Wissenschaft, Glaube und Ethik…
Hi Marion
Das ist bezüglich der Bio- und Medizinfragen kein
Wunder, denn diese setzen ein Maß an Sachklenntnis voraus, das
weite Teile der Bevölkerung ja gar nicht haben können. Ihre
Informationen bekommen sie nur durch „populäre“ Darstellungen,
und die reichen nicht für eine Urteilsbildung…
Reicht denn Sachkenntnis für eine Urteilsbildung aus ?
Nein, sie reicht natürlich nicht aus, aber eine gewisse Sachkenntniss ist unabdingbar. Es hapert gleich auf beiden Seiten. Es gibt nur verdammt wenige Naturwissenschaftler, die in der Lage sind, ihr Fachgebiet so einem Laien zu vermitteln, das dieser zumindest eine Ahnung davon bekommt, was die Leute da eigentlich machen… (Was bei Molekularbiologie oder Hochenergiephysik zugegebenermasen nicht ganz einfach ist), UND viele Laien haben überhaupt keine Lust, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Lieber BILDen sie sich anhand irgendwelcher Artikelchen ihre Meinung, und bei ernsthaften Auseinandersetzungen könnten sich diese Meinungen ja als irrig erweisen. Und die eigene Meinung ist bekanntlich immer richtig. (Def. von Absurd: Eine der eigenen Meinung entgegengestzte Aussage…)
Dann müssten ja Menschen mit dem gleichen (guten)
Kenntnisstand in der Lage sein, einen ethischen Konsens zu
bilden. Gerade das bezweifel ich. Ein Mediziner, der seine
ethischen Grundsätze aus der christlichen Lehre ableitet wird
zu einer ganz anderen Beurteilung kommen, als ein Mediziner,
der sich bsw. dem Utilitarismus verschrieben hat.
Das ist korrekt, aber diese Leute haben wenigstens eine gemeinsame Basis. Ich persönlich wundere mich immer wieder, welche Leute eine dezidierte ethische Meinung über Bergbau haben, aber ofensichtlich keine Ahnung haben, das ihr Auto im wesentlichen aus Stahl, Kupfer, Blei und Zink besteht… Und Benzin kommt aus der Zapfsäule.
Tatsächlich ist insbesondere durch das Versagen der
regulativen Funktione mancher Religionsgemeinschaften ein
erheblicher Freiraum geschaffen worden, der sich als Mangel an
allgemeinen Normen darstellt. So bleibt nicht anderes übrig,
als nach persönlichen Maximen und privaten Werteskalen seine
Handlungen zu beurteilen. Das allerdings tuen Menschen immer:
denn das „Gewissen“ - also die persönliche
Entscheidungsinstanz - ist die Basis jeder
Nach-Aufklärungs-Ethik.
Haben wir den heutigen Zustand nicht gerade der Aufklärung zu
verdanken, die Glaube zunehmend durch Naturwissenschaft
ersetzt hat ?
Das Problem liegt darin, das die Naturwissenschaften zur Ideologie erhoben wurden, mit dem Anspruch der „totalen Kontrolle“ Das ist spätestens seit der Chaostheorie obsolet.
das Hauptproblem liegt darin, das die Naturwissenschaften eben genau das Gegenteil von Glauben und Ideologie ist. Glaube und Ideologie bauen auf „absoluten Wahrheiten“ auf, während die Naturwissenschaften dynamisch auf der Suche nach Wahrheiten sind (aber sie per definitionem niemals mit absoluter Sicherheit beweisen kann)
Und ist es nicht eher so, dass wir jetzt an den
Punkt kommen, an dem wir erkennen müssen, dass die
Naturwissenschaft uns in unserem Selbstverständnis des
Menschen
als „Ding der Natur“ als auch für seine Bestimmung
als „etwas anderes als Natur“
bedroht?
Nicht die Naturwissenschaften an sich bedrohen unsere Existenz, sondern die darauf aufbauenden Ideologien. Am allerschlimmsten die sehr kurzsichtige utiliaristische Ethik, auf das „Machbare“ ausgerichtet, nach dem Motto, was kurzfristig Gewinn bringt, ist gut.
Die Naturwissenschaften sind meiner Meinung nach die einzige Lösung für die mittelfristig zu erwartenden Probleme bei der Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung, sowie bei der weiteren Krankheitsbekämpfung und der Hebung des Lebensstandards, ohne das wir unsere Existenzgrundlagen gefärden.
Die grossen Kirchen mögen ja an Einfluß verlieren, aber ich
meine, der Zulauf, den Gruppierungen jeglicher Couleur
erhalten, solange sie nur das Etikett „spirituell“ aufweisen,
spiegelt deutlich diese zunehmend wahrgenomme Bedrohung
wieder. Nur: Gerade durch diesen Umstand findet eine noch
größere Segmentierung der Bevölkerung in Einzelgruppen mit
eigenständigen ethischen Grundsätzen ohne
gesamtgesellschaftlichen Konsens statt, und verschärft damit
die gesamtgesellschaftliche Ratlosigkeit.
Das ist ein Riesenproblem. Vielen Menschen erscheint das naturwissenschaftliche Weltbild als kalt und „unmenschlich“.
Wahrscheinlich wegen der ungeheueren Zeiträume und Distanzen.
Dies ist vermutlich das grösste Versagen der Naturwissenschaften. Sie haben es nicht geschafft, die grandiose Schönheit der „Schöpfung“ zu vermitteln.
Somit flüchten sich viele Menschen in ein „kleineres und überschaubareres“ Weltbild, und das ist, abhängig von der jeweiligen Gruppe, ein anderes…
Durch die zunehmende Individualisierung
der Gesellschaft spiegeln die allgemeinen ethischen Grundsätze
(in Form von Gesetzen) zunehmend nur noch einen Minimalkonsens
wieder, auf den sich die unterschiedlichen Einzelgruppen
einigen können. Nur fühlt sich mit diesem Minimalkonsens kaum
noch jemand richtig wohl, da sein „Gewissen“ in dem Maße
zunehmend von den ethischen Grundsätzen seiner (z.B.
spirituell/religiösen) Einzelgruppe (die u.U. auch nur aus
lediglich seiner Person bestehen kann) bestimmt wird, in dem
der allgemeingesellschaftliche ethische Konsens sich
verringert.
Und an dieser Stelle möchte ich meine Frage b) gerne nochmal
einschieben:
wie kann man diese Masse an
„Ethik-Individualisten“ in Richtung eines gesellschaftlichen
Konsenses wieder vereinigen ?
Deine Antwort:
- durch endlich anständige Philosophieausbildung an den
Schulen und in den Lehrerstudiengängen… und durch „Bildung“
der Bevölkerung in Fragen der heutigen Biologie und Medizin…
Ganz allgemein sollte das Niveau der naturwissenschaftlichen und! sozialwissenschaftlichen Bildung gehoben werden. Dann wüssten wenigstens mehr Leute, von was man redet…
Aber dies kann nur ein Schritt sein.
Und jetzt kommt das Problem: ein Minimalkonsens schliesst eben die meisten gesellschaftlichen Gruppen ein. Sollte man gegenwärtig einen Maximalkonsens durchdrücken wollen, würde dies zu einem Zwangssystem führen, in dem alle „Abweichler“ verfolgt werden, und zwar wesentlich mehr als heute, wo nur diejenigen eines übergebraten bekommen, die sich sogar von dem Minimalkonses distanzieren.
Ethische Normen können nur aus der gesellschaftlichen Diskussion heraus entwickelt werden (Sozusagen eine Gebrauchsethik).
Es wäre schon mal ein Ansatz, wenn es tatsächlich dazu kommen würde und nicht die eine Gruppe permanent die gleichen Argumente bringt und die Argumente der anderen Seite nicht einmal reflektiert und durchdenkt… Besonders schön in der Gentechnikdebatte zu sehen, wie sind sich die Leute auf den beiden Seiten da nur so SICHER.
Ein zweiter wichtiger Punkt wäre die langfristige Perspektive. Man MUSS von dem kurzsichtigen „was nützt mir das jetzt“ Denken loskommen. Dazu gehört aber tatsächlich wieder ein gewisses Fachwissen. Man muss auch das Gedankenschema „Die Wissenschaft hat es nicht bewiesen, also ist es auch nicht so“ unbedingt ablegen, denn ansonsten können einem sehr unerfreuliche Überraschungen begegnen (Noch mehr als eh schon passiert). Das Durchdenken von „worst case“ Szenarien wirkt häufig ernüchternd.
Ich bin mir ziemlich sicher, das eine weniger emotionale und mehr sachlichere Diskussion der heutigen Probleme dazu beitragen würde, den gesellschaftlichen Konsens zu verbessern und auch ethische Normen zu erarbeiten, die uns sozusagen als Leitfaden für Entscheidungen dienen können.
Aber wird es dazu kommen?
Pessimistische Grüsse
dein
Mike