage sind, ihr Fachgebiet so einem Laien zu vermitteln, das dieser zumindest eine Ahnung davon bekommt, was die Leute da eigentlich machen… (Was bei Molekularbiologie oder Hochenergiephysik zugegebenermasen nicht ganz einfach ist), UND viele Laien haben überhaupt keine Lust, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Lieber BILDen sie sich anhand irgendwelcher Artikelchen ihre Meinung, und bei ernsthaften Auseinandersetzungen könnten sich diese Meinungen ja als irrig erweisen. Und die eigene Meinung ist bekanntlich immer richtig. (Def. von Absurd: Eine der eigenen Meinung entgegengestzte Aussage…)

Dann müssten ja Menschen mit dem gleichen (guten)
Kenntnisstand in der Lage sein, einen ethischen Konsens zu
bilden. Gerade das bezweifel ich. Ein Mediziner, der seine
ethischen Grundsätze aus der christlichen Lehre ableitet wird
zu einer ganz anderen Beurteilung kommen, als ein Mediziner,
der sich bsw. dem Utilitarismus verschrieben hat.

Das ist korrekt, aber diese Leute haben wenigstens eine gemeinsame Basis. Ich persönlich wundere mich immer wieder, welche Leute eine dezidierte ethische Meinung über Bergbau haben, aber ofensichtlich keine Ahnung haben, das ihr Auto im wesentlichen aus Stahl, Kupfer, Blei und Zink besteht… Und Benzin kommt aus der Zapfsäule.

Tatsächlich ist insbesondere durch das Versagen der
regulativen Funktione mancher Religionsgemeinschaften ein
erheblicher Freiraum geschaffen worden, der sich als Mangel an
allgemeinen Normen darstellt. So bleibt nicht anderes übrig,
als nach persönlichen Maximen und privaten Werteskalen seine
Handlungen zu beurteilen. Das allerdings tuen Menschen immer:
denn das „Gewissen“ - also die persönliche
Entscheidungsinstanz - ist die Basis jeder
Nach-Aufklärungs-Ethik.

Haben wir den heutigen Zustand nicht gerade der Aufklärung zu
verdanken, die Glaube zunehmend durch Naturwissenschaft
ersetzt hat ?

Das Problem liegt darin, das die Naturwissenschaften zur Ideologie erhoben wurden, mit dem Anspruch der „totalen Kontrolle“ Das ist spätestens seit der Chaostheorie obsolet.
das Hauptproblem liegt darin, das die Naturwissenschaften eben genau das Gegenteil von Glauben und Ideologie ist. Glaube und Ideologie bauen auf „absoluten Wahrheiten“ auf, während die Naturwissenschaften dynamisch auf der Suche nach Wahrheiten sind (aber sie per definitionem niemals mit absoluter Sicherheit beweisen kann)

Und ist es nicht eher so, dass wir jetzt an den
Punkt kommen, an dem wir erkennen müssen, dass die
Naturwissenschaft uns in unserem Selbstverständnis des
Menschen
als „Ding der Natur“ als auch für seine Bestimmung
als „etwas anderes als Natur“
bedroht?

Nicht die Naturwissenschaften an sich bedrohen unsere Existenz, sondern die darauf aufbauenden Ideologien. Am allerschlimmsten die sehr kurzsichtige utiliaristische Ethik, auf das „Machbare“ ausgerichtet, nach dem Motto, was kurzfristig Gewinn bringt, ist gut.
Die Naturwissenschaften sind meiner Meinung nach die einzige Lösung für die mittelfristig zu erwartenden Probleme bei der Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung, sowie bei der weiteren Krankheitsbekämpfung und der Hebung des Lebensstandards, ohne das wir unsere Existenzgrundlagen gefärden.

Die grossen Kirchen mögen ja an Einfluß verlieren, aber ich
meine, der Zulauf, den Gruppierungen jeglicher Couleur
erhalten, solange sie nur das Etikett „spirituell“ aufweisen,
spiegelt deutlich diese zunehmend wahrgenomme Bedrohung
wieder. Nur: Gerade durch diesen Umstand findet eine noch
größere Segmentierung der Bevölkerung in Einzelgruppen mit
eigenständigen ethischen Grundsätzen ohne
gesamtgesellschaftlichen Konsens statt, und verschärft damit
die gesamtgesellschaftliche Ratlosigkeit.

Das ist ein Riesenproblem. Vielen Menschen erscheint das naturwissenschaftliche Weltbild als kalt und „unmenschlich“.
Wahrscheinlich wegen der ungeheueren Zeiträume und Distanzen.
Dies ist vermutlich das grösste Versagen der Naturwissenschaften. Sie haben es nicht geschafft, die grandiose Schönheit der „Schöpfung“ zu vermitteln.
Somit flüchten sich viele Menschen in ein „kleineres und überschaubareres“ Weltbild, und das ist, abhängig von der jeweiligen Gruppe, ein anderes…

Durch die zunehmende Individualisierung
der Gesellschaft spiegeln die allgemeinen ethischen Grundsätze
(in Form von Gesetzen) zunehmend nur noch einen Minimalkonsens
wieder, auf den sich die unterschiedlichen Einzelgruppen
einigen können. Nur fühlt sich mit diesem Minimalkonsens kaum
noch jemand richtig wohl, da sein „Gewissen“ in dem Maße
zunehmend von den ethischen Grundsätzen seiner (z.B.
spirituell/religiösen) Einzelgruppe (die u.U. auch nur aus
lediglich seiner Person bestehen kann) bestimmt wird, in dem
der allgemeingesellschaftliche ethische Konsens sich
verringert.

Und an dieser Stelle möchte ich meine Frage b) gerne nochmal
einschieben:

wie kann man diese Masse an
„Ethik-Individualisten“ in Richtung eines gesellschaftlichen
Konsenses wieder vereinigen ?

Deine Antwort:

  • durch endlich anständige Philosophieausbildung an den
    Schulen und in den Lehrerstudiengängen… und durch „Bildung“
    der Bevölkerung in Fragen der heutigen Biologie und Medizin…

Ganz allgemein sollte das Niveau der naturwissenschaftlichen und! sozialwissenschaftlichen Bildung gehoben werden. Dann wüssten wenigstens mehr Leute, von was man redet…
Aber dies kann nur ein Schritt sein.

Und jetzt kommt das Problem: ein Minimalkonsens schliesst eben die meisten gesellschaftlichen Gruppen ein. Sollte man gegenwärtig einen Maximalkonsens durchdrücken wollen, würde dies zu einem Zwangssystem führen, in dem alle „Abweichler“ verfolgt werden, und zwar wesentlich mehr als heute, wo nur diejenigen eines übergebraten bekommen, die sich sogar von dem Minimalkonses distanzieren.

Ethische Normen können nur aus der gesellschaftlichen Diskussion heraus entwickelt werden (Sozusagen eine Gebrauchsethik).
Es wäre schon mal ein Ansatz, wenn es tatsächlich dazu kommen würde und nicht die eine Gruppe permanent die gleichen Argumente bringt und die Argumente der anderen Seite nicht einmal reflektiert und durchdenkt… Besonders schön in der Gentechnikdebatte zu sehen, wie sind sich die Leute auf den beiden Seiten da nur so SICHER.
Ein zweiter wichtiger Punkt wäre die langfristige Perspektive. Man MUSS von dem kurzsichtigen „was nützt mir das jetzt“ Denken loskommen. Dazu gehört aber tatsächlich wieder ein gewisses Fachwissen. Man muss auch das Gedankenschema „Die Wissenschaft hat es nicht bewiesen, also ist es auch nicht so“ unbedingt ablegen, denn ansonsten können einem sehr unerfreuliche Überraschungen begegnen (Noch mehr als eh schon passiert). Das Durchdenken von „worst case“ Szenarien wirkt häufig ernüchternd.

Ich bin mir ziemlich sicher, das eine weniger emotionale und mehr sachlichere Diskussion der heutigen Probleme dazu beitragen würde, den gesellschaftlichen Konsens zu verbessern und auch ethische Normen zu erarbeiten, die uns sozusagen als Leitfaden für Entscheidungen dienen können.

Aber wird es dazu kommen?

Pessimistische Grüsse
dein
Mike

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Hallo Michael,

irgendwie scheint mir bei dieser Diskussion die christliche Ethik zu kurz zu kommen.

Um es mal krass zu sagen:
Wir können aus den 10 Geboten nicht entnehmen, ob es moralisch
gut oder moralisch schlecht ist, den Strom bei Koma-Patienten
abzuschalten, oder Menschen zu klonen, oder Gene zu
manipulieren, oder durch vorherige Chromosomenanalyse zu
entscheiden, ob unser extrauteral gezeugtes Kind eine Junge
oder Mädchen werden soll…

Ja, genauso ist es. Wir schwimmen, weil die alten Gebote sich
nicht mehr anwenden lassen. Dann fallen wir auf eine ganz
persönlichen Ethik zurück: Was mir jetzt nutzt ist gut!

Wieso sollten sich die alten Gebote nicht anwenden lassen?
Die christliche Ethik besteht ja nicht nur aus den 10 Geboten, die Mose dem Volk Israel verkündet hat.

Da gibt es ja eine Menge anderer Stellen in der Bibel, die durchaus zur Urteilsbildung herangezogen werden können.

Das setzt allerdings auch eine Kenntnis derselben voraus.
Und leider hält es so mancher Naturwissenschafter für unter seiner Würde, dieses Buch aufmerksam durchzulesen.

Das Christentum kennt einen Gott, der das Universum - und natürlich auch die Natur - erschaffen hat. Dieser Gott hat dem Menschen eine Gebrauchsanleitung gegeben, dass es uns gut gehen möge im Leben. Aber die guten Ratschläge werden als veraltet abgetan, während neue und bessere nicht in Sicht sind.

Die BSE-Diskussion ist nur ein Ausläufer der Katastrophe, in die die Menschheit hineingeraten ist. Der von Dir angeführte Grundsatz „Was mir jetzt nutzt ist gut!“ hat dazu geführt, dass auf den Mitmenschen keine Rücksicht genommen wird.
Siehe auch die „Egoismus-Diskussion“ weiter oben.

Ich denke, wir sollten uns überlegen, ob alles, was uns machbar erscheint, auch wirklich ausgeführt werden soll. Wir sollten auch die Frage mit einbeziehen: „was denkt Gott davon?“
Die Fragen, „ob es moralisch gut oder moralisch schlecht ist, den Strom bei Koma-Patienten abzuschalten, oder…, oder…“ sind nicht pauschal zu beantworten. Man muß eben von Fall zu Fall prüfen, ob es im Sinne unseres Schöpfers ist. Und dazu braucht es ein bißchen Übung im Umgang mit Gott.

Gruss Harald