es musste ja so kommen. kaum hatte ich den internet-reservierten plüschsitzplatz im flutschig designten 3er ICE eingenommen, meine 3 zeitschriften und 2 sandwiches in einem ergonomisch perfekten halbkreis unter einbeziehung des nachbarlichen klapptisches um mich herum gruppiert, bereit, den 2-stündigen ritt durch raum und zeit anzutreten, platzte in das idyll die stimme einer frau.
langsam glitt mein irritierter blick über ihre straff sitzenden, abgeschliffenen schwarzen lederhosen, ihren löchrigen schwarzen segelpulli, den eine schlabbernde, ebenfalls schwarze jacke umrahmte, hin zu ihrem unsicher auf mich herabgrinsenden gesicht: „is hier noch frei?“. was soll man als anständig erzogener, erwachsener mensch darauf antworten? „nein, mein sandwich reist immer mit mir“ oder: „haben sie keinen mann?“, oder auch ganz kulant:" ich dachte, hunde müssten draußen bleiben".
aber ich nickte, verkrampft lächelnd und übte mich in devoter umgestaltung meines nur noch halbierten lebensraumes. die dame begann, kaum hatte sie platz genommen, den inhalt ihrer handtasche unbarmherzig auf ihre umgebung zu verteilen. der anblick eines leicht verschmutzten, halbleeren deorollers in mintgrün war dabei noch der angenehmste.
ich ließ den blick sehnsuchtsvoll aus dem fenster gleiten und nahm das klappern, rascheln und nervöse atmen meiner nachbarin scheinbar gelassen hin. was suchte sie wohl? ihre steuererklärung 2003? den wohnungsschlüssel ihrer wohnung in hamburg? (es waren schließlich nur noch 287 km!) den „atomknopf“?
und warum zog sie ihre jacke nicht aus? saß da am ende ein weiblicher schläfer neben mir, die breiten hüften voller sprengstoff? nun denn, es wäre ein schneller tod und endlich ruhe.
nachdem sie endlich auf den grund ihrer kleinen aber offensichtlich voluminösen tasche gestoßen war, hielt sie leise lächelnd ein paar kopfhörer in den händen, die sie munter in den spalt zwischen unseren sitzen einstöpselte. aber nur 2 sec später riss sie unvermittelt das lose liegende kabel heraus, klaubte ihre sachen hektisch zusammen und stürmte, eine unverständliche erklärung murmelnd, zu einem gerade frei gewordenen tischchen um dort das eben beschriebene schauspiel erneut aufzuführen.
frauen!
wieder allein, beschloss ich, mir die anderen mitbewohner unseres 2-stunden-mikrokosmos anzusehen, welche jedoch überwiegend durch blau leuchtende laptop-bildschirme angestrahlt wurden, auf denen ich hochauflösende powerpoint-präsentationen, hochwissenschaftliche texte und vielleicht den einen oder anderen hochgradig romantischen liebesbrief hätte erkennen können, wäre ich nicht gut erzogen und vor allem kurzsichtig … nun denn.
die interessanteste entdeckung machte ich im hinteren teil des zuges, wo offensichtlich schallgedämmte einhausungen für unsere lieben kleinen eingerichtet worden waren. fehlten nur die bunten plastikbälle, in denen man den kleinen schreihals so wunderbar verlieren könnte… in einer dieser glaskäfige tobte gerade ein besonders putziges exemplar seiner gattung und mit bebender freude nahm ich wahr, dass kaum ein mucks oder mäuschen nach draußen drang. gibt es so was auch für telefonierende kollegen, frauen in s-bahnen und handwerker beim mittagessen?
der zug schoss durch die dunkelheit, ich vertiefte mich in die aufklärung amerikanischer geheimdienstinformationen und schon bald sammelten sich die ersten bejackten kofferträger im gang neben mir. draußen waren die weiten ebenen der lüneburger heide fast vollständig in dunkelheit gehüllt, einsame dörfer blitzten mit ihren klammen lichtern wie kleine sternschnuppen vorbei.
man erwartete offenbar das unmittelbare halten des zuges im hamburger hauptbahnhof. laut fahrplan hatte ich noch 10 minuten zeit, die aufregenden erlebnisse dieser reise in meine tastatur zu klimpern. wären da nicht die harten kanten, der in kurven selbsttätig im gang herum rutschenden reisekoffer, die aus der gepäckablage über meinen kopf gezerrten winterjacken, die gleichgewicht suchenden passagiere dieses rasenden bandwurms, die – ein verlegenes schuldigung murmelnd –immer wieder in meine sitznische fielen.
mitleidig lächelnd beobachtete ich das taumeln und rascheln und drücken und ächzen. des menschen wille ist sein himmelreich. ach könnte ich doch öfter mit der bahn fahren …
Quelle: geklaut
