Ethnie - rechtlich verbindliche Festlegung?

Hallo,

ich kenne die Definition einer Ethnie nach Max Weber aus Wikipedia. Nun möchte ich wissen ob es eine völkerrechtlich verbindliche Definition gibt, bzw. ev. von Land zu Land unterschiedliche, die Kriterien festlegen ab wann eine Bevölkerungsgruppe als Ethnie gilt.

Hintergrund ist die in Frankreich laufende Klage gegen Google. Wie gesagt, ich will nur wissen ob es verbindliche Definitionen für Ethnie gibt, und nicht diskutieren, ob die betreffende Gruppierung in der Klage auch als solche zu verstehen ist.

Links zum Nachlesen sind mir sehr willkommen :smile:

Danke vorab
fliegerbaer

Die letzte „verbindliche Definition(en) für Ethnie“ und die erste, die ich gelesen habe, waren die „Nürnberger Gesetze“.

Ansonsten kenne ich noch die Frage nach „kaukasisch?“, wenn eine US-amerikanische Website wissen möchte, ob man „weiß“ ist.

Ansonsten kenne ich „jüdisch“ als religiöses und als kulturelles Unterscheidungsmerkmal, als ethnisches ist mir das nicht so bewusst.

Selbst die Semiten sind nach einem Sprachmerkmal gruppiert, nicht nach einem ethnischen: „Als Semiten werden (historische) Völker bezeichnet, die eine semitische Sprache sprechen. […] Heutige semitisch-sprachige Völker sind z. B. Araber, Israelis und Malteser.“

Gruß aus Berlin, Gerd

Hallo Gerd,

vielen Dank für diese Informationen. Ich frage mich dennoch wie dann ethnische Minderheiten vor Gericht Rechte einfordern können. Zum Beispiel Kärnten, der leidige „Ortstaferl-Streit“ mit der slowenischen Minderheit. Obwohl es hier ja eigentlich um die Sprache geht.

Kurz: wenn mal als „ethnische Minderheit“ oder „Ethnie“ einen Prozess führt, so habe ich mir vorgestellt müsste es eine verbindliche Festlegung von Kriterien geben, wer sich als solche bezeichnet kann. Oder liege ich da falsch?

Danke nochmals & Grüße
fliegerbaer

Hallo fliegerbaer,

Ich frage mich dennoch
wie dann ethnische Minderheiten vor Gericht Rechte einfordern
können.

Nun. sie könnten sich z.B. auf das vom Europarat beschlossene „Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten“ berufen.
http://conventions.coe.int/Treaty/ger/Treaties/Html/…
Dort finde ich allerdings keine verbindliche Definition des Begriffes „Ethnie“ bzw. ethnische Minderheit, was auch in der deutschen Deklaration dazu bemängelt(?) wird:
The Framework Convention contains no definition of the notion of national minorities.
http://conventions.coe.int/Treaty/Commun/ListeDeclar…
Wenn man dort die Erklärungen der unterzeichnenden Länder liest, so ist diese Definition offenbar Sache der Länder, die entweder per Deklaration erklären, diese und jene Grupe im Land ist eine „ethnische Minderheit“ (so Deutschland), oder eben per eigene Gesetzgebung den Begriff definieren:
The Kingdom of Belgium declares that the notion of national minority will be defined by the inter-ministerial conference of foreign policy.
Nähere Aufklärung könnte vielleicht auch das Studium der dazugehörigen Erläuterungen
http://conventions.coe.int/Treaty/en/Reports/Html/15…
oder der betreffenden UN-Deklaration bringen:
http://www.un.org/documents/ga/res/47/a47r135.htm
Durchaus beachtenswerte Gedanken zum Problem, den Begriff Ethnie bzw. ethnische Identität irgendwie füllen und damit festlegen zu wollen, finden sich in diesem kurzen Essay:
http://www.kultur.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vo…
„Die eigentliche Frage wäre deshalb nicht, was beinhaltet Ethnizität, sondern unter welchen Motiven wird bezug auf diese Größe genommen und wer erhält dadurch welche Vorteile.“
Dies soll aber keinesfalls die erwähnten EU- bzw. UN-Deklarationen kritisieren oder gar für entbehrlich erklären, im Gegenteil.

Viele Grüße
Marvin

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Hallo Marvin,

perfekt, vielen Dank an Dich!

Grüße
fliegerbaer

Hallo fliegerbaer,

da Ethnie etwas mit biologischer Herkunft zu tun hat und damit mit Genen, Sprache aber nicht zwingend (Findelkinder, gemeinsame Ethnie bei anderer Sprache usw.), muss man da schon unterscheiden.

So haben wir in Kärnten einerseits Franken und Baiern, andererseits Slowenen, also hie Germanen und da Slawen. In Deutschland haben wir die anerkannten Minderheiten der Friesen, der Dänen und der Sorben - und nur die Sorben sind slawischer Herkunft.

Nicht vergessen sollte man dabei den dritten oder vierten Faktor neben Sprache und Ethnie und Rasse, den sozialen. So wurden in Deutschland im Nationalsozialismus Juden und Zigeuner (Sinti, Roma usw.) verfolgt, verhaftet und vernichtet aus rassischen Gründen und aufgrund einer rassistischen Ideologie.

In der Schweiz hingegen wurden Juden im 20. Jahrhundert nicht bedrängt (soweit ich weiß), Zigeuner bzw. das Fahrende Volk hingegen schon. Siehe „Kinder der Landstrasse“: „Ziel von Kinder der Landstrasse war es, die Kinder dem Einfluss der als asozial beurteilten minderheitlichen Lebensverhältnisse zu entfremden und sie an die vorherrschende mehrheitsgesellschaftliche Lebensweise anzupassen.“

Das wäre also eine rein soziale Stigmatisierung und Benachteiligung (bzw. subjektiv bei den Handelnden eine Bevorteilung), bei der Ethnie, Rasse, Religion und Sprache (fast) gar keine Rolle spielten.

Umgekehrt gibt es auch in allen Regionen der Welt Wichtigtuer, die geringste Unterschiede und gemutmaßte Benachteiligungen (ethnisch, rassisch, religiös, sprachlich, sozial) auszunutzen versuchen für eigene persönliche (Karriere, Ansehen, Geld, Macht, Waffen, Krieg) und kollektive Ziele, ich nenne nur mal als misstrauischer Mensch Gegenden wie:

Nordirland, Tschetschenien, ganz Ex-Jugoslawien von 1992 bis vor Kurzem, halb Afrika, und halb USA und die halbe Welt sind empört, weil ein mexikanisch-stämmiger Erwachsener einen afro-amerikanischen Jugendlichen erschossen hat unter bislang ungeklärten Umständen!

Womit der den generation clash oder gap noch einfügen können in die anderen clashes und gaps von ethnisch über religiös und cultural und sozial bis hin zu - huch, was hatten wir übersehen? Den intelectual gap? Wie zwischen Salman Rushdie und seinen Verfolgern, die nur dümmer sind als er, nicht unbedingt gläubiger?

Richtig ist: Viele Minderheiten sind benachteiligt in vielen Ländern, manchmal sogar Mehrheiten. Manchmal sogar ungerechterweise bzw. ungleich. So dürfen Muslime in D. Moscheen errichten (wenn auch manchmal ungerechterweise bedrängt von Fanatikern wie in Berlin-Pankow), während es Christen und Juden im 21. Jahrhundert und bei angestrebter EU-Mitgliedschaft der Türkei in Istanbul erheblich schlechter geht als noch vor 300 Jahren.

Diesem Leid, dieser Ungerechtigkeit gegenüber stehen Fanatiker oder vorgebliche, die Unruhe schüren angesichts kaum wahrnehmbarer oder gar eingebildeter Ungerechtigkeit. Da könnten wir ja mal eine Liste aufstellen.

Die IRA steht bei mir ganz oben, gefolgt von den Basken-Fetischisten und -Fanatikern. Danach folgen alle regierenden Franktionen in beiden De-Fakto-Palästinenser-Staaten.

Ich bitte um weiter Zutaten zu dieser Liste. Klagen von Sorben-Funktionären hören sich weniger übertrieben an. Oder doch? Und gibt es in Südtirol schon einen neuen Andreas Hofer?

Gruß aus Berlin, Gerd