Hallo ihr Lieben,
vor 13 Jahren fing es an, hatte eine Wochenbettdepri, die keiner richtig ernst nahm. 3 Jahre später Panikattacken, Angst…pure Angst…ohne zu wissen, wovor. Gesprächstherapie ohne große Erfolge. Als „geheilt“ entlassen. Das Leben lief ein paar Jahre richtig gut für mich. Ich war jemand, bekam Kind und Job unter einen Hut, hatte Erfolg, war stolz auf mich UND hatte keine Zeit, über MICH nachzudenken. Ich lernte meinen 2. Mann kennen, glücklich, wie es mehr kaum geht. Das Kind entwicklet sich prächtig…alles könnte nicht besser sein. Hört sich traumhaft an, nicht wahr? Und trotzdem ist alles scheiße und ich frage mich immer öfter, was ich hier eigentlich noch will! Aber der Reihe nach: Im Sommer bekam ich ein Antibiotikum wegen einer Entzündung und es fing wieder an…dieser leichte Drehschwindel, die Angst zu ersticken, das Hyperventilieren, die Angst vor Herzversagen, vor Zahnschmerzen, vor was-weiß-ich-was-allem, Angst, daß ein Angehöriger stirbt, daß meinem Kind/meinem Mann etwas zustoßen könnte. Abends weinend einschlafen und morgens weinend aufwachen?! Das soll Leben sein?? Die Buchstaben verschwimmen gerade jetzt vor meinen Augen, ich konzentriere mich, jetzt lasse ich alles raus. War wegen der Symptome vor ein paar Monaten beim Hausarzt, dem ich vertraue und der auch eine psychologische Ausbildung hat. Er diagnostizierte eine generalisierte Angststörung und verschieb mit eine Verhaltenstherapie. Medikamente lehnte ich zunächst ab, ich halte nicht so viel von Chemie. Ein paar Tage später ließ ich mir allerdings ein Benzodiazepan verschrieben, das mir kurzfristig bei Bedarf helfen soll. 2x habe ich es bisher genommen - stehe dann komplett neben mir.
Der Psychotherapeut tippte bei mir eher auf eine depressive Phase, weniger auf eine generalisierte Angststörung. Zu dieser Zeit ging es mir viel besser und der Therapeut und ich einigten uns darauf, daß ich ihn bei Bedarf anrufe, wir einen kurfristigen Termin machen, damit er mir helfen kann. Soeben habe ich ihm auf Band gesprochen.
Ich weiß nicht was los ist. Vor meinem Fenster könnte die wunderbarste Landschaft sein, ich könnte mich nicht erfreuen, mein Kind könnte einen 1 schreiben, es wäre mir egal…ich grüble und grüble und grüble. Mein Blick ist so nach innen gerichtet und ich weiß nicht, wie ich wieder den gesunden Abstand zu mir und der Umwelt herstellen kann. Weiß kaum, wie ich das beschreiben soll, bin zu sehr IN mir aber weiter von meiner Mitte entfernt denn je…
Heute sind wir zu einem Geburtstag eingeladen, da muß ich hin, muß die Fassade aufsetzen, so tun, als sei alles normal. Das fällt so schwer und eigentlich bin ich kaum in der Lage dazu. Hinterher werde ich wieder richtig erschöpft sein. Morgen sind wir auf ein wichtiges Event eingeladen, das mir egaler nicht sein könnte. Wie soll ich das schaffen?? Mit etwas Alkohol könnte ich prima schauspielern aber das kann keine Lösung sein.
Ich fühle mich in einer falschen Welt, komme mir vor wie im Film und keiner holt mich raus. Die Benzo beginnt gerade zu wirken und ich spüre, wie sich der gefühlte Abstand zu mir wieder beginnt normaler zu werden und ich mich in genau solchen Situationen beginne zu fragen, ob ich nicht absolut einen an der Klatsche habe?! Ob „das“ auch noch schlimmer werden kann? Oder: Komme ich in die Wechseljahre? Da hört man ja auch immer wieder was von Depressionen. (Lt. Ärztin bin ich davon aber weit entfernt) Ich kann mich gedanklich sowas von runterziehen, daß ich zu keiner physischen Bewegung mehr im Stande bin, weil ich Angst habe, „sonst passiert was ganz schlimmes!“ Obwohl ich nicht wüßte, was es noch schlimmeres geben kann…
Ich bin am ende…und das mit mitte 40. Was ist schon normal? Ich weiß es nicht.
In 2 Wochen fahren wir in Urlaub - ich darf gar nicht dran denken…wir möchten den Jakobswerg pilgern, eher als spirituelle denn als religiöse Erfahrung. Dachte die ganze zeit, daß mir das guttun könnte, plante euphorisch die Etappen, suchte schnucklige Cafes für den Espresso…mittlerweile frage ich mich, wie ich auf so eine Schnappsidee kommen konnte?!
Mein Mann steht in allen Entscheidungen hinter mir aber ich wünsche ihm mehr Kontinuität und Verlässlichkeit meinerseits - nur bin ich momentan ausserstande, ihn dies zu geben.
Kennt ihr das vielleicht? Was kann ich tun? Ich schäme mich auch so dafür! Meinen Eltern möchte ich nicht erzählen, was los ist. Aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, daß es meinem Vater von Zeit zu zeit auch so schlecht geht und er zu nichts in der Lage ist. Das Thema wird totgeschwiegen. Despression ist vererbbar und ich will nicht, daß er sich für meine Depris verantwortlich fühlt. Das würde ihn sehr aus der Spur bringen…aber ewig kann ich kein Theater mehr spielen…sie wohnen in der Nachbarschaft.
Gibt es keine Tricks, Gedankengänge oder auch Rituale, die ich als Notanker benutzen kann?
In der S-Bahn zu sitzen und zu spüren, wie die Angst den Rücken hochkrabbelt, die Hände feucht und kalt werden, die Augen sich angstvoll weiten und bewegen und die Bewegungslosigkeit des Körpers von Sekunde zu Sekunde zunimmt, fühle ich mich jedesmal als komplett irre und denke, ich habe hier nichts zu suchen.
Ich möchte doch einfach das Leben als lebenswert erfahren und nicht als Last. Ich möchte wieder Freude empfinden können. Mehr will ich nicht.
Vielen Dank fürs Lesen.
Das Schreiben hat mir gutgetan.
