Eulersche Zahl/Wachstumsfunktion [lang]
Hallo,
1.Die Gleichung f´(t)=k*f(t)…Um sie zu lösen muss eine
Funktion gefunden werden, deren Ableitung proportional zu der
Funktion selbst ist.Die e-Funktion besitzt diese Eigenschaft.
f(t)=C*e^k*t
Hier verstehe ich nicht wie die auf das e^k*t kommen.C ist in
diesem Fall eine Konstante und dass ich die e-Funktion
verwende ist auch klar, aber woher kommt das k*t dann???
in den Beweis, dass f(t) = f0 ek t die Wachstums-DG (Differentialgleichung) f’ = k f löst, geht folgendes ein:
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a) Die Funktion exp ist(Definition) die Lösung der DG f’ = f mit der Anfangsbedingung f(0) = 1.
b) Die Funktion ln ist(Definition) die Umkehrfunktion der exp-Funktion.
c) Ableitungsregeln:
i) f’(x) = 0 ⇔ f(x) = C
ii) Lineare Funktion: [k x]’ = k
iii) Summe zweier Funktionen: [f(x) + g(x)]’ = f’(x) + g’(x)
iv) Umkehrfunktion: [finvers(x)]’ = 1 / f’(finvers(x))
v) Funktion von Funktion: [f(g(x))]’ = f’(g(x)) · g’(x) („Kettenregel“)
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Aus a), b) und civ) folgt [ln(x)]’ = 1/x
Beweis: [ln(x)]’ = 1 / exp’(ln(x)) = 1 / exp(ln(x)) = 1/x
Das plus cv) führt auf [ln(f(x))]’ = f’(x) / f(x) (*)
Aus a) folgt exp(x) = ex (**)
Den Beweis von (**) findest Du gesondert weiter unten.
Jetzt können wir rechnen:
f’(t) = k f(t)
Wir teilen beide Seiten durch f(t). Dazu müssen wir den Fall, dass f(t) die Nullfunktion ist, ausschließen. Mit f(t) = 0 haben wir jedoch bereits eine triviale Lösung der DG f = k f’ gefunden.
⇔ f’(t) / f(t) = k
⇔ f’(t) / f(t) – k = 0
(*) und (cii) und (ciii)
⇔ [ln(f(t)) – k t]’ = 0
(ci)
⇔ ln(f(t)) – k t = C
⇔ ln(f(t)) = C + k t
(b)
⇔ f(t) = exp(C + k t)
An dieser Stelle halten wir kurz inne und merken an, dass wir bis jetzt ohne die Verwendung der Beziehung (**) ausgekommen sind. Diese kommt erst jetzt zum Einsatz:
(*)
⇔ f(t) = eC + k t
⇔ f(t) = eC · ek t
eC muss irgendwie mit der Anfangsbedingung von f, d. h. dem Funktionswert f(0) = f0 zusammenhängen. Wir untersuchen dies genauer:
f0 = f(0) = eC · ek · 0 = eC · e0 = eC · exp(0) = eC · 1 = eC
eC ist also mit f0 identisch. Wie man sieht, geht in den Beweis exp(0) = 1 ein, was ja Teil der exp-Definition ist.
⇔ f(t) = f0 ek t
Fertig! Die Wachstums-DG f’ = k f wird gelöst von der Nullfunktion f(t) = 0 (triviale Lösung) und von f(t) = f0 ek t
Was bleibt, ist der Beweis von (**).
Dazu erinnern wir uns nochmal an a): Laut Definition ist exp diejenige Funktion, die exp’ = exp und exp(0) = 1 erfüllt.
Jetzt wird es clever. Wir wählen irgendeine feste Zahl a und definieren eine neue Funktion g nach folgender Vorschrift:
g(x) = exp(x + a)/exp(a) mit a = feste Zahl = Parameter von g
Um g näher kennenzulernen, stellen wir uns zwei Fragen: g(0) = ? und g’(x) = ?
Antwort: g(0) = exp(0 + a)/exp(a) = 1 und g’(x) = exp’(x + a)/exp(a) = exp(x + a)/exp(a) = g(x)
Wir haben also herausgefunden, dass g’(x) = g(x) und g(0) = 1. Das ist ein Knüller, denn es bedeutet ja, dass g ebenfalls die exp-Definition erfüllt (!), eine Tatsache, deren sensationelle Konsequenz lautet: g = exp!
Also dürfen wir schreiben exp(x) = exp(x + a)/ exp(a) woraus folgt
exp(x + y) = exp(x) + exp(y)
Wow! Da diese Beziehung für Potenzen gilt, können wir bereits an dieser Stelle ahnen, dass exp eine entsprechende Form haben wird. Das wollen wir sogleich genauer prüfen und berechnen exp(m) mit m = eine natürliche Zahl:
exp(m) = exp(1 + 1 + … + 1) = exp(1) · exp(1) · … · exp(1) = (exp(1))m = em
Dabei haben wir im letzten Schritt die Zahl e als e = exp(1) definiert. Die Eulersche Zahl e ist also der (uns an dieser Stelle zahlenmäßig noch unbekannte) Funktionswert der exp-Funktion an der Stelle 0.
Analog kann man exp(m/n) = em/n zeigen und das läßt sich sinnvoll verallgemeinern zu
exp(x) = ex
Damit ist der Beweis von (**) erbracht.
Zu guter Letzt wäre noch der Zahlenwert von e von Interesse.
Die Ableitung einer Funktion f an der Stelle x = 0 ist(Definition) gegeben durch
f’(0) = lim Δx → 0 (f(Δx – f(0))) / Δx
Wir schreiben das vereinfacht als f’(0) = (f(Δx – f(0))) / Δx, formen es zu f(Δx) = f(0) + Δx f’(0) um, und berechnen damit eΔx:
eΔx = e0 + Δx e0 = 1 + Δx.
Das bedeutet, dass die Funktion f(x) = ex mit der Steigung 1 durch den Punkt (0, 1) läuft, was aber auch unmittelbar aus der exp-Definition hervorgeht.
Gegeben sei nun irgendein x-Wert. Zerlegen wir ihn in eine sehr große Zahl N sehr kleiner Abschnitte Δx = x/N, so folgt
ex = eN Δx = (eΔx)N = (1 + Δx)N = (1 + x/N)N
Ergebnis: Offensichtlich besitzt ex die Darstellung
ex = lim N → ∞ (1 + x/N)N
Mithin gilt
e = lim N → ∞ (1 + 1/N)N
Den Ausdruck auf der rechten Seite kann man nun für N = 1, 2, 3… ausrechnen. Es zeigt sich, dass die Reihe konvergiert, und zwar gegen den Grenzwert e ≈ 2.71828… (e ist irrational).
Es gibt noch eine andere interessante Methode, die ebenfalls zum Zahlenwert von e führt. Dazu betrachtet man die DG f’ = f und versucht, sie mit Polynomen zu lösen.
Setzt man probeweise 1 + c1 x + c2 x2 in die DG ein, bekommt man
c1 + 2 c2 x = 1 + c1 x + c2 x2
Das geht blöderweise niemals, weil rechts ein x2-Glied steht, links aber nicht. Damit auch links ein x2 erscheint, müssten wir f bis x3 aufstocken. Dann aber würde uns dieses x3 wiederum links fehlen usw. Wir lassen uns davon nicht unterkriegen und setzen einfach die unendliche Summe
f(x) = Σn = 0…∞ cn xn
in die DG f’ = f ein. Dann ergibt sich c0 = 0 und die Rekursionsformel cn = cn – 1/n mit n = 1, 2, 3… Aus dieser kann man die gesuchten Koeffizienten cn gewinnen:
c1 = 1
c2 = 1/(1 · 2)
c3 = 1/(1 · 2 · 3)
c4 = 1/(1 · 2 · 3 · 4)
…
cn = 1/(1 · 2 · … · n) = 1/n!
Damit haben wir es geschafft:
ex = Σn = 0…∞ 1/n! xn
Dies ist die Potenzreihe der e-Funktion, die für alle x konvergiert.
Der Zahlenwert von e folgt zu
e = Σn = 0…∞ 1/n!
und auch dabei kommt (natürlich) 2.71821… als Grenzwert heraus.
Uff, das wars.
Mit freundlichem Gruß
Martin