Hi nochmal,
wie
kann man sich gleichzeitig hingeben und dem anderen öffnen und
seelisch und moralisch abgegrenzt bleiben?Geht das?
Ich denke, bei der vollständigen Hingabe ist man wohl tatsächlich eher wenig abgegrenzt. Aber gibt man sich den ganzen Tag lang dem anderen hin?
Ich denke, was v.a. wichtig ist, ist dass jeder ein für sich und den Partner richtiges Maß an Spielraum findet. Meine Schwester ist bspw. ein extrem abhängiger Mensch: sie hat keine eigene Meinung, sie braucht jemanden, der ihr sagt, was sie zu tun hat. Sie ist verheiratet, hat ein Kind und ist damit superglücklich, obwohl ihr Mann ihr sogar den Umgang mit ihren langjährigen Freundinnen veerbietet.
Für die beiden ist das okay, nur noch zu zweit zu sein, nie allein, aber auch nie mit Freunden. Deshalb maße ich es mir nicht an, zu urteilen, dass Abhängigkeit per se schlecht ist. (ich möchte nur nicht deren Kind sein, aber egal…)
Für mich selbst käme das allerdings gar nicht in Frage. Ich habe jahrelang alleine gelebt, ich mag meinen Tagesablauf, meinen Job, habe einen großen Freundeskreis, den ich auch jetzt in der Beziehung nicht vernachlässigen möchte, weil es Jahre gedauert hat, einen wirklich verlässlichen und „sicheren“ Freundeskreis und erfüllende Beschäftigungen zu finden. Mich erdrückt es da schon, wenn mein Freund mich jeden Tag sehen will, ich bin so an das Alleinsein gewöhnt und ziehe daraus auch die Kraft, die ich brauche, denn ich bin halt eher jemand, der sich nicht allzusehr auf andere verlassen will.
Es ist schon das Wichtigste, einen Partner zu haben, der das gleiche Bedürfnis nach Freiraum/ Enge hat wie man selbst, und dann ist es auch okay so. Zu symbiotische Beziehungen bergen halt die Gefahr, dass der eine ohne den anderen nichts mehr ist, und wenn der andere dann doch mal weg ist - was dann?
Dann haben die beiden vielleicht aber wenigstens 30 supererfüllte Jahre gehabt, während die Unabhängigeren sich die Hälfte der Zeit eher einsam gefühlt haben? Es gibt auch hier kein „richtig“ und kein „falsch“, es gibt nur das für einen selbst passende Maß.
UNd wenn man Angst vor dem Alleinsein hat, dann sollte man es wohl wirklich eine Zeit lang praktizieren. Das „richtige Maß“ heißt wohl auch: das Maß, bei dem man sich am wenigsten Sorgen und Gedanken macht.
Was ist mit Menschen, die stolz auf ihre Beziehung sind und
sich ein Stück weit über den anderen definieren?
Ich finde, das gehört dazu, aber es ist eben wieder die Frage, wie weit du „ein Stück weit“ definierst. Wenn dein Partner so toll ist, dass du dich gerne über ihn definierst - schön! Aber wenn du Angst hast, ohne seine Liebe nichts wert zu sein, dann solltest du an dir arbeiten.
Wie auch immer, es geht hauptsächlich doch darum, Ängste loszuwerden, oder?
Grüße
Judith